Ja,  die Frage, um die es hier geht,  steht da oben in der Überschrift. Wobei diese Frage  unpräzise ist. Sie wurde ehrlich gesagt nur als plakativer Aufmacher gewählt, weil eine sehr leidenschaftlich geführte Online-Diskussion rund um die SGE vor einigen Jahren den Titel trug „Caio, wie kriegen wir das wieder hin?“

In Wirklichkeit lautet die Frage dieses Textes:“ Eintracht, kriegen wir das wieder hin?“ Natürlich ist es nur das Weglassen  eines einzigen Wortes, aber das verändert die Ausgangsfrage entscheidend: Es geht nicht um das „Wie“ sondern um das „Ob“.

Und liebe Eintracht, bevor wir hier los legen, muss noch folgendes geklärt werden: Das hier ist keine Anklage und es ist keine Abrechnung.  Dies ist ein sehr persönlicher Versuch einer Bestandsaufnahme. Oder vielleicht ist es viel eher ein Verarbeitungsversuch. Ich befürchte ehrlich gesagt, dass es sogar eine Art Selbsttherapie ist. Irgendeine schlaue Person hat mal gesagt, man muss Sachen aufschreiben, um sie klar zu kriegen. Und ob ich die Sache mit dir und mir, liebe Eintracht, hier abschließend klar kriege, will ich schon jetzt bezweifeln. Aus diesem Grund wird dies vermutlich ein Text, der nicht ohne Widersprüche und Unstimmigkeiten auskommt. Es könnte ein Text werden, der Zerrissenheit und Verletzungen nicht verhehlen kann und der Leserinnen und Lesern an manchen Stellen auf den Sack gehen wird. Es geht um eine jahrzehntelange Leidenschaft. Und es geht um Emotionen, die erloschen sind. Ziemlich banal, könnte man einwenden. Aber so banal  ist es vielleicht doch alles nicht.

Liebe Eintracht, um das alles zu verstehen, ist es vielleicht hilfreich, zu den Ursprüngen unserer gemeinsamen Geschichte zurückzukehren. Wie begann das damals eigentlich? Irgendwann Mitte der 1980er Jahre. Familiäre Vorprägung sorgte dafür, dass ich früh wusste, dass in der Sportschau die in den weißen oder wahlweiße schwarz-roten Trikots (sofern ein Farb-Fernseher verfügbar war)  die Guten waren. Richtig Fahrt nahm unsere gemeinsame Story vermutlich  am 28. Mai 1988 auf: Du liebe Eintracht tratst  an diesem Tag im Berliner Olympiastadion zum DFB-Pokalfinale gegen den VfL Bochum an. Eine gewisse Nervosität im familiären Umfeld vermittelte, dass an diesem Tag offenbar ein bedeutendes Fußballspiel an stand.  Und du liebe Eintracht gewannst an diesem Tag durch ein Freistoßtor durch  Detari den goldenen Pokal. Ich fieberte mit. Von diesem Tag war unser gemeinsamer Weg durch die nächsten Jahrzehnte geebnet.  Wir versuchten in den folgenden Sommermonaten den „Detari-Freistoß“ hunderte Male auf dem Bolzplatz nachzuspielen. Demjenigen, dem es gelang, den Ball auch nur annähernd so elegant über eine Mauer zu zirkeln und den Ball dann im Tor zu versenken, war Ruhm und Ehre für mindestens einen Tag gewiss.   

Es folgte das erste eigene Kicker-Sonderheft und so wurde der  Saison  88/89 entgegengefiebert. Das konnte doch eigentlich nur eine gute Saison werden, denn du liebe Eintracht und ich, waren ja schließlich Pokalsieger geworden.  Und wie soll man es sagen? Du weißt es ja selber, Eintracht: Unsere erste komplette gemeinsame  Saison wurde eine absolute Katastrophe. Im ersten Spiel flog Uli Stein vom Platz, im zweiten Spiel unterlag man zuhause gegen einen Aufsteiger. Und so ging es munter weiter: Eine Blamage folgte der nächsten. Du Eintracht hattest einen Trainerverschleiß von  alleine drei Trainern in der Hinrunde. Irgendwann waren dann sogar in der Tagesschau Bilder von  deiner Mitgliederversammlung zu sehen, wo ein Mann  von der Bühne geprügelt  wurde. „Geh runner!“  

Ohne Übertreibung liebe Eintracht:  Unsere erste gemeinsame Saison war ein Stahlbad. Permanenter Frust wegen der sportlichen Ergebnisse und ein komisches Gefühl, dass in deinem  Umfeld Leute tätig waren, die nicht alle Tassen im Schrank hatten. Vermutlich  dachte ich mir ab und zu: „Warum ist mein Verein eigentlich so ein Chaos-Verein?“ Dazu die permanente Häme von Klassenkameraden, die sich für Bayern München entschieden hatten und Sieg um Sieg ihrer Mannschaft bejubeln konnten. Aber liebe Eintracht: Irgendwie war klar, dass ich keine Wahl hatte. Einen Fußballverein sucht man sich nicht aus. Aus irgendeinem Grund war mein infantiles Bewusstsein so ausgeprägt, dass ich schon damals der felsenfesten Überzeugung war, dass es trotzdem richtig war, zu dir zu stehen. Und dass es grundlegend  falsch ist, sich z.B. zum FC Bayern zu bekennen. Denn wer den Bayern nachrennt, der liebt keinen Fußballverein sondern der liebt den Erfolg.  Ohne Quatsch liebe Eintracht: Ich habe mich wegen dir früher auf dem Pausenhof geprügelt. Immer dann, wenn einem  die „Bayern Fans“ mal wieder hämisch die Ergebnisse vom Wochenende unter die Nase gerieben haben. Denn mir war damals schon klar, dass du liebe Eintracht der bessere Verein bist, egal ob wir dauernd verlieren und die scheiß Bayern dauernd gewinnen.

