Als im Mai 2020 nach dem ersten durch Corona bedingten Lockdown die Amateur- und  Nachwuchsfußballer/innen wieder auf die Sportplätze zurückkehren  durften, da stellte der DFB seinen knapp 25.000 Vereinen einen Leitfaden zur Verfügung, in dem Empfehlungen und Richtlinien für den Trainingsbetrieb unter Pandemie-Bedingungen zusammengefasst wurden. Diesem Leitfaden war ein Grußwort des DFB-Präsidenten Fritz Keller und des 1. DFB-Vizepräsidenten Dr. Rainer Koch vorangestellt.  Neben allerleih warmen Worten, für die im Amateur- und Nachwuchsbereich Tätigen, fanden Keller und Koch  letztlich noch den aufmunternden Satz:

“Lassen Sie uns als Fußball weiter gemeinsam vorangehen, verantwortungsvoll und vernünftig.“

Rund ein Jahr nach diesen prätentiösen Worten, darf man sich getrost an den Kopf fassen, wenn man in einer der vielen Amateur- und Nachwuchsmannschaften aktiv ist, die unter dem Dachverband des Deutschen Fußball-Bundes organisiert sind. Und es drängt sich automatisch die Frage auf: „Sagt mal geht’s eigentlich noch, DFB?“

Die DFB-Führung versinkt tagesaktuell in einer schwer zu durchschauenden Schlammschlacht, in der es offenbar vor allem um persönliche Eitelkeiten geht. Nun ist man als jemand, der den DFB seit ein paar Jahrzehnten verfolgt, ja durchaus einiges  gewohnt. Die Liste der Skandale, welche die Führung des Deutschen Fußball-Bund über die Jahre angehäuft hat, ist lang.  

Der letzte einigermaßen skandalfreie aus dem Amt geschiedene DFB-Präsident dürfte Egidius Braun gewesen sein. Der ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder taumelte von einer zweifelhaften Affäre in die nächste und fiel durch zweifelhafte geschichtliche und rassistische Äußerungen auf, die ihn in der heutigen Zeit der Social-Media-Kanäle vermutlich innerhalb kürzester Zeit aus dem Amt geschossen hätten, da der Shitstorm nicht lange vermittelbar gewesen wäre. Sein Nachfolger Theo Zwanziger hatte Glück: Die ihm zur Last gelegten Vergehen im Zuge der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland, verjährten just durch die Corona bedingte Verzögerung im Prozess in der Schweiz und er kam straffrei davon. Dessen Amtsnachfolger Niersbach kostete die WM-Affäre dagegen den Posten als DFB-Boss. Auf Niersbach folgte nun wiederum Reinhard Grindel, welcher nicht nur durch eine äußerst ungeschickte Kommunikation mit Medien, mit Fan-Verbänden und mit Ultras auffiel, sondern sich nebenbei die Tätigkeit  als Aufsichtsrat bei  einer DFB-Tochtergesellschaft fürstlich entlohnen lies und zudem eine Luxus-Uhr eines ukrainischen Oligarchen annahm. Dieses Gesamtpaket brachte schließlich auch ihn zu Fall. Und damit sind jetzt nur die spektakulärsten Skandale und Skandälchen der jüngeren Zeitgeschichte in der DFB-Zentrale angerissen.

Nun ist der (noch) amtierende DFB-Präsident Fritz Keller, seit er die Nachfolge von Grindel angetreten hat, sicherlich durch die ein oder andere ungeschickte Aussage aufgefallen. Er ist aber sicher auch durch die ein oder andere wirklich dumme Aussage aufgefallen. So relativierte er beispielsweise das Thema Rassismus in Deutschland  bei einem Auftritt im Sportstudio im Frühjahr 2020. Auch der kürzlich gefallene Vergleich von Rainer Koch mit einem Nazi-Richter war sicher kein kluger Schachzug. Dass in seine Amtszeit eine umfangreiche Steuer-Razzia gegen amtierende und ehemalige Funktionäre des DFB aus dem Oktober 2020 gefallen ist, kann man dem amtierenden DFB-Präsidenten nicht vorwerfen. Fritz Keller sorgte aber für den Stein des Anstoßes für die derzeitige Schlammschlacht, die an der Verbandsspitze tobt. Und ob Fritz Keller in dieser Geschichte auf der „bösen Seite“ oder der „guten Seite“ steht oder irgendwo dazwischen, lässt sich bisher noch nicht klar abschätzen.

Auslöser des derzeitigen Konfliktes war die Tatsache, dass Keller einen Vertag, der zwischen dem DFB und dem Kommunikationsberater Kurt Diekmann 2019 geschlossen wurde, und der mit mehreren hunderttausend Euro dotiert ist, untersuchen lassen wollte, da nicht klar aus ihm hervor ging, für welche Dienstleistungen diese stattlichen Summen denn nun genau flossen. Für den Laien scheint dies zunächst mal eine legitime Handlung eines DFB-Präsidenten zu sein.

Nur brachte diese vermeintlich legitime Handlung u.a. den DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius und den 1. DFB-Vizepräsidenten Dr. Rainer Koch gegen Fritz Keller auf. Woher aber nur diese Aufregung? Nun, wenn man sich in diesem Internet ein wenig umsieht, dann könnte man auf den Gedanken kommen, dass Keller da offenbar in ein Wespennest gestochen haben könnte. Recherchen der Süddeutschen Zeitung legen nahe, dass eine Verbindung zur Affäre um die WM-Vergabe 2006  bestehen könnte. Hier soll nun nicht spekuliert werden und erst Recht keine forensische Recherche betrieben werden, da dies andere Organe professioneller betreiben können. Festzuhalten bleibt aber, dass dieser sagenumwobene Beratervertrag zwischen DFB und Kurt Diekmann zur offenen Konfrontation in der DFB-Führung führte. Protagonisten in dieser seltsamen verbalen Dorf-Prügelei sind u.a. der DFB-Präsident Fritz Keller, DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius, der 1. DFB-Vizepräsidenten Dr. Rainer Koch sowie der DFB-Schatzmeister Osnabrügge. Und ähnlich wie in einem berühmten gallischen Dorf, nehmen offenbar zunächst Unbeteiligte gerne den kleinsten Anlass freudig an, um in die Auseinandersetzung einsteigen zu können. Offenbar haben Leute wie Reinhard Grindel nur auf den ersten Akkord des Barden Troubadix und Leute wie Christian Seifert nur auf die erste fliegende Auslegeware des Fischhändlers Verleihnix gewartet, um endlich mitmischen zu dürfen in dieser zünftigen Massen-Keilerei. Immerhin bezichtigte Ex-DFB-Boss Grindel den Vize Rainer Koch kürzlich öffentlich der Lüge und auch DFL-Boss Christian Seifert  ging Rainer Koch öffentlichkeitswirksam an.

Es könnte also sein, dass hinter diesem Beratervertrag zwischen Kurt Diekmann und dem DFB  ein neuer, weitreichender Skandal der jüngeren Geschichte des größten Sportverbandes der Welt schlummert. Und so könnte es natürlich auch sein, dass hinter diesem jetzt medial begleiteten Showdown zwischen Fritz Keller und Rainer Koch viel mehr steckt, als ein völlig überflüssiger Nazi-Richter-Vergleich. Nur ist es inzwischen leider auch so, dass ein weiterer Skandal in der Führungsebene des Deutschen Fußball-Bundes nun wahrlich kaum noch jemanden erschüttern oder hinter dem Ofen hervorlocken kann. Es ist zur Gewohnheit geworden, dass sich Spitzenfunktionäre in den großen Fußballverbänden unlauterer Mittel bedienen, meist mit Bedacht auf den eigenen Vorteil. Das eigentliche skandalöse an diesem derzeit bizarren Schauspiel ist aber ein viel größerer, nicht auf den ersten Blick sichtbare Skandal, der wie Mehltau über der Fußball-Landschaft dieses Landes liegt:

Der Amateur- und Nachwuchsfußball steckt parallel zu diesen Machtspielchen  aufgrund der Pandemie gerade in der größten Krise seit über 70 Jahren. Und auch wenn es aufgrund des medialen Fokus immer mal wieder in Vergessenheit gerät: Der DFB ist in aller erster Linie der Dachverband der 25.000 Vereine des Breitensports, mit ihren über sieben Millionen Mitgliedern.

In den meisten Amateur-Klassen wurde die aktuelle Saison annulliert. In vielen Nachwuchsligen wurde zum zweiten Mal in Folge die Saison ohne Wertung abgebrochen. Hunderte Nachwuchstrainer mussten der Enttäuschung von tausenden geplatzter Kinderträume entgegenwirken, die Aussetzung des Spiel- und Trainingsbetriebes über Monate erklären und schließlich wieder die Botschaft einer abgebrochenen Saison überbringen. Sie mussten ihre Nachwuchskicker über Monate unter Anstrengungen und Kreativität bei der Stange halten, obwohl sie nicht gemeinsam auf die Sportplätze durften. Der komplette Breitensport ächzt unter den Kontaktbeschränkungen die einen regulären Trainingsbetrieb erschweren, vielerorts komplett unmöglich machen. Vereine verzeichnen Mitgliederschwund, das gesellschaftlich sinnstiftende Vereinsleben ist seit über einem Jahr mehr oder weniger zum Erliegen gekommen. Zahlreiche Vereinskneipen sind pleite gegangen, zahlreiche klein- und mittelständige Sponsoren mussten sich aus dem Amateur-Fußball zurückziehen, da sie selber wegen der Pandemie unter Druck geraten sind.

Der Fußball kann seine gesellschaftliche Rolle seit über einem Jahr nicht mehr ausüben. Trotzdem wird an der Basis gekämpft, es werden Hygienekonzepte erstellt, erfindungsreiche Trainingsformen etabliert, kreative Maßnahmen für Sozialkontakte unter Wahrung der Abstands- und Hygieneregeln entwickelt und ideenreich das Vereinsleben aufrecht erhalten. Treiber dieser Lösungsstrategien sind die Ehrenamtlichen, denen der Fußball am Herzen liegt.

Und das Schlimme: Aus der Riege der Spitzenfunktionäre des DFB hört man dazu erstaunlich wenig. Außer Lippenbekenntnissen ist kaum etwas zu vernehmen. Anstatt, dass der DFB – immerhin der größte Sportverband der Welt – seiner eigentlichen Bestimmung nachkommt und sich als Lobbyist für seine 25.000 Vereine einsetzt, betreibt man lieber Machtkämpfe um Positionen und Einfluss. Anstatt, dass sich der DFB an der Speerspitze einer gesellschaftlichen Rettung des Breitensports positioniert, in Talkshows auf die Nöte im Amateur- und Nachwuchssport hinweist, Hilfspakete oder gar solidarischen Hilfsfonds unter  Beteiligung  des Profisports gründet, anstatt dass der DFB seine Macht, seinen Einfluss und seine Netzwerke dazu nutzt, Amateur-Vereine nicht im Regen stehen zu lassen und ihnen hilft irgendwie durch diese Pandemie zu kommen, stattdessen tobt an der DFB-Spitze eine Schlammschlacht um undurchsichtige und sicher nicht im Sinne des Breitensports geschlossener Verträge. Dass einer der Protagonisten dieses unwürdigen Schauspiels ausgerechnet der 1. Vizepräsident Dr. Rainer Koch ist, ausgerechnet der Rainer Koch, der von Amtswegen als höchster Vertreter der Amateure gilt und sich in dieser Rolle ansonsten auch gerne medienwirksam gefällt, steht dabei für sich.

In einer Zeit, in der es im Amateur- und Nachwuchsfußball um das nackte Überleben geht, verzettelt sich dieser Rainer Koch mit Fritz Keller und anderen Protagonisten in einem würdelosen Machtgehabe um Intrigen, Eitelkeiten und Posten.  Und darin liegt letztendlich der eigentliche Skandal dieser DFB-Führung. Sie lassen die vielen tausende ehrenamtlich tätigen Menschen, denen sie eigentlich vorstehen im Stich. Sie offenbaren damit nicht nur, dass sie sich sehr weit von der Basis entfernt haben, sie dokumentieren damit, dass sie ihren Ämtern nicht gewachsen sind und dringend abgelöst gehören.

Um das am Anfang des Textes aufgeführte Zitat von Koch und Keller noch mal aufzugreifen, in dem sie die Ehrenamtlichen im Breitensport zum angemessenen  Umgang mit der Pandemie aufriefen:

“Lassen Sie uns als Fußball weiter gemeinsam vorangehen, verantwortungsvoll und vernünftig.“

Dazu bleibt festzuhalten: Der Breitensport hat geliefert. Koch und Keller leider nicht.

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