Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

Der Prolog:

Die Uhr zeigt 3:30 Uhr als der auf extra laut gestellte Wecker Alarm schlägt. Der schlaftrunkene Blick auf das Handy offenbart die ersten Aktivitäten in der Radsport-WhatsApp-Gruppe: „Mojen Mädels, ab in die Beauty-Woche!“ wurde um 3:25 Uhr gesendet. Vorfreude. Die Müdigkeit wird mit kalter Dusche versucht aus den Knochen zu spülen und wenig später wird sich mit dem Fahrrad   auf den Weg zum Berliner Hauptbahnhof gemacht. Und  aufgrund von Schienenersatzverkehr und Störungen im S-Bahnnetz wird das eine ziemliche Herausforderung. Und so zeigt der Fahrrad-Tacho 1,5 Stunden später schon deutlich mehr gefahrene Kilometer an als geplant waren, als  um 6.05 Uhr acht  noch etwas verschlafene Männer im besten Alter vor dem Berliner Hauptbahnhof zusammentreffen. Jeder  von diesen acht Männern führt  ein muskelbetriebenes Zweirad mit randvoll gepackten Satteltaschen mit sich.

Der Plan lautet: Mit den Rädern heute per Bahn  nach Hamburg und dann in sechs Tagesetappen  mit dem Fahrrad wieder zurück in die Hauptstadt. Berlin wird also in einer Woche wieder unsere Ankunftsstation sein, aber nicht das Ziel. Denn in unserem Falle gilt tatsächlich die alte Floskel:

Der Weg ist das Ziel.

Ab Hamburg wollen wir jeden Tag mit reiner Muskelkraft und ohne E-Doping Dinge erleben, Menschen begegnen, Landschaften durchfahren und uns jedes Mal überraschen lassen, welche Geschichten der Weg für uns bereit hält. 

Das unschlagbare Angebot der Bahn, uns für 16 € für Mensch und Fahrrad nach Hamburg zu bringen, hat die frühe Startzeit am Berliner Hauptbahnhof als notwendiges Übel mit sich gebracht, da leider Zugbindung. Es ist schon einiges los am Hauptbahnhof um kurz nach sechs. Menschen wuseln durcheinander, nur die Läden haben noch nicht offen. Nicht mal ein Kaffee ist irgendwo zu ergattern. Wir entschließen uns, erstmal unser Gleis zu suchen und dort die Räder abzustellen. Dann passen immer im Wechsel ein paar Leute auf die Räder und Taschen auf, während sich die anderen auf die Jagd nach Kaffee, Frühstück und Reiseproviant machen.

Den zeitlichen Puffer, den wir uns für die Anreise zum Hauptbahnhof eingeräumt haben, benötigten wir nicht und somit heißt es jetzt warten. Glücklicherweise hatte einer von uns die Idee, ein paar Sechserträger kühles Bier bei dem gerade auf machenden  Rewe im Hauptbahnhof zu besorgen. Und so heißt es gegen 6:30 Uhr das erste Mal in unserer Beauty-Woche „Zum Wohle!“. Der Bahnsteig füllt sich zunehmend, die meisten halten sich an die herrschende Maskenpflicht und bei uns steigt die Nervosität. Es ist immer etwas aufregend und vor allem hektisch, acht Räder und 16 Satteltaschen in der Kürze des Zug-Halts im Fahrradabteil zu verstauen. Wir haben daher sorgfältige Vorkehrungen getroffen. Die Räder von den Satteltaschen befreit auf dem Wagenstandanzeiger minutiös die Position des Fahrradabteils ermittelt und den Plan entwickelt, das zwei Leute mit ihren Rädern zuerst einsteigen und die von den anderen angereichten Räder und Taschen dann oben an der Zugtür in Empfang nehmen.