Ich erinnere mich noch an die Ergriffenheit  während der ersten Stadionbesuche in der zugigen alten Schüssel namens Frankfurter Waldstadion, in die  sich selten mehr als 15.000 Zuschauer verirrten. Und am Ende der Saison ist es ja alles doch noch irgendwie  gut ausgegangen. Du liebe Eintracht konntest mit Hängen und Würgen irgendwie den Klassenerhalt sichern, erst durch ein Tor durch Charly Körbel am letzten Spieltag in Hannover und dann mit nervenaufreibenden Relegationsspielen gegen den 1. FC Saarbrücken mit seinem brandgefährlichen Stürmer aus Ghana. Jörg Bergers erste Rettungsmission war completed. Wer so eine Saison als SGE-Fan durchsteht, der bleibt ihr verbunden, sollte man meinen.

Und man wurde in den Folgejahren ja auch umfangreich entschädigt, denn es folgten die sagenumwobenen Jahre des Fußball 2000. Ohne in die Einzelheiten zu gehen: Es war ein Spektakel, was du liebe Eintracht auf dem Platz veranstaltet hast. Herzstück  war der geniale Uwe Bein, der durch seine Pässe sogar Rumpelfüßler wie Jörn Andersen zum Torschützenkönig der Bundesliga machen konnte. Komplettiert wurde das Ensemble durch Leute wie Binz, Falkenmayer, Gründel später Yeboah und noch später Jay-Jay. Und natürlich Uli Stein, die Identifikationsfigur unserer ersten gemeinsamen Jahre. Was waren das für Fußballfeste, die wir zusammen feierten? Und plötzlich war man auch sportlich auf Augenhöhe mit den Scheiß-Bayern und die Häme auf dem Pausenhof nahm immer weiter ab.  Aber du liebe Eintracht, hast natürlich auch damals nicht mit fiesen  Eiertritten gespart. Ich erinnere mich an eine 0:6 Heimniederlage gegen den HSV mit anschließender Berger-Entlassung. Rostock natürlich. Aber auch eine unrühmliche Heimniederlage gegen Leverkusen im DFB-Pokal-Halbfinale oder der Rauswurf von Uli Stein. Und dann folgte der Niedergang. „Ab heute gehen die Uhren anders in Frankfurt.“ Wie Recht er hatte, der Osram. Es war plötzlich nichts mehr wie es war. Du liebe Eintracht und ich wissen, was folgte. Die Geschichte ist zur Genüge erzählt.  Ich will daher  jetzt nicht alles im Detail aufzählen, ich könnte ein Buch über die Emotionen und Erlebnisse aus der Horror-Saison 1995/1996 schreiben.  Alleine das Auswärtsspiel am 01.05.1996 in Köln oder der letzte Spieltag, als der Abstieg schon fest stand und der HSV  im Waldstadion gemeinsam mit Offenbacher Hools unseren Abstieg feierte…

Grandioser Absturz und folgende Jahre in der Bedeutungslosigkeit. Aber auch diesen Weg sind wir unbeirrt zusammen gegangen, liebe Eintracht. Diesen Weg mit wenigen Höhen („Und sie kommen jetzt wieder mit Christoph Westerthaler in der zentralen Position…“) und zahlreichen Tiefen.  Es ging nicht mehr nach Dortmund, Hamburg und nach Bremen, nein nun ging es auch nach Meppen, Jena, Mainz und Oldenburg. Jahr für Jahr kaufte ich die  neue Dauerkarte ohne zu zögern. Inzwischen warst du liebe Eintracht weit mehr, als der Sport. Man kannte die Leute aus dem Block, der Stadiongang war zu einem 14-tägigen Ritual mit Freunden geworden.

Um ehrlich zu sein habe ich es erst Jahre später verstanden, was du liebe Eintracht damals für einen Pakt mit dem Teufel eingegangen bist, als wir uns Octagon an den Hals warfen. Wir kamen an schnelles Geld und mussten dafür noch Jahr später bluten. Um ein Haar hätte es dir liebe Eintracht in der Folge das Genick gebrochen. Erstmals wurde mir bewusst, dass der Fußball abseits des Rasens offenbar ein Schweinesystem ist, in dem Leute bereit sind, für Geld über die Interessen von Vereinen und Fans zu gehen. Es folgten sportlich wenig erfolgreiche Jahre, irgendwo im Niemandsland zwischen 1.  und 2. Bundesliga. Und dennoch bist du mir, liebe Eintracht gerade in dieser Zeit noch enger ans Herz gewachsen. Das lag daran, dass es mich selbst raus in die Welt zog, weg aus der Heimatstadt am Main. Und so warst du mir im Neuen ein Anker in die alte Heimat und eine Identitätsstütze auf unbekanntem Terrain. Ich verfolgte dich noch emotionaler, es waren tolle Erlebnisse, wenn ich es aus der Ferne mal wieder zu einem Heimspiel ins Waldstadion schaffte. So viele gemeinsame Erlebnisse stammen aus dieser Zeit. Alleine in der Saison 2004/2005, die mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga endete, habe ich es zu immerhin 20 Spielen zu dir ins Stadion geschafft, egal ob Auswärts oder im Waldstadion. Und das immerhin mit einem Wohnort, fast 500 km entfernt  vom Frankfurter Stadtwald. Und ich habe zahlreiche Leute kennen gelernt, die in der Ferne eine ähnlich verrückte Leidenschaft für dich pflegten. Mit diesen Leuten sind wir tausende Kilometer zu deinen Spielen gefahren, haben Wochenenden in versifften Zügen und auf runtergekommenen Bahnhöfen verbracht.  Einmal sind wir an einem Freitag nach Frühschicht  im 9sitzer 500 km die Autobahn  runter gebrettert, haben uns das langweiligste Fußballspiel aller Zeiten angesehen (0:0 gegen Hannover), sind direkt nach dem Abpfiff wieder auf die Autobahn und ich war kurz vor fünf am nächsten Tag zuhause und um 7 Uhr frisch geduscht auf Arbeit. Und wir haben so was immer wieder gemacht und haben es eigentlich nie bereut. Sowas schweißt zusammen. Es gäbe tausende erzählenswerte Anekdoten aus dieser Zeit zu berichten.  Ich habe so viele tolle Leute kennen gelernt, die ich ohne dich, liebe Eintracht, nie kennen gelernt hätte. Und sportlich ging es ja weiter zwischen Mittelmaß und Tristesse.

