Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

3. Etappe: Tour de Sauf, mit dem Elf-Uhr-Zug auf Amadeus und Sabrina  nach Hitzacker

Um Punkt 8:00 Uhr treffen wir uns im großen Frühstücksraum der Pension „Von Herzen“. Uns wird ein Tisch direkt an großen Fenstern zum Fluss hin zugewiesen. Was für ein Ausblick schon wieder. Die Elbe liegt heute Morgen glatt wie ein Spiegel vor uns. Keine Welle und keine sichtbare Strömungsbewegung. Das Wetter scheint es gut mit uns zu meinen. Kein Wind, nur vereinzelt ein paar Wolken, die aussehen, als ob sie Claude Monet höchstpersönlich an den ansonsten blauen Himmel getupft hat. Die Wirtin tritt mit einem Brotkorb an unseren Tisch. Kein „Hallo“, kein „Guten Morgen“, nein ein strenges und gleichzeitige bewunderndes „Na Sie haben ja ganz schön gewütet an der Mini-Bar gestern Abend!“ Wir antworten mit „Na irgendwie muss man den Durst ja stillen“ und lachen mit der Chefin des Hauses. Das Frühstück ist sensationell. Frische Brötchen, hausgemachte Marmelade, Honig vom lokalen Imker, guter Aufschnitt, leckerer Käse und die Chefin bringt immer neue Schalen mit frischem Zwiebelmett heran. Dazu haben wir eine Rührei-Flatrate. So viel steht fest: Radfahrer, kommst du nach Lauenburg, dann penn im „Von Herzen“, da ist alles gut! Völlig satt trenne wir uns schließlich vom Zwiebelmett und von dem tollen Elbblick und leiten vorbereitende Maßnahmen ein.

Das Gepäck wird geordnet und möglichst sinnvoll in den Satteltaschen verstaut, Schlübber mit Sitzpolstern angelegt, Radsportklamotten übergezogen und das Zimmer geräumt. Die Räder werden vor dem „Von Herzen“ aufgereiht und nacheinander mit den Satteltaschen bestückt. Wir geben die Schlüssel ab und zahlen am Ende mehr für die Mini-Bar als für die Übernachtung. Aber man muss die Feste feiern wie sie fallen. Der Chef des Hauses wünscht gute Fahrt und wenig später hoppeln wir über Kopfsteinpflaster durch die Lauenburger Altstadt Richtung Brücke. Der Plan ist heute auf Niedersächsischer Seite zu fahren, da das Radweg-Buch dort die angenehmeren topographischen Bedingungen verspricht. Wir überqueren den Elbe-Lübeck-Kanal, passieren eine Werft und halten wenig später auf der großen Elbbrücke zum Foto-Stopp:

Wir rollen von der Brücke und verpassen den Abzweig des Elberadwegs. Dies fällt uns allerdings erst auf, als wir bereits 5 Kilometer in die falsche Richtung geradelt sind. Also umkehren und zurückradeln, morgendlicher Stimmungs-Dämpfer. Wir finden den Radweg wieder, wenige Kilometer später irren wir aber schon wieder umher. Wir sind von der Elbe abgekommen und Radwegzeichen kamen auch schon länger nicht mehr. Es wird gewitzelt: „Was soll das hier heute werden? Die große Niedersachsen-Rundfahrt oder was?“ Mit Hilfe der Navigations-App erreichen wir nach etlichen Kilometern schon weit hinter Boitzenburg den Elbdeich. Vom Fluss ist dennoch in den ersten Tour-Stunden nicht viel zu sehen. Dies liegt daran, dass der Radweg nicht auf dem Deich entlang führt, sondern auf der flussabgewandten Seite vor dem Deich. Und wenn es mal kurzzeitig auf den Deich hoch geht, dann ist die Elbe sehr weit weg.  Die Elbdeiche liegen hier oft kilometerweit auseinander, dazwischen endlose Elbauen und mittendrinn irgendwo der Fluss. Offenbar Lehren aus unzähligen Hochwassern. Kaum vorstellbar, dass dieses riesige Becken mal komplett mit Wasser gefüllt ist. Aber das nächste Elbe-Hochwasser kommt bestimmt.

Wir radeln etliche Kilometer durch dünn besiedeltes Land. Hin und wieder passieren wir große Campingplätze, die – wie überall –  vorwiegend von Holländern frequentiert sind. An einem dieser Campingplätze gehen wir wie die Pawlowschen Hunde in die Eisen. Eine große Werbe-Plane mit befüllten Biergläsern und der Aufschrift: „Biergarten geöffnet“ lässt uns alle gleichzeitig abbremsen. Frust kommt auf, als klar wird, dass der Biergarten doch noch nicht auf hat. „So eine Scheiße! Wir müssen doch den Elf-Uhr-Zug bekommen!“ Und allen ist klar, dass es sich in diesem Falle nicht um den ÖPNV sondern um den ersten Zug am Bierglas handelt. Dann also schnell weiter. Wir rollen inzwischen durch eine Landschaft, die aussieht, als hätte Detlev Buck die Filmkulisse für den neusten Bibi und Tina Kinofilm entworfen. Endlose Pferdekoppeln, saftig-grüne Elbwiesen, riesige aus Klinkern erbaute Gehöfte dazwischen immer wieder kleine Reetdachkaten mit üppig bepflanzten Blumengärten, die in allen Farben des Regenbogens leuchten. Die Stockrosen, der Sommerflieder, der Phlox und die Hortensien blühen, dass es eine wahre Freude ist.  „Das sind Bibi und Tina, auf Amadeus und Sabrina, sie jagen im Wind, sie reiten geschwind…“ Diesen Ohrwurm werden wir bis Bleckede nicht mehr los.

Niemand von uns hatte bislang etwas vom Ort Bleckede gehört, geschweige denn diesen je betreten. Daher sind wir durchaus überrascht von diesem kleinen Städtchen im Landkreis Lüneburg. Unzählige kleine Fachwerkhäuser mit bunten Türen reihen sich in engen Gassen aneinander. Viele kleine Läden im hübschen historischen Zentrum. Wir steuern den örtlichen Edeka an. Da wir uns nicht so richtig durchringen können, in einer der Kneipen halt zu machen, bestücken wir kurzerhand unsere Satteltaschen mit gekühlten Sechserträgern und rollen aus der Stadt und steuern eine paar Bänke auf dem Elbdeich an. Da wir den 11-Uhr-Zug bereits verpasst haben, nehmen wir heute also ausnahmsweise den 11:30-Uhr-Zug. Kühles Lager-Bier auf dem Elbdeich und zum Glück hatte jemand an den 100er-Schnaps gedacht. Am Vormittag hatte nämlich der Tacho vermeldet, dass wir die ersten 100 Kilometer runter geradelt hatten und normalerweise muss zu jeder Hunderterüberquerung sofort ein Schnaps getrunken werden. Wir sind also in einigen Sachen ganz schön in Verzug an diesem Vormittag. Dafür fällt jetzt die Bier- und Jägermeisterpause umso ergiebiger aus. Erst rund 90 Minuten später sitzen wir wieder auf dem Rad.  Weiter geht’s durch die Bibi und Tina Filmkulissen.

Wenn entspannte Männer über eine längere Zeit beieinander sind, dann fallen nach und nach gewisse Hemmungen und Förmlichkeiten. So auch in der Radsportgruppe. Und so gehört es an diesem Nachmittag inzwischen zum guten Ton, dass wir voreinander laut rülpsen. Dies hat  den enormen Vorteil für denjenigen, der an der Spitze  fährt, dass er sich nicht ständig umdrehen muss, ob alle noch da sind. Es hat was von einer Schafherde auf dem Deich, die sich durch gelegentliches Blöken einander rückversichert. Und so radeln wir weitgehend wortlos durch die Flusslandschaft und übermittelten uns gegenseitig durch gelegentliches lautes Rülpsen, dass alles im grünen Bereich ist.

Aufgrund einer vorrausschauenden Tourenplanung haben wir uns darauf verständigt, dass wir in Neu Darchau die Elbe mittels einer Fähre überqueren, um uns giftige Steigungen auf Niedersächsischer Seite zu ersparen. Zum Glück haben wir noch Reserven in der Satteltasche, um uns auf der Fähre ein Flussquerungsbier zu genehmigen. Wir radeln also ab jetzt in Fahrtrichtung wieder links-elbisch den Fluss hinauf. Die Mecklenburger Uferseite ist  noch dünner besiedelt, als die Niedersächsische. Dafür stehen in regelmäßigen Abständen Wachtürme, von wo aus hier vor über 30 Jahren Republikflüchtlinge und sonstige unerwünschte Grenzbewegungen ausgespäht wurden.

Es rollt sich schön, wir machen noch mal ein wenig Sport, ohne es zu übertreiben. Und so taucht schon bald unser heutiges Etappenziel am anderen Elbufer auf. Jetzt trennt uns nur noch die erneute Elbüberfahrt vom Zielort Hitzacker. Und kurz darauf kommt sie auch schon angeknattert, die kleine weiße Elbfähre, die lediglich Personen und Fahrräder befördert. Es wird penibel darauf geachtet, dass wir beim Betreten und während des Aufenthalts an Bord Masken tragen. Die Überfahrt für Mensch und Fahrrad kostet uns insgesamt einen glatten Zwanni, es bleibt keine Zeit für ein Fährenbier, denn schon legen wir am anderen Ufer an.

Wir schaffen die Räder von Bord, orientieren uns kurz und rollen los durch die Altstadt von Hitzacker, die auf einer kleinen Elb-Insel liegt. Noch einige Meter und wir haben unsere Unterkunft für heute erreicht: Hotel zur Linde, hallo Wendland! Auch hier sind umfangreiche Hygienevorschriften umgesetzt, der Wirt erspart uns aber eine minutenlange Belehrung, wir wissen ja eh Bescheid. Die Zimmer sind geräumig und eine Kneipe mit Restaurantbetrieb hängt auch mit dran. Vom Fenster aus erspähen wir den Biergarten im Hinterhof und sichern uns dort wenig später einen großen runden Tisch, dessen Fläche  aus einem alten Wagenrad mit einer darauf befestigten Glasplatte besteht. Und diese Platte muss kurze Zeit später schwere Lasten tragen, denn wir reihen Literweise Pils, Radler und Weizenbier aneinader.

Beine lang machen, zurücklehnen und kühlen Gerstensaft die Kehle runter laufen lassen. Das Ankommen an einem Etappenziel ist immer wieder schön. Wir quatschen über die Tourenplanung der nächsten Tage. Wir freuen uns, dass wir noch einen Tag Elbe-Radweg vor uns haben. Denn danach wird es abenteuerlich. Dann müssen wir uns über sogenannte Knotenpunkte Richtung Osten durchschlagen. Schon seit dem Beginn der Radtour wird immer wieder mit großem Respekt von der Mittwochs-Etappe gesprochen, die uns von Wittenberge an der Elbe nach Kyritz an der Knatter bringen soll. Wir raunen uns immer wieder bedeutungsschwanger was von „Königsetappe“ oder „Das wird mindestens ne 90“ bezogen auf die Kilometerzahl zu. Zudem weiß keiner, wie hügelig das Gelände wird. Aber wir verdrängen die Gedanken, denn heute ist erst Montag und wir können genau jetzt ab 18:00 Uhr Abendessen in Hitzacker an der Elbe bestellen. Um die Königsetappe kümmern wir uns am Mittwoch. Wenig später wird aufgetischt. Vor uns stehen nun unterschiedliche Pizzen, Pasta-Gerichte, Matjes mit Bratkartoffeln und ausgezeichnete Spareribs. Mega-geil, das Essen toppt alle unsere Erwartungen. Zufrieden und gesättigt lassen wir uns in die Rückenlehnen gleiten und entschleunigen mal wieder. So sitzen wir noch 1-2 Stunden und betreiben  das „Sich-Dusselig-Quatschen“, was so viel bedeutet, wie belangloses, lustiges und  ironisches vor sich hin gequatsche, das Leben nicht so ernst nehmen, dafür den Moment genießen. Leider können die Getränke mit der Qualität des Essens im „Zur Linde“ nicht im Ansatz mithalten. Wir sind des angebotenen Königs-Pilseners und Schöfferhofers  allmählich überdrüssig. Auf der Karte steht Mojito, Grund genug eine Runde zu bestellen. Die Kellnerin reagiert auf die Bestellung: „Ah, 8 Mojito, in Ordnung. Wir haben nur ein kleines Limetten-Problem. Die sind alle. Ich könnte Ihnen also Mojito ohne Limetten machen.“ Wir sind uns nicht wirklich sicher, ob sie uns verarschen will, switchen aber sicherheitshalber auf 8 Gin-Tonic um, welche wenig später heran balanciert werden. Leider gibt es nun auch ein kleines Gin-Tonic-Problem. Denn der ist eine Katastrophe. Lauwarm, ohne Kohlensäure, mit einem einzigen verlorenen Eiswürfel, der innerhalb von 2 Minuten weggetaut ist. Trotzdem trauen sich zwei von uns, noch einen zu bestellen. Darauf die Kellnerin: „Okay, wir haben nur ein kleines Problem, wir haben keinen Tonic mehr. Aber ich gehe noch mal in den Keller, vielleicht finde ich da noch eine Flasche.“ Langsam wird uns die ganze Sache unheimlich. Offenbar hat die Kellnerin aber im Keller noch irgendwo in verstaubten Regalen eine Flasche Tonic gefunden. Jedenfalls kommen wenig später zwei Gin-Tonic, die den der ersten Runde qualitätsmäßig noch mal um Längen unterbieten. So kann es nicht weiter gehen. Jetzt ist guter Rat teuer. Im Zur Linde weiter saufen ist keine Alternative. Die Hälfte der Radsportgruppe zieht sich aufs Zimmer zurück, die andere Hälfte, die den Hals nicht voll kriegen kann grübelt über Alternativen. Und das alles um 21:30 Uhr in Hitzacker an der Elbe. Irgendjemand brummt vor sich hin: „Was tun sprach Zeus, die Götter sind besoffen, der Olymp ist voll gekotzt.“ Ein anderer findet über das Mobiltelefon heraus, dass in 500 Metern noch ein Rewe bis 22:00 Uhr offen hat. Das ist doch mal ne Perspektive. Wir wegen kurz ab und entschließen uns dann, diesem Rewe einen Besuch abzustatten.

Na nun aber los! Schnell bezahlt, auf die Kleiderordnung geschissen und los auf Socken in Badelatschen Richtung Rewe. Und der hat tatsächlich noch offen. Das Angebot an gekühlten Getränken ist leider überschaubar. Aber warmes Lager-Bier ist besser als kein Bier und allemal besser als die Gin-Tonics im Zur Linde. Zum Glück hat irgendjemand noch die schlaue Idee, zwei große Flaschen Berliner Luft, Pappbecher, drei  große Papptüten und ein paar Bifis einzukaufen. Und so schlendern wir in unseren Badelatschen zum Hotel Zur Linde zurück. Nicht ohne kurz vor dem Hotel alle Getränke sorgfältig in den völlig unverdächtigen Papiertüten von Rewe zu verstauen. Der Herr an der Rezeption im Zur Linde soll schließlich denken, dass wir alles Mögliche, aber auf keinen Fall alkoholische Getränke mit ins Hotel schmuggeln. Wie Schuljungs auf Klassenfahrt huschen wir kurz darauf kichernd an der Rezeption vorbei, die Bierflaschen in den Papiertüten klirren verräterisch und  der Mann an der Rezeption schüttelt wissend den Kopf. In manchen Sachen wird man offenbar nie erwachsen.  Wenig später breiten wir zahlreiche Sechserträger Lager-Bier und die beiden Pullen Berliner Luft auf dem Tisch in einem der sehr geräumigen Hotelzimmer aus. Es gibt sogar eine große Couch und ausreichend Stühle. Das Zur Linde ist gut vorbereitet, auf Chaoten wie uns. Nur am Gin-Tonic müssen sie dringend arbeiten! Wir quatschen uns erneut dusselig, taufen diese Radtour zwischenzeitlich auf „Tour de Sauf“ um und geben keine Ruhe, bis alle Biere restlos leer getrunken sind. Höchste Zeit also, sich der Berliner Luft zu widmen. Das mit dieser Berliner Luft ist so eine Sache: Richtig lecker findet die niemand, auch wir nicht. Manche finden sie geradezu ekelhaft. Aber sie hat sich halt in den letzten Jahren zu so einer Art Kult-Getränk entwickelt. Ähnlich, wie es Ende der 1990er auf einmal total hip war, das ehemalige Assi-Getränk Jägermeister zu saufen und sich alle um die orangenen Jägermeister-Shirts gekloppt haben, wenn die Promo-Crew aus Wolfenbüttel mit dem verkleideten Hirsch in den angesagtesten Clubs aufgekreuzt ist. Berliner Luft ist nicht lecker, aber Berliner Luft ist Zeitgeist. Und in diesem speziellen Falle sollte man dagegen nicht ansaufen sondern besser mit dem Strom schwimmen. Der Trend is your Friend. Was an der Börse gilt, wird ja wohl erst Recht an der Theke gelten! Außerdem erspart der erfrischende Pfefferminzgeschmack das abendliche Zähneputzen, dazu gibt es mit Sicherheit schon umfangreiche dentale Studien, die nur noch nicht veröffentlicht sind. Alles andere wäre zumindest völlig abwegig.  Also dann: Zum Wohle, wir brauchen Luft zum Atmen! Die erste Flasche Luft wird in zwei Runden geleert, da die Pappbecher randvoll gegossen wurden. Gegen den Durst. Die zweite Pulle ist zum Genießen. Wir wollen ja schließlich noch was haben, von unserem einmaligen Abend in Hitzacker an der Elbe im Wendland.

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