Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

2. Etappe: Hamburger Wetter, die Hölle des Nordens und Runterkommen in Lauenburg

Als uns der Wecker kurz nach halb acht aus dem Tiefschlaf reißt, prasselt es an die Fensterscheibe. Die Erstligafreie- und Hansestadt Hamburg wartet zum Abschied mit einer lokalen Spezialität auf: Schietwedder. Es kübelt wie aus Eimern über Altona. „Alter, wollt ihr wirklich bei diesem Wetter auf’s Rad heute?“ ist die erste entgeisterte Frage des Tages beim Blick aus dem Fenster. Es sind mittelgroße Wasserfälle, die vom Grünspan gezeichnten Dach der gegenüberliegenden St. Petri-Kirche herunter stürzen. Auch die Wetter-App macht keine Hoffnung: Regenwahrscheinlichkeit bis 14 Uhr 95%, zwischen 14-18 Uhr 80%. Na das kann ja was werden.

Das Frühstück findet wieder auf der überdachten Terrasse statt, auf der wir uns gestern die ekelhaften Holsten-Biere rein geknetet haben. Das Prasseln des Regens auf das Wellblechdach verursacht einen Höllenlärm. Wir witzeln übers Wetter, kalauern vor uns hin, ob schon mal jemand nachgeschaut hat, ob auch eine S-Bahn nach Lauenburg fährt. Aber in Wirklichkeit ist es Galgenhumor oder zumindest das berühmte Pfeifen im Walde. In der Tourenplanung haben wir uns für den ersten Fahrrad-Tag bewusst für eine relativ kurze Etappe entschieden. Einrollen, früh am Zielort sein, entspannt ein paar Flusskilometer stromaufwärts machen, warm werden für diese Fahrradtour halt. In Lauenburg einkehren und den Abend genießen.

 Klar haben wir Regensachen im Gepäck. Aber ein kompletter Regentag auf dem Rad kann die Laune  ganz schön drücken. Auch das Frühstück im Hotel Stephan kann die Stimmung  nicht bessern. Traurig liegen zwischen Salami und Kochschinken ein paar  sich nach oben wölbende Butterkäsescheiben auf dem Teller. Kleine Plastikverpackungen mit Erdbeer- und Aprikosenmarmelade, die nicht nach Frucht, dafür umso mehr nach Zucker schmeckt. Der Kaffee ist so dünn, dass man alle auffindbaren Plastikschälchen mit Kaffeesahne hinein kippen muss, um wenigstens den Tassenboden nicht mehr zu sehen.  Die größte Herausforderung ist es aber, die Brötchen so aufzuschneiden, dass sie bei dieser Tätigkeit nicht zu Staub zerfallen. Wie soll das alles  heute nur weitergehen?

 Während des Frühstücks taucht eine Hotel-Angestellte auf der Terrasse auf und fragt schüchtern, wer denn bei uns der Chef sei. Wir antworten bestimmt: „Hier sind alle Chef.“ Die Hotel-Angestellte druckst etwas herum und sagt dann: „Wir haben ein kleines Problem mit der Abrechnung.“ Wir schauen uns etwas ratlos an und fragen „Um was geht es denn?“ Zögern bei der Hotel-Angestellten, ihr ist die Sache sichtlich unangenehm. Sie setzt an: „Naja…wie soll ich sagen….?“ Sie zögert weiter. Wir sind gespannt was jetzt kommt. Sie setzt erneut an: „Also…wir wollen wirklich nichts falsch machen…aber…naja…also nach unserer Abrechnung sind noch 38 kleine Bier offen.“ Wir rechnen kurz durch, überschlagen den gestrigen Abend und bestätigen der Hotel-Angestellten dann einstimmig die Zahl: „Ja, das kommt hin!“ Erleichterung bei der Hotel-Angestellten. Sie erklärt: „Also wissen Sie, wir wollten einfach nichts falsch machen und ihnen nicht zu viel Geld abnehmen, wissen Sie, sowas hatten wir hier bislang noch nie, dass jemand 38 Bier getrunken hat. Aber ist ja schön, wenn wir uns da einigen konnten.“ Daraufhin lässt sie uns mit einer Mischung aus Verwunderung und Stolz zurück. So viel wie wir hat hier also noch nie jemand gesoffen. Das ist ja auch schon mal ne Leistung.