Es war eine Zeit, in der man  schon mit wenig zufrieden war. Ich habe aber vom ersten Tag an gespürt, dass das mit Skibbe schief gehen wird. Das war von Anfang an der falsche Mann am falschen Platz. Aber auch diesen Nackenschlag haben wir irgendwie verarbeitet bekommen, die Rückkehr in die Bundesliga und sportliche Höhen und Tiefen gingen weiter, die Leidenschaft zu dir liebe Eintracht, war ungebrochen.

Und es  folgten ja schließlich auch noch mal Jahre, in denen du die Anhänger beschenkt hast, liebe Eintracht. Klar es gab eine  weiteren Katastrophen-Saison 2015/2016. Eine Saison,  in der alle Verantwortlichen kurz davor waren, im Blindflug ein weiteres Mal alles vor die Wand zu fahren. Erst im aller letzten Moment konnte ein erneuter sportlicher Absturz mit einem enormen Kraftakt verhindert werden. Und dann hattest du plötzlich eine Mannschaft am Start, die die Identifikation mit dir Eintracht, noch mal auf ein neues Level hob. Du hast aus wenigen finanziellen Möglichkeiten was Großes gemacht. Spieler aus der ganzen Welt bildeten eine kämpfende Einheit auf dem Platz in der jeder für jeden rannte. Der Weg führte bis ins DFB-Pokalfinale gegen Dortmund. Ein Jahr später wurde mit Kevin Prince Boateng noch ein entscheidendes Puzzleteil hinzugefügt und wir hatten eine bunte Mannschaft auf dem Platz, die die Stadt Frankfurt wunderbar repräsentierte, die einen kampfbetonten Fußball spielte und auch neben dem Platz eine gute Figur abgab. Zudem ein Präsident, der öffentlich klar Stellung bezog und sich gegen Ausgrenzung, Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus positionierte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen, nur leider versäumten so viele andere Personen des Profifußballs und des öffentlichen Lebens sich diesen Selbstverständlichkeiten anzuschließen.

Das war eine Zeit, in der ich eine tiefe Verbundenheit  zu dir verspürte, liebe Eintracht. Dass das dann noch in dem sensationellen Pokalsieg gipfelte, war die Krönung. Das war der beste Moment, den du und ich, liebe Eintracht, je zusammen hatten.  

Der Pokalsieg war nicht nur ein unglaubliches Glücksgefühl sondern er hat auch viele Wunden geheilt. Ich habe mit so vielen Nackenschlägen meinen Frieden machen können, die du liebe Eintracht mir in über 30 Jahren regelmäßig verpasst hast. 

Und dann war Kovac zwar weg, aber es folgte eine spektakuläre Saison. Es wurde noch geilerer Fußball gespielt, Europapokal, Büffelherde, Angriffsfußball. Aber selbst in dieser Euphorie kamen die ersten Zweifel. Klar, wir sangen voller Inbrunst „Eintracht Frankfurt International!!!“ auf den Rängen. Aber plötzlich war da eine Stimme im Hinterkopf  und die fragte immer öfter: Soll man wirklich einen Wettbewerb feiern, der von einem komplett  korrupten Verband wie der UEFA ausgerichtet wird? Ein undankbarer, verkalkter Verband, der Fans in den Arsch tritt, weil sie seinen Wettbewerb  zelebrieren? Was waren denn das für absurde Geschichten rund um die Auswärtsspiele in Europa? Die Eintracht-Fans wollten einfach Fußball-Feste in Europa. Die Realität war: Unverschuldetes Geisterspiel in Marseille samt „Aufenthaltsverbot“ in der Stadt Marseille, Provokationen durch  Faschisten auf Zypern, die von der UEFA ungestraft blieben. In Rom dann begrenzte Ticketkapazitäten für Gästefans trotz fast leerem Stadion, dazu wieder faschistische Provokationen durch römische „Fans“ die wieder kein Nachspiel seitens der UEFA nach sich zogen. Und ja, auch  auf unserer Seite vereinzelte Spinner, denen es wichtiger war, auch in Europa mal dicke Eier zeigen zu können, als das Interesse  der Mehrzahl der Eintracht Fans im Blick zu behalten. Dies gipfelte schließlich in den Ereignissen von San Siro. Und natürlich: Auch ich habe mich von den Heimspielen im Europapokal elektrisieren lassen. Das waren gigantische Fußballfeste. Und dennoch meldete sich immer öfter diese Stimme im Hinterkopf, die Zweifel an diesem ganzen Fußball-Spektakel anmeldete.

Du liebe Eintracht hattest ja in dieser beschriebenen Saison sogar lange Zeit eine realistische Chance, dich für die Champions League zu qualifizieren. Das wäre ein toller sportlicher Erfolg und ein noch tollerer finanzieller Erfolg gewesen. Ich hätte es vermutlich damals sogar noch gefeiert. Aber auch da waren schon die Gedanken im Kopf, dass es womöglich gar nicht so erstrebenswert ist, sich in einem Wettbewerb eines verbrecherischen Verbandes mit anderen Fußball-Konstrukten zu messen, die entweder von menschenverachtenden Staaten finanziert oder von Strategen zweifelhafter Konzerne  geführt werden. Von solchen, denen es nur um Geld und Einfluss geht. Letztlich muss man fast dankbar sein, dass du liebe Eintracht mit dem spektakulären Elfmeter-Drama in London genau zum richtigen Zeitpunkt ausgeschieden bist und dir und deinen Fans dadurch das vielleicht unwürdigste und fan-unfreundlichste Finale eines Europapokalwettbewerbes aller Zeiten erspart hast.  Mit der Vergabe dieses Endspiels nach Baku in Aserbaidschan hinterlegte die UEFA jedenfalls ein weiteres Mal in aller Deutlichkeit, dass sie auf Faninteressen und sogar auf die Sicherheit von Spielern scheißt, solange die Kohle stimmt.

