Der Winterurlaub fiel ja bekanntermaßen in diesem Jahr der Pandemie zum Opfer. Und so dümpelte der Winter lange Zeit so vor sich hin. Die Wetterprognosen hatten  nun allerdings schon seit ein paar Tagen Hoffnungen geschürt. Die Wetter-Apps sagten einmütig zweistellige Minus-Temperaturen voraus. Zumindest nachts soll‘s knackig kalt werden und tagsüber nicht über die Null gehen. Und eine dünne Haut aus Eis lag eh schon längere Zeit überm See. Und so werden dieser  Tage schon fleißig Pläne geschmiedet, welchen Punsch man anrühren wird und welche heiße Suppe man mit aufs Eis nimmt. Gleichzeitig wird in den hinteren Winkeln des Schuppens, des Dachbodens oder des Kellers intensiv nach Eishockey-Kellen gestöbert und darüber nachgedacht, ob man noch irgendwo einen Puck rum liegen hat.

Und pünktlich zum Wochenende gehen die ersten WhatsApp-Nachrichten ein, dass das Eis offenbar trägt. Jedenfalls werden fleißig Bilder von zufriedenen Menschen auf dem See gepostet. Es kann also losgehen.  Das erste Mal seit  3 Jahren gibt es wieder ein Eis-Vergnügen. Also wird am frühen Samstagmorgen Erbsen-Suppe gekocht, Würste eingekauft und für den Punsch wird frischer Granatapfeltee mit Sternanis und Orangen aufgebrüht und anschließend mit einer Flasche spanischem 43er Likör angereichert. Und dann geht’s raus. Es gleicht einem halben Umzug. Schließlich müssen neben dem Eishockey-Equipment und den Dingen für das leibliche Wohl auch noch Klappstühle, Schlitten, Campingkocher und Bluetooth-Box mit aufs Eis.

Und auf dem See ist schon einiges los. Überall bekannte Gesichter. „Hallo!“ hier und „Hallo!“ dort. Aber irgendwie halt mit angezogener Handbremse. Man versucht die gebotene Distanz so gut es geht zu wahren und ist unsicher, wie man sich nun zwischen den Menschen verhält. An der vereinbarten Stelle sind schon umtriebige Leute damit beschäftigt, eine bespielbare Eishockey-Fläche mithilfe einer Schneefräse frei zu räumen. Wir richten uns häuslich ein, schnallen die Schlittschuhe unter die Füße und unternehmen die ersten vorsichtigen Gleitversuche. Man muss ja nach der langen Zeit erstmal wieder rein finden. Läuft aber schnell wieder ganz ordentlich. Über die Distanz werden sich fleißig Pucks zugepasst.  So kann man die Abstandsgebote prima einhalten und sich trotzdem sportlich ertüchtigen. In der Pause dann wieder die Unsicherheit: Wie nah darf man zusammenstehen und einen Punsch trinken und wie körperbetont darf man heute beim Eishockey dann zur Sache gehen. Im Vergleich zu früheren Eis-Wochenenden geht man mit halber Kraft vor.

Und trotzdem ist es ein überragendes Erlebnis. Alleine die Tatsache, dass man plötzlich einfach dort überall lang laufen kann, wo man sonst höchstens nur mit dem Boot oder schwimmend hin kommen würde, ist jedes Mal auf eine völlig abgefahrenen Weise total geil. Das Eis trägt wunderbar, aber es ist auch  ein ziemlich lausiges Eis, welches die Natur in diesem Winter anzubieten hat. Dies liegt vor allem daran, dass es mehrfach angefroren und wieder angetaut war, dass dabei reichlich Wind über den See fegte und dass zudem noch 13 cm Schnee auf dem Eis liegen. Ein Genuss ist das Schlittschuhlaufen nicht auf diesem Untergrund. Nur da wo freigeräumt ist, macht es Spaß. Zwischen Puck-Passstafetten, Punch-Trinken und Naturerlebnis-Genießen bemerken wir gar nicht, wie die Zeit vergeht.  

Irgendwann wird der Campingkocher angeheizt und es gibt warme Suppe, wahlweise mit oder ohne Wurst. Die Sonne senkt sich dem westlichen Seeufer immer weiter entgegen und die Knochen tun schon etwas weh. Irgendwann kommt dann doch noch ein richtiges Eishockey-Spiel zustande, mit zwei Toren die aus Jacken gebildet werden.  Körperkontakt wird vermieden, aber geschenkt wird sich nix. Erst als die Sonne weit hinter dem anderen Ufer am Horizont versinkt und sich Nebelschwaden über das Eis schieben, lassen wir es gut sein. Nach einer Feierabend-Molle, suchen wir unsere 7 Sachen zusammen und freuen uns, dass uns die Natur noch mindestens einen weiteren Tag auf dem Eis schenken wird und machen uns auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen ist deutlich zu spüren, dass beim Schlittschuhlaufen wohl Muskelpartien beansprucht werden, die sonst eher nicht in Benutzung sind. Jedenfalls ist ein solider Muskelkater an diesem Sonntag nicht zu leugnen. Aber man ist auf dem See verabredet und da gilt es  jetzt, sich nicht lange mit irgendwelchen Wehwehchen aufzuhalten. Und so ziehen wir mit Sack und Pack los. Heute geht es ans andere Ufer des Sees, mal sehen ob da das Eis besser ist. Es liegt stabiler Hochnebel über dem See. Die Nacht hat alle Pflanzen und Bäume rund um den See in schneeweißen Raureif gehüllt. Ein gigantisches Naturschauspiel.