Gegen neun Uhr macht der erste von uns die Entdeckung auf der Wetterwarn-App, dass tatsächlich ab 10 der Regen weniger werden soll und dass es ab 11 Uhr sogar Aussichten auf trockene Phasen gibt. Diese Prognose wird nach und nach auch von anderen Wetter-Apps bestätigt. Na also, das ist doch mal ein Silberstreif am Horizont! Wir kramen dennoch unsere Regensachen heraus,  verstauen unsere Habseligkeiten ordentlich in den Fahrradtaschen, räumen die Zimmer und treffen uns kurz darauf in Funktionswäsche und Regensachen auf der überdachten Terrasse wieder. Die Frage lautet: Noch warten oder los fahren? Es kommt eine knappe Mehrheit für Los-Fahren zustande. Na dann: Räder raus gewuchtet, Zimmer plus 38 Holsten bezahlt, Schlüssel abgegeben, Taschen gesattelt, rauf auf den Bock und los!

Der Regen hat  tatsächlich im Vergleich zu den Stunden davor nachgelassen, ist aber als solider Nieselregen noch deutlich spürbar. Hamburger Wetter halt. Aber es nutzte nix, jetzt sitzen wir auf dem Fahrrad und rollen die Königsstraße runter, lassen die Mörkenstraße links liegen und biegen kurz vor der Reeperbahn rechts in den Ring 2 Richtung Elbe  ein. Nachdem wir am St. Pauli Fischmarkt wieder die Hafenstraße erreichen fällt ein sehnsüchtiger  Blick rüber  Richtung Strand Pauli. Schön war es da gewesen. In der Bar und überhaupt in Hamburg.

Wir erreichen die Landungsbrücken, von rechts  grüßt die Rickmer Rickmers  zum Abschied durch den Nieselregen. Wir lassen das Portugiesen-Viertel links liegen, da müssen wir dann beim nächsten Besuch dringend mal wieder durch die Tapas-Bars streunen. Am Baumwall vorbei, rechts im Hintergrund die Elbphilharmonie, Möwengeschrei, die Speicherstadt taucht aus den dichten Regenwolken auf.

Unsere Abschiedsroute durch Hamburg fällt fasst ein bisschen zu klischeehaft aus. Trotz diesem Kitsch kommt Wehmut auf: Hamburg, es war uns eine Ehre! Es war schön, wie immer halt. Hier lässt es sich aushalten. Big Easy, wir kommen wieder, keine Frage. Aber nun warten stromaufwärts erstmal  noch unzählige Abenteuer auf uns, die alle erlebt werden wollen. Daher treten wir beherzt in die Pedalen.

Unterhalb der Deichtorhallen treffen wir auf einem Wegweiser erstmals auf das kleine blaue „e“, das auf den ersten Blick ein bisschen an das Icon  des Internet Explorers erinnert. Es ist das Erkennungssymbol des Elberadwegs und wird uns die nächsten drei Tage ein treuer Begleiter sein. Wir rollen am Hamburger Großmarkt vorbei, rechts Fleete und Kanäle. Wir kommen an Schleusen vorbei, überqueren Brücken, müssen uns anhand unübersichtlicher Wegeführung ab und zu neu orientieren. Insgesamt kommen wir aber besser als erwartet die ersten Kilometer voran. Die Straße ist nass, wohl dem der Schutzbleche montiert hat, der Nieselregen nach wie vor konstant. Die schönen Seiten Hamburgs haben wir hinter uns gelassen. Wir passieren riesige Industriegebiete und Speditionsgelände. Hinter dem Heizkraftwerk Tiefstack verhaspeln wir uns mit der Wegführung. Wir finden lange kein kleines blaues „e“ mehr und sind nicht sicher, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind. Wir irren durch Billbrook und spätestens in Moorfleet sind wir uns dann sicher: Wir sind ganz schön vom Weg abgekommen. Wir passieren die A1 Richtung Lübeck und versuchen uns irgendwie durchzuschlagen. Die Industriegebiete  und Speditionen sind inzwischen riesigen Gartencentern und Gemüsegärtnereien am Wegesrand gewichen.  Wir tasten uns weiter vorsichtig vor und überqueren die Dove-Elbe, für deren Rettung gestern die Boote vor Strand Pauli so viel Radau gemacht haben. Hinter der Brücke die angenehme Überraschung: Es leuchtet ein kleines blaues „e“ auf dem Wegweiser, wir sind also doch richtig. Nun sind auch die Gartencenter und Gärtnereien vom Wegesrand verschwunden, wir durchradeln riesige Viehweiden, Maisfelder, kleine Wälder und ab und zu eine Kleingartenanlage. Immer wieder neu gebaute Einfamilienhäuser-Siedlungen, in denen sich junge Familien unlängst den Traum vom Eigenheim im Grünen verwirklicht haben. Alles wunderschön mit Garten, bunten Stockrosen vor dem Haus und aufwendig gepflegten Rasenflächen, imposanten Trampolinen und Schaukeln für die Kinder. Man will gar nicht wissen, wo hier die Quadratmeter-Preise liegen.