Pünktlich um 7:05 Uhr rollt der IC 2070 von Prag nach Hamburg-Altona an Gleis 8 ein. Uns fährt der Schreck in die Glieder, denn ein Fahrradabteil ist weit und breit nicht zu sehen. Wir schnappen uns die Räder und Taschen und wollen uns gerade hektisch durch die Menschenmassen auf die Suche nach dem Radabteil machen als uns der Zugbegleiter in breitem Sächsisch zurück pfeift: „Hey, die mit den Rädern hier geblieben!“ Er erklärt, dass es kein Fahrradabteil gibt und wir die Räder nun in ganz normale Sitzabteile quetschen müssen. Wir sollen ihm die Räder hoch reichen und der Schaffner verstaut die Räder dann wenig zärtlich und mit Nachdruck in drei ganz normalen Sitzabteilen. Dies hat zur Folge, dass nicht nur unsere eigenen reservierten Sitzplätze mit Fahrrädern vollgestellt sind sondern offenbar auch reservierte Sitzplätze von anderen Reisenden. Es kommt zu Tumulten und Wortgefechten. Die Reisenden bezichtigen uns einer absoluten Unverschämtheit, dass wir die Räder auf ihre Sitzplätze stellen. Wir versuchen uns zu rechtfertigem, dass wir hier ja nur die Anweisungen des Zugbegleiters befolgen. Zur Beschwichtigung kann das allerdings nicht beitragen. Eine junge Frau brüllt durch den Zug: „Ihr habt hier doch alle komplett den Arsch offen!“ Als wir darauf mit Lachen antworten wird ihr Zorn noch größer und sie stürmt zum Zugbegleiter. In diesem Moment setzt sich der Zug in Bewegung. Wir versuchen uns hektisch einen Überblick zu verschaffen, ob auch wirklich alle Taschen und Räder mit in den Zug gekommen sind. Nach einigen Minuten können wir diesbezüglich Entwarnung geben, alles da. Nur stehen wir halt jetzt blöd auf dem Gang rum, da ja die Räder im Abteil stehen. Dazu immer noch hektische hin und her lauf Bewegungen anderer Reisender, die sich an uns vorbei drängeln. An pandemie-gebotene Abstandsregeln ist nicht zu denken. Der Schaffner versucht die aufgebrachte Meute derer zu beruhigen, die ihre Sitzplätze nun von unseren Rädern verstellt sehen. Es dauert weit bis hinter Spandau, bis sich die Wogen geglättet haben und alle Reisende alternative Sitzplätze eingenommen haben, die zu ihrer  Zufriedenheit sind. Nichts bringt den gemeinen Deutschen offenbar mehr in Rage, als wenn der reservierte Sitzplatz nicht dort ist, wo er gebucht wurde. Das 2. Bier haben wir uns nach der ganzen Aufregung nun aber redlich verdient. Nachdem Versuch, die Lage etwas einzuordnen steht fest, dass wir uns in einem Zug der tschechischen Eisenbahn befinden, der also kein Fahrrad-Abteil hat, obwohl wir diesen Zug bereits im Januar ausdrücklich mit Fahrrädern gebucht hatten. Zudem stinkt die Zugtoilette direkt neben unseren Abteilen latent  nach Scheiße. Wir stehen etwas ratlos auf dem Gang und trinken Bier.  Nach dem 3. Bier versuchen sich einige von uns, auf die Sitze neben den Rädern ins Abteil zu quetschen. Das funktioniert mehr schlecht als recht.

Wir erreichen Wittenberge. Hier wollen wir in drei Tagen wieder mit den Rädern sein. Das fühlt sich an diesem Morgen allerdings  noch ziemlich surreal an. Unsere Bierreserven gehen bedrohlich zur Neige. Dies beschwört neue Turbulenzen herauf. Ein sehr  junger Service-Mitarbeiter der Tschechischen Bahn schiebt einen Wagen mit Kaffee, Getränken und kleinen Snacks durch den Zug. Wir versuchen für jeden von unserer Radsportgruppe ein Bier zu erwerben. Der Service-Mitarbeiter verweigert uns diesen Wunsch und behauptet in gebrochenem Deutsch aber trotzdem sehr nachdrücklich, dass er kein Bier verkaufe. Wir zeigen auf die aufgereihten Budweiser-Flaschen auf seinem Wagen. Darauf antwortet er resolut: „Bier nur Speisewagen!“ Dies erzeugt eine Mischung aus Erheiterung und Ratlosigkeit bei uns. Nach einigen Minuten der Unschlüssigkeit ringen wir uns dann doch dazu durch, den Weg Richtung Speisewagen anzutreten. Wir schwanken durch den rasenden Zug. Nach einigen Wagons begegnen wir wieder dem Service-Mitarbeiter mit seinem Wagen. Als er uns erblick, brüllt er fast schon: „Ihr wollt Bier? Okay, 3,40 €!“ Da wir inzwischen aber den Gedanken ganz okay finden, uns im Speisewagen auf ein paar Bier nieder zu lassen, antworten wir durch unseren Mund-Nase-Schutz: „Nein, wir trinken ein Bier im Speisewagen.“ Dies führt erstaunlicherweise dazu, dass der junge tschechische Service-Mitarbeiter endgültig die Nerven verliert, irgendwas auf Tschechisch vor sich hin flucht, sich seinen Wagen schnappt und diesen klirrend und scheppernd in hohem Tempo durch den Zug zieht. Es liegt hier offenbar ein kommunikatives Missverständnis  vor, welches wir uns aber nicht erklären können. Entweder haben wir irgendeine tschechische  Höflichkeitsgepflogenheit missachtet oder der junge Tscheche kann irgendwas an uns nicht leiden. Wir folgen ihm jedenfalls im gleichen hohen Tempo, welches er vorgibt immer Richtung Speisewagen. Er flucht weiterhin auf Tschechisch vor sich hin, die Bierflaschen auf seinem Wagen klirren, der Zug schwankt und wir immer hinterher. Filmreife Szenen. Fahrgäste, die nach einem Kaffee fragen, werden ignoriert, der  junge Mann hat offenbar den Kanal voll. Nach endlosen Wagons erreichen wir fast zeitglich mit dem fluchenden Service-Mitarbeiter den Speisewagen und können beobachten, wie er seinen Wagen mit Getränken und Snacks in die Bordküche donnert. Es folgt eine lautstarke Wutrede an die  anderen Mitarbeitern im Speisewagen. Wir verstehen zwar kein Wort, aber dem Tonfall entnehmen wir in etwa: „Diese scheiß Deutschen mit ihrem scheiß  Bier gehen mit sowas von auf die Kette!“ Wir lassen uns nicht beirren und bestellen eine Runde Bier bei einem seiner Kollegen, der nach einigen Minuten vorsichtig über die Theke lugt. Wir rätseln, was wir falsch gemacht haben und warum er so die Fassung verlor. Da er sich offenbar immer noch nicht beruhigt hat und weiterhin lautstarkes Fluchen aus der Bordküche zu vernehmen ist, entschließen wir uns, hier nicht weiter mit unserer Anwesenheit zu provozieren. Schade eigentlich, das hätte ein bierseliger Ritt nach Hamburg werden können, bei dem die Tschechische Bahn hier im Speisewagen einige Kronen an unserem Durst verdient hätte. Aber manchmal kann man es nicht erzwingen. Wir treten also den langen Weg zurück zu unseren Rädern an. Kurz aufkommende Überlegungen, ob die Aufenthaltszeit des Zuges in Ludwigslust oder  Büchen ausreicht, damit einer von uns schnell aussteigt, Bier für alle besorgt und zurück in den Zug eilt, werden schließlich als zu riskant über den Haufen geworfen. Und so stehen wir einige Zeit später etwas verstimmt  wieder auf dem Gang neben unseren Rädern und atmen Zugtoilettenluft durch unseren Mund-Naseschutz. Das geht  ja gut los mit unserer Tour.

Um weitere Hektik zu vermeiden, entscheiden wir uns bis zur Endstation in Altona im Zug zu bleiben, um  nicht überhastet  am Hauptbahnhof die Räder und Taschen aus dem Zug reißen zu müssen. Unsere Unterkunft ist  ohnehin in Altona. Die Zimmer können wir zwar erst ab 15 Uhr beziehen, aber vielleicht können wir unsere Fahrradtaschen irgendwo im Hotel zwischenlagern. Langsam rollt  der IC im Hamburger Hauptbahnhof ein und bei dem Trubel, der dort auf dem Gleis herrscht, sind wir sehr zufrieden mit unserer Entscheidung bis Altona zu fahren. Hektisch aussteigende Reisende quetschen sich an uns vorbei, leider können wir aufgrund der zugestellten Abteile nicht wirklich ausweichen. Wenn dass das Robert Koch Institut sehen würde.  Nachdem sich auch dieser Trubel gelegt hat, gleitet der Zug langsam weiter Richtung Altona. Der Ausblick, als wir zwischen Binnen- und Außenalster die Brücke passieren lässt Freude aufkommen. Endlich wieder Hamburg, wie schön! Willkommen in der Erstligafreien- und Hansestadt Hamburg! Wir rollen ohne Halt durch den Bahnhof Dammtor, passieren die Sternschanze und Holstenstraße und reiten kurz darauf in Hamburgs schönstem Stadtteil ein. Hallo Altona, gut wieder hier zu sein!

In aller Ruhe Entladen wir auf Gleis 5 die Räder und Fahrradtaschen und gönnen uns eine Pause am Raucherpunkt um einen Plan zu machen.

„Thank you for travelling with Tschechische Bahn!“

Wir entschließen uns, unser Hotel in der Schmarjestraße aufzusuchen, welches nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt liegt. Wir schieben unsere Fahrräder durch die vom Autozug rollenden PKWs vom Bahnhofsgelände, schwingen uns auf die Räder und rollen die Max-Brauer-Allee hinunter. Wir lassen den Stuhlmannbrunnen rechts liegen und biegen kurz darauf links in unsere Zielstraße ein. Hotel Stephan, nicht unser Haus aber für heute unser Heim. Man  erwartet uns mit der frohen Kunde, dass unsere Zimmer bereits jetzt um kurz vor 10 bezugsfertig sind und wir unser Gepäck auf die Zimmer bringen können und uns kurz frisch machen können. Die ersten Herausforderungen waren also bewältigt, ab jetzt hat  die Zeit der guten Neuigkeiten begonnen.

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