Auf dem See ist heute noch mehr los als gestern. Und wir steuern unseren Treffpunkt an. Und tatsächlich, dort ist das Eis deutlich schöner, als an der Stelle, wo wir gestern waren.  Und so drehen wir die ersten ausgiebigen Runden über den glatten Untergrund, schließlich muss das Laktat ja irgendwie aus den Beinen. Nach der ersten Bier-Pause hat irgendjemand die Schlaue Idee die Thermoskanne mit starkem Grog auszupacken. Und nach dem zweiten Grog entsteht die noch schlauere Idee, dass man ja eigentlich auch mal einfach um den ganzen See herum fahren könnte auf Schlittschuhen, immer schön am Ufer entlang. Es wird überschlagen, dass das ungefähr eine Strecke von 12 Kilometern sein wird und wenn man entspannt läuft, dann müsste man das locker in einer Stunde schaffen. Wir trinken sicherheitshalber noch einen Grog und nehmen dann die große See-Rundfahrt in gebotenem Abstand zueinander in Angriff. Und es läuft am Anfang wunderbar, wir gleiten über herrlich glattes Eis, dass durch den Wind vom Schnee befreit wurde. Die Sonne kämpft sich durch  den Hochnebel und lässt die Bäume und das Schilf am Ufer in strahlendem Weiß glitzern. Was für ein Ausblick!

Das Wetter bleibt stabil, aber der Untergrund lässt qualitativ nach. Nach der nächsten Bucht wird das Eis geradezu katastrophal. Uneben, mit angefrorenem Schnee überzogen. An gleiten ist nicht zu denken. „Wer hatte denn eigentlich die Idee um den See zu laufen?“ wird gefragt und sarkastisch geflucht: „Na hier läuft es ja mal richtig gut!“

Wir kommen im Schritttempo voran und müssen permanent aufpassen, dass wir uns nicht auf die Fresse packen.  Zum Glück läuft es nach ein paar hundert Metern wenigstens so, dass man immerhin wieder etwas ins Gleiten kommt.

Es sind viele Menschen auf dem See und vielen ist die Sehnsucht nach Geselligkeit anzumerken. In der Vergangenheit war es so, dass sich ein  riesiges unorganisiertes  Volksfest entwickelte, wenn der See zufror. An jedem Steg riecht es dann nach Glühwein, überall werden Grills auf dem Eis angefeuert, von überall her wummert Musik über den See. Dieses Jahr  sind zwar viele Menschen unterwegs, aber es geht verhaltener zu. Klar, hier und da riecht es nach Glühwein, hier und da stehen Gruppen zusammen und ab und zu ist auch ein „Hey, wir wolln die Eisbären sehn!“ aus irgendeiner Bluetooth-Box zu hören. Aber die große Party bleibt aus. Und das, obwohl es das erste Mal seit drei Jahren ein tragfähiges Eis gibt. Und wer weiß, wann es das nächste Mal soweit ist. Aber wir hadern nicht, wir genießen, was die Natur anzubieten hat. Nach ungefähr der Hälfte der Seeumrundung lassen wir uns auf einem unbevölkerten Steg nieder und prosten uns mit Abstand auf einen warmen Punch zu. Kurz nach der Pause wird das Eis noch mal richtig lausig. Als es wieder läuft, knackt es dafür bedenklich unter uns. Nix wie weg hier! Nach über 2 Stunden haben wir dann schließlich die Seeumrundung geschafft und kommen am Ausgangspunkt an.

Wir chillen uns durch den sonnigen Nachmittag und genießen das Naturschauspiel. Zum Sonnenuntergang gibt es ein Feierabend-Bier auf dem Steg, wir beobachten die heraufziehenden Nebelschwaden und fangen an zu frieren. Entlang des gegenüberliegenden Ufers ist zu beobachten, dass hier und da Lagerfeuer entfacht werden. Die Temperaturen sind nach Sonnenuntergang sofort wieder im zweistelligen Minus-Bereich. Wir packen zusammen und frösteln uns nachhause. Durchgefroren, aber auch glücklich darüber, dass uns die Natur zwei Tage Winterurlaubsgefühl geschenkt hat, lassen wir das Wochenende ausklingen. Und es  konnte an diesem Abend ja noch keiner ahnen, dass wir uns nur 5 Tage später an selbigem Gewässer mit kühlem Bier bei 16 Grad plus und im T-Shirt wieder finden würden. Abgefahrene Zeiten, in vielerlei Hinsicht…

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