Ja,  die Frage, um die es hier geht,  steht da oben in der Überschrift. Wobei diese Frage  unpräzise ist. Sie wurde ehrlich gesagt nur als plakativer Aufmacher gewählt, weil eine sehr leidenschaftlich geführte Online-Diskussion rund um die SGE vor einigen Jahren den Titel trug „Caio, wie kriegen wir das wieder hin?“

In Wirklichkeit lautet die Frage dieses Textes:“ Eintracht, kriegen wir das wieder hin?“ Natürlich ist es nur das Weglassen  eines einzigen Wortes, aber das verändert die Ausgangsfrage entscheidend: Es geht nicht um das „Wie“ sondern um das „Ob“.

Und liebe Eintracht, bevor wir hier los legen, muss noch folgendes geklärt werden: Das hier ist keine Anklage und es ist keine Abrechnung.  Dies ist ein sehr persönlicher Versuch einer Bestandsaufnahme. Oder vielleicht ist es viel eher ein Verarbeitungsversuch. Ich befürchte ehrlich gesagt, dass es sogar eine Art Selbsttherapie ist. Irgendeine schlaue Person hat mal gesagt, man muss Sachen aufschreiben, um sie klar zu kriegen. Und ob ich die Sache mit dir und mir, liebe Eintracht, hier abschließend klar kriege, will ich schon jetzt bezweifeln. Aus diesem Grund wird dies vermutlich ein Text, der nicht ohne Widersprüche und Unstimmigkeiten auskommt. Es könnte ein Text werden, der Zerrissenheit und Verletzungen nicht verhehlen kann und der Leserinnen und Lesern an manchen Stellen auf den Sack gehen wird. Es geht um eine jahrzehntelange Leidenschaft. Und es geht um Emotionen, die erloschen sind. Ziemlich banal, könnte man einwenden. Aber so banal  ist es vielleicht doch alles nicht.

Liebe Eintracht, um das alles zu verstehen, ist es vielleicht hilfreich, zu den Ursprüngen unserer gemeinsamen Geschichte zurückzukehren. Wie begann das damals eigentlich? Irgendwann Mitte der 1980er Jahre. Familiäre Vorprägung sorgte dafür, dass ich früh wusste, dass in der Sportschau die in den weißen oder wahlweiße schwarz-roten Trikots (sofern ein Farb-Fernseher verfügbar war)  die Guten waren. Richtig Fahrt nahm unsere gemeinsame Story vermutlich  am 28. Mai 1988 auf: Du liebe Eintracht tratst  an diesem Tag im Berliner Olympiastadion zum DFB-Pokalfinale gegen den VfL Bochum an. Eine gewisse Nervosität im familiären Umfeld vermittelte, dass an diesem Tag offenbar ein bedeutendes Fußballspiel an stand.  Und du liebe Eintracht gewannst an diesem Tag durch ein Freistoßtor durch  Detari den goldenen Pokal. Ich fieberte mit. Von diesem Tag war unser gemeinsamer Weg durch die nächsten Jahrzehnte geebnet.  Wir versuchten in den folgenden Sommermonaten den „Detari-Freistoß“ hunderte Male auf dem Bolzplatz nachzuspielen. Demjenigen, dem es gelang, den Ball auch nur annähernd so elegant über eine Mauer zu zirkeln und den Ball dann im Tor zu versenken, war Ruhm und Ehre für mindestens einen Tag gewiss.   

Es folgte das erste eigene Kicker-Sonderheft und so wurde der  Saison  88/89 entgegengefiebert. Das konnte doch eigentlich nur eine gute Saison werden, denn du liebe Eintracht und ich, waren ja schließlich Pokalsieger geworden.  Und wie soll man es sagen? Du weißt es ja selber, Eintracht: Unsere erste komplette gemeinsame  Saison wurde eine absolute Katastrophe. Im ersten Spiel flog Uli Stein vom Platz, im zweiten Spiel unterlag man zuhause gegen einen Aufsteiger. Und so ging es munter weiter: Eine Blamage folgte der nächsten. Du Eintracht hattest einen Trainerverschleiß von  alleine drei Trainern in der Hinrunde. Irgendwann waren dann sogar in der Tagesschau Bilder von  deiner Mitgliederversammlung zu sehen, wo ein Mann  von der Bühne geprügelt  wurde. „Geh runner!“  

Ohne Übertreibung liebe Eintracht:  Unsere erste gemeinsame Saison war ein Stahlbad. Permanenter Frust wegen der sportlichen Ergebnisse und ein komisches Gefühl, dass in deinem  Umfeld Leute tätig waren, die nicht alle Tassen im Schrank hatten. Vermutlich  dachte ich mir ab und zu: „Warum ist mein Verein eigentlich so ein Chaos-Verein?“ Dazu die permanente Häme von Klassenkameraden, die sich für Bayern München entschieden hatten und Sieg um Sieg ihrer Mannschaft bejubeln konnten. Aber liebe Eintracht: Irgendwie war klar, dass ich keine Wahl hatte. Einen Fußballverein sucht man sich nicht aus. Aus irgendeinem Grund war mein infantiles Bewusstsein so ausgeprägt, dass ich schon damals der felsenfesten Überzeugung war, dass es trotzdem richtig war, zu dir zu stehen. Und dass es grundlegend  falsch ist, sich z.B. zum FC Bayern zu bekennen. Denn wer den Bayern nachrennt, der liebt keinen Fußballverein sondern der liebt den Erfolg.  Ohne Quatsch liebe Eintracht: Ich habe mich wegen dir früher auf dem Pausenhof geprügelt. Immer dann, wenn einem  die „Bayern Fans“ mal wieder hämisch die Ergebnisse vom Wochenende unter die Nase gerieben haben. Denn mir war damals schon klar, dass du liebe Eintracht der bessere Verein bist, egal ob wir dauernd verlieren und die scheiß Bayern dauernd gewinnen.

Ich erinnere mich noch an die Ergriffenheit  während der ersten Stadionbesuche in der zugigen alten Schüssel namens Frankfurter Waldstadion, in die  sich selten mehr als 15.000 Zuschauer verirrten. Und am Ende der Saison ist es ja alles doch noch irgendwie  gut ausgegangen. Du liebe Eintracht konntest mit Hängen und Würgen irgendwie den Klassenerhalt sichern, erst durch ein Tor durch Charly Körbel am letzten Spieltag in Hannover und dann mit nervenaufreibenden Relegationsspielen gegen den 1. FC Saarbrücken mit seinem brandgefährlichen Stürmer aus Ghana. Jörg Bergers erste Rettungsmission war completed. Wer so eine Saison als SGE-Fan durchsteht, der bleibt ihr verbunden, sollte man meinen.

Und man wurde in den Folgejahren ja auch umfangreich entschädigt, denn es folgten die sagenumwobenen Jahre des Fußball 2000. Ohne in die Einzelheiten zu gehen: Es war ein Spektakel, was du liebe Eintracht auf dem Platz veranstaltet hast. Herzstück  war der geniale Uwe Bein, der durch seine Pässe sogar Rumpelfüßler wie Jörn Andersen zum Torschützenkönig der Bundesliga machen konnte. Komplettiert wurde das Ensemble durch Leute wie Binz, Falkenmayer, Gründel später Yeboah und noch später Jay-Jay. Und natürlich Uli Stein, die Identifikationsfigur unserer ersten gemeinsamen Jahre. Was waren das für Fußballfeste, die wir zusammen feierten? Und plötzlich war man auch sportlich auf Augenhöhe mit den Scheiß-Bayern und die Häme auf dem Pausenhof nahm immer weiter ab.  Aber du liebe Eintracht, hast natürlich auch damals nicht mit fiesen  Eiertritten gespart. Ich erinnere mich an eine 0:6 Heimniederlage gegen den HSV mit anschließender Berger-Entlassung. Rostock natürlich. Aber auch eine unrühmliche Heimniederlage gegen Leverkusen im DFB-Pokal-Halbfinale oder der Rauswurf von Uli Stein. Und dann folgte der Niedergang. „Ab heute gehen die Uhren anders in Frankfurt.“ Wie Recht er hatte, der Osram. Es war plötzlich nichts mehr wie es war. Du liebe Eintracht und ich wissen, was folgte. Die Geschichte ist zur Genüge erzählt.  Ich will daher  jetzt nicht alles im Detail aufzählen, ich könnte ein Buch über die Emotionen und Erlebnisse aus der Horror-Saison 1995/1996 schreiben.  Alleine das Auswärtsspiel am 01.05.1996 in Köln oder der letzte Spieltag, als der Abstieg schon fest stand und der HSV  im Waldstadion gemeinsam mit Offenbacher Hools unseren Abstieg feierte…

Grandioser Absturz und folgende Jahre in der Bedeutungslosigkeit. Aber auch diesen Weg sind wir unbeirrt zusammen gegangen, liebe Eintracht. Diesen Weg mit wenigen Höhen („Und sie kommen jetzt wieder mit Christoph Westerthaler in der zentralen Position…“) und zahlreichen Tiefen.  Es ging nicht mehr nach Dortmund, Hamburg und nach Bremen, nein nun ging es auch nach Meppen, Jena, Mainz und Oldenburg. Jahr für Jahr kaufte ich die  neue Dauerkarte ohne zu zögern. Inzwischen warst du liebe Eintracht weit mehr, als der Sport. Man kannte die Leute aus dem Block, der Stadiongang war zu einem 14-tägigen Ritual mit Freunden geworden.

Um ehrlich zu sein habe ich es erst Jahre später verstanden, was du liebe Eintracht damals für einen Pakt mit dem Teufel eingegangen bist, als wir uns Octagon an den Hals warfen. Wir kamen an schnelles Geld und mussten dafür noch Jahr später bluten. Um ein Haar hätte es dir liebe Eintracht in der Folge das Genick gebrochen. Erstmals wurde mir bewusst, dass der Fußball abseits des Rasens offenbar ein Schweinesystem ist, in dem Leute bereit sind, für Geld über die Interessen von Vereinen und Fans zu gehen. Es folgten sportlich wenig erfolgreiche Jahre, irgendwo im Niemandsland zwischen 1.  und 2. Bundesliga. Und dennoch bist du mir, liebe Eintracht gerade in dieser Zeit noch enger ans Herz gewachsen. Das lag daran, dass es mich selbst raus in die Welt zog, weg aus der Heimatstadt am Main. Und so warst du mir im Neuen ein Anker in die alte Heimat und eine Identitätsstütze auf unbekanntem Terrain. Ich verfolgte dich noch emotionaler, es waren tolle Erlebnisse, wenn ich es aus der Ferne mal wieder zu einem Heimspiel ins Waldstadion schaffte. So viele gemeinsame Erlebnisse stammen aus dieser Zeit. Alleine in der Saison 2004/2005, die mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga endete, habe ich es zu immerhin 20 Spielen zu dir ins Stadion geschafft, egal ob Auswärts oder im Waldstadion. Und das immerhin mit einem Wohnort, fast 500 km entfernt  vom Frankfurter Stadtwald. Und ich habe zahlreiche Leute kennen gelernt, die in der Ferne eine ähnlich verrückte Leidenschaft für dich pflegten. Mit diesen Leuten sind wir tausende Kilometer zu deinen Spielen gefahren, haben Wochenenden in versifften Zügen und auf runtergekommenen Bahnhöfen verbracht.  Einmal sind wir an einem Freitag nach Frühschicht  im 9sitzer 500 km die Autobahn  runter gebrettert, haben uns das langweiligste Fußballspiel aller Zeiten angesehen (0:0 gegen Hannover), sind direkt nach dem Abpfiff wieder auf die Autobahn und ich war kurz vor fünf am nächsten Tag zuhause und um 7 Uhr frisch geduscht auf Arbeit. Und wir haben so was immer wieder gemacht und haben es eigentlich nie bereut. Sowas schweißt zusammen. Es gäbe tausende erzählenswerte Anekdoten aus dieser Zeit zu berichten.  Ich habe so viele tolle Leute kennen gelernt, die ich ohne dich, liebe Eintracht, nie kennen gelernt hätte. Und sportlich ging es ja weiter zwischen Mittelmaß und Tristesse.

Es war eine Zeit, in der man  schon mit wenig zufrieden war. Ich habe aber vom ersten Tag an gespürt, dass das mit Skibbe schief gehen wird. Das war von Anfang an der falsche Mann am falschen Platz. Aber auch diesen Nackenschlag haben wir irgendwie verarbeitet bekommen, die Rückkehr in die Bundesliga und sportliche Höhen und Tiefen gingen weiter, die Leidenschaft zu dir liebe Eintracht, war ungebrochen.

Und es  folgten ja schließlich auch noch mal Jahre, in denen du die Anhänger beschenkt hast, liebe Eintracht. Klar es gab eine  weiteren Katastrophen-Saison 2015/2016. Eine Saison,  in der alle Verantwortlichen kurz davor waren, im Blindflug ein weiteres Mal alles vor die Wand zu fahren. Erst im aller letzten Moment konnte ein erneuter sportlicher Absturz mit einem enormen Kraftakt verhindert werden. Und dann hattest du plötzlich eine Mannschaft am Start, die die Identifikation mit dir Eintracht, noch mal auf ein neues Level hob. Du hast aus wenigen finanziellen Möglichkeiten was Großes gemacht. Spieler aus der ganzen Welt bildeten eine kämpfende Einheit auf dem Platz in der jeder für jeden rannte. Der Weg führte bis ins DFB-Pokalfinale gegen Dortmund. Ein Jahr später wurde mit Kevin Prince Boateng noch ein entscheidendes Puzzleteil hinzugefügt und wir hatten eine bunte Mannschaft auf dem Platz, die die Stadt Frankfurt wunderbar repräsentierte, die einen kampfbetonten Fußball spielte und auch neben dem Platz eine gute Figur abgab. Zudem ein Präsident, der öffentlich klar Stellung bezog und sich gegen Ausgrenzung, Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus positionierte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen, nur leider versäumten so viele andere Personen des Profifußballs und des öffentlichen Lebens sich diesen Selbstverständlichkeiten anzuschließen.

Das war eine Zeit, in der ich eine tiefe Verbundenheit  zu dir verspürte, liebe Eintracht. Dass das dann noch in dem sensationellen Pokalsieg gipfelte, war die Krönung. Das war der beste Moment, den du und ich, liebe Eintracht, je zusammen hatten.  

Der Pokalsieg war nicht nur ein unglaubliches Glücksgefühl sondern er hat auch viele Wunden geheilt. Ich habe mit so vielen Nackenschlägen meinen Frieden machen können, die du liebe Eintracht mir in über 30 Jahren regelmäßig verpasst hast. 

Und dann war Kovac zwar weg, aber es folgte eine spektakuläre Saison. Es wurde noch geilerer Fußball gespielt, Europapokal, Büffelherde, Angriffsfußball. Aber selbst in dieser Euphorie kamen die ersten Zweifel. Klar, wir sangen voller Inbrunst „Eintracht Frankfurt International!!!“ auf den Rängen. Aber plötzlich war da eine Stimme im Hinterkopf  und die fragte immer öfter: Soll man wirklich einen Wettbewerb feiern, der von einem komplett  korrupten Verband wie der UEFA ausgerichtet wird? Ein undankbarer, verkalkter Verband, der Fans in den Arsch tritt, weil sie seinen Wettbewerb  zelebrieren? Was waren denn das für absurde Geschichten rund um die Auswärtsspiele in Europa? Die Eintracht-Fans wollten einfach Fußball-Feste in Europa. Die Realität war: Unverschuldetes Geisterspiel in Marseille samt „Aufenthaltsverbot“ in der Stadt Marseille, Provokationen durch  Faschisten auf Zypern, die von der UEFA ungestraft blieben. In Rom dann begrenzte Ticketkapazitäten für Gästefans trotz fast leerem Stadion, dazu wieder faschistische Provokationen durch römische „Fans“ die wieder kein Nachspiel seitens der UEFA nach sich zogen. Und ja, auch  auf unserer Seite vereinzelte Spinner, denen es wichtiger war, auch in Europa mal dicke Eier zeigen zu können, als das Interesse  der Mehrzahl der Eintracht Fans im Blick zu behalten. Dies gipfelte schließlich in den Ereignissen von San Siro. Und natürlich: Auch ich habe mich von den Heimspielen im Europapokal elektrisieren lassen. Das waren gigantische Fußballfeste. Und dennoch meldete sich immer öfter diese Stimme im Hinterkopf, die Zweifel an diesem ganzen Fußball-Spektakel anmeldete.