Ja, es war eine tolle Saison und es war eine sehr zwiespältige Saison. Und am Ende waren dann alle drei Büffel weg. Folgerichtig, wenn man nach der Logik des Geschäftes geht. Ich selbst habe mich damals noch damit zu beruhigen versucht: Ist halt so, dass sind die Mechanismen des Business. Immerhin wurden wir, liebe Eintracht, ja fürstlich entlohnt, so hab‘ ich es mir schön geredet. Zunächst war auch ich  fast etwas stolz, dass ein Eintracht Spieler den Sprung zu Real Madrid geschafft hat und du liebe Eintracht dafür auch noch eine Rekordsumme von zig Millionen Euro einstreichen konntest.  Bei dem nächsten, der dann zu West Ham absprang, war kaum noch Stolz dabei. Bei dem Haller-Transfer war einfach viel zu offensichtlich, dass es nur ums Geld ging und um nichts anderes. Da blieb nicht der kleinste Raum für einen verklärt naiven Fußball-Romantiker-Gedanken. Es war finanziell der nächste Schritt für ihn. So wie du Eintracht für ihn der vorangegangene finanzielle Schritt warst. Nicht mehr und nicht weniger. Und beim dritten  Büffel tat es dann fast ein bisschen weh, als er den Absprung nahm. Klar war Ante nicht mehr tragbar, klar war es vermutlich unvermeidbar ihn abzugeben. Aber uns verließ der Pokalheld von 2018. Einer, der emotional in einer Reihe mit Stein, Bein, Fjörtoft und Yeboah steht.  

Wie gesagt liebe Eintracht: Ich habe mir eingeredet, dass es eben der moderne Fußball ist und dass man es so hinnehmen muss.  Ich habe es mir nicht eingestanden, aber es ist dann trotzdem ein kleines Stück mehr  kaputt gegangen. Und die Zweifel wurden nicht weniger.  Die neue Saison begann, wir spielten wieder europäisch. Tallin war ein geiles Auswärtsspiel, was für eine schöne Stadt, was für nette Menschen.  Und schön, dass Flora im Rückspiel eine Würdigung durch unsere Kurve erhalten hat. Da war der eigentliche Sinn dieses Spiels noch einmal spürbar. Aber die korrupte UEFA spielte erneut  ihre Spielchen mit uns. Fan-Ausschluss bei den Auswärtsspielen in Lüttich und gegen Arsenal. Die Gedanken gingen zunehmend in folgende  Richtung:“ Ach fickt euch doch UEFA und spielt eure Scheiß Europa League alleine mit den Plastiks!“ Eintracht Frankfurt und Europapokal der Neuzeit passt nicht zusammen.  In Salzburg zog ein Sturm auf. Aber hier waren es nur die Wetterbedingungen, die eine Spielabsage verursachte. Wenig später war es dann kein meteorologisches Phänomen  mehr,  welches für eine Vollbremsung sorgte. Die Pandemie hat den Stecker knallhart gezogen. Zack, Ende, aus.

Das Spiel gegen Basel war das erste Spiel seit Jahrzehnten, welches ich mir bewusst nicht mehr angesehen habe, obwohl ich es hätte können. Ich habe immer mal wieder ein Spiel von dir versäumt  liebe Eintracht. Aber wenn, dann waren es private oder berufliche Verpflichtungen. Wenn immer es möglich war, habe ich keine Sekunde verpasst. Aber an diesem 12.03.2020 hatte ich schlicht und einfach keine Lust, mir dein Spiel anzusehen. Schon absurd genug, dass dieses Spiel  24 Stunden zuvor sogar noch vor ausverkauftem Haus ausgetragen werden sollte. Aber an diesem Tag hatte ich das Gefühl, dass eine Sache auf uns zurollt, die weit bedeutungsvoller ist als ein Europa League Spiel. Ich fand es falsch, dass dieses Spiel überhaupt angepfiffen wurde. Irgendwann am späten Abend habe ich dann auf einer Internetseite erfahren, dass das Ergebnis  zu meiner Gefühlslage passte und es wahrscheinlich besser war, dass ich mir dieses Grauen nicht angetan habe.

Und dann war es erstmal vorbei mit dem ganzen Zirkus rund um den Profifußball. Und ja, auch rund um dich liebe Eintracht. Der Spielbetrieb war ausgesetzt und die Funktionäre der Geldmaschinerie rangen um Fassung. Sie sahen den Kollaps des  kaputten Systems plötzlich unmittelbar auf sich zurollen. Es war ein unwürdiges  Schauspiel, wie Leuten wie  Watzke und Rummenigge öffentlich der Arsch auf Grundeis ging  und sie dabei Dinge sagten, die sie besser nicht gesagt hätten. Die bunte Fassade brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen, die zuvor an vielen Stellen noch das kranke, korrupte und menschenverachtende System hinter dem Profifußball ein Stück weit vertuschen konnte. Die ganzen Abgründe traten nun ungeschönt zutage. Und es wurde umso deutlicher, dass auch du liebe Eintracht ein Akteur in diesem System bist. Es war zunächst ruhig in Frankfurt. Man vermied so erbärmliche TV-Auftritte, wie sie Watzke in dieser Zeit haufenweise hinlegte. Man organisierte stattdessen lieber Einkaufsdienste für Senioren und Spenden für Bedürftige. Das war aller Ehren wert. Aber du, liebe Eintracht, konntest nicht länger den Mantel des Schweigens darüber decken, dass auch du ein Akteur in diesem  Schweine-System bist. Du konntest nicht mehr verbergen, dass du in Wirklichkeit im Team-Watzke-Rummenigge spielst. Und wenn wir ehrlich zueinander sind, liebe Eintracht,  bist  du geradezu gezwungen in diesem Team zu spielen, wenn du  weiterhin auch nur im Ansatz mit den großen Hunden pinkeln  möchtest. Das weißt du und das weiß ich.

