Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

1. Etappe: Easy-Going im deutschen Big Easy

Um 10:30 Uhr schwingen wir uns in der Schmarjestraße auf die Räder, biegen in die Max-Brauer-Allee, checken kurz das Angebot im Fahrradladen „Cyclefactory“, radeln am Altonaer Rathaus vorbei Richtung Süden  und gönnen uns unten  am Altonaer Balkon einen ausgiebigen Blick über den Hamburger Hafen. Wir sehen die HVV-Fähren, die von den Hamburgern „Bügeleisen“ genannt werden, fleißig auf der Elbe umher kreuzen. Ordentlich Verkehr drüben auf der Köhlbrandbrücke und irgendeines von diesen Aida-Kreuzfahrschiffen liegt festgemacht am Cruise-Terminal  Altona. Schlechte Zeiten für Kreuzfahrt-Freunde  in der Pandemie, wohl dem, der eine Radtour für diesen Sommer geplant hat!

Wir radeln nun etwas ziellos an der Elbe entlang in östlicher Richtung. Was wir suchen ist ein lauschiges Plätzchen am Wasser, wo man frühstücken kann und wo reichlich Kaltgetränke vorrätig sind. Für Hamburger Verhältnisse geht es zunächst auf dem Radweg und kurz darauf auf der Palmaille ganz schön bergab. Wir lassen die Räder laufen, treffen auf die Breite Straße, nehmen in der Kurve am Fischmarkt den Schwung mit und erreichen die Hafenstraße. Immer Traurig, wenn man hier vorbei kommt und sieht, dass der Golden Pudel Club nicht mehr steht, da er vor ein paar Jahren abgebrannt ist. Gleichzeitig schön, dass wieder was aufgebaut wurde und hier zu Nicht-Corona-Zeiten offenbar wieder Club-Kultur betrieben wird. Kurz darauf haben wir das gefunden, was wir suchen: „Strand Pauli“ hat seine Pforten geöffnet und heißt uns willkommen. Die Pandemie macht es notwendig, dass wir uns über einen Barcode auf dem Smartphone für diesen Besuch registrieren, wir werden eindringlich darum gebeten, abseits unseres Tisches auf allen Wegen, Gängen, Toiletten usw. auf jeden Fall eine Maske zu tragen. Wir willigen ein und kurze Zeit später ist ein geräumiger Tisch gefunden, an dessen Seiten handgezimmerte Sofas stehen, die acht Männern ausreichend Platz bieten. Die Elbe gefühlte 4 Meter entfernt, feiner Sand zwischen den Füßen, Wetter nicht zu kalt und nicht zu warm, freier Blick auf die Docks von Blohm+Voss. Es könnte in diesem Moment kaum besser sein.

Das einzige, was uns nun noch zum absoluten Glück fehlt, ist ein reichhaltiges Frühstück und ein kühles Getränk. Und auch hierfür  verspricht uns die freundliche Kellnerin in einer interessanten Schlangenleder-Optik-Hose Abhilfe. Die Speisekarte können wir uns aus Hygiene-Gründen per App auf dem eigenen Mobiltelefon durchlesen. „Einmal das Frühstück ‚Alles Käse‘ bitte!“ Nachfrage der Kellnerin: „Und dazu einen schönen Kaffee?“ Antwort: „Nö, lieber einen schönen Mojito“. Erleichtert nehmen wir zur Kenntnis, dass die  Kellnerin es offenbar völlig  in Ordnung findet, zumindest aber nicht ungewöhnlich, dass man sich hier um kurz vor elf einen schönen Cocktail zum Frühstück dazu bestellt. Wie schon gesagt: Es ist die Zeit der guten Nachrichten angebrochen.

Das „Alles-Käse-Frühstück“ ist reichhaltig, der Mojito phantastisch. Wir lassen  uns in unseren zusammengezimmerten Lounge-Möbeln in die Lehnen sinken und genießen. Die leeren Frühstücksteller werden irgendwann von der Kellnerin mit ihrer Schlangenhose abgeräumt, wir ordern  kühle Getränke nach und lassen den Blick über das bunte Treiben da unten auf dem Wasser schweifen. Sportboote tuckern elbauf- und elbabwärts, HVV-Fähren ziehen ihre Bahnen und Barkassen für die Große Hafenrundfahrt (mit Speicherstadt) schaukeln an uns vorbei. Nach dem frühen Aufstehen und der etwas turbulenten Anreise per Bahn stellt sich erstmals Tiefenentspannung ein. Wir sitzen einfach da, wechseln kaum ein Wort, bestellen ab und zu Getränke nach. Die Kellnerin stellt uns immer wieder neue Mojitos, Caipirinhas, frische Biere, Summer Breeze und StrandPauli MaiTais hin. Um uns herum kommen und gehen Leute. Sympathische Menschen, schöne Menschen, völlig überstylte Leute und glückliche Familien, deren Kinder zufrieden im Sand buddeln. Aus der Box wummern unaufdringlich entspannte Klänge. Die SoundHound-App ermittelt, dass gerade die Cafe del Mar Vol. 12  läuft. Wir genießen einfach die Momente  und fühlen uns wohl. So vergehen Stunden, ohne dass wir es bemerken.

Zwischenzeitlich wird es laut auf der Elbe, da sich ein Bootskorso gebildet hat, der ein ziemlich aufdringliches Hupkonzert auf dem Wasser veranstaltet.  So einen Sound hat Hamburg sonst nur zu bieten, wenn entweder die Türkei oder Portugal gerade ein wichtiges Länderspiel bei einem Turnier gewonnen hat. Wir fragen uns erstaunt, was es mit diesem Auflauf von mehreren hundert hupenden  Sportbooten auf sich hat, können aber zunächst die gelben Schilder auf den Booten aufgrund der Entfernung nicht lesen. Erst als ein großes Boot mit einer leistungsstarken Soundanlage vorbei tuckert, können wir den Schriftzug „Dove-Elbe retten!“ entziffern. Über die Soundanlage dröhnt Jimmi Hendrix mit „Hey Joe“ über das Wasser. Unterbrochen von eindringlichen Ansagen des Bootsführers, in denen er den Grund für den Lärm und den Auflauf auf dem Wasser erklärt. Es geht den krach-machenden Booten also darum, die Öffnung der Dove Elbe zur Tideelbe zu verhindern. Wir wünschen alles Gute für das Vorhaben! Dieses Spektakel geht etwa 45 Minuten, danach ziehen die Boote elbaufwärts Richtung Dove-Elbe ab und es kehrt Ruhe auf dem Fluss ein. Wir verfallen erneut in den Modus der Entspannung, des Getränke-Nachorderns, des Da-Sitzens, des Nicht-Viel-Sprechens und des Moment-Genießens. Hamburg ist einfach geil. Und jeder, der was anderes behauptet hat einen an der Murmel. So viel steht fest. Hamburg ist das deutsche Big Easy.

Gegen halb fünf melden die ersten Mitglieder der Radsportgruppe leichte Hungergefühle an. Die Frage kommt auf, ob man sich nun in Strand Pauli Essen bestellt oder ob man noch mal woanders hin zieht. Und so schön das zwar gerade alles in Strand Pauli ist, so schwer vermittelbar wäre es, wenn man auf die Frage „Was habt ihr denn so in Hamburg gemacht“ geantwortet hätte „Ach wir haben da nur in so einer Strand-Bar abgehangen“. Und so entschließen wir uns nach sorgfältiger Abwägung, dass wir zum Abendessen doch noch mal einen Ortswechsel vornehmen. Und wenn unser Hotel schon in Altona ist, dann wird sich doch in Ottensen irgendwas Schönes zum Abendessen auftreiben lassen.  Wir verlassen also schweren Herzens nach dem Begleichen einer stattlichen Rechnung dieses ganz wunderbare „Strand Pauli“ und radeln nun bergauf in Richtung Altona.

Nach kurzem Rum-Streunen auf dem Fahrrad durch Ottensen finden wir uns kurz darauf vor dem  „Ribatejo“ in der Bahrenfelder Straße wieder. Diese kleine portugiesische Tapas-Bar, die sich in einer ausgebauten Hofeinfahrt befindet, scheint für unsere Ansprüche das richtige zu sein.

Wir bekommen einen Tisch für unsere Acht-Mann-Truppe und kurze Zeit später balanciert der Kellner acht Port Tonics als Aperitivo an unseren Tisch. Da es sich beim „Ribatejo“ wie gesagt um eine ausgebaute Hofeinfahrt handelt, besteht der Fußboden hier aus rustikalem Kopfsteinpflaster. Kurz vorm Erreichen unseres Tisches verkantet sich der Kellner offenbar mit dem Fuß auf dem Kopfsteinpflaster.  Intensives Taumeln, alles Nachbalancieren hat keinen Sinn und das Ergebnis ist, dass ein Mitglied unserer Radsportgruppe die acht Port Tonic über den Oberkörper bekommt. Scherben überall und schade um die schönen Drinks. Dem Kellner ist dies verständlicherweise äußerst unangenehm, in seiner Haut möchte man jetzt nicht stecken. Aber das „Ribatejo-Team“ ist sichtlich um unbürokratische  Schadensbegrenzung bemüht. Wir bekommen kostenlose Ribatejo-Shirts als Wechselwäsche zur Verfügung gestellt, die Scherben werden schnell zusammengefegt, eine neue Runde Port Tonics wird im zweiten Versuch schadlos an unsere Plätze balanciert. Dazu wird uns vom Chef Schnaps in rauen Mengen auf Kosten des Hauses für nach dem Essen versprochen. Und das ist ja dann auch wieder was. Wie gesagt: Die Zeit der guten Neuigkeiten.

Der Port Tonic perlt dann jedenfalls wunderbar erfrischend unsere Kehlen hinab, der Kellner stellt uns umfangreich eiskaltes Sagres in Flaschen auf den Tisch und wir bestellen große gemischte Tapas-Teller. Wir schaufeln Oliven, Sardinen, Artischocken, Schinken, Chorizo, Meeresfrüchte, Auberginen, gegrillte Paprika, unterschiedliche Dips mit frischem Weißbrot, gegrillte Lammkoteletts und ähnliche Leckereien in uns hinein. Zum Nachtisch gibt es den versprochenen Medronho aufs Haus. Es lässt sich sehr gut aushalten im Ribatejo. Aber der Abend ist Jung… „und zur Euphorie ist‘s nur ein Katzensprung“, wie uns Jan Delay an dieser Stelle zu flüstern würde. Aber in Zeiten der Pandemie ist der Kiez für uns keine Alternative. So gerne wir auch da gewesen wären.

Daher entsteht die Idee, sich an einem Kiosk einzudecken und noch mal zum Altonaer Balkon zu radeln. Wir kaufen einem kleinen Kiosk die Bier-Reserven weg und finden uns wenig später auf einer Bank am Altonaer Balkon mit Blick über den Hafen wieder. Auf der Wiese um uns haben junge Leute Decken ausgebreitet und kommen dort offenbar zu ähnlichen  Zwecken wie wir zusammen. Wir trinken das ein oder andere Bier, quatschen vor uns hin, werden Zeugen einer sich hochschaukelnden Handgreiflichkeit: Dicke-Eier-Gehabe unter Heranwachsenden. Leider bricht ein kleiner Platzregen los, ehe es wirklich handfest wird. So kühlt der Regen nicht nur die Gemüter sondern verursacht auch   eine auf Freiwilligkeit basierende Räumung des Altonaer Balkons. Relativ durchnässt kommen wir kurz darauf in unserem Hotel an und schleichen uns erstmal auf die überdachte Terrasse. Der Regen prasselt auf das Wellblechdach und wir fragen an der Rezeption nach Bier. Die etwas überraschte Hotelangestellte sichert uns zu, mal nachzusehen ob noch Bier da ist und kommt kurz danach mit acht Flaschen Holsten-Pils auf die Terrasse. Holsten knallt ja bekanntlich am dollsten, aber es ist halt  nun wirklich kein gutes Bier. Dennoch ist es eiskalt und es ist  in diesem Moment besser als kein Bier. Natürlich ist die erste Pulle schnell alle und wir bestellten fleißig nach. Irgendwann kommt  die Hotelangestellte kleinlaut auf die Terrasse und übermittelte uns, dass es ab jetzt nur noch warmes Holsten gibt. Wir lassen uns nicht beirren und ordern völlig  leichtsinnig noch eine warme Runde. Dieses  lauwarmen Holsten führt dann allerdings  zur Sprengung unserer Radsportgruppe. Denn so viel ist sicher: Noch ein warmes Holsten kann es auf keinen Fall geben! Die eine Hälfte der  Radsportgruppe tritt den geordneten Rückzug aufs Zimmer und mittelfristig ins  Bett an. Die andere Hälfte will den Abend nicht mit einem lausigen Bier-Erlebnis beenden und macht noch mal ne Runde um den Block. Zum Glück hat es aufgehört zu regnen. Als um den Block weder eine Kneipe, noch ein Kiosk zu finden ist, fällt die sinnvolle Entscheidung, doch noch die paar Meter bis zur Ottensener Hauptstraße zu laufen. Kneipen und Bars sind ja in der Corona Zeit keine wirklichen Alternativen, aber an der Ecke Ottensener Hauptstraße-Spritzenplatz lockte uns ein überdimensionaler, ausgeleuchteter und  begehbarer Kiosk, der Biertische vor dem Laden aufgestellt hat, an denen sich Abstände entspannt einhalten  lassen. Wir finden uns vor einer meterlangen Kühlschrankwand wieder und fühlen uns wie kleine Jungs  im Bonbon-Laden: Hier gibt es alle Biere der Welt, dazu eine umfangreiche Schnapsauswahl. Kurz darauf sitzen wir an einem der Tische, kühles Lager-Bier und ein paar kleine Jägermeister-Flaschen vor uns, und beobachten das wuselige nächtliche Treiben am Spritzenplatz. Wir bemerken nicht, wie die Zeit voran schreitet und wären sicher  noch länger geblieben. Aber irgendwann setzt der Regen wieder ein und zwingt uns zum Aufbruch. Vielleicht gar nicht so schlecht für unsere Schädel. Wenn wir schon nicht selbst auf uns aufpassen, dann erledigt das in Hamburg eben der Regen für uns. Kurz darauf fallen wir im Hotel Stephan in die Betten und sind sofort im Tiefschlaf.

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