Du liebe Eintracht hattest ja in dieser beschriebenen Saison sogar lange Zeit eine realistische Chance, dich für die Champions League zu qualifizieren. Das wäre ein toller sportlicher Erfolg und ein noch tollerer finanzieller Erfolg gewesen. Ich hätte es vermutlich damals sogar noch gefeiert. Aber auch da waren schon die Gedanken im Kopf, dass es womöglich gar nicht so erstrebenswert ist, sich in einem Wettbewerb eines verbrecherischen Verbandes mit anderen Fußball-Konstrukten zu messen, die entweder von menschenverachtenden Staaten finanziert oder von Strategen zweifelhafter Konzerne  geführt werden. Von solchen, denen es nur um Geld und Einfluss geht. Letztlich muss man fast dankbar sein, dass du liebe Eintracht mit dem spektakulären Elfmeter-Drama in London genau zum richtigen Zeitpunkt ausgeschieden bist und dir und deinen Fans dadurch das vielleicht unwürdigste und fan-unfreundlichste Finale eines Europapokalwettbewerbes aller Zeiten erspart hast.  Mit der Vergabe dieses Endspiels nach Baku in Aserbaidschan hinterlegte die UEFA jedenfalls ein weiteres Mal in aller Deutlichkeit, dass sie auf Faninteressen und sogar auf die Sicherheit von Spielern scheißt, solange die Kohle stimmt.

Ja, es war eine tolle Saison und es war eine sehr zwiespältige Saison. Und am Ende waren dann alle drei Büffel weg. Folgerichtig, wenn man nach der Logik des Geschäftes geht. Ich selbst habe mich damals noch damit zu beruhigen versucht: Ist halt so, dass sind die Mechanismen des Business. Immerhin wurden wir, liebe Eintracht, ja fürstlich entlohnt, so hab‘ ich es mir schön geredet. Zunächst war auch ich  fast etwas stolz, dass ein Eintracht Spieler den Sprung zu Real Madrid geschafft hat und du liebe Eintracht dafür auch noch eine Rekordsumme von zig Millionen Euro einstreichen konntest.  Bei dem nächsten, der dann zu West Ham absprang, war kaum noch Stolz dabei. Bei dem Haller-Transfer war einfach viel zu offensichtlich, dass es nur ums Geld ging und um nichts anderes. Da blieb nicht der kleinste Raum für einen verklärt naiven Fußball-Romantiker-Gedanken. Es war finanziell der nächste Schritt für ihn. So wie du Eintracht für ihn der vorangegangene finanzielle Schritt warst. Nicht mehr und nicht weniger. Und beim dritten  Büffel tat es dann fast ein bisschen weh, als er den Absprung nahm. Klar war Ante nicht mehr tragbar, klar war es vermutlich unvermeidbar ihn abzugeben. Aber uns verließ der Pokalheld von 2018. Einer, der emotional in einer Reihe mit Stein, Bein, Fjörtoft und Yeboah steht.  

Wie gesagt liebe Eintracht: Ich habe mir eingeredet, dass es eben der moderne Fußball ist und dass man es so hinnehmen muss.  Ich habe es mir nicht eingestanden, aber es ist dann trotzdem ein kleines Stück mehr  kaputt gegangen. Und die Zweifel wurden nicht weniger.  Die neue Saison begann, wir spielten wieder europäisch. Tallin war ein geiles Auswärtsspiel, was für eine schöne Stadt, was für nette Menschen.  Und schön, dass Flora im Rückspiel eine Würdigung durch unsere Kurve erhalten hat. Da war der eigentliche Sinn dieses Spiels noch einmal spürbar. Aber die korrupte UEFA spielte erneut  ihre Spielchen mit uns. Fan-Ausschluss bei den Auswärtsspielen in Lüttich und gegen Arsenal. Die Gedanken gingen zunehmend in folgende  Richtung:“ Ach fickt euch doch UEFA und spielt eure Scheiß Europa League alleine mit den Plastiks!“ Eintracht Frankfurt und Europapokal der Neuzeit passt nicht zusammen.  In Salzburg zog ein Sturm auf. Aber hier waren es nur die Wetterbedingungen, die eine Spielabsage verursachte. Wenig später war es dann kein meteorologisches Phänomen  mehr,  welches für eine Vollbremsung sorgte. Die Pandemie hat den Stecker knallhart gezogen. Zack, Ende, aus.

Das Spiel gegen Basel war das erste Spiel seit Jahrzehnten, welches ich mir bewusst nicht mehr angesehen habe, obwohl ich es hätte können. Ich habe immer mal wieder ein Spiel von dir versäumt  liebe Eintracht. Aber wenn, dann waren es private oder berufliche Verpflichtungen. Wenn immer es möglich war, habe ich keine Sekunde verpasst. Aber an diesem 12.03.2020 hatte ich schlicht und einfach keine Lust, mir dein Spiel anzusehen. Schon absurd genug, dass dieses Spiel  24 Stunden zuvor sogar noch vor ausverkauftem Haus ausgetragen werden sollte. Aber an diesem Tag hatte ich das Gefühl, dass eine Sache auf uns zurollt, die weit bedeutungsvoller ist als ein Europa League Spiel. Ich fand es falsch, dass dieses Spiel überhaupt angepfiffen wurde. Irgendwann am späten Abend habe ich dann auf einer Internetseite erfahren, dass das Ergebnis  zu meiner Gefühlslage passte und es wahrscheinlich besser war, dass ich mir dieses Grauen nicht angetan habe.

Und dann war es erstmal vorbei mit dem ganzen Zirkus rund um den Profifußball. Und ja, auch rund um dich liebe Eintracht. Der Spielbetrieb war ausgesetzt und die Funktionäre der Geldmaschinerie rangen um Fassung. Sie sahen den Kollaps des  kaputten Systems plötzlich unmittelbar auf sich zurollen. Es war ein unwürdiges  Schauspiel, wie Leuten wie  Watzke und Rummenigge öffentlich der Arsch auf Grundeis ging  und sie dabei Dinge sagten, die sie besser nicht gesagt hätten. Die bunte Fassade brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen, die zuvor an vielen Stellen noch das kranke, korrupte und menschenverachtende System hinter dem Profifußball ein Stück weit vertuschen konnte. Die ganzen Abgründe traten nun ungeschönt zutage. Und es wurde umso deutlicher, dass auch du liebe Eintracht ein Akteur in diesem System bist. Es war zunächst ruhig in Frankfurt. Man vermied so erbärmliche TV-Auftritte, wie sie Watzke in dieser Zeit haufenweise hinlegte. Man organisierte stattdessen lieber Einkaufsdienste für Senioren und Spenden für Bedürftige. Das war aller Ehren wert. Aber du, liebe Eintracht, konntest nicht länger den Mantel des Schweigens darüber decken, dass auch du ein Akteur in diesem  Schweine-System bist. Du konntest nicht mehr verbergen, dass du in Wirklichkeit im Team-Watzke-Rummenigge spielst. Und wenn wir ehrlich zueinander sind, liebe Eintracht,  bist  du geradezu gezwungen in diesem Team zu spielen, wenn du  weiterhin auch nur im Ansatz mit den großen Hunden pinkeln  möchtest. Das weißt du und das weiß ich.

Liebe Eintracht, du darfst nun völlig zu Recht einwenden: All die Abgründe, all die Auswüchse dieses kranken  Systems waren lange vor Corona bekannt und offensichtlich. Wer sehen wollte, konnte sehen.  Und das schon seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten! Ja, man hätte es wissen können. Man hat es wissen müssen. Und natürlich wusste ich es. Spätestens nach der Octagon-Geschichte müsste jedem Eintracht-Anhänger die Fußballromantik abhandengekommen sein.  All die Abgründe des Geschäfts lagen lange vor Corona auf dem Tisch. Korrupten Deals zwischen Leo Kirch und dem FC Bayern München auf Kosten der Chancengleichheit, die Tatsache, dass wohl in den letzten Jahrzehnten kein großes Fußballturnier mehr ohne Korruption und Bestechung irgendwohin vergeben wurden, die Enthüllungen auf Football-Leaks, die Tatsache, dass es wohl in den letzten 20 Jahren kaum einen gehobenen  Funktionär im Profifußball gab, der nichts mit Korruption oder sonstigen kriminellen Machenschaften zu tun hatte, enge Beziehungen zu menschenverachtenden Regimen, Kooperationen mit zweifelhaften Wirtschaftsunternehmen, Verbände, die für Geld ihre eigenen Regeln außer Kraft setzen (Financial Fairplay, 50+1 …),  insgesamt ein System voller Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit,  völlig entkoppelt von der Lebenswirklichkeit der „durchschnittlichen“ Bevölkerung.

Spätestens als uns die Polizei nach dem Aufstiegsspiel 2005 gegen Burghausen durch Sachsenhausen jagte um ohne Anlass für den Ernstfall, der WM ein Jahr  später zu proben, hätte man wissen müssen, dass traditionelle Fußballfans ein Auslaufmodell in diesem Zirkus sind. Apropos WM 2006: Rückblickend der endgültige Anfang vom Ende, das „Einläuten“ und die Manifestation einer neuen Fußball-Zeit. Einer Zeit, in der Fanbelange keine Rolle mehr spielen und alles der totalen Kommerzialisierung untergeordnet wird. Um jeden Preis. Aber das wäre noch mal eine andere  Geschichte.

Um den Strang wieder aufzunehmen: Ja, wir alle wussten es, dass es ein korruptes Scheiß-System ist. Trotzdem ließ ich mich bereitwillig blenden, versteckte mich bis zuletzt hinter so Sachen wie geilen Kurven-Choreos,  geilen Auswärtsfahrten, tollen Fan-Initiativen und Freundschaften innerhalb der Fan-Szene. Der Selbstbetrug funktionierte nach folgendem Schema: Auf der einen Seite: Die korrupten Verbände und Funktionäre, die Feinde des Sports, die verkommene Fußball-Mafia, die Bayern, der DFB, der BVB, RasenBall, Hopp die DFL usw. Auf der anderen Seite: Wir, die Eintracht, die heilige Gemeinschaft, die sich um die Werte des Sports und darüber hinaus bemüht. Bei uns war das Gras doch deutlich grüner, als an anderen Standorten. Wir in Frankfurt machen das doch alles viel, viel besser. Rein objektiv darfst du liebe Eintracht mir an dieser Stelle also mindestens einen naiven Selbstbetrug vorwerfen. Und dieser Selbstbetrug hat ja auch lange funktioniert. Du gabst mir die Emotionen für die ich bereit war, sehenden Auges blind zu sein. Aber natürlich warst du schon in all den Jahren auch ein Teil der dunklen Seite des Spiels.

Die Pandemie – in der man ja eigentlich  auf Masken angewiesen ist –  ließ gleichzeitig viele Masken fallen. Masken hinter denen ich mich versteckt hatte, aber auch hinter denen du Eintracht dich versteckt hast  und hinter denen sich der gesamte Profifußball versteckt hat.

Klar, zu  Beginn der Pandemie konnte man sogar noch ganz kurz hoffen, dass sich etwas ändert, dass sich etwas bessert. Man war ja noch ein Stück weit im Naivitätsmodus der letzten Jahre gefangen. Und immerhin räumte Christian Seifert mit aufgesetztem Hundeblick ein:

„Vielleicht kommen wir nun an einen Punkt, an dem wir uns eingestehen müssen, dass wir ein Produkt herstellen.“

Hört, hört! Einige Wochen später, als den Rummenigges, den Watzkes und vermutlich auch den Bobics dieser Welt das Wasser bis Unterkannte-Oberlippe stand, legte Seifert in der FAZ  mit professionell inszenierter Demut nach. Ja, der Herr Seifert stellte sogar  Obergrenzen bei Spielergehältern, Beraterhonoraren und Ablösesummen in Aussicht. Er untermauerte es mit schönen Worten, in denen er beteuerte, wenn man jetzt den Mut und die Ausdauer habe, Veränderungen im Profifußball zu denken und vorzunehmen, „dann kann aus dieser Krise auch etwas Positives entstehen“. Bedeutungsschwanger  wurde die Einrichtung einer „Taskforce Zukunft Profifußball“ angekündigt. Und die Verantwortlichen in den „Vereinen“ sprangen  ihrem Interessenvertreter öffentlich zur Seite. Hinter fadenscheinigen Argumenten, wurde der eigentliche Grund für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu verschleiern versucht. Man war sich nicht zu schade immer wieder zu erklären, es gehe ja bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebes auch um den Erhalt ganz normaler Arbeitsplätze in den „Vereinen“. Ausgerechnet von solchen Vereinen, die vermutlich nur zwei ihrer kickenden Top-Verdiener von der Gehaltsliste hätten streichen müssen, um ihrer kompletten Belegschaft auf den Geschäftsstellen gut dotierten Rentenverträgen anbieten zu können. Es war der blanke Hohn gegenüber anderen Branchen z.B.  im Veranstaltungsbereich, die keine vergleichbare Lobby  und keinen mächtigen, wenngleich menschenverachtenden Springer-Konzern als Verbündeten im Rücken hatten.

Nun gab es schon Ende April, als all diese Demuts-Aussagen von Seifert, Watzke und Co getätigt wurden, jeden Grund zur Skepsis. Rund 8 Monate später bleibt festzuhalten, dass sie nichts weiter waren, als die zu erwartenden  Lippenbekenntnisse um den Ligabetreib in der Pandemie irgendwie zu rechtfertigen. Und Seifert-Aussagen wie „Wir wollen nicht einfach nur irgendwie durch die Krise kommen und dann weitermachen wie bisher“ dürfen im Rückblick auf die letzten Monate mit Fug und Recht als Lüge bzw. als Verarschung der Fußballanhängerschaft  beschrieben werden.

Okay Eintracht, um offen zu sein:  zunächst war bei mir noch Wut und  Verachtung gegenüber deiner Interessensvertretung namens DFL und letztlich gegenüber dir Eintracht, als Akteur in diesem Zirkus. Ich hielt die Fortsetzung im Mai für falsch. Ich weiß, du wirst das anders beurteilen. Und ich halte es auch jetzt für falsch, dass ein Spielbetrieb in Bundesliga und Europapokal um jeden Preis durchgedrückt  wird, während neben dem Amateursport  weite Teile des gesellschaftlichen Lebens runter gefahren sind und wir in einigen Krankenhäusern in diesem Land kurz vor der Triage stehen.  Es ist nicht die Zeit, um für Sportveranstaltungen von Risikogebiet zu Risikogebiet zu reisen, wenn gleichzeitig Altenheime und Kitas ab- bzw. verriegelt sind. Ich weiß, du nimmst für dich in Anspruch, wie so viele andere gesellschaftliche Bereiche, dass du nicht zum Infektionsgeschehen beiträgst. Dafür gibt es keine Belege aber eben auch keine Gegenbelege.  Und mein ganzer Ärger ist inzwischen auch zunehmend einem Zustand völliger Gleichgültigkeit gewichen.

Ich habe seit März 2020 kein Bundesligaspiel mehr gesehen. Ja, am Anfang weil ich sauer war, weil ich es falsch fand, dass Bundesliga gespielt wird, während andere Bereiche komplett runter gefahren sind und somit zerstört werden. Es war mit meinem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden nicht zu vereinbaren. Da gab  es meinerseits noch Zorn und Trotz. Spätestens im Sommer, vor Beginn der aktuellen Saison war der Ärger verraucht und er ist Gleichgültigkeit gewichen. Ich schaue  keine Bundesligaspiele und auch weiterhin kein einziges Eintracht-Spiel. Nicht aus Wut, nicht aus Trotz, nein, einfach weil es mich nicht mehr interessiert. Weil ich keine Lust habe.