Liebe Eintracht, du darfst nun völlig zu Recht einwenden: All die Abgründe, all die Auswüchse dieses kranken  Systems waren lange vor Corona bekannt und offensichtlich. Wer sehen wollte, konnte sehen.  Und das schon seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten! Ja, man hätte es wissen können. Man hat es wissen müssen. Und natürlich wusste ich es. Spätestens nach der Octagon-Geschichte müsste jedem Eintracht-Anhänger die Fußballromantik abhandengekommen sein.  All die Abgründe des Geschäfts lagen lange vor Corona auf dem Tisch. Korrupten Deals zwischen Leo Kirch und dem FC Bayern München auf Kosten der Chancengleichheit, die Tatsache, dass wohl in den letzten Jahrzehnten kein großes Fußballturnier mehr ohne Korruption und Bestechung irgendwohin vergeben wurden, die Enthüllungen auf Football-Leaks, die Tatsache, dass es wohl in den letzten 20 Jahren kaum einen gehobenen  Funktionär im Profifußball gab, der nichts mit Korruption oder sonstigen kriminellen Machenschaften zu tun hatte, enge Beziehungen zu menschenverachtenden Regimen, Kooperationen mit zweifelhaften Wirtschaftsunternehmen, Verbände, die für Geld ihre eigenen Regeln außer Kraft setzen (Financial Fairplay, 50+1 …),  insgesamt ein System voller Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit,  völlig entkoppelt von der Lebenswirklichkeit der „durchschnittlichen“ Bevölkerung.

Spätestens als uns die Polizei nach dem Aufstiegsspiel 2005 gegen Burghausen durch Sachsenhausen jagte um ohne Anlass für den Ernstfall, der WM ein Jahr  später zu proben, hätte man wissen müssen, dass traditionelle Fußballfans ein Auslaufmodell in diesem Zirkus sind. Apropos WM 2006: Rückblickend der endgültige Anfang vom Ende, das „Einläuten“ und die Manifestation einer neuen Fußball-Zeit. Einer Zeit, in der Fanbelange keine Rolle mehr spielen und alles der totalen Kommerzialisierung untergeordnet wird. Um jeden Preis. Aber das wäre noch mal eine andere  Geschichte.

Um den Strang wieder aufzunehmen: Ja, wir alle wussten es, dass es ein korruptes Scheiß-System ist. Trotzdem ließ ich mich bereitwillig blenden, versteckte mich bis zuletzt hinter so Sachen wie geilen Kurven-Choreos,  geilen Auswärtsfahrten, tollen Fan-Initiativen und Freundschaften innerhalb der Fan-Szene. Der Selbstbetrug funktionierte nach folgendem Schema: Auf der einen Seite: Die korrupten Verbände und Funktionäre, die Feinde des Sports, die verkommene Fußball-Mafia, die Bayern, der DFB, der BVB, RasenBall, Hopp die DFL usw. Auf der anderen Seite: Wir, die Eintracht, die heilige Gemeinschaft, die sich um die Werte des Sports und darüber hinaus bemüht. Bei uns war das Gras doch deutlich grüner, als an anderen Standorten. Wir in Frankfurt machen das doch alles viel, viel besser. Rein objektiv darfst du liebe Eintracht mir an dieser Stelle also mindestens einen naiven Selbstbetrug vorwerfen. Und dieser Selbstbetrug hat ja auch lange funktioniert. Du gabst mir die Emotionen für die ich bereit war, sehenden Auges blind zu sein. Aber natürlich warst du schon in all den Jahren auch ein Teil der dunklen Seite des Spiels.

Die Pandemie – in der man ja eigentlich  auf Masken angewiesen ist –  ließ gleichzeitig viele Masken fallen. Masken hinter denen ich mich versteckt hatte, aber auch hinter denen du Eintracht dich versteckt hast  und hinter denen sich der gesamte Profifußball versteckt hat.

Klar, zu  Beginn der Pandemie konnte man sogar noch ganz kurz hoffen, dass sich etwas ändert, dass sich etwas bessert. Man war ja noch ein Stück weit im Naivitätsmodus der letzten Jahre gefangen. Und immerhin räumte Christian Seifert mit aufgesetztem Hundeblick ein:

„Vielleicht kommen wir nun an einen Punkt, an dem wir uns eingestehen müssen, dass wir ein Produkt herstellen.“

Hört, hört! Einige Wochen später, als den Rummenigges, den Watzkes und vermutlich auch den Bobics dieser Welt das Wasser bis Unterkannte-Oberlippe stand, legte Seifert in der FAZ  mit professionell inszenierter Demut nach. Ja, der Herr Seifert stellte sogar  Obergrenzen bei Spielergehältern, Beraterhonoraren und Ablösesummen in Aussicht. Er untermauerte es mit schönen Worten, in denen er beteuerte, wenn man jetzt den Mut und die Ausdauer habe, Veränderungen im Profifußball zu denken und vorzunehmen, „dann kann aus dieser Krise auch etwas Positives entstehen“. Bedeutungsschwanger  wurde die Einrichtung einer „Taskforce Zukunft Profifußball“ angekündigt. Und die Verantwortlichen in den „Vereinen“ sprangen  ihrem Interessenvertreter öffentlich zur Seite. Hinter fadenscheinigen Argumenten, wurde der eigentliche Grund für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu verschleiern versucht. Man war sich nicht zu schade immer wieder zu erklären, es gehe ja bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebes auch um den Erhalt ganz normaler Arbeitsplätze in den „Vereinen“. Ausgerechnet von solchen Vereinen, die vermutlich nur zwei ihrer kickenden Top-Verdiener von der Gehaltsliste hätten streichen müssen, um ihrer kompletten Belegschaft auf den Geschäftsstellen gut dotierten Rentenverträgen anbieten zu können. Es war der blanke Hohn gegenüber anderen Branchen z.B.  im Veranstaltungsbereich, die keine vergleichbare Lobby  und keinen mächtigen, wenngleich menschenverachtenden Springer-Konzern als Verbündeten im Rücken hatten.

Nun gab es schon Ende April, als all diese Demuts-Aussagen von Seifert, Watzke und Co getätigt wurden, jeden Grund zur Skepsis. Rund 8 Monate später bleibt festzuhalten, dass sie nichts weiter waren, als die zu erwartenden  Lippenbekenntnisse um den Ligabetreib in der Pandemie irgendwie zu rechtfertigen. Und Seifert-Aussagen wie „Wir wollen nicht einfach nur irgendwie durch die Krise kommen und dann weitermachen wie bisher“ dürfen im Rückblick auf die letzten Monate mit Fug und Recht als Lüge bzw. als Verarschung der Fußballanhängerschaft  beschrieben werden.

Okay Eintracht, um offen zu sein:  zunächst war bei mir noch Wut und  Verachtung gegenüber deiner Interessensvertretung namens DFL und letztlich gegenüber dir Eintracht, als Akteur in diesem Zirkus. Ich hielt die Fortsetzung im Mai für falsch. Ich weiß, du wirst das anders beurteilen. Und ich halte es auch jetzt für falsch, dass ein Spielbetrieb in Bundesliga und Europapokal um jeden Preis durchgedrückt  wird, während neben dem Amateursport  weite Teile des gesellschaftlichen Lebens runter gefahren sind und wir in einigen Krankenhäusern in diesem Land kurz vor der Triage stehen.  Es ist nicht die Zeit, um für Sportveranstaltungen von Risikogebiet zu Risikogebiet zu reisen, wenn gleichzeitig Altenheime und Kitas ab- bzw. verriegelt sind. Ich weiß, du nimmst für dich in Anspruch, wie so viele andere gesellschaftliche Bereiche, dass du nicht zum Infektionsgeschehen beiträgst. Dafür gibt es keine Belege aber eben auch keine Gegenbelege.  Und mein ganzer Ärger ist inzwischen auch zunehmend einem Zustand völliger Gleichgültigkeit gewichen.

Ich habe seit März 2020 kein Bundesligaspiel mehr gesehen. Ja, am Anfang weil ich sauer war, weil ich es falsch fand, dass Bundesliga gespielt wird, während andere Bereiche komplett runter gefahren sind und somit zerstört werden. Es war mit meinem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden nicht zu vereinbaren. Da gab  es meinerseits noch Zorn und Trotz. Spätestens im Sommer, vor Beginn der aktuellen Saison war der Ärger verraucht und er ist Gleichgültigkeit gewichen. Ich schaue  keine Bundesligaspiele und auch weiterhin kein einziges Eintracht-Spiel. Nicht aus Wut, nicht aus Trotz, nein, einfach weil es mich nicht mehr interessiert. Weil ich keine Lust habe.

Das ist vielleicht der  blödeste, zumindest aber der  seltsamste Zustand, der mir in meinem Fan-Sein zu der launischen Diva bislang widerfahren ist. Mir sind die Emotionen ausgegangen. Eintracht, du bist mir egal geworden. Ich spüre dich nicht mehr. Und ich verfolge dich nicht mehr. Ich nehme keinen Anteil mehr. Ich lese keine Berichte, keine Artikel über dich.  Es ist mir nun schon mehrfach passiert, dass ich gar nicht wusste, dass du spielst. Ich habe das Ergebnis dann zufällig 1-2 Tage später gelesen und gedacht: „Ach, die Eintracht hat gespielt?“ Und das alles nehme ich mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis.  Eintracht, wir haben uns weit entfernt.  Ich habe in letzter Zeit Besseres zu tun, als deinen Spielen zu folgen. Das ist sehr ungewohnt und neu.  Ich bin an dir mehrmals emotional zusammengebrochen.  Rostock 1992 natürlich, in Köln Müngersdorf am 01.05. 1996, in Wolfsburg 2001, als wir Rolf-Christel Guié-Mien das Trikot vor die Füße warfen, welches er nach dem feststehenden Abstieg in den Block geworfen hat. Ich war gebrochen 2011 nach der Rückrunde der Schande, verzweifelt in der Saison  2015/2016, als die Verantwortlichen nicht einsahen, dass die Rückkehr von Veh ein Fehler war. Da war immer Zorn, Empörung, Trotz,  Niedergeschlagenheit  und jede Menge Frust. Eintracht, ich habe dich so oft verflucht! Aber ich habe immer etwas gefühlt. Und es war immer klar, dass es weiter geht. Und jetzt ist es nichts. Es ist im Wortsinne Emotionslosigkeit.

Aber auch das gehört zur ganzen Wahrheit: Ich bin mir noch nicht endgültig  sicher, ob es am Ende so eine Nummer,  wie bei  Udo Lindenberg in dem Song „Ich lieb‘ dich überhaupt nicht mehr“ wird. Bist du mir vielleicht nur eingeredet egal? „Sowas von egal und mein Puls geht ganz normal“? Oder wird es dauerhafte, echte Gleichgültigkeit?

Für letzteres spricht, dass ich keinen realistischen Ansatzpunkt sehe. Wo und wie sollen wir um alles in der Welt  wieder zusammenkommen? Für ersteres spricht, dass es dann doch noch mal eine Gefühlszuckung gab. Als es Axel Hellmann Anfang November für eine schlaue Idee hielt, die Kicker-Redaktion zu besuchen. Da war wenigstens noch mal Wut da,  da war Puls. Es war die Zeit, als die 2. Corona-Welle in Deutschland gerade ihre ganze Wucht entfaltete. Jeder, der den Prognosen der Experten auch nur halbwegs folgen konnte, wusste zu diesem Zeitpunkt, wo die Reise in Deutschland  in den letzten Wochen des Jahres hingehen würde, wie sich die Fallzahlen und somit auch die Belegung der Intensivbetten und letztlich die  Todesfälle entwickeln würden. Und in dieser Situation setzt sich allen Ernstes ein Vorstand der Eintracht Frankfurt Fußball AG in die Kicker-Redaktion und baut öffentlich eine juristische Drohkulisse gegen Zuschauerausschlüsse bei Bundesliga-Spielen  auf. Ein fatales Zeichen. Letztlich betrieb er selbst in diesem Moment genau die „Symbolpolitik“, die er den politischen Entscheidungsträgern vorwarf. Und mehr als das wissenschaftlich nicht haltbare Argument, dass man angeblich erwiesenermaßen wisse, „wo tatsächlich die Treiber der Pandemie sind“ hatte er dann zur Unterfütterung dieser steilen  Aussagen nichts vorzubringen. 

Es waren Aussagen, die ich als verantwortungslos empfand. Wo war in diesem Moment die sonst oft  betonte gesellschaftliche Verantwortung, für die die Eintracht mit ihren Werten so gerne eintritt? Es war beschämend.  Für den Profi-Fußball, aber insbesondere für die Eintracht.   Wie mir zugetragen wurde, hat Hellmann inzwischen in einem offiziellen Eintracht-Podcast seine pauschale Politik-Schelte öffentlich erneuert. Das macht es nicht besser und ist in meinen Augen falsch.

Was bleibt uns nach diesen letzten Gefühlsregungen zu sagen? Wohin geht es mit uns, liebe Eintracht? Hat das eine Zukunft?

Um ehrlich zu sein fehlt mir die Perspektive, wie wir wieder zueinander finden. Ich sehe wie gesagt keinen Ansatzpunkt, wie Emotionen dauerhaft zurückkehren sollten. Und da war es auch wieder Axel Hellmann, der in den letzten Tagen das schöne Bild einer „Weggabelung“ verwendet hat. Er sagte, dass es an dieser Weggabelung für die Eintracht entweder in die eine Richtung zu einem Investor geht oder in die andere Richtung dahin, wo sich der 1. FC Kaiserslautern befindet. Und er meinte, wenn ich ihn richtig verstanden habe, dass die Eintracht in diesem Spannungsfeld ihren eigenen Weg finden müsse. Wie gesagt: Ein schönes Bild. Wir befinden uns in einer Zeit der Weggabelung. Und wenn dem so ist, liebe Eintracht, dann werden sich unsere  Wege hier trennen. Ich weiß, in welche Richtung du weiter gehen wirst. Du wirst wohl nicht den steilen Trampelpfad eines Lars Windhorst  einschlagen. Aber du wirst auch ganz sicher nicht auf den Betzenberg-Fernwanderweg einbiegen. Und ich weiß für mich dann auch, dass der gemeinsame Weg an dieser Weggabelung endet. Und ich werde dann genau hier zurück bleiben. Liebe Eintracht, ich versuche die Beweggründe für dieses Zurückbleiben noch mal zusammenzufassen:

Mir ist sportlicher Erfolg um jeden Preis nicht mehr wichtig. Wie gesagt: Ich sehe es in keiner Weise als ein erstrebenswertes Ziel an, dass du liebe Eintracht einmal die Champions League erreichst. Ich brauche es nicht, dass du dich in einem Wettbewerb eines zweifelhaften Verbandes mit zweifelhaften Konstrukten wie Manchester City, RB Salzburg oder PSG  misst. Und damit steht selbstverständlich die Grundlage  eines Fan-Daseins komplett  in Frage. Es wäre ja geradezu schizophren, Anhänger eines Vereins zu sein, dem man im Zweifel nicht den maximalen sportlichen Erfolg wünscht.

Liebe Eintracht, du wirst nun vielleicht dagegenhalten und sagen: „Warte es mal ab, bis das Stadion wieder voll ist. Warte, bis es auf dem Weg vom Bahnhof Sportfeld zum Stadion wieder nach Bratwurst duftet, bis am Gleisdreieck wieder frisches Bier und kühler Ebbelwoi fließt, bis Im Herzen von Europa in einem ausverkauften Stadion erklingt und bewerte dann die Lage noch mal neu.“ Ja, das ist ein guter Einwand und zur Wahrheit gehört: Ich weiß es nicht, wie sich das anfühlen würde. Einerseits kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich dadurch getriggert würde, wenn ich solchen Reizen ausgesetzt wäre. Auf der anderen Seite kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich mir gegenüber im neuen Deutsche Bank Park noch mal diese Selbstverarschung aufrechterhalten kann, dass es ja eigentlich noch immer das Waldstadion ist. Ich weiß nicht, ob ich vor einem Heimspiel z.B. gegen die TSG Hoffenheim, wenn „Im Herzen von Europa“ läuft, noch einmal ausblenden kann, dass du dich in der Pandemie lieber einer schäbigen Initiative von Rummenigge an den Hals geworfen hast, als auf eine solidarische Lösung  aller Profi-Vereine zu setzen. Und Eintracht, ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich dich im vollen Stadion mit Bratwurst und Bier  wieder unbeschwert abfeiern kann, wenn du einerseits happy bist, weil der Hauptsponsor Indeed so hervorragend zur Wertematrix der Eintracht passt und gleichzeitig  Eintracht-Verantwortliche ganz offen davon sprechen, dass die Partnerschaft zwischen der Deutschen Bank und der Eintracht Frankfurt Fußball AG die „Zukunft dieses Clubs“ sichert. Auch über den Ansatzpunkt in der Eintracht-Wertematrix für den Ärmeldruck von DPD oder für Partnerschaften mit Unternehmen wie Uber-Deutschland muss ich wohl erstmal einiges an Fantasie entwickeln, bevor ich im Stadion wieder unvoreingenommen bei einem Wettbewerb mit „Vereinen“ wie  Bayern München, RB Leipzig und Wolfsburg mitfiebern könnte.

Aber das klingt jetzt möglicherweise alles schon wieder viel anklagender, als es eigentlich gemeint ist. Du bist nicht „Schuld“, liebe Eintracht. Wenn überhaupt, bin ich selber mindestens genau so „Schuld“, da ich den ganzen Zirkus lange mitgemacht habe und mich trotz klarer Faktenlage auf diese ganze Nummer  eingelassen habe.  Es ist daher alles  in Ordnung zwischen uns.

Wir sind an einer Weggabelung und du gehst deinen Weg, liebe Eintracht. Du gehst den Weg, in dem es aus deiner Sicht sinnvoll  ist, dich  über deine „Reichweite“ und dein  „Markenbild“ zu definieren. Ich kann nachvollziehen, dass es aus deiner Sicht notwendig  ist, „nicht zu kommerziell zu  werden“ aber dass du „gleichzeitig kommerziell mithalten“ musst. Ich  bin ehrlich gesagt froh, dass ich diesen Widerspruch nicht moderieren und auflösen muss.

Ich bleibe hier zurück. Ich werde meine frei gewordene Zeit in den Amateur-Fußball investieren. Denn der Fußball bleibt ein geiler Sport, dem man sich zuwenden sollte. Und liebe Eintracht, glaube nicht, dass der Amateur-Fußball die Insel der Glückseeligen sei. Das kann ich aus Erfahrung ausschließen.  Auch dort gibt es viele der Auswüchse des Profifußballs, nur eben ein paar Nummern kleiner. Der Unterschied ist aber, dass man durch Engagement und Initiative tatsächlich hier und da noch Dinge zum Positiven wenden kann. Man ist den Mechanismen weniger hilflos ausgeliefert. Man kann Sachen verändern und gestalten.  

Liebe Eintracht, so gehst du deinen Weg, ich gehe meinen Weg. Ich werde dich aus der Ferne vermutlich nie ganz aus meinem Leben löschen können. Wenn die Bundesligaergebnisse irgendwo eingeblendet werden, dann werde ich immer zuerst nach deinem Ergebnis suchen. Da bin ich Pawlowscher Hund. Liebe Eintracht, gehe wertschätzend mit deiner Anhängerschaft um, denn darunter befinden sich wirklich großartige Leute! Aber das weißt du vermutlich selber.  Ich verabschiede mich an dieser Stelle von dir ohne Groll und mit den besten Wünschen.

Und diese Zeilen können vermutlich nicht verheimlichen, dass ich meine Gedanken und Emotionen immer noch nicht klar habe. Ich bin kein Freund davon, Hintertüren offen zu halten. Aber es ist ja auch selten  sinnvoll, dass man im Leben Türen endgültig zuschlägt. Und daher…. wie soll ich sagen?  Also, wenn es irgendwann mal wieder gegen Rot-Weiß Essen geht…..oder Dynamo Dresden, den KSC oder auf den Betzenberg….

Oder wenn du glaubwürdige Zeichen senden würdest, dass du in die gleiche Richtung gehen willst, wie es in dem Forderungskatalog des NWK-Rats vom Mai 2020 zusammengefasst ist, dann könnte ich mir vorstellen, dass wir uns wieder näher kommen.  Wie realistisch das ist, das kannst du liebe Eintracht vermutlich besser beurteilen als ich.

Aber um noch mal abschließend zur Ausgangsfrage zurück zu kommen: Eintracht, kriegen wir das wieder hin?

Mein Zwischenfazit ist ein eindeutiges nein.

Realistisch ist es derzeit nicht, dass wir da irgendwie wieder zusammen kommen. Ausgeschlossen ist, dass alles so wird, wie es vorher war. Wie soll das funktionieren? Das ist eine Erkenntnis, die mir zu schaffen macht und mich nicht kalt lässt. Klar, es war alles nur Fußball. Aber die Emotionen waren echt. Und die bleiben für immer ein Teil meines Lebens. Und es wird mir einiges auch fehlen. Danke für die Zeit und die Emotionen, liebe Eintracht!

Mach‘s gut, Eintracht! Wir werden sehen…

Und allen Eintracht-Anhänger*innen überall auf der Welt ein gesundes neues Jahr!

1 Comments on “Eintracht, wie kriegen wir das wieder hin?”

  1. Viele richtige und wichtige Punkte, die der oder die Autor(in) hier benennt, aber alles in allem meines Erachtens leider auch ziemlich inkonsequent und eine Spur wehleidig. Warum? Darum:
    Es wird ja gerne mal gefloskelt, der Fußball sei ein Spiegel der Gesellschaft und genau das ist er letztlich auch in Bezug auf eine zunehmend hochentwickelte, technologisierte, wirtschaftsliberale und globalisierte Gesellschaft. Das war der Fußball in Relation zu früheren Entwicklungsstufen unserer Gesellschaft auch schon vor 20 oder 30 Jahren. Auch in diesen Epochen gab es Korruption, da gab es Gewinnorientierung, das große Geld und all das, was der Autor zurecht anmahnt, nur eben auf einer anderen, dem damaligen Entwicklungsstand eher entsprechenden Stufe und es gab vor allem ein weniger großes Bewusstsein darüber, aufgrund einer zu dem Zeitpunkt minder stark ausgeprägten Informations- und Kommunikationslandschaft.
    Wer auf andere professionelle Sportarten schaut, wird dort überall ähnliche Entwicklungen erkennen können – mitunter im kleineren Rahmen aber grundsätzlich in dieselbe Kerbe. Und mehr noch: Wir müssen gar nicht auf der vermeintlich professionellen Ebene des Sports bleiben. „Höher, schneller, weiter“ ist lange auch schon das Motto im Amateurfußballbereich geworden.

    Es gäbe im Profisport durchaus Mittel und Wege, um im Kleinen dagegen zu steuern. Dinge wie beispielsweise salary caps oder umfangreiche Maßnahmen wie die aus dem NWK-Forderungskatalog werden ja hier erwähnt. Das würde aber nicht die Entwicklung im Großen und Ganzen stoppen, die ist nun mal an übergeordnete Vorgaben unserer Gesellschaft (s.o.) gekoppelt. Sie würden lediglich die Auswirkungen der Entwicklung etwas erträglicher machen.

    Sich aber aus diesen Gründen komplett vom Profifußball loszusagen ist für mich die inkonsequente Light-Variante von: Ich kündige meine Wohnung und ziehe in den Wald, es sollte aber der Stadtwald sein und mein Handy nehme ich auch mit. Es ist für mich schlichtweg heuchlerisch, gerade im Fußball die Trennung von der stetig fortschreitenden Entwicklung unserer Gesellschaft vollziehen zu wollen, während man in diversen anderen Bereichen des Lebens munter weiter durchs Laufrad rennt.

    Um das nicht zu kurz kommen zu lassen: Ich respektiere durchaus die persönliche Entscheidung des Autors/ der Autorin, könnte diesen vorläufigen Schlussstrich für mich persönlich jedoch nicht vertreten.

    Sportliche Grüße
    Oli

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