Alles immer noch auf Hamburger Territorium aber urban ist es schon lange nicht mehr. St. Pauli und Altona sind gefühlt schon wieder meilenweit entfernt. Und gleich noch ne gute Nachricht: Der Regen hat komplett aufgehört. Wir halten also am Wegesrand und entledigen uns der Regenklamotten und verstauen diese in den Satteltaschen. So radelt es sich gleich noch mal besser.

Während wir durch die wunderbar grüne Landschaft der Elbmarsch rollen, meldet sich langsam  der erste Bierdurst des Tages. Der Uhrzeiger geht auf halb zwölf zu und so einigen wir uns darauf, dass die nächste Kneipe unsere sein wird. Kurz hinter Ochsenwerder in einer kleinen Siedlung liegt die unscheinbare Gaststädte „Al Lago“ an der wir fast vorbei geradelt wären. Zum Glück brüllt einer aus dem hinteren Feld gerade noch rechtzeitig „Kneipe!“. Wir gehen in die Eisen, parken die Räder und entern die Terrasse, die überraschenderweise auch noch an einem schönen See liegt. Na wenn das mal nix ist! Wir sind offenbar die ersten Gäste des Tages. Der Wirt freut sich aber über unseren Besuch: „Na Männer, ihr seht durstig aus!“ Kennerblick. Er stellt uns ein paar Tische unter der gestreiften Markise zusammen, so dass die komplette Radsportgruppe Platz findet und schleppt dann sofort kleine Biere, große Biere, große Radler und Hefeweizen heran. Perfekter Ort für den ersten Einkehrschwung hier am Sandbrack in Fünfhausen, läuft bei uns! Der Wirt fragt einmal kurz unsicher, ob wir bis 13:30 Uhr weiter fahren werden, da er dann die Tische für eine Reservierung braucht. Wir versichern: „Klar, wir wollen nur kurz was trinken.“ Aber wie das dann immer ist: Das Bier perlt so erfrischend, dass immer noch ne neue Runde bestellt werden muss. Die Zeit vergeht wie im Fluge, zwischenzeitlich fallen noch 2-3 Regenschauer vom Himmel, vor denen uns die gestreifte Markise Schutz bietet,  Biere werden fleißig nachgeordert und ruckzuck ist es 13:30 Uhr. Wir fragen, was denn nun mit der Reservierung ist. Antwort des Wirts: „Keine Sorge Männer, ich habe das umdisponiert.“ Erleichterung. Irgendeiner von uns fragt: „Was ist denn hier der Hausschnaps?“  Darauf der Wirt: „Wartet mal Jungs, ich stell euch gleich was hin.“ Kurz darauf kehrt er mit einer vollen 1,5 Liter Flasche Grappa und acht Gläsern zurück. Er stellt diese auf dem Tisch ab und sagt: „So Männer, wegen euch hab ich die Miete für heute drin. Trinkt mal einen und schenkt euch so viel nach wie ihr wollt. Einzige Bedingung: Hier trinken und nicht die Flasche mitnehmen.“ Wir sehen uns ungläubig an und schenken ein: Zum Wohle heißt die Parole! Und gleich noch einer und noch einer. Dazu ein Bier nachbestellt, was ist denn hier los? Als die Grappaflasche nur noch vier Finger breit voll ist, macht sich der Wirt dann doch Sorgen und sagt grinsend: „So Männer, ich nehme dann die Buddel mal lieber mit. Das ist besser für euch und besser für mich.“ Gut, dass er auf uns aufpasst. Und so zahlen wir ausschließlich Getränke, der Wirt freut sich wie ein kleiner Junge über die Beträge, und wir schwingen uns ohne im Al Lago was gegessen zu haben etwas angetüdelt auf das Fahrrad. Wir brauchen einige Meter um uns einzurollen, aber dann geht es schon wieder.

Es gibt innerhalb der Radsportgruppe so ein paar unausgesprochene Gesetze. So sind wir uns grundlegend einig, dass unsere Radtouren Bummeltouren sein sollen, auf der jeder Spaß hat. Wir sind ja alles keine durchtrainierten Leistungssportler. Der Weg ist das Ziel. Genau so sind Einkehrschwünge unabdingbar. Aber es darf dann phasenweise doch mal an getestet werden und Sport gemacht werden. Diese Tourphasen werden eigentlich nie abgesprochen  eingeleitet. Sie passieren mehr oder weniger von selbst. Irgendwann sticht immer irgendjemanden der Hafer. Dann wird vorne aufs große Kettenblatt geschaltet und losgefahren. Und dann heißt es entweder dran bleiben oder abreißen lassen. Das kann mitunter zu gewaltigen Abständen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Radsportgruppe führen. Natürlich wartet man dann irgendwann wieder aufeinander und fährt gemeinsam weiter. Jeder hat die Wahl ob er mitmacht oder doch lieber im Gruppetto Kräfte schont. Aber Sport darf  zwischendrin eben durchaus sein. „Halli-Galli-Drecksauparty“ wird diese Etappen-Phase von einigen in der Radsportgruppe genannt. Aber es war bislang ebenso ein unausgesprochenes Gesetz, dass diese Halli-Galli-Drecksauparty nicht nach Einkehrschwüngen und schon gar nicht nach Schnaps eingeleitet wird. Meist findet  das ganze bei mehrtägigen wie eintägigen Touren irgendwann am Vormittag statt. Diese Gesetzmäßigkeit hatte aber heute wohl der Grappa außer Kraft gesetzt. Jedenfalls geht plötzlich die Post ab. Es wird hektisch geschaltet und alle versuchen dran zu bleiben. Jetzt heißt es eine gesunde Mischung aus Windschatten und vorrausschauendem Fahren zu entwickeln. Wir kacheln mit 33 km/h auf unseren Trekkingrädern mit den voll bepackten Taschen am Zollenspieker Fährhaus vorbei und rasen hoch auf den Elbdeich. Nur nicht das Hinterrad des Vordermanns verlieren. Natürlich ist das alles relativ anstrengend und mitunter brennen die Oberschenkel, aber erstaunlicherweise macht diese Raserei gleichzeitig den Kopf frei. Man muss sich nur auf einige wenige Dinge konzentrieren, man muss treten und lässt ansonsten die Landschaft an sich  vorbei rauschen. Man verfällt in so eine Art Geschwindigkeitsmeditation. Wir heizen an Altengamme vorbei, würdigen die riesigen Schafherden auf dem Deich keines Blickes, nehmen im Augenwinkel zahlreiche HSV-Flaggen vor den Häusern wahr und haben noch nicht mal Zeit uns über diese zu ärgern, versuchen auf den Wegweisern die kleinen blauen „e“ im Vorbei-Rasen wahrzunehmen, haben in diesem Moment kein Auge für die Schönheit der imposanten Flusslandschaft und jagen  immer den Elbdeich entlang. Anstrengend aber auch geil. Erst als der Weg rechts abknickt und wir kurz vor Geestacht endgültig das Hamburger Gebiet verlassen und Schleswig-Holstein erreichen, nehmen wir raus und warten auf die Versprengten. War ein schönes An-Testen. Das Material, welches vor der Radtour an bierseligen Abenden in unterschiedlichen Schrauber-Garagen aufwendig in Schuss gebracht wurde, scheint  zu laufen und auch die Grundkondition, mit der man unterwegs war, schien nicht die schlechteste zu sein. Die Radsportgruppe hatte offenbar die Corona-Zeit genutzt, um sich in Form zu bringen.  Als das acht Mann starke Feld wieder zusammen ist, rollen wir gemächlich in Geestacht ein. Dass dies keine besonders schöne Stadt ist, wird auf den ersten Blick deutlich. Trotzdem treibt uns der einsetzende Hunger auf die Suche nach einer Kneipe.

Am Elbhafen werden wir fündig. In der „Beache Lounge Geestacht“ gibt es das was wir jetzt brauchen: Frisch gegrillte Krakauer und Astra-Kiezmische.  Dazu entspannte Beats aus den Boxen und direkt vor unserem Auge strömt die Elbe gemächlich aber kraftvoll durch saftig grüne Marschlandschaften. Gelöste Stimmung, das Schlimmste scheine wir hinter uns zu haben. Wir überschlagen kurz, dass es  bis zum Zielort Lauenburg vielleicht noch gut 12 Kilometer sind und wir nehmen uns vor, diese gemächlich austrudeln zu lassen. Wir besorgen uns noch ne Kiez-Mische und ahnen nicht, dass kurze Zeit später die „Hölle des Nordens“ für uns los brechen wird.

Wir schwingen uns aufs Rad und rollen in geringem Tempo am Freibad Geestacht vorbei und verlassen den Ort wenig später in östlicher Richtung. Einige Kilometer flussaufwärts passieren wir mit einem leichten Schaudern auf dem Rücken das stillgelegte Kernkraftwerk Krümmel und wundern uns ca. zwei Kilometer später, warum der Elberadweg plötzlich nach links abbiegt, also weg vom Fluss. Noch größere Verwunderung, als der Radweg dann plötzlich wieder halbrechts in eine Steigung abbiegt, wie man sie nur aus Mittelgebirgen kennt. Wir schnaufen also den Berg hoch und erster Frust kommt auf, als nach einigen hundert Metern die asphaltierte Strecke endet und in einen unbefestigten, morastigen Waldweg übergeht. Die Steigung ist dagegen nicht zu Ende sondern nimmt – im Gegenteil – noch um ein paar Prozent zu. Erstes Fluchen in der Radsportgruppe. Wir keuchen weiter den Berg hinauf. Irgendwann haben wir völlig entkräftet eine Höhe erklommen, mit der man in der Norddeutschen Tiefebene niemals gerechnet hätte. Und nun beginnt ein wilder Ritt. Es geht bergauf und bergab über unbefestigte Waldwege. Fiesen Steigungen folgen abenteuerliche Abfahrten. Der Regen der vergangenen Nacht hat zentimetertiefe Pfützen hinterlassen, die eine zusätzliche Herausforderung darstellen. Keuchen und fluchen in der Radsportgruppe: „Was is den dit hier für ne Scheiße!?“ Das Schild „Lauenburg 5,2 km“ macht Hoffnung.  Es geht im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein im aufgeweichten Wald auf der Geestkante. Sicher eine geile Strecke für sportlich orientierte Mountainbiker aber für uns ein echter Belastungstest für Mensch und Material. Plötzlich endet der Radweg im Nichts. Nervöses herumtippen auf den Navigations-Apps aber kein Ausweg in Sicht. Die Elbe muss nur wenige Meter entfernt sein, aber zu sehen ist sie nicht. Also umkehren und nach Hinweisschildern Ausschau halten. Die Laune wird noch schlechter, als wir nach wenigen Metern an das Schild „Lauenburg 8,5 km“ kommen. Es ist zum Kotzen, so eine Scheiße! Aber alles Fluchen hilft jetzt auch nicht weiter. Wir kämpfen uns weiter durch das unwegsame Gelände. Wir befinden uns immer noch weit über der Elbe und trösten uns mit dem Gedanken, dass es dann wenigstens eine lange, entspannte Abfahrt runter nach Lauenburg geben wird. Und irgendwann kommen wir tatsächlich an das Hinweisschild „Lauenburg-Zentrum 500 m“. Und der Pfeil zeigt 90° nach rechts. Wir trauen unseren Augen nicht: Alle Höhenmetern, die wir uns über mehrere Kilometer kontinuierlich erarbeitet haben, sollen wir jetzt auf einer Abfahrt von geschätzten 250 Metern wieder steil nach unten verlieren. Zunächst über einen unbefestigten Waldweg mit zahlreichen Baumwurzeln, weiter unten dann Kopfsteinpflaster.  Es nützt nix, wir begeben uns todesmutig in die Abfahrt. Belastungstest für die Bremsen. Und es kommt wie es kommen muss: Als wir das Kopfsteinpflaster erreichen kracht es weiter hinten: Sturz. Zum Glück geht alles glimpflich aus. Das Material nimmt keinen Schaden und am Mensch wird es maximal blaue Flecken geben. Glück gehabt. Leicht fassungslos rollen wir um kurz vor 18:00 Uhr in der Lauenburger Altstadt ein. Was war das denn bitte für ein Höllenritt so kurz vor Feierabend?

Immerhin sieht die Altstadt ganz nett aus und auf den Straßen versammeln sich zahlreiche  Straßenmusiker, die die mangelnden Auftrittsmöglichkeiten in der Pandemie offenbar für kleine Konzerte auf der Straße nutzen. Freundlicher Empfang. Ohne Umwege erreichen wir unsere Unterkunft. Unsere Räder sind aufgrund der letzten Kilometer komplett eingesaut aber wir sehen auf den ersten Blick, dass es in der  Pension „Von Herzen“ gut werden wird. Der Wirt nimmt uns mit der strengen Ermahnung in Empfang: „Bitte alle Masken tragen!“ Und bevor hier irgendwas läuft, werden wir erstmal einzeln zum Hände-Desinfizieren heranzitiert. Hier werden also die Hygiene-Vorgaben vorbildlich umgesetzt. Wir werden daraufhin vom Wirt über die geltenden Pandemie-Vorgaben in seiner Unterkunft belehrt und hinterlassen auf Formularen unsere Daten. Nach dem das Förmliche erledigt ist, gehen wir mit dem Wirt zum angenehmen Teil über. Zunächst bekommen wir die Zimmerschlüssel ausgehändigt und dann zeigt er uns die riesige  Terrasse zur Elbseite hin: „Hier können Sie heute Abend noch so lange sitzen, wie sie möchten.“ Wir sind beeindruckt. Die Begeisterung steigt, als der Wirt sagt: „So, dann zeige ich ihnen auch gleich noch mal unsere Mini-Bar.“ Er führt uns in eine kleinen Raum in dem ein riesiger Kühlschrank steht, der umfangreich mit allen Getränken  bestückt ist, die  man für einen geselligen Abend auf der Elbterrasse benötigt.  Der Wirt erklärt uns das Prozedere: „Hier haben wir Zettel und Sie führen darauf einfach Strichliste, was sie getrunken haben. Kasse des Vertrauens zu fairen Preisen. Das wird dann sicher für Sie auch etwas günstiger, als wenn Sie den ganzen Abend in der Gaststätte sitzen“. Wir fühlen uns wie im Paradies.

Wir beziehen die Zimmer, befreien uns von der Funktionswäsche, springen unter die Dusche und machen uns gegen 18:30 Uhr auf die Suche nach Abendessen. Wir finden kurz darauf im Restaurant „Rufers“ alles was wir uns wünschen. Einen großen Tisch direkt am Wasser mit Blick auf die Einmündung des Elbe-Lübeck-Kanals sowie  auf die Elbbrücke und eine vielversprechende Speisekarte.  Wir ordern hausgemachte Pasta in allen Variationen, Matjes mit Bratkartoffeln, Hähnchen mit Couscous, Kichererbsensalat und andere Leckereien. Die Nachtischvariation „Die vier Köstlichkeiten“ ist der Hammer, der Gin-Tonic in Ordnung. Kann man weiter empfehlen, das „Rufers“. Aber wir wollen uns nicht unnötig lange aufhalten, denn wir haben ja die große Elbterrasse im „Von Herzen“ samt Kühlschrank in der Hinterhand.

Also zahlen wir und finden uns wenig später genau an besagtem Ort wieder. Es ist ein unfassbarer Ausblick! Links die imposante Eisenbahnbrücke, rechts bis zum Horizont  der breite Strom und über all dem eine beeindruckende Wolkenformation. Die Elbe zieht gemächlich an uns vorüber. Sie entschleunigt uns, bringt uns runter. Gleichzeitig ist ihr ihre Kraft anzusehen. Sie ist für die Menschen hier seit Jahrhunderten Lebensader und der Grund, warum sie hier überhaupt siedeln. Gleichzeitig erahnt man, welche zerstörerische Wucht die Elbe entfalten kann, wenn sie einmal schlechte Laune bekommt. Wir starren minutenlang einfach auf den Fluss und lassen uns davon überwältigen. Die Mini-Bar aus der Pension „Von Herzen“ sorgt getränke-technisch für die angemessene Untermalung dieses Naturschauspiels. Ist das schon wieder alles unfassbar geil hier!

Nach zwei Stunden zwingt uns ein los brechendes Gewitter, die Terrasse zu räumen. Wir ziehen in den Innenbereich, lassen aber noch lange nicht von der Mini-Bar ab. Diese hat inzwischen beträchtliche Lücken bekommen. Der Wein ist komplett alle, das Hefeweizen geht zur Neige. Irgendwann haben selbst wir genug und fallen kurz darauf in einen erholsamen Tiefschlaf.  

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