Das ist vielleicht der  blödeste, zumindest aber der  seltsamste Zustand, der mir in meinem Fan-Sein zu der launischen Diva bislang widerfahren ist. Mir sind die Emotionen ausgegangen. Eintracht, du bist mir egal geworden. Ich spüre dich nicht mehr. Und ich verfolge dich nicht mehr. Ich nehme keinen Anteil mehr. Ich lese keine Berichte, keine Artikel über dich.  Es ist mir nun schon mehrfach passiert, dass ich gar nicht wusste, dass du spielst. Ich habe das Ergebnis dann zufällig 1-2 Tage später gelesen und gedacht: „Ach, die Eintracht hat gespielt?“ Und das alles nehme ich mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis.  Eintracht, wir haben uns weit entfernt.  Ich habe in letzter Zeit Besseres zu tun, als deinen Spielen zu folgen. Das ist sehr ungewohnt und neu.  Ich bin an dir mehrmals emotional zusammengebrochen.  Rostock 1992 natürlich, in Köln Müngersdorf am 01.05. 1996, in Wolfsburg 2001, als wir Rolf-Christel Guié-Mien das Trikot vor die Füße warfen, welches er nach dem feststehenden Abstieg in den Block geworfen hat. Ich war gebrochen 2011 nach der Rückrunde der Schande, verzweifelt in der Saison  2015/2016, als die Verantwortlichen nicht einsahen, dass die Rückkehr von Veh ein Fehler war. Da war immer Zorn, Empörung, Trotz,  Niedergeschlagenheit  und jede Menge Frust. Eintracht, ich habe dich so oft verflucht! Aber ich habe immer etwas gefühlt. Und es war immer klar, dass es weiter geht. Und jetzt ist es nichts. Es ist im Wortsinne Emotionslosigkeit.

Aber auch das gehört zur ganzen Wahrheit: Ich bin mir noch nicht endgültig  sicher, ob es am Ende so eine Nummer,  wie bei  Udo Lindenberg in dem Song „Ich lieb‘ dich überhaupt nicht mehr“ wird. Bist du mir vielleicht nur eingeredet egal? „Sowas von egal und mein Puls geht ganz normal“? Oder wird es dauerhafte, echte Gleichgültigkeit?

Für letzteres spricht, dass ich keinen realistischen Ansatzpunkt sehe. Wo und wie sollen wir um alles in der Welt  wieder zusammenkommen? Für ersteres spricht, dass es dann doch noch mal eine Gefühlszuckung gab. Als es Axel Hellmann Anfang November für eine schlaue Idee hielt, die Kicker-Redaktion zu besuchen. Da war wenigstens noch mal Wut da,  da war Puls. Es war die Zeit, als die 2. Corona-Welle in Deutschland gerade ihre ganze Wucht entfaltete. Jeder, der den Prognosen der Experten auch nur halbwegs folgen konnte, wusste zu diesem Zeitpunkt, wo die Reise in Deutschland  in den letzten Wochen des Jahres hingehen würde, wie sich die Fallzahlen und somit auch die Belegung der Intensivbetten und letztlich die  Todesfälle entwickeln würden. Und in dieser Situation setzt sich allen Ernstes ein Vorstand der Eintracht Frankfurt Fußball AG in die Kicker-Redaktion und baut öffentlich eine juristische Drohkulisse gegen Zuschauerausschlüsse bei Bundesliga-Spielen  auf. Ein fatales Zeichen. Letztlich betrieb er selbst in diesem Moment genau die „Symbolpolitik“, die er den politischen Entscheidungsträgern vorwarf. Und mehr als das wissenschaftlich nicht haltbare Argument, dass man angeblich erwiesenermaßen wisse, „wo tatsächlich die Treiber der Pandemie sind“ hatte er dann zur Unterfütterung dieser steilen  Aussagen nichts vorzubringen. 

Es waren Aussagen, die ich als verantwortungslos empfand. Wo war in diesem Moment die sonst oft  betonte gesellschaftliche Verantwortung, für die die Eintracht mit ihren Werten so gerne eintritt? Es war beschämend.  Für den Profi-Fußball, aber insbesondere für die Eintracht.   Wie mir zugetragen wurde, hat Hellmann inzwischen in einem offiziellen Eintracht-Podcast seine pauschale Politik-Schelte öffentlich erneuert. Das macht es nicht besser und ist in meinen Augen falsch.

Was bleibt uns nach diesen letzten Gefühlsregungen zu sagen? Wohin geht es mit uns, liebe Eintracht? Hat das eine Zukunft?

Um ehrlich zu sein fehlt mir die Perspektive, wie wir wieder zueinander finden. Ich sehe wie gesagt keinen Ansatzpunkt, wie Emotionen dauerhaft zurückkehren sollten. Und da war es auch wieder Axel Hellmann, der in den letzten Tagen das schöne Bild einer „Weggabelung“ verwendet hat. Er sagte, dass es an dieser Weggabelung für die Eintracht entweder in die eine Richtung zu einem Investor geht oder in die andere Richtung dahin, wo sich der 1. FC Kaiserslautern befindet. Und er meinte, wenn ich ihn richtig verstanden habe, dass die Eintracht in diesem Spannungsfeld ihren eigenen Weg finden müsse. Wie gesagt: Ein schönes Bild. Wir befinden uns in einer Zeit der Weggabelung. Und wenn dem so ist, liebe Eintracht, dann werden sich unsere  Wege hier trennen. Ich weiß, in welche Richtung du weiter gehen wirst. Du wirst wohl nicht den steilen Trampelpfad eines Lars Windhorst  einschlagen. Aber du wirst auch ganz sicher nicht auf den Betzenberg-Fernwanderweg einbiegen. Und ich weiß für mich dann auch, dass der gemeinsame Weg an dieser Weggabelung endet. Und ich werde dann genau hier zurück bleiben. Liebe Eintracht, ich versuche die Beweggründe für dieses Zurückbleiben noch mal zusammenzufassen:

Mir ist sportlicher Erfolg um jeden Preis nicht mehr wichtig. Wie gesagt: Ich sehe es in keiner Weise als ein erstrebenswertes Ziel an, dass du liebe Eintracht einmal die Champions League erreichst. Ich brauche es nicht, dass du dich in einem Wettbewerb eines zweifelhaften Verbandes mit zweifelhaften Konstrukten wie Manchester City, RB Salzburg oder PSG  misst. Und damit steht selbstverständlich die Grundlage  eines Fan-Daseins komplett  in Frage. Es wäre ja geradezu schizophren, Anhänger eines Vereins zu sein, dem man im Zweifel nicht den maximalen sportlichen Erfolg wünscht.

Liebe Eintracht, du wirst nun vielleicht dagegenhalten und sagen: „Warte es mal ab, bis das Stadion wieder voll ist. Warte, bis es auf dem Weg vom Bahnhof Sportfeld zum Stadion wieder nach Bratwurst duftet, bis am Gleisdreieck wieder frisches Bier und kühler Ebbelwoi fließt, bis Im Herzen von Europa in einem ausverkauften Stadion erklingt und bewerte dann die Lage noch mal neu.“ Ja, das ist ein guter Einwand und zur Wahrheit gehört: Ich weiß es nicht, wie sich das anfühlen würde. Einerseits kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich dadurch getriggert würde, wenn ich solchen Reizen ausgesetzt wäre. Auf der anderen Seite kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich mir gegenüber im neuen Deutsche Bank Park noch mal diese Selbstverarschung aufrechterhalten kann, dass es ja eigentlich noch immer das Waldstadion ist. Ich weiß nicht, ob ich vor einem Heimspiel z.B. gegen die TSG Hoffenheim, wenn „Im Herzen von Europa“ läuft, noch einmal ausblenden kann, dass du dich in der Pandemie lieber einer schäbigen Initiative von Rummenigge an den Hals geworfen hast, als auf eine solidarische Lösung  aller Profi-Vereine zu setzen. Und Eintracht, ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich dich im vollen Stadion mit Bratwurst und Bier  wieder unbeschwert abfeiern kann, wenn du einerseits happy bist, weil der Hauptsponsor Indeed so hervorragend zur Wertematrix der Eintracht passt und gleichzeitig  Eintracht-Verantwortliche ganz offen davon sprechen, dass die Partnerschaft zwischen der Deutschen Bank und der Eintracht Frankfurt Fußball AG die „Zukunft dieses Clubs“ sichert. Auch über den Ansatzpunkt in der Eintracht-Wertematrix für den Ärmeldruck von DPD oder für Partnerschaften mit Unternehmen wie Uber-Deutschland muss ich wohl erstmal einiges an Fantasie entwickeln, bevor ich im Stadion wieder unvoreingenommen bei einem Wettbewerb mit „Vereinen“ wie  Bayern München, RB Leipzig und Wolfsburg mitfiebern könnte.

Aber das klingt jetzt möglicherweise alles schon wieder viel anklagender, als es eigentlich gemeint ist. Du bist nicht „Schuld“, liebe Eintracht. Wenn überhaupt, bin ich selber mindestens genau so „Schuld“, da ich den ganzen Zirkus lange mitgemacht habe und mich trotz klarer Faktenlage auf diese ganze Nummer  eingelassen habe.  Es ist daher alles  in Ordnung zwischen uns.

Wir sind an einer Weggabelung und du gehst deinen Weg, liebe Eintracht. Du gehst den Weg, in dem es aus deiner Sicht sinnvoll  ist, dich  über deine „Reichweite“ und dein  „Markenbild“ zu definieren. Ich kann nachvollziehen, dass es aus deiner Sicht notwendig  ist, „nicht zu kommerziell zu  werden“ aber dass du „gleichzeitig kommerziell mithalten“ musst. Ich  bin ehrlich gesagt froh, dass ich diesen Widerspruch nicht moderieren und auflösen muss.

Ich bleibe hier zurück. Ich werde meine frei gewordene Zeit in den Amateur-Fußball investieren. Denn der Fußball bleibt ein geiler Sport, dem man sich zuwenden sollte. Und liebe Eintracht, glaube nicht, dass der Amateur-Fußball die Insel der Glückseeligen sei. Das kann ich aus Erfahrung ausschließen.  Auch dort gibt es viele der Auswüchse des Profifußballs, nur eben ein paar Nummern kleiner. Der Unterschied ist aber, dass man durch Engagement und Initiative tatsächlich hier und da noch Dinge zum Positiven wenden kann. Man ist den Mechanismen weniger hilflos ausgeliefert. Man kann Sachen verändern und gestalten.  

Liebe Eintracht, so gehst du deinen Weg, ich gehe meinen Weg. Ich werde dich aus der Ferne vermutlich nie ganz aus meinem Leben löschen können. Wenn die Bundesligaergebnisse irgendwo eingeblendet werden, dann werde ich immer zuerst nach deinem Ergebnis suchen. Da bin ich Pawlowscher Hund. Liebe Eintracht, gehe wertschätzend mit deiner Anhängerschaft um, denn darunter befinden sich wirklich großartige Leute! Aber das weißt du vermutlich selber.  Ich verabschiede mich an dieser Stelle von dir ohne Groll und mit den besten Wünschen.

Und diese Zeilen können vermutlich nicht verheimlichen, dass ich meine Gedanken und Emotionen immer noch nicht klar habe. Ich bin kein Freund davon, Hintertüren offen zu halten. Aber es ist ja auch selten  sinnvoll, dass man im Leben Türen endgültig zuschlägt. Und daher…. wie soll ich sagen?  Also, wenn es irgendwann mal wieder gegen Rot-Weiß Essen geht…..oder Dynamo Dresden, den KSC oder auf den Betzenberg….

Oder wenn du glaubwürdige Zeichen senden würdest, dass du in die gleiche Richtung gehen willst, wie es in dem Forderungskatalog des NWK-Rats vom Mai 2020 zusammengefasst ist, dann könnte ich mir vorstellen, dass wir uns wieder näher kommen.  Wie realistisch das ist, das kannst du liebe Eintracht vermutlich besser beurteilen als ich.

Aber um noch mal abschließend zur Ausgangsfrage zurück zu kommen: Eintracht, kriegen wir das wieder hin?

Mein Zwischenfazit ist ein eindeutiges nein.

Realistisch ist es derzeit nicht, dass wir da irgendwie wieder zusammen kommen. Ausgeschlossen ist, dass alles so wird, wie es vorher war. Wie soll das funktionieren? Das ist eine Erkenntnis, die mir zu schaffen macht und mich nicht kalt lässt. Klar, es war alles nur Fußball. Aber die Emotionen waren echt. Und die bleiben für immer ein Teil meines Lebens. Und es wird mir einiges auch fehlen. Danke für die Zeit und die Emotionen, liebe Eintracht!

Mach‘s gut, Eintracht! Wir werden sehen…

Und allen Eintracht-Anhänger*innen überall auf der Welt ein gesundes neues Jahr!

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

7. Etappe: „Aux Champs-Elysées!“

Bis kurz vor fünf hält die Betäubung durch die Berliner Luft an. Danach werden wir immer wieder von am Fenster vorbei donnernden LKWs aus dem Schlaf gerissen. Neben dem Lärm ist es verdammt heiß in unserem Zimmer. Wir schwitzen vor uns hin und versuchen trotz des Lärms noch einmal in den Schlaf zu finden. Die zwischenzeitliche Idee, die Fenster zu schließen wird nach kurzer Testphase verworfen. Der Muff des Zimmers und die hohen Temperaturen lassen uns das Fenster dann doch wieder auf Kipp stellen. Wir dösen und schwitzen vor uns hin, aber eine richtige Tiefschlafphase will sich nicht mehr einstellen. So sind wir fast schon erleichtert, als um 7:30 Uhr der Wecker klingelt und uns aus dieser unruhigen Nacht erlöst. Nach einer umfänglichen Dusche freuen wir uns auf das Frühstück. Wir träumen von Antipasti-Tellern, frischen Ciabatta-Brötchen und professionell  aufgebrühtem Cappuccino.  So wie es sich halt für ein italienisches Restaurant gehört. Leider ist das Frühstück, welches uns dann im „Hotel am Wutzsee“  angeboten wird eher das genaue Gegenteil von unseren Träumen. Lausig:  Brötchen, die beim Aufschneiden zu Staub zerfallen, lieblos auf einen Teller geschmissener Kochschinken und vertrockneter Scheibenkäse, katastrophaler Kaffee und auf Sirup-Basis hergestellter O-Saft.  Irgendwas quälen wir uns trotzdem rein und verlassen dann schnellstmöglich den  Frühstücksraum. Abfahrt wird für 9:30 Uhr vereinbart. Einige ziehen sich noch einmal aufs Zimmer zurück, andere schlendern zum nahegelegenen Wutzsee.

Heute wird von den Temperaturen der heißeste Tag der Radtour, das ist jetzt schon zu spüren. Die Sonne gibt alles am wolkenlosen Himmel. Wir blinzeln ins grelle Licht beim Blick über den See. Tolles Panorama schon wieder. Mit einem guten Kaffee wären diese Momente am Morgen in Lindow sogar noch besser auszuhalten. Aber die einzige Location, die aussieht, als hätte sie guten Kaffee im Angebot, hat noch geschlossen: „Die Süße Ecke“.  Wir genießen trotzdem die morgendliche Ruhe in der „Stadt zwischen den drei Seen“. Eine steinerne Nonne im seichten Wasser in Ufernähe erinnert an das  Klosterleben, welches hier in dieser wunderbaren Umgebung seit dem 13. Jahrhundert zur Ansiedlung von Menschen geführt hat. Wir belesen uns auf Infotafeln über die Geschichte der Stadt und die Highlights im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land, bleiben an einem vor sich hin drehenden Wasserrad stehen, beobachten Schwärme von kleinen Fischen im klaren Wasser des Uferbereichs, verweilen auf einer Bank mit Blick über den See und lassen diesen wunderbaren Morgen auf uns wirken.

Ein erstes Gefühl von Wehmut stellt sich ein. Schließlich wird unsere Radtour heute zu Ende gehen. Gleich werden wir das letzte Mal unsere Satteltaschen packen, das letzte Mal die Zimmer kontrollieren, ob wir auch nix vergessen haben, das letzte Mal die Rechnung für die Zimmer begleichen und uns das letzte Mal auf das Rad schwingen und eine Tagesetappe in Angriff nehmen. Heute Abend wird die Radsportgruppe nicht an irgendeinem fremden Ort mit betrunkenen Schädeln ins Bett fallen und sich morgen aufs Neue auf den Weg machen, heute Abend wird jeder – vermutlich auch mit betrunkenem Schädel  –  ins eigene Bett sacken.

Ein letztes Mal gilt es also die zur Gewohnheit gewordenen tagesvorbereitenden Maßnahmen einzuleiten. Somit schlendern wir allmählich zur Unterkunft zurück, erledigen, was zu erledigen ist und schieben wenig später unsere Fahrräder mit den gepackten Satteltaschen vom Hinterhof.  Den Rauchern unter uns gönnen wir noch eine Aufbruch-Zigarette und planen dabei sorgfältig die nächsten Knotenpunkte. Kurz drauf rollen wir los und verlassen über die Ernst-Thälmann-Straße dieses ganz wunderbare Lindow (Mark).

Einige Mitglieder der Radsportgruppe treten von Anfang an mächtig in die Pedale und so zieht es uns weit auseinander, so dass wir uns zeitweise aus den Augen verlieren. Die Tempomacher verpassen dann allerdings den Abzweig des Radweges nach links und heizen durch hügeliges Gelände bis ins kleine Dorf Vieliz durch. Dort angekommen, bemerken wir, dass wir umkehren müssen. Wie sagt man so schön? „Die Ersten werden die letzten sein“. Jetzt könnten wir uns natürlich darüber ärgern, aber zum einen erhöhen Umwege ja bekanntlich die Ortskenntnis und zum anderen wäre uns dieser imposante  Blick über das Südufer des Vielitzsees verwehrt geblieben, wenn wir den Abzweig auf Anhieb genommen hätten. Und so stehen wir da und sind schon wieder einfach nur beeindruckt von der Naturkulisse:  Sanfte Hügel, in deren Mitte der azurblaue Vielitzsee strahlt, umrahmt von einem stattlichen Schilfgürtel, vereinzelt saftig-grünen  Trauerweiden, die das Ufer säumen und das Ganze wird wiederum von goldenen Kornfeldern umrandet. In einer Bucht des Sees ankern beeindruckende Motoryachten, die im Sonnenlicht strahlendweiß leuchten, im Hintergrund vereinzelte Bauernhäuser mit roten Dächern und um uns herum jagen Mauersegler  im Tiefflug.  Wir radeln daher kein Stück schlecht gelaunt die Kilometer zurück bis zum richtigen Abzweig und biegen dann ein in den Radweg Richtung Großmutz.

Es geht erstaunlich hügelig zur Sache, aber wir sind ganz gut in Form und genießen das Wetter, die Landschaft und den Radweg. Wir lassen das Gästehaus der deutschen Bundesregierung, das Schloss Meseberg, links liegen und machen entlang endloser Korn- und Maisfelder  ordentlich Meter. Wir erreichen früher als erwartet Löwenberg.  Da es gerade gut läuft und es noch früh am Tage ist, entscheiden wir uns, auf den hier geplanten  Einkehrschwung zu verzichten und weiter zu metern. Somit haben wir weder ein  Auge für das Löwenberger „Waldstadion“ zu unserer Rechten, noch für den Bahnhof und rollen weiterhin zügig den Radweg an der viel befahrenen B 167 entlang. Kurz vor dem Ortsausgang Löwenberg zweigt der Radweg zum Glück nach links ab und es geht weg von der lauten Bundesstraße und von jetzt ab an Feldern und Viehweiden durch eine hügelige aber ruhige Landschaft. Wir erreichen schließlich einen Wald und nun geht es plötzlich in einem wilden Ritt über einen wunderbar frisch asphaltierten Radweg am Ufer des Großen Lanksees entlang. Es geht bergauf und bergab, enge Kurven folgen auf steile Abfahrten, extreme Anstiege lassen uns hektisch schalten, Haarnadelkurven in Abfahrten lassen die Bremsen quietschen. Aber es macht Spaß durch dieses Gelände zu rasen. Wir bemerken vor allem auch einen Trainingseffekt aus den letzten Tagen. Die Steigungen haben ihren Schrecken verloren, wir bewältigen dieses durchaus anspruchsvolle Gelände ohne dass es wirklich weh tut. So geht es auch noch vorbei am Weißen See, wir lehnen uns in die Kurven  und der wilde Ritt nimmt erst unmittelbar vor dem Schloss Liebenberg ein Ende. Hier müssen wir halten, um uns im Knotenpunkt-Netz neu zu orientieren. Wir bewundern das Schloss, welches sich wie in einem Grimm’schen  Märchen in die Landschaft bettet.

 Hier findet an den Adventswochenenden übrigens  ein ganz wunderbarer Weihnachtsmarkt statt. Leider ist dieser längst kein Geheimtipp mehr, und so schieben sich an diesen Wochenenden vor Weihnachten  tausende Öko-Prenzlauer-Berg-Familien und sonstige Hauptstadt-Hippster über das Gelände des Liebenberger Schlosses und fressen den eingeborenen Brandenburgern an den Feuerschalen das Lángos und die heißen Maronen weg und fahren dann in ihren Carsharing-Fahrzeugen, glühwein-beseelt zurück in ihr urbanes Lebensmodell. Da kann  einem die Lust am Weihnachtsmarktbesuch durchaus auch mal vergehen. Aber wer will bitteschön an diesem Bilderbuch-Sommertag schon einen Gedanken an die Vorweihnachtszeit und an irgendwelche Hauptstadt-Hippster auf Abwegen verschwenden?

Dann lieber schnell weiter. Wir folgen nun für einige hundert Meter der dicht befahrenen B 167 und biegen am Knotenpunkt 3 in Richtung Süden in den Wald ab. Nun geht es über sehr holprige Wege. Als der Wald endet, radeln wir durch endlose Rinderweiden. Plötzlich taucht vor uns ein Traktor mit einem langen Anhänger auf, der einen tonnenschweren Bagger transportiert. Wir haben die spontane Idee, dass wir direkt in den Windschatten des Hängers  fahren. Das funktioniert einerseits ziemlich gut, es ist fast ein Sog, in dem man gar nicht treten muss, um vorwärts zu kommen. Gleichzeitig dämmert es uns, dass es keine besonders gute Idee ist, mit null Voraussicht bei hohem Tempo mit einem Abstand von 50 cm einem tonnenschweren Gerät hinterher zu jagen. Vor allem, wenn man die zentimetertiefen Schlaglöcher, die hier regelmäßig auf dem mittelmäßig asphaltierten Feldweg auftauchen, in die Bewertung der Lage mit einbezieht. Daher brechen wir das Experiment schnell ab und lassen dem Traktor mit seiner Last einen Vorsprung. Und auch ohne Windschatten kommen wir ganz gut voran. Wir durchqueren Neuholland und treffen auf die Alte Havel, die wie ein kleiner Bach vor sich hin fließt. Dieser Bach stellt zwar den ursprünglichen Verlauf der Havel da, das Wasser der Havel wird aber inzwischen über die „Schnelle Havel“ bzw. den sogenannten Havel-Kanal geleitet. Kurz vor Liebenwalde werden endlose Kartoffelfelder umfänglich durch imposante Fontänen gewässert. Wir treffen wieder auf die B 167 und überqueren auf dem parallel verlaufenden Radweg wenig später die „Schnelle Havel“. In Liebenwalde sind wir kurzzeitig orientierungslos, steuern dann aber zielsicher die Marina an. Ein wütender Autofahrer brüllt uns aus dem runter gelassenen Seitenfenster an: „Fahrt auf dem Radweg, ihr Wichser!“ Der Radweg seit Hamburg, die Elbe und die Brandenburger Landschaft  haben uns aber in den letzten Tagen in einen solchen Entspannungsmodus versetzt,  dass wir solche Erbärmlichkeiten  nur  noch lächelnd zur Kenntnis nehmen.

Wenig  später finden wir uns gut gelaunt auf der Terrasse der Marina Liebenwalde wieder. Hier trifft die Havel auf den alten Finowkanal. Nach dem wir in der Schlange am Imbiss in gebührendem Abstand lange anstehen müssen, sitzen wir kurz darauf mit großen, kühlen Bieren am Tisch unter dem großen Schöfferhofer-Sonnenschirm. Mit Erstaunen nehmen wir nebenbei zur Kenntnis, dass wir bereits über 50 Tageskilometer runter geradelt sind. So spät am Tag gab es auf der ganzen Radtour noch keine erste Bierpause. Aber gut, am letzten Tag reißen vermutlich immer irgendwelche unliebsamen Sitten ein.

Es ist inzwischen ziemlich heiß geworden, das Thermometer geht entschlossen auf die 30 Grad zu. Wir sorgen für Getränke-Nachschub, quatschen uns dusselig und ziehen den Einkehrschwung in die Länge. Vermutlich auch aus dem Grund, weil wir im Hinterkopf haben, dass es einer der letzten Einkehrschwünge der Radtour sein wird. Wasserwanderer in roten Kajaks ziehen auf dem Kanal vorbei, größere Sportboote warten darauf, dass die Zugbrücke, wie angekündigt, um 13:30 Uhr hoch gezogen wird und sie freie Fahrt die Havel runter  haben.

Das Wasser, welches hier in Liebenwalde die Havel entlang fließt, wird in einigen Tagen vermutlich auch an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen und an Strand Pauli vorbei fließen. Da wo unsere Tour vor 6 Tagen ihren Anfang nahm und wo wir ebenfalls bei gutem Wetter und kühlen Getränken eine super  Zeit hatten. Und das Wasser der Havel wird sich vermutlich ähnlich lange Zeit lassen, wie wir auf unserem Weg. Gut so. Es fühlt sich fast so an, als würde sich hier ein Kreis schließen.

Irgendwann brechen wir dann aber doch auf und nehmen nun die letzten Kilometer unserer Radtour in Angriff. Es geht ab jetzt auf dem Radweg Kopenhagen-Berlin in Richtung Hauptstadt. Es ist noch mal heißer geworden und während wir durch wunderbar sommerliche Landschaften rollen, schwitzen wir vor uns hin. Wir nähern uns der Berliner Stadtgrenze. Die Stimmung ist gelöst. Wir wissen nun, dass uns nicht mehr viel passieren kann. Wir werden unser Ziel planmäßig erreichen. Und wir haben unsere Tour von Hamburg nach Berlin ohne größere Unwägbarkeiten und Pannen überstanden. Keiner ist unterwegs krank geworden, keiner hat sich ernsthaft wehgetan und Kyritz an der Knatter ist längst vergessen. Wir hatten keinen Stress und gerade deswegen fällt Anspannung von uns ab. Wir  blödeln rum auf dem Rad und machen Faxen.  Als das Ortsschild „Berlin“ passiert wird, stimmt die Radportgruppe wirklich unabgesprochen  „Aux Champs-Elysées“ an. Und so rollen wir an unserem Zielort ein. Wir hatten vorher schon geplant, dass wir zum Ende der Tour bei einem Mitglied der Radsportgruppe in der Gartenlaube an der Stadtgrenze die Tour bei einem entspannten Grillen ausklingen lassen. Und das war ein ganz ausgezeichneter Plan. Wir sitzen gut gelaunt zusammen, lassen die Radtour bei kühlem Bier und frisch gegrilltem Fleisch revuepassieren und genießen die letzten gemeinsamen Minuten.

Was für eine geile Truppe, diese Radsportgruppe! Wir haben eine Woche jede Minute miteinander verbracht, es gab nie Streit oder auch nur das entfernteste Zeichen von Un-Entspanntheit. Wir haben uns prächtig verstanden und einfach nur Spaß und eine tolle Zeit zusammen gehabt.

Schließlich trennen sich hier an der Gartenlaube dann die Wege der Radsportgruppe. Irgendwann  radelt ein jedes Mitglied, gut gesättigt und mit einigen Umdrehungen  im Kopf, seiner  eigenen Wege.

Die einzelnen Abschnitte und Erlebnisse, der hinter uns liegenden Reise  verschwimmen in unserer Erinnerung zu einer einzigen, wunderbaren Sommer-Geschichte. Wir haben zusammen gelacht, wir haben gelegentlich zusammen geflucht, wir haben zusammen Sport gemacht, sind ständig zusammen angekommen und ständig zusammen aufgebrochen, haben zusammen eindrucksvolle Landschaften durchradelt.  Wir haben gut gegessen und sicherlich zu viel gesoffen. Aber wir haben gemeinsame Geschichten erlebt und werden uns noch in Jahren gut gelaunt die Anekdoten dieser Radreise erzählen.  Obwohl wir mit 8 Leuten auf engem Raum und rund um die Uhr zusammen waren, gab es nie Streit, nie auch nur den Ansatz von Stress. Wir hatten einfach eine unbeschwerte, erholsame Zeit. Jeder einzelne dieser 8 Leute hat diese Tour auf seine Art bereichert und geprägt und dazu beigetragen, dass es so eine geile Radtour wurde. Wenn nur einer dieser 8 gefehlt hätte, wäre es nicht so schön geworden.

Wir sind in diesen Tagen nicht nur durch wunderbare Landschaften geradelt, sondern haben auch ein Land durchquert, das in allen Bereichen dieser durchaus ungewöhnlichen Zeit trotzt. Wir sind Menschen begegnet, die aus den erschwerten Bedingungen der Pandemie das Beste zu machen versuchen. Die nicht jammern, sondern mutig und entschlossen anpacken. Seien es die Betreiber von „Strand Pauli“, die Wirte des „Von Herzen“, der Hansa-Rostock-Barkeeper in der Beach-Lounge in Lindow und all  die anderen unzähligen Gaststätten-Betreiber entlang des Weges, die unseren Durst gestillt haben.  Wir haben in den Begegnungen mit den Menschen nichts von  dem Hass gespürt, der in  diesen Pandemie-Zeiten offenbar in den sogenannten „Sozialen Medien“ tobt. Nein, das sogenannte „Real-Life“  hat sich verdammt gut angefühlt da draußen. Auch in diesen ungewöhnlichen und für viele Leute schwierigen Zeiten.

Und aufgrund dieser tollen gemeinsamen Zeit, schwingt natürlich ein bisschen Wehmut mit, am Ende unserer Tour. Gleichzeitig ist da aber auch einfach Freude über die Erlebnisse der letzten  Tage und die Gewissheit, dass die nächsten Radtouren längst geplant sind.

Und zuhause warten auf uns Menschen in ungeduldiger Vorfreude, auf die man sich selbst schon seit Tagen  freut. Und ein größeres Glück kann es ja eigentlich  gar nicht geben.  

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

6. Etappe: Hakuna Matata im Ruppiner Land

Gegen 7:45 Uhr erwachen wir aus einem entspannenden Tiefschlaf. Bis auf die abgelaufenen Oettinger-Hefeweizen sind offenbar alle befürchteten nächtlichen Gruselgeschichten ausgeblieben oder wir haben sie zumindest verpennt. Wir strecken uns zufrieden in unseren Betten und genießen die ersten Sonnenstrahlen, die durchs Zimmerfenster schießen. Selbst unser Schädel scheint die letzten Oettinger ohne beleidigten Schmerz hingenommen zu haben. Auch ein Pringles-Chips-Massaker im Bad ist offenbar ausgeblieben in der letzten Nacht. Mal sehen, was uns Klaus gleich für ein Frühstück auftischen wird. Routiniert  erledigen wir die notwendigen morgendlichen Hygiene-Maßnahmen im Bad und schlurfen wenig später in Richtung des großen Aufenthaltsraums im Erdgeschoss, in dem Klaus und seine Frau zu Nicht-Corona-Zeiten auch Gastronomie betreiben.  In diesem Corona-Jahr hätte es sich laut Klaus aber nicht rentiert, die Kneipe aufzumachen, daher beschränken sie sich auf das Angebot von Gästezimmern. Klaus ist schon top-fit und empfängt uns mit einem grinsenden: „Na Männer, war auch wirklich keins der letzten Biere schlecht gewesen?“ Wir erwidern ebenfalls grinsend: „Nee Klaus, die letzten Biere waren ganz hervorragend, sehr erfrischend.“ Darauf Klaus: „Dann setzt euch mal hin Jungs. Kaffee, wa? Oder trinkt bei euch etwa jemand Tee?“ Wir: „Nee Klaus, Kaffee is top!“ Klaus‘ Frau, die freundlich aus dem Hintergrund nickt und deren Namen wir bis zur Abreise nicht herausfinden, tischt kurz darauf am wunderbar  eingedeckten Tisch für acht Leute auf. Und was sie anschleppt toppt alle unsere Erwartungen. Frische Brötchen, die absolut okay sind, selbstgemachtes Pflaumenmus, üppiger Käseteller und eine riesige Platte mit hausgemachter Wurst. Klaus bringt die Kaffee-Kanne vorbei und erklärt: „So Jungs, die Wurst ist aus eigener Schlachtung und eigener Herstellung, alles Bio, die Marmelade hat meine Frau gemacht und der Honig ist von meinem Kumpel. Alles Produkte aus der Region. Nur Kaffee-Züchten können wir noch nicht.“  Am geilsten sind die daumendick aufgeschnittenen Salamischeiben aus der eigenen Wurstproduktion von Klaus. Siehst du Tönnies, so wird das gemacht! Auf jeden Fall ein richtig geiles Frühstück, was Klaus und seine Frau da für uns auffahren. Dazu haben sie die komplette Fensterfront zur großen See-Terrasse geöffnet und es strömt herrlich frische Seeluft zu uns herein. Wir stärken uns umfänglich für den Tag mit den von Klaus angerichteten Leckereine. Super Frühstück! Der Kaffee ist zwar dünn, aber da wir uns entschließen, die zweite und dritte Runde Kaffee draußen auf der großen Terrasse direkt am See zu uns zu nehmen, ist auch das in Ordnung.

 Die Morgensonne sorgt für extremes Glitzern auf dem See, die Wassseroberfläche glatt wie ein Spiegel, strahlend blauer Himmel, blühende Seerosen, riesige Fische streifen die Wasseroberfläche und verschwinden in der Tiefe, Schwalben jagen knapp über der Wasseroberfläche, ein Kormoran geht erfolgreich auf die Jagd und verschlingt seinen dicken Fisch sofort. Ein mutiger Schwimmer zieht schon zu dieser frühen Stunde seine Bahn über den See. Was  ist denn das für  ein unfassbar schöner Ausblick hier direkt am Ufer der Kyritzer Seenkette zu morgendlicher Stunde? Was für eine Natur, was für ein Schauspiel! Wir blinzeln zufrieden in die Sonne, lassen die Naturkulisse auf uns wirken, nippen am dünnen Kaffee und sind mit uns und der Welt im Reinen.

Jetzt ist es auf einer Radtour zwar nicht wie beim alten Dichterfürst: Man wird nicht in Fesseln geschlagen und man geht erst Recht  nicht zugrunde, wenn man zu einem Augenblicke sagt: „Verweile doch, du bist so schön!“ Allerdings ist man irgendwie auch immer ein Getriebener. Die 70 Kilometer bis nach Lindow (Mark) müssen heute halt  absolviert werden. Und da kann man sich nicht ewig auf dieser geilen Terrasse von Klaus mit dem noch geileren Ausblick auf die Kyritzer Seen aufhalten, so schön das hier auch alles sein mag. Nein, man muss irgendwann die Tagesvorbereitung einleiten. Und so machen wir uns an die übliche morgendliche Tagesroutine. Das vor der Radtour so sorgfältig ausgeklügelte Ordnungssystem in den Fahrradtaschen wird von Tag zu Tag mehr über den Haufen geworfen. Wir stopfen inzwischen quasi nur noch irgendwie alle Sachen in die Taschen, Hauptsache es kommt alles mit.

Kurz darauf finden wir uns vor der „See-Idylle“ wieder, herzliche Verabschiedung von Klaus (Ehrenmann!)  und seiner Frau (Ehrenfrau!). Wir rollen am See-Ufer entlang, der Kellner vom „Casa Nostra“ winkt uns von seiner Terrasse aufmunternd zu und brüllt „Gute Fahrt Männer!“ und wir suchen nach den ersten Knotenpunkten. Wir verlassen Wusterhausen/Dosse und radeln zunächst über eine kleine, unbefahrene Landstraße. Weite abgemähte Stoppelfelder säumen den Weg, auf denen weit verstreut runde Strohballen liegen. Wir rollen uns gut ein.  Am Horizont tauchen immer wieder kleine Kirchtürme auf, die ein zu durchfahrendes Dorf ankündigen. In den Dörfern scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Alte Frauen mit Kopftüchern wenden auf kleinen Wiesen das gemähte Heu mit der Hand bzw. mit großen Rechen. Direkt daneben zahlreiche Weißstörche, auf der Suche nach Beute. In Vorgärten schnattern weiße Gänse, Hühner scharren über Wiesen und ein Esel ruft von irgendwoher. Stockrosen stehen in den Gärten  in voller Blüte, weiße Bettwäsche weht auf den Leinen sanft im Wind. Wir überholen ein Pferd, welches einen alten Leiterwagen mit Brennholz samt dem Kutscher zieht.  Sonstiges Verkehrsaufkommen gleich Null. Wir radeln wortlos durch diese endlose Weite. Wir durchqueren eine Landschaft, die sich vermutlich nicht grundlegend verändert hat, im Vergleich  zu der Zeit, als hier der gute alte Theo (Fontane) vor 150 Jahren seine Streifzüge durch die Mark Brandenburg dokumentiert hat. Wenn die zahlreichen Windräder zur Stromerzeugung nicht wären, würden wir uns wie Akteure in Theos alten Büchern fühlen.

Kurz hinter dem kleinen Dorf Werder überqueren wir auf einer Brücke die dicht befahrene A24. Der Verkehr unten tost lautstark vor sich hin. Hier kann man das, wofür wir uns  6  Tagen Zeit nehmen, locker in 2,5 Stunden bewältigen: Der Weg von Hamburg nach Berlin.

Kurz hinter der Autobahnbrücke wieder Getreideernte. Drei Mähdrescher fahren in einer Formation neben einander her und erzeugen weithin sichtbare Staubwolken. Die Allergiker in der Radsportgruppe fluchen.

Die riesigen Windräder prägen das Landschaftsbild. Kurze Trinkpause in Kränzlin und dann reiten wir auch schon ein in der Fontane-Stadt Neuruppin. Wir müssen uns kurz orientieren, die Wegeführung ist unübersichtlich, dann entdecken wir den Wegweiser „Zentrum“ und finden uns kurz darauf in einer wuseligen Fußgängerzone wieder. Wir sind beeindruckt vom Betrieb, der hier herrscht. Nach tagelang nur Elbdeich und Abgeschiedenheit in der Prignitz kommt uns Neuruppin fast wie eine pulsierende Metropole vor. Es ist Markttag und es herrscht rege Aktivität vor dem Rathaus. Wasserfontänen sprudeln vor sich hin, unzählige Menschen drängeln in gebührendem Sicherheitsabstand über den Marktplatz.  Irgendwo spielt ein Mann mit einer Gitarre und einem Verstärker „Paint It Black“ von den Stones. Über App und einen aufgestellten Stadtplan orientieren wir uns und rollen dann langsam über enge Kopfsteinpflaster-Straßen Richtung See, dass die Satteltaschen nur so klappern. Wir passieren eine Kneipe, in der offenbar Henninger-Bier ausgeschenkt wird. Das „Alte Kasino“ direkt an der Seepromenade überzeugt uns mit einer Theorie, wonach Schnitzel-Fressen „Facelifting“ sei und wir erobern die große Terrasse zur Seeseite.

 Was für ein Ausblick schon wieder! Zahlreiche Sportboote und imposante Segelyachten ziehen gemächlich  über den in der Sonne funkelnden Ruppiner See. An einem Steg direkt vor uns sind die kleinen Hausboote von „Tom Sawyer Tours“ festgemacht und warten auf die  nächsten Charter-Touris.  

Die Turmuhr der Klosterkirche Sankt Trinitatis schlägt 12 und im „Alten Kasino“ gibt es nun endlich das erste Radler des Tages.  Als Energie-Lieferant gegen nachmittägliche Hunger-Äste wird ein Semmelknödel an Rahmpfifferlingsragout geordert. Der Chef kellnert persönlich im Alten Kasino und ist dem ersten Anschein nach ein sehr entspannter Mensch. Er bringt uns zuverlässig immer wieder neue Getränkerunden. Irgendwann sagt er: „So Jungs, ihr bekommt jetzt das aller letzte jemals im Alten Kasino ausgeschenkte Kristall-Weizen. Meine Bestände sind leer und aufgrund der geringen Nachfrage fliegt das Kristall bei mir aus dem Sortiment.“ Wir sind beeindruckt und trinken feierlich dieses fast schon historische Bier.  Der Semmelknödel mit den Pfifferlingen kurz darauf ist ausgezeichnet. Es ist schon wieder alles unfassbar geil hier.  Was für schöne Momente in Neuruppin!

Aber es wurde ja bereits mehrfacht thematisiert: Eine Radtour ist ein ständiges Ankommen und Aufbrechen. Und so schön das hier im Alten Kasino auch ist, die nächsten schönen Momente warten woanders schon ungeduldig auf uns und wollen dringend erlebt werden. Und so schwingen wir uns dann wieder auf die Räder, rollen gemächlich die Seepromenade entlang und lassen den imposanten Ausblick  auf uns wirken. Wir passieren die „Fontane-Therme“ in der man hier insbesondere in der grauen Jahreszeit ganz hervorragend Wellness betreiben kann. So geht es noch einige Zeit am Ruppiner See entlang und nach einer Kanal-Brücke, an der umfangreiche Bauarbeiten durchgeführt werden sind wir orientierungslos. Eine Passantin fragt: „Na Jungs, kann ich helfen?“ Wir: „Ja, wir wollen nach Alt-Ruppin.“ Sie darauf: „Na Männer, dann folgt hier mal nicht dem Radweg sondern fahrt dort rechts Richtung Nietwerder und in Nietwerder wieder links. Dann kommt ihr auch an und ihr erspart euch Landstraße und eine lange Steigung.“ Nette Menschen hier, wir beherzigen den Tipp und kommen tatsächlich ohne Landstraße und ohne Steigung in Alt-Ruppin an. Und in Alt-Ruppin reißt unsere Glückssträhne nicht ab. Wir  finden einen Getränkemarkt. Gute Gelegenheit, um die Wasser-Reserven aufzufüllen. Und gleichzeitig hat irgendjemand die sehr gute Idee zwei Flaschen Berliner Luft zu kaufen. Die Kassiererin kommentiert den Einkauf einer Flasche Gerolsteiner Naturell und zwei Flaschen Berliner Luft mit „Geile Kombi“. Profi-Wissen. Die Flaschen werden in den Satteltaschen verstaut und dann geht es wieder aufs Rad.

Kurz darauf irren wir durch Alt-Ruppin und wissen nicht so richtig wohin. Eine Radweg-Beschilderung ist nicht zu finden. Zum Glück werden achtsame Einheimische auf uns aufmerksam und fragen zuvorkommend: „Könn wa helfen?“ Und klar können sie helfen. Nach kurzer Erklärung der Einheimischen wissen wir, wie wir Richtung „Zippelförde“ weiterkommen.  Es geht nun zunächst durch den Wald, immer konstant bergauf. Als der Wald endet lässt die Steigung nicht nach, dafür nimmt der Gegenwind zu. Wir radeln an endlosen, blühenden Sonnenblumenfeldern entlang. Ein traumhafter Ausblick, Tour-de-France-Feeling, aber leider auch in den Beinen. Es ist einfach nur  anstrengend, sich die konstanten Steigungen bei massivem Gegenwind hoch zu quälen. Kurz hinter dem Ortseingang Krangen biegt der Radweg zum Glück scharf rechts ab. Jetzt geht es zwar immer noch leicht bergauf, dafür bläst der Wind nicht mehr von vorne und es geht nach wie vor an endlosen Sonnenblumenfeldern vorbei. Tolle Landschaft!

Nun geht es wieder in den Wald und ab jetzt auch stabil bergab. Leider können wir die Abfahrt nicht wirklich genießen, da zahlreiche Bauwurzeln den Asphalt von beiden Seiten nach oben drücken. Es ist ein Ritt auf der Buckelpiste. Jede Wurzel ist ein kleiner Arschtritt für uns. Dazu immer wieder so heftige Wellen im Asphalt, die einen bei Unaufmerksamkeit jederzeit vom Rad werfen könnten. Es hat was von Rodeo-Ride in Richtung Lindow (Mark). Ein wilder Ritt der uns volle Konzentration abverlangt. Aber wir meistern auch diese Herausforderung und biegen wenig später auf den Radweg neben der viel befahrenen B 122 ein. Wir passieren den „Rhin“, an einer Stelle, wo  zahlreiche Hausboote und sonstige Wasserwanderer Rast machen und überqueren die B 122 in Höhe der Fischzucht Zippelförde an einer heiklen,  da schlecht einsehbaren  S-Kurve. Jetzt geht es wieder durch den Wald, diesmal aber auf angenehmem Untergrund. 

Am Knotenpunkt 73 haben wir die Wahl, ob wir links- oder rechtsrum an unser Etappenziel Lindow gelangen. Von den Kilometern kein großer Unterschied aber hilfsbereite Einheimische raten uns dringend für linksrum. „Viel besserer Radweg und auch keine Steigung.“ Das beherzigen wir natürlich und rollen wenige Minuten später nach einer entspannten Abfahrt in Lindwo (Mark) ein. Im Ortszentrum müssen wir uns kurz orientieren und finden dann aber zielsicher unser Nachtquartier, das „Hotel am Wutzsee“.

Spärlich eingerichtete Zimmer, muffiger Charme, Straßenseite , umfangreiche  Spinnenweben an der Lampe  und eine 1,40 Meter-Matratze für zwei Leute .  Wird kuschelig, aber für eine Nacht wird es schon irgendwie gehen. Vom „Hotel am Wutzsee“ wird gleichzeitig eine „Italienische Gaststätte“ betrieben. Bei diesen „Italienern“ handelt es sich aber, wie in Brandenburg üblich, um Betreiber, die nicht aus Italien sondern  aus Nordmazedonien stammen. Diese Nord-Mazedonier beherrschen aber einige italienische Vokabeln so sicher, dass sie sich vor den Restaurant-Gästen immer wieder kurze Dialoge auf Italienisch zurufen können, um so den Schein der mediterraneren Atmosphäre waren zu können. Wir sichern uns nach kurzem Einrichten in den Zimmern und dem Verstauen und Anschließen der Räder im Hinterhof einen großen Tisch auf der Terrasse des Hotels und ordern erstmal ein Einlauf-Hefeweizen. Wir haben einen  guten Blick auf das rege Treiben am Marktplatz von Lindow. Ziemlich viel los.  Touristen mit bayrischen Kennzeichnen parken vor uns ungeschickt ein und wieder aus, verursachen um Haaresbreite umfangreiche Blechschäden, das Café „Die Süße Ecke“ nebenan ist viel frequentiert und sieht einladend aus, im Hintergrund das Ufer des Wutzsees und rechts von uns schiebt sich eine nicht abreißende Blechlawine über die Straße des Friedens. Umleitungsstrecke, da die B 167  irgendwo zwischen Eberswalde und Neuruppin voll  gesperrt ist. Uns schwant nichts Gutes, wenn wir an die Nacht und unser Zimmer zur Straßenseite denken. Einige von uns bestellen Essen, andere wollen noch warten. Wenig später stehen volle Teller mit Gerichten, die sich an der italienischen Küche orientieren aber mit authentischer italienischer Küche eher nix gemein haben auf dem Tisch.  Aber wir wollen uns nicht beschweren, es könnte alles viel schlimmer sein. Natürlich gibt es einen Grappa aufs Haus und wenig später schlurfen wir durch dieses beschauliche Städtchen in Richtung „Gudelacksee“. Dort wurde uns eine Hafen-Bar empfohlen, die ziemlich gute Getränke anbieten soll. Und das hat selbstverständlich unser Interesse geweckt. Die Tour de Sauf muss ihrem Ruf schließlich gerecht werden.

Der Himmel hat sich inzwischen zugezogen, es ist aber immer noch sehr warm. Geradezu schwül, Durst-Wetter. Wir kommen durch enge Straßen, vor den Häusern sprießen bunte Stockrosen aus jeder noch so kleinen Pflasterfuge, beeindruckend. Die Schönheit der Natur findet immer einen Weg. Erst recht in Brandenburg.

Wir überqueren einen unbeschrankten Bahnübergang und dann liegt er vor uns, der Gudelacksee. Als wir vom Bahndamm runter kommen, erspähen wir strahlend weiß gestrichene Lounge-Möbel aus Palettenholz und passend zur Pandemie blaue Corona-Bier-Sonnenschirme, dazu meterhohe Palmen in Kübeln.  Wir haben unser Ziel erreicht: Die Jet-Bay-Sea-Lounge.  Es gibt Orte, bei denen weiß man auf den ersten Blick, dass man hier nichts falsch machen kann. Entspanntes Ambiente, eine vielversprechende Getränkekarte und das alles schon wieder eingebunden in einer gigantischen Naturkulisse.

Wir sinken in die Loungemöbel und studieren die umfangreiche Getränkekarte. Als Einlauf-Getränk in diesem Hafen entscheiden wir uns klassisch für einen Gin-Tonic. Wir haben die Wahl zwischen sieben verschiedenen Gins und doppelt so vielen Tonic-Waters. Die bevorzugte Kombi ist zunächst Monkey 47 mit Fever Tree Mediterranean.  Und so viel kann an dieser Stelle vorweg genommen werden ohne zu spoilern:  es sollte  der mit Abstand beste Gin Tonic werden, den wir auf dieser Radtour bekommen haben. Das man dazu immer erst ins Brandenburger Hinterland reisen muss.

Nun sitzen wir also in Lindow (Mark) an der Marina am Gudelacksee in  wunderbaren Lounge-Möbeln, vor uns wiegen die zahlreichen Segel- und Motoryachten sanft im Abendlicht, aus den Boxen entspannte Electro-Beats und nippen an diesem ausgezeichneten Gin Tonic. Wir können unser Glück auf dieser Radtour mal wieder kaum fassen.

Danach trinken wir uns mutig durch die Getränkekarte. Es folgt eine Runde Moscow Mule, und dann lassen wir uns vom Barkeeper beraten. Der ist ein Bär von einem Mann, vermutlich zwei Meter groß, kurze Haare, voller Bart und von der Statur so gebaut, als könnte er in jedem Berliner Club die Tür machen. Sein sprachlicher Dialekt lässt auf Mecklenburg schließen, da er – wie es dort üblich ist – jede „er“ Endung“ zu einem lang gezogenen „ääää“ umwandelt: „Wartet Männää, ich komm zu euch rübää.“ Die zahlreichen Hansa-Rostock-Tattoos auf seinen imposanten Waden bestätigen den Verdacht. Er kümmert sich ausgezeichnet um uns, berät uns professionell bei der Getränkewahl und schleppt immer wieder voll bepackte Tabletts mit allerhand gut befüllten Gläsern  heran. So sitzen wir stundenlang in dieser Wohlfühloase, uns überkommt eine ungetrübte Zufriedenheit.  Wer braucht schon Ibiza, wenn man die Jet-Bay-Sea-Lounge an der Marina in Lindow (Mark) haben kann? Und zur Krönung der ganzen Geschichte reißt die Wolkendecke am späten Abend noch einmal auf und bietet uns einen gigantischen Sonnenuntergang  über dem Gudelacksee. An dieser Stelle sei Sarah Kuttner zitiert: „Brandenburg tut nicht so, als wäre es etwas, was es nicht ist. Brandenburg ist einfach nur da und schenkt Liebe.“ Wie Recht sie hat, die Sarah.

Aber auch der entspannteste Urlaubsabend geht irgendwann zu Ende. Vom See zieht nach dem Sonnenuntergang kühle Luft über die Hafen-Bar. Und so entschließen wir uns allmählich zum Aufbruch. Der Hansa-Rostock-Barkeeper hat an uns nicht schlecht verdient und verabschiedet uns überschwänglich. „Macht‘s gut Männäää und kommt bald mal wiedäää“. Wir versprechen es ihm und schlendern leicht angetrunken durch die schmalen Gassen zurück zu unserem „Hotel am Wutzsee“.

Da auf der Terrasse noch Betrieb ist, haben wir die schlaue Idee noch eine Runde Weizenbiere zu bestellen. Und aus der einen Runde wird noch eine zweite und natürlich auch noch eine dritte. Wir quatschen uns dusselig, sind traditionell die letzten Gäste und werden nun vom Kellner wenig charmant drauf hingewiesen, dass das jetzt wirklich die aller letzte Bestellung zu sein hat. Wir trinken in Ruhe aus, denn wir haben ja noch zwei Flaschen Berliner Luft im Gepäck in der Hinterhand. So versammeln wir uns wenig später in einem der Zimmer zur Straße hin und stoßen zufrieden auf diesen gelungenen Tag an. Und die zwei Flaschen Luft sind auch nötig, denn wir müssen uns so gut es geht betäuben, um bei dem Verkehrslärm der Straße, der direkt vor unserem Fenster vor sich hin donnert, irgendwie in den Schlaf zu finden.

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

5. Etappe: Heute ist Karneval in Kyritz an der Knatter

Nachdem uns der Wecker um 7:40 Uhr aus einem entspannten Tiefschlaf gerissen hat, entdecken wir in unserem kleinen Bad ein Schlachtfeld. Der Fußboden ist komplett mit Pringles-Chips bedeckt. Die leere Pringles-Dose liegt unter dem Waschbecken. Die Zimmernachbarn beschuldigen sich gegenseitig dieses Massakers und schließen für sich selbst kategorisch aus, dafür verantwortlich zu sein. Wir versichern uns gegenseitig glaubhaft, dass wir überhaupt keine Ahnung haben, wo die Pringles überhaupt her kommen. Jedenfalls hat niemand im Bewusstsein irgendwo Pringles besorgt. Aber irgendwie müssen sie in unser Bad gekommen sein. Es bleibt ein Mysterium.  Wir bemühen uns um notdürftige Beseitigung des Pringles-Chaos.

Wenig später finden wir uns im Frühstücksraum des „Germania“ wieder. Super Frühstück mit allem Drum und Dran. Über die Boxen läuft Smokie mit  „Lay Back in the Arms of Someone“. Zwischen Räucherlachs-Broten, Hausmacherblutwurst aus der Prignitz und frischem Fruchtsaft bequatschen wir mit  einer gehörigen Portion Respekt im Bauch die Streckenführung der heutigen Etappe. Immerhin ist heute Königsetappe, wir rechnen mit mindestens 90 Kilometern und unwegsamen Gelände. Jeder bekommt Knotenpunkte zugewiesen, die er sich merken soll. Das wird ein wilder Ritt bis Kyritz an der Knatter. Wir werden heute den Elbe-Radweg verlassen und sind auf sogenannte Radweg-Knotenpunkte angewiesen. Das ist zum einen darin begründet, dass wir ohnehin nach Osten kommen müssen, da die Elbe halt nicht durch Berlin fließt. Zum anderen wollen wir das beste Bundesland weltweit eben genau dort erleben, wo Brandenburg am aufregendsten ist. Und das ist nun mal nicht dort, wo mit umfangreicher Infrastruktur (wie etwa am Havelradweg) zu rechnen ist und auch nicht in der Nähe des Berliner Speckgürtels. Nein, wir wollen noch Abenteuer im schroffen,  ungezügelten, unverstellten, unangepassten  Brandenburg erleben. Wir wollen dahin, wo man sich zur Begrüßung erstmal einen Spruch an den Kopf knallt, wo keiner sagt „danke, bitte, sehr gerne, kann ich sonst noch was für sie tun“. Und für dieses Vorhaben verspricht der Weg nach Kyritz an der Knatter umfangreiche Erlebniswelten. Auf ins Hinterland!

Gut gestärkt durch das üppige Frühstück und nach den üblichen vorbereitenden Maßnahmen schieben wir die Räder aus dem Schuppen des wirklich zu empfehlenden „Hotel Germania“ in Wittenberge. Wir versorgen uns beim ortsansässigen Rossmann noch mit Sonnenschutz und umfangreichen Wasserreserven. Wer weiß, wann wir wieder die Gelegenheit dazu bekommen. Die Kassiererin meint schroff: „Die jungen Männer das nächste Mal dann aber bitte auch mit einem Einkaufswagen in den Laden!“ Wir nicken schuldbewusst hinter unseren Masken und geloben Besserung. Dies bricht das Eis zwischen uns und der Kassiererin und sie fragt interessiert, was wir vorhaben. Sie wäre vermutlich am liebsten mit uns mitgefahren und wünscht uns gute Fahrt. In der Innenstadt finden wir den ersten Knotenpunkt und folgen den Wegweisern zum nächsten. So rollen wir über Seitenstraßen aus der Stadt und sind kurze Zeit später auf dem Elbdeich. Dann wollen wir sie mal in Angriff nehmen, diese Königsetappe.

Die Streckenführung gönnt uns noch einige Kilometer Elberadweg. Zeit um sich von dem mächtigen Strom zu verabschieden. Danke Elbe, es war uns eine Freude! Du hast uns eine gigantische Kulisse für unsere Radtour geboten. Sei es entspannt bei kühlen Getränken vor ein paar Tagen in „Strand Pauli“, sei es bei Regen entlang Hamburger Industriegebiete, sei es auf der großen Terrasse im „Von Herzen“ oder kurz darauf auf der Eisenbahnbrücke von Lauenburg, sei es von der Fähre aus in Hitzacker oder in der unfassbar geilen Landschaft in der Prignitz gestern. Mach’s gut großer Fluss, wir hoffen auf ein Wiedersehen. Am Knotenpunkt 33   lassen wir die Elbe zurück und biegen links in Richtung Bad Wilsnack ab. Das scheint ja erstmal zu funktionieren, mit diesen Knotenpunkten. Hat was von Schnitzeljagd. Wenig später radeln wir durch das kleine Fachwerkstädtchen Bad Wilsnack und passieren die dortige Kristalltherme. Nachdem wir die Eisenbahnunterführung mit Schwung gemeistert haben, zeigt das Radweg-Zeichen kurz darauf scharf nach rechts. Über einen unbefestigten Sandweg geht es in den Wald hinein. Es geht kilometerweit durch brandenburger Wälder. Die Heidelbeersträucher sind üppig behangen und die Pfifferling-Bestände sind sogar vom Fahrrad aus zu sehen. Aber wir haben keine Zeit für Exkursionen in die Pilze, wir haben schließlich eine Königsetappe zu bewältigen. Irgendwann erreichen wir Plattenburg und passieren eine große Fischzucht samt Fischerei. Wir überqueren auf einer Brücke die Karthane. Von irgendwo her riecht es herrlich nach frischen Bratkartoffeln. Aber an Essenspause ist nicht zu denken, nicht auf so einer Königsetappe. Daher radeln wir weiter an endlosen Rinderweiden entlang, auf der Suche nach Knotenpunkt 50. Über Groß Leppin und Storbeckshof erreichen wir schließlich das kleine Nest Glöwen. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Doch trotz Königsetappe ist hier jetzt erstmal die erste Bier-Pause fällig. Das „Gasthaus zur Quelle“ hat gegen 11:00 Uhr schon geöffnet  und wer weiß, wann die nächste Kneipe kommt. Und damit die Tour de Sauf ihrem Namen auch alle Ehre macht, ordern wir noch eine 2. und eine 3. Runde nach. Trotz- oder gerade wegen Königsetappe. Gut gestärkt durch Flüssignahrung machen wir uns aber dann wieder  auf die Reise. So eine Radtour ist ein ständiges irgendwo Ankommen und ein ständiges nach irgendwohin Aufbrechen.

Es geht jetzt erstmals auf unserer Radtour ein längeres Stück über Landstraße. Zum Glück ist das Verkehrsaufkommen gering, aber jedes Mal wenn ein LKW an der Radsportgruppe vorbeizieht, halten wir kurz die Luft an. Links und rechts der Straße nutzen Landwirte die günstige Wetterlage, um die Getreideernte ins Trockene zu bringen. Von überall stauben Mähdrescher durch die Landschaft. Dazu begleiten uns immer wieder artistische Flugeinlagen von Schwalben.

Wir erreichen Barenthin und verlassen dies sofort wieder in Richtung Rehfeld. Am Ortsausgangsschild können wir unseren Augen nicht trauen, als wie auf einem Schild lesen: „Kyritz 10 km“. Und dass um kurz nach 12 Uhr auf der Königsetappe. Wir fahren weiterhin Landstraße und nutzen das gute Rollgefühl, um ein wenig Sport zu machen. Am Wegesrand suchen wieder Weißstörche nach Essbarem. Wir passieren unsichtbare Anstiege, die für das Auge nicht sichtbar sind, aber trotzdem da sein müssen. Die Oberschenkel brennen, wir geben alles und kommen trotzdem nicht richtig voran. Dann wieder Abfahrten, die ebenfalls nicht sichtbar sind, aber wir rollen plötzlich mit wenig Aufwand bei 40 km/h durch die sommerliche Landschaft. Wir haben seit Tagen versucht, den Text des  alten Gassenhauers aus dem Blauen Bock  „Heute ist Karneval in Kyritz an der Knatter“ zu lernen und wollten den eigentlich bei der Einfahrt im Etappenziel der Königsetappe laut singen. Völlig überraschend passieren wir aber um 12:40 Uhr das Ortsschild „Kyritz“. Wir schauen uns ungläubig an: Dies soll sie also gewesen sein, unsere gefürchtete Königsetappe? Wir haben noch keine 60 Kilometer auf der Uhr und sind so früh wie nie im Etappenziel. Ob wir überhaupt schon ins Hotel kommen? Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Merkwürdige Königsetappe.

Wir rollen durch das wenig beschauliche Städtchen Kyritz. Zahlreiche Bausünden aus der Zeit des real existierenden Sozialismus. Grau ist die bestimmende Farbe. Also erst mal was essen oder versuchen, im Hotel einzuchecken? Wir entscheiden uns für was essen. Leider ergibt die Suche über das Mobiltelefon, dass alle Restaurants in der Umgebung erst am Abend öffnen. Dies wird durch den Versuch bestätigt, diese Gaststätten persönlich aufzusuchen. Was ist denn hier los? Isst der gemeine Bewohner von Kyritz an der Knatter etwa nix zur Mittagszeit? Nun gut, dann eben doch erst ins Hotel. Nach kurzer Fahrt, auf der wir uns auf die Anweisungen der Navigations-App verlassen, stehen wir vor dem Landhotel Heine, heute unser Heim. Dachten wir zumindest.

Wir betreten die Rezeption mit Mundschutz und gebührendem Abstand. Wir sagen: „Guten Tag, wir sind die acht Radfahrer, die heute bei ihnen gebucht sind. Wir wollten fragen, ob wir schon auf die Zimmer könnten.“ Der Mann an der Rezeption antwortet gelangweilt: „Das kann ich mir nicht vorstellen, ich erwarte heute keine acht Radfahrer.“ Wir daraufhin: „Naja, wir haben doch aber bei ihnen gebucht. Eine Übernachtung mit Frühstück  für 4 Doppelzimmer.“ Der Mann an der Rezeption siegessicher: „Dazu habe ich nix im System.“ Wir wieder: „Na aber wir haben doch eine Bestätigung per E-Mail.“ Langsam wird der Mann an der Rezeption offenbar doch leicht nervös: „Na die Bestätigung will ich sehen.“ Wir zeigen ihm die Bestätigungsmail vom Landhotel Heine, in der die 4 Doppelzimmer für die Übernachtung von heute auf morgen aufgelistet sind und wo darunter steht: „Wir wünschen ihnen eine gute Anreise und freuen uns auf ihren Besuch, ihr Landhotel Heine“. Naja, die gute Anreise hatten wir, aber erfreut über unseren Besuch ist hier erstmal keiner. Jetzt fängt der Rezeptionsmann an hektisch auf seiner Tastatur rum zu klopfen: „Also äh….also sowas hatten wir ja noch nie. Ich habe hier auch ihre Buchungsbestätigung gefunden aber die ist nicht im System drin.“ Wir sagen ihm: „Ja macht ja jetzt nix, dann würden wir eben jetzt einfach gerne 4 Doppelzimmer für eine Übernachtung nehmen.“ Darauf die Antwort: „Das ist ausgeschlossen, ich bin ausgebucht.“ Na prima, das sind ja ganz herausragende Aussichten hier in Kyritz an der Knatter. Der Mann an der Rezeption versucht jetzt hektisch alle Hotels in Kyritz abzutelefonieren, um uns eine Alternative vorzuschlagen. Er lässt in unterschiedlichen Hotels einzelne Doppelzimmer reservieren. Das ist aber nicht das, was wir wollen. Wir haben wenig Lust am Abend in unterschiedlichen Hotels über diese merkwürdige Stadt verteilt pennen zu müssen. Der Rezeptionsmann kann aber ohnehin nur zwei Doppelzimmer in Kyritz auftreiben. Er sagt: „Also, ich kann mich da nur entschuldigen.“ Das hilft uns jetzt aber auch nicht weiter.

Wir stehen nach unserer Königsetappe also ohne Unterkunft da. Wir telefonieren nun in Eigeninitiative alle im Umkreis liegenden Unterkünfte ab und erhalten überall Absagen.  Alles Ausgebucht in Kyritz an der Knatter. Im 14. Versuch das erste Telefonat, welches nicht sofort mit einer Absage beantwortet wird. Das „See-Idylle“ sagt, dass man schaut, was man für uns machen kann. Kurzdarauf die Ansage: „Na gut, wir kriegen das hin“. Für uns eine Mischung aus Erleichterung und Frust, da wir uns noch mal auf die Räder schwingen müssen und knappe 10 Kilometer bis nach Wusterhausen an der Dosse weiter radeln müssen. Und das, nachdem wir uns bereits sicher waren, die Königsetappe mit Bravour und in Rekordzeit gemeistert zu haben.

Nun ist es sicherlich so, dass es in Kyritz an der Knatter auch ganz schöne Ecken geben wird. Und dort werden sicher auch Leute leben, die völlig in Ordnung sind. Nur haben wir auf unserer unfreiwilligen Kurz-Visite nichts davon gesehen. Daher verlassen wir dieses Kyritz mit dem Gefühl: „Was für eine Kackstadt! Nie wieder Landhotel Heine, nie wieder Kyritz an der Knatter! Von wegen Karneval…..am Arsch die Räuber“.

Bei beständigem Gegenwind radeln wir auf einem Radweg entlang einer viel befahrenen Bundesstraße, passieren einen kleinen Flugplatz und wechseln kein Wort. Den Frust aus Kyritz muss jeder erstmal verarbeiten. Nach 20 Minuten sagt die Navi-App scharf links abbiegen. Es geht vorbei an Bootsschuppen und kurz darauf stehen wir vor dem „See-Idylle“. Von außen sieht es gar nicht mal so schlecht aus, direkte See-Lage nur macht es den Anschein, als ob hier schon länger (also 5-10 Jahre) keine Gäste mehr genächtigt haben.

Wir stehen etwas unschlüssig vor dem See-Idyll als plötzlich ein bärtiger Mann mit Blaumann um die Ecke kommt. Er hat den Blaumann nur als Hose angezogen, der obere Teil des Blaumanns baumelt die Hüften hinunter. Mit freiem Oberkörper und ölverschmierten Händen kommt er auf uns zu. „Na, ihr seit die Männer die hier heute pennen wollen?“ Wir sagen „Genau“. Der Mann reinigt sich mit einem Lappen die ölverschmierten Hände und meint dann: „Dit is jut, ick bin der Klaus. Wollt ihr erstmal eure Räder los werden?“ Wir halten das für eine gute Idee. „Na dann kommt mal mit Männer.“ Klaus führt uns auf ein gegenüber liegendes Grundstück und öffnet ein großes Metall-Tor. „So Jungs, kommt rin, da hinten in der Garage könnt ihr eure Räder abstellen. Ich fahr heute Nacht mein Auto vor das Tor, da kommt keiner ran.“ Klaus scheint die Lage im Griff zu haben und wird sich  gut um uns kümmern, das spüren wir sofort. Er verkörpert mit allem was er sagt und tut  diese geile  unkonventionelle Unkompliziertheit, die es so nur in Brandenburg gibt. Hier wird man nicht an der Rezeption im Anzug mit den Worten empfangen „Herzlich Willkommen, wir hoffen Sie hatten eine gute Anreise“. Nee, Brandenburg empfängt dich im Blaumann mit öligen Pfoten  und mit den Worten: „Ihr wollt hier heute pennen.“

Wir schlurfen zurück zum See-Idylle und Klaus händigt uns die Schlüssel aus. „So Jungs, dann richtet euch mal ein und Frühstück mache ich euch dann morgen zu um acht fertig, wa?“ Wir antworten: „Dit hört sich jut an.“ Gleichzeitig sind wir mit leichten Gruselgefühlen sehr gespannt, wie das Frühstück aussehen wird, was uns Klaus in seinem Blaumann und den ölverschmierten Fingern morgen zubereiten wird. Aber wir sind in Brandenburg und da sollte man nie mit Vorurteilen unterwegs sein, denn dieses Brandenburg belehrt einen täglich eines Besseren.

Als wir die Zimmer beziehen schaudert es uns erneut. Die Einrichtung ist in Ordnung, schöner 1990er Style überall. Nur liegt über den Fluren und allen Zimmer ein irgendwie muffiger Geruch. Wir sind die einzigen Gäste in diesem riesigen Haus. Und das offenbar seit geraumer Zeit. Einer von uns spricht aus, was alle denken: „Was is den dit fürn Gruselhotel?“ Wir reißen zunächst die Fenster auf, jetzt geht es schon besser. Wir richten uns ein, packen das nötigste aus den Fahrradtaschen und vereinbaren, dass wir uns dann gleich treffen, um was zu essen zu finden. So versammeln wir uns also kurze Zeit später vor dem See-Idylle, Klaus kommt vorbei und sagt: „Jungs, wenn es an irgendwas fehlt, dann sagt Bescheid. Kann ich was für euch tun?“ Wir sagen: „Ja, du könntest uns sagen, wo wir was zu essen bekommen.“ Klaus zögert nicht lange: „Na Männer, hier direkt neben an ist der Segelverein, die haben ne Kneipe, da kriegt ihr was zu essen. Oder wenn das nix ist, dann ist hier 500 Meter den See entlang noch ein Italiener.“ Na das sind doch mal gute Neuigkeiten, die Klaus für uns hat.

Da wir die Terrasse direkt am See von diesem Segelverein erblicken und dort ein großer leerer Tisch steht, der auf acht durstige und hungrige Jungs wartet, entschließen wir uns die Gunst der kurzen Wege zu nutzen und betreten die „Gaststätte Bootshaus“. Wir werden zunächst freundlich empfangen und gehen durch den Gastraum zur großen Terrasse direkt am Wasser. Dort steht ein großer Tisch an dem 7 Stühle stehen und noch genügend Platz ist, einen achten dazu zu stellen. Wir denken an die brandenburger Unkompliziertheit und holen uns einfach einen Stuhl von einem benachbarten Tisch. Darauf erfolgt sofort die knalharte Ansage: „Junger Mann, wir sind hier noch in der Quarantäne, hier wird nicht einfach umgeräumt.“ Holla, hier wird die Brandenburger Schroffheit aber in sehr extremer Form gelebt. Wir warten die nächsten Wortwechsel ab, aber als die Stimmung nicht um schwingt sondern immer unfreundlicher wird, bemerken wir sehr schnell: Das hat hier nix mit Brandenburger Schroffheit zu tun, die Bedienung hat schlicht und einfach ganz gewaltig  einen an der Knatter. Als einer von uns aus dem Hintergrund irgendwann einwendet, dass man das ja auch alles vielleicht etwas freundlicher sagen könnte blafft die Bedienung: „So, wer hat sich hier jetzt noch gemeldet?“ Spätestens jetzt ist klar: Das wird hier heute nix mehr mit uns und der Bedienung. Wir machen kehrt und verlassen die „Gaststätte Bootshaus“ unverzüglich und grußlos. Da ist dem Bootshaus jetzt aber mal ganz geschmeidig eine Rechnung von Minimum 300€ durch die Lappen gegangen. Auf Brandenburger Schroffheit haben wir richtig Bock, aber wir haben keinen Bock einer durchgedrehten Bedienung unser Geld da zu lassen.

Klaus hatte ja noch was von einem Italiener am See erzählt und so machen wir uns auf die Suche. Wenig später werden wir fündig und das „Casa Nostra“ empfängt uns mit offenen Armen. Kurz drauf steht Pizza und Pasta in allen Ausprägungsformen vor uns auf dem Tisch. Dazu  reichlich Kaltgetränke. Die Sonne knallt ganz schön, der Wirt hat aber aus Angst vor dem böigen Wind die Sonnenschirme eingeholt. Wir lassen den Blick über den See schweifen und beobachten einen kleinen weißen Ausflugsdampfer beim Runden-Ziehen. Über uns kreisen haufenweise Cessnas im wackligen Landeanflug auf den Flugplatz, an dem wir vorhin schlecht gelaunt vorbei geradelt sind. Gegen 16:00 Uhr brechen wir auf und reservieren uns für 19:30 Uhr gleich wieder einen Tisch im gleichen Lokal. Das Bootshaus ist ja nun keine Alternative mehr und so viele Möglichkeiten haben wir hier nicht. Wir schlendern zurück zu unserem Grusel-Hotel und ziehen uns für 1-2 Stunden auf die Zimmer zurück. Gegen 19:00 Uhr treffen wir uns an der Terrasse zum See und genießen den Ausblick. Klaus hat es sich hier in einem alten Strandkorb gemütlich gemacht und einen Flat TV aufgebaut und verfolgt aufmerksam das Fernsehprogramm. Er fragt, ob alles zu unserer Zufriedenheit ist und wir antworten: „Alles bestens Klaus.“ Klaus nickt.

Wir machen uns auf den Weg und sitzen wenig später wieder im Casa Nostra und geben umfangreiche Bestellungen auf. Wir essen, wir trinken, wir quatschen uns dusselig. Gewohnte Routine inzwischen. Auch nach dem Hausschnaps wird wieder gefragt und siehe da, kurze Zeit später steht die gleiche 1,5 Liter Flasche Grappa auf dem Tisch, die wir vor ein paar Tagen kurz hinter Hamburg geleert hatten. Erfreut wird festgestellt:  „Da sind sie ja wieder, unsere Rambazamba-Tropfen!“ Und auch das ist wie immer: wir sind die letzten Gäste und der Kellner kann seine Erleichterung nicht verbergen, als wir endlich zahlen. Mit einem leicht mulmigen Gefühl gehen wir zurück zu unserem Grusel-Hotel und malen uns aus, was da gleich zur Geisterstunde alles passieren wird. Irgendjemand kommt noch auf die schlaue Idee Klaus aus dem Bett zu klingeln und zu fragen, ob er uns noch ein paar Bier verkaufen kann. Klaus sagt mit seiner ungestellten Herzlichkeit leicht verschlafen: „Na klar Männer, kein Problem und kommt kurz darauf mit einem Plastikeimer an, in dem 8 Flaschen Oettinger-Hefeweizen stecken. Schön lauwarm und wir stellen fest, dass das Bier seit fast einem Jahr abgelaufen ist. Wir quälen es uns trotzdem rein, irgendwie ein unwürdiger Abschluss dieses ereignisreichen Tages, der mit den Pringles auf dem Klo im „Germania“ begonnen hatte. Zumindest sind wir jetzt betrunken genug, um alle Grusel-Geschichten, so sie denn des Nachtens hier stattgefunden haben sollten, entspannt zu verpennen.  

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

4. Etappe: Mit dem Wind im Bunde nach Wittenberge und Kapitänsdinner im Hotel Germania

Im Hotel Zur Linde gibt es erstmals auf unserer Radtour Frühstücks-Buffet. Das ist ungewöhnlich geworden in Zeiten der Pandemie.  Es ist zwar kein Zwiebel-Mett-Frühstück wie gestern im Von Herzen in Lauenburg, aber wir haben dennoch ein grundsolides Frühstück, über das man nicht meckern kann. Was uns viel mehr beunruhigt ist der Blick aus dem Fenster. Die gegenüber stehenden Bäume biegen sich bedrohlich im Wind. Dort draußen tobt eine steife Brise. Hoffentlich ist das kein Gegenwind auf dem Elberadweg heute. Nach dem Frühstück leiten wir erneut und inzwischen mit lässiger Routine die vorbereitenden Maßnahmen für den Tag ein. Wir grübeln kurz, was wir mit dem sehr umfangreich angefallenen Leergut von letzter Nacht machen, entscheiden uns dann dafür, es ordentlich in einer Kiste verpackt im Hotelzimmer stehen zu lassen. Unser leicht schlechtes Gewissen versuchen wir damit zu beruhigen, dass wir ja immerhin stattliche Werte in Sachen Pfand hinterlassen, aber richtig wohl ist uns nicht bei der Geschichte. Nichtsdestotrotz finden wir uns wenig später gesattelt und präpariert auf den Rädern vor dem Zur Linde wieder und rollen gemächlich durch Hitzacker in Richtung des großen Stroms.

Wenige Meter vor dem Anleger der Elbfähre knirscht es und wir verzeichnen den ersten Ketten-Riss der Radtour. Wie kann den sowas gleich am frühen Morgen passieren? Kurz darauf kommt die Elbfähre angetuckert und ist bereit, uns aufzunehmen. Wir zögern, was zu tun ist: Übersetzen und am anderen Ufer die Reparatur-Maßnahmen durchführen, oder sicherheitshalber an diesem Ufer verweilen, da im Zweifelsfall ein Fahrradladen vermutlich in Hitzacker eher zu finden sein wird, als in der unbesiedelten Landschaft am anderen Ufer. Die technische Abteilung hat Vertrauen in ihre Fähigkeiten und so entscheiden wir uns zur Flussüberfahrt. Wir tragen wieder brav unsere Masken, hinterlassen den fälligen Zwanni beim Fährmann, der Wind peitscht über die Elbe  und dann  schieben wir gemächlich unsere Räder von Bord. Nun wird der Schaden an der Kette fachmännisch begutachtet. Die Rede ist immer wieder  von „Glied kürzen“ was kurzzeitig beim Halter des Fahrrads für Panik sorgt. Entspannung erst, als klar wird, dass mit „Glied-Kürzen“ nicht das Geschlechtsorgan, sondern ein Ketten-Glied der Fahrradkette gemeint ist. Die Glied-Kürzung entwickelt sich zu einer heiklen Geschichte. Lange ist nicht klar, ob diese Operation am offenen Herzen gelingen wird. Aber wohl dem, der mit technischen Profis auf Radtour ist! Wenig später ist das Glied erfolgreich gekürzt, die schmierigen Finger werden mit Sand und Elbewasser notdürftig gereinigt und dann kann die Tour starten. Ein holpriger Ritt rauf auf den Elbdeich und kurz darauf die erleichterte Feststellung, dass der Wind erstmal von hinten bläst. Gleichzeitig ist allen bewusst, dass sich das nach jeder Flussbiegung ändern kann und der Wind eine latente Bedrohungslage für den heutigen Tag ist. Wir rollen also mit einer gehörigen Portion Respekt in den heutigen Tag.

Dank des Rückenwindes sind wir zügig unterwegs. Da weit und breit keine Weggabelung auftaucht, besteht zunächst auch keine Gefahr, dass wir uns verfahren. Wir kommen gut in den Tag und lassen es laufen. In der ersten Stunde der täglichen Tour wird meist nicht viel gesprochen. Jeder horcht zunächst misstrauisch ins Material hinein, ob die Kette knirscht, die Bremse schleift oder sonstige unerwünschte Geräusche vom Fahrrad ausgehen. Da aber die Kette geräuschlos vor sich hin dreht und alles problemlos am Rollen ist, kann man entspannt durchatmen. Alle treten wortlos vor sich hin. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Man denkt an alles mögliche und gleichzeitig an nichts.

Der amerikanische Professor für Psychologie mit dem unaussprechlichen Namen Mihály Csíkszentmihályi hat in seiner Literatur umfangreich den Zustand des sogenannten Flow-Erlebnisses  beschrieben. Sehr vereinfacht könnte man demnach das Flow-Erlebnis als einen Zustand beschreiben, in dem der Mensch voll und ganz in seiner Tätigkeit aufgeht. Damit sich dieses Flow-Erlebnis einstellt, ist die sogenannte „Passung von Mensch und Aufgabe“ entscheidend. Dies bedeutet wiederum stark vereinfacht ausgedrückt, dass sich das Flow-Erlebnis genau dann einstellt, wenn der Mensch eine Tätigkeit  bewältigt, die ihm zwar einen gewissen Aufwand abverlangt, den er aber relativ locker bewältigen kann und die ihm eine unmittelbare positive Rückmeldung über den Erfolg des Aufwandes liefert. Wenn dieser Zustand erreicht ist, entsteht der Flow und der  Mensch geht in einem Zustand völliger Vertiefung restlos  in seiner Tätigkeit auf. Raum und Zeit werden vergessen und die dadurch entstehenden Glücksgefühle liefern endlosen Anreiz, sich der Tätigkeit weiterhin zu widmen. Und wenn es noch einem empirischen  Beweises für die Csíkszentmihályische Theorie des Flow-Erlebens bedurft hätte, wir liefern ihn an diesem Vormittag in einer ausgiebigen Feldforschung. Wir treten, wir rollen, wir treten weiter und freuen uns über das Vorankommen, wir sind im Tunnel und gleichzeitig eins mit der Landschaft, wir vergessen alles, weil all das für uns gerade Sinn macht, was wir tun. Der Wind ist unser Freund und so geht es wie im D-Zug durch die Flusslandschaft.

Nun aber genug der Theorie, denn wir sind hier ja schließlich nicht in einem Psychologie-Grundseminar, sondern immer noch auf der Tour de Sauf! Und da melden sich leider schon wieder die ersten Synapsen, die dringend nach einem kühlen Radler als erste Erfrischung des Tages verlangen. Leider kommt hier halt erstmal nix. Keine Siedlung, keine Kneipe und erst Recht kein Supermarkt. Irgendwann kommt der Radweg von der Elbe ab, wir radeln durch Wald und befinden uns plötzlich auf dem  Wanderweg „Das Grüne Band“. Also in jenem Naturschutzgebiet, welches über tausende Kilometer auf dem Grenzstreifen der ehemaligen innerdeutschen Grenze entstanden ist. Wir passieren einen als Denkmal erhaltenen Teil des ehemaligen Grenzzaunes, rollen durch die „Dorfrepublik Rüterberg“ und steuern mit dem Wind im Bunde Richtung Dömitz. An der Kreuzung der Bundesstraße 195/Bundesstraße 191 kommt kurz Verwirrung auf. Wir müssen uns orientieren, biegen erst rechts ab, bemerken aber, dass dieser Weg über eine Brücke auf die andere Elbseite führt. Also umkehren und in den richtigen Weg Richtung Dömitz-Zentrum  einbiegen. Dieses Dömitz macht einen recht verschlafenen Eindruck auf uns. Wir radeln an historischen Klinker-Häusern vorbei, passieren einen Marktplatz und eine Kirche und finden etwas verwinkelt ein Café an dem ein Schild steht: „Heute geöffnet“. Na dann soll dieses Café doch für das Heute-Geöffnet-Sein mal ein paar Euros an uns verdienen! So richtig geöffnet sieht es aber tatsächlich noch nicht aus. Wir tasten uns vorsichtig durch eine lange Einfahrt. Hinter einem Gittertor läuft ein älterer Mann etwas ziellos hin und her. Als er uns erblickt, ruft er: „Wartet Männer, ich mach euch auf!“ Daraufhin kommt er angewackelt. Wir fragen: „Haben Sie schon auf?“ Antwort: „Ja Männer, ich habe auf euch gewartet. Eigentlich wollte ich heute gar nicht aufmachen, aber jetzt seid ihr ja da.“ Das hört sich doch alles ganz wunderbar an. Der Mann, der übrigens so aussieht, wie vermutlich Rudi Völler mit 80 Jahren aussehen wird, fängt an, hektisch Plastikstühle für uns anzuschleppen und richtet uns ein schattiges Plätzchen für acht Leute ein. Er kündigt an, dass er uns wilde „Baller-Geschichten“ von der hinterm Haus verlaufenden ehemaligen innerdeutschen Grenze erzählen wird. Wir sind gespannt und bestellen eine Runde große Radler bzw. Alster. Der Rudi-Völler-Mann sagt: „Na gut, wenn ihr aus Hamburg kommt, kriegt ihr Alster, wenn ihr von woanders kommt, kriegt ihr Radler.“ Damit können wir leben. Rund um die Tische stehen alte Nähmaschinen, alte Möbel, alte Küchen- und Gartenwerkzeuge und anderer Krempel wie in einem Museum ausgestellt.   Plötzlich kommt noch eine andere Radsport-Gruppe. Der Rudi-Völler-Wirt meint leicht nervös: „Oh Männer, jetzt wird es spannend.“ Da sich der kleine Biergarten schlagartig immer weiter füllt, kommt unser Rudi-Völler-Opa mächtig ins Rotieren. Auf einem ausgehängten Zeitungsartikel erfahren wir, dass es sich bei dem Rudi-Völler-Opi in Wirklichkeit um den Architekten Christian Hoffmann handelt, der dieses Café mit seinen 82 Jahren als Hobby betreibt. Nebenbei ist er auch noch Schauspieler und „Scheunensänger“. Alle Achtung! Da verzeihen wir sogar großzügig, dass das Alster zu 80% aus Sprite besteht und nur ein kleiner Schuss Bier für die Farbe zugefügt wurde. Als wir nach der Rechnung fragen bringt uns dieser Christian Hoffmann die Speisekarte und sagt: „Männer, da stehen die Preise. Sucht euch mal raus, was ihr getrunken habt und rechnet mal selbst zusammen. Aber bitte bescheißt mich nicht.“ Wir belohnen das uns entgegengebrachte Vertrauen mit einem fast schon übertriebenen Trinkgeld, wünschen alles Gute und schwingen uns zurück auf die Räder.

Am Hafen zögern wir kurz, ob „Lenzen“ die richtige Richtung für uns ist, finden dann aber heraus: Da müssen wir lang. Wir verlassen Dömitz in östlicher Richtung und erreichen kurz hinter der Stadtgrenze das beste Bundesland weltweit: Endlich Brandenburg! Leider mäandert die Elbe hinter Dömitz zu unseren Ungunsten. Der Wind, der ja am Vormittag schon stark war, hat noch mal zugenommen und kommt jetzt schräg von vorne. Dadurch ist es laut auf dem Rad. Einzig das regelmäßige Fluchen aus der Radsportgruppe ist zu vernehmen. „Scheiß Wind!“ Wir müssen alles geben, sind am Limit um überhaupt vorwärts zu kommen. Halli-Galli-Drecksauparty, aber im Schneckentempo. Wir nehmen Gorleben am anderen Flussufer gar nicht wahr, jener Ort wo die zahlreichen Castoren lagern, um deren Transporte es Ende der 1990er Jahre so umfangreiche Auseinandersetzungen gegeben hat. Diese Castoren werden dort vermutlich noch vor sich hin strahlen, wenn wir schon lange endgültig vom Fahrrad gestiegen sein werden. Zum Glück hat der Spuk mit dem Gegenwind auf der Höhe von Lenzen ein Ende. Die Elbe mäandert erneut und dieses mal so, dass der Wind wieder schräg von hinten kommt, ein Glück! Jetzt können wir uns auch endlich wieder der unfassbar schönen Landschaft widmen. Wir radeln an malerischen Bauernhöfen, wunderschönen Häusern mit bunten Gärten und Viehweiden vorbei. Schwalben umkreisen uns mit akrobatischen Flugeinlagen. Vor den Höfen stehen gelegentlich Kühe, Pferde aber auch immer wieder Esel. Wir begegnen – ohne Übertreibung – hunderten Weißstörchen. Bullerbü in der Prignitz! Zu unserer Rechten der dunkelblaue Strom mit seinen zahlreichen Buhnen und dazwischen fast schon karibisch anmutende Sandstrände. Traumhaft!

An einer Auto-Fähre wo ein alter DDR-Wachturm steht, machen wir kurz Pause. Erst jetzt bemerken wir, wie heftig der Wind weht. Oben auf dem begehbaren DDR-Wachturm wird man fast runter geblasen. Als wir wieder auf den Rädern sitzen, fühlt es sich komplett windstill an, da der Wind nun direkt von hinten kommt. Inzwischen herrscht dichter Verkehr auf dem Elberadweg. Hunderte Radtouristen sind unterwegs. Wir bedauern die Radfahrer, die uns entgegen kommen und gegen den Wind kämpfen müssen. Wir sind uns nicht sicher, ob wir an deren Stelle nicht abgebrochen hätten. Aber wir nutzen die Gunst der Stunde um Tempo vor dem Wind zu machen. In der Radsportgruppe werden Anerkennungspunkte vergeben, wenn es gelingt E-Biker zu distanzieren. Und so machen wir uns einen Spaß daraus, E-Biker vor uns anzuvisieren und dann mit reiner Muskelkraft und dem Schub vom Wind in hohem Tempo vorbei zu gehen. Unsere Equipe  ballert mit Höchstgeschwindigkeit  den Elbdeich entlang. Am Abend weist der Tacho 51 km/h als Tagesrekordgeschwindigkeit aus.

Da wir gut in der Zeit liegen und mächtig metern, entschließen wir uns noch einen Einkehrschwung einzulegen und finden in Cumlosen den Landgasthof Schmidt. Als wir gerade dabei sind unsere Räder aufwendig vor dem Gasthof zu parken kommt von der Eingangstür die barsche Ansage: „Ihr braucht hier gar nicht zu halten, wir haben seit 14:00 Uhr zu!“ Wir schauen uns an und dann zur Tür. Jeder, der Brandenburg nicht kennt, würde jetzt vermutlich ängstlich abziehen und sich über die Unfreundlichkeit aufregen. Wir dagegen sind aber „Native-Speaker“ und glauben die Situation meistern zu können. Also sagt einer von uns: „Na dit is ja Mist, wir haben Hunger und Durst. Wie sieht es denn mit Getränken und vielleicht ner Bocki (brandenbugrisch für Bockwurst) aus?“ Darauf die Wirtin an der Tür sofort herzlich gestimmt: „Na dit kriegen wa hin, dann setzt euch mal hinten in den Garten Jungs.“ Na also, man muss sie nur zu nehmen wissen, die Brandenburger. Nicht von der ersten Ansage einschüchtern lassen und immer charmant aber bestimmt in die Gegenoffensive gehen. Dann hat man sie geknackt. Wenig später stellt sich heraus, dass nur noch fünf Bockis verfügbar sind, aber die, die keine abbekommen kriegen dafür überbackenen Ziegekäse mit Honig-Balsamico-Dressing und einem üppigen Salat angeboten, was im Grunde noch viel geiler als ne Bocki ist. Und auch das ist eben Brandenburg: Wollte man aufgrund des barschen Tons anfangs schon fast abbrechen, so sitzt man wenige Minuten später in einer wunderschönen Gartenkneipe, hat frisches Bier und ein leckeres Essen auf dem Tisch und die Wirtin zeigt ihr herzlichstes Gesicht. Bestes Bundesland weltweit, ohne Mist!

Und weil es hier so gut ist, dehnen wir den Einkehrschwung umfangreich aus. Ein wenig Respekt haben wir vor dem Hotel, welches uns heute in Wittenberge erwartet. Das „Hotel Germania“ löst in unserer Phantasie seit Tagen einige Spekulationen aus. Wir befürchten, dass wir vor Betreten des Hotels erstmal einen AfD-Parteimitgliedsantrag ausfüllen müssen. Wir sind gespannt, was uns erwartet. Irgendwann bedanken wir uns im Landgasthof Schmidt für die Gastfreundschaft und rollen zurück auf den Elbdeich, um die letzten Tageskilometer in Angriff zu nehmen. Der Rückenwind gibt noch einmal schönen Schub und kurz darauf erreichen wir Wittenberge. Wittenberge ist auf den ersten Blick nicht sonderlich schön. Um die Innenstadt aufzuhübschen, hat man sich in diesem Sommer offenbar dazu entschieden, bunte Regenschirme aufzuhängen. Diese baumeln jedenfalls überall munter im Wind.

Nach einer kurzen Runde durch die Innenstadt erreichen wir schließlich dieses sagenumwobene „Hotel Germania“. Von außen sieht es alles andere als bedrohlich aus. Wir trauen uns also herein und werden freundlich empfangen. Wir können ohne Parteimitgliedsantrag einchecken und freuen uns über die Zimmer, die absolut in Ordnung sind. Nach kurzem duschen und Wäschewechsel treffen wir uns kurze Zeit später im schattigen Biergarten hinter dem Haus. Die freundliche Bedienung, geschätzt irgendwas so Mitte 50, bedient uns herzlich aber auch immer leicht kichernd, wenn sie an unseren Platz kommt. Es fließt wieder reichlich Bier in jeglicher Form. Kurz darauf tischt die kichernde Kellnerin Zander mit gerösteter Blutwurst, in Honig marinierte Poulardenbrust, Entrecote mit Prinzessinnenbohnen, Rumpsteaks mit Pfannengemüse, Schweinemedaillons mit Kroketten und eine deftige Prignitzer Brotzeit auf. Was für ein Fest!

Nach dem Essen erkundigen wir uns mal wieder nach dem Hausschnaps und bekommen wenig später feinen Mackenstedter Aquavit serviert. Und wenn bei acht Leuten jeder mal eine Runde übernimmt, dann gehen schon ein paar Schnäpse über den Tisch. Wir bemerken nicht, wie die Stunden verrinnen, trinken, quatschen uns dusselig und genießen die Zeit. Und irgendjemand kommt dann immer auf die schlaue Idee, eine Runde Berliner Luft zu bestellen. Und nachdem die ersten drei Runden Luft bestellt sind, kommt wieder jemand auf eine noch schlauere Idee und fragt, ob wir auch eine ganze Flasche Berliner Luft mit acht Gläsern haben können. Die kichernde Kellnerin hat kein Problem uns auch diesen Wunsch zu erfüllen und legt kurz darauf einen filmreifen Auftritt hin. Auf ihren fünf auseinander gespreizten Fingern, balanciert sie ein Tablett knapp über Kopfhöhe. Auf diesem Tablett hat sie in der Mitte die gewünschte Flasche Berliner Luft platziert und außen rum acht Schnapsgläser wie zu einer Krone angeordnet. Es fehlt eigentlich nur noch eine brennende Wunderkerze und Musik vom James Last, dann würde man sich fühlen wie beim Kapitänsdinner auf der „MS Germania“. Und diesen Auftritt legt unsere Kellnerin im Verlauf des Abends noch ganze zwei Mal hin und erntet dafür jedes Mal reichlich Applaus. Wir sind auf jeden Fall mal wieder die letzten Gäste. Wie wir an diesem Abend bezahlt haben und wie wir auf die Zimmer gekommen sind, lässt sich an dieser Stelle nicht beschreiben, da Erinnerungslücken dies unmöglich machen.

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

3. Etappe: Tour de Sauf, mit dem Elf-Uhr-Zug auf Amadeus und Sabrina  nach Hitzacker

Um Punkt 8:00 Uhr treffen wir uns im großen Frühstücksraum der Pension „Von Herzen“. Uns wird ein Tisch direkt an großen Fenstern zum Fluss hin zugewiesen. Was für ein Ausblick schon wieder. Die Elbe liegt heute Morgen glatt wie ein Spiegel vor uns. Keine Welle und keine sichtbare Strömungsbewegung. Das Wetter scheint es gut mit uns zu meinen. Kein Wind, nur vereinzelt ein paar Wolken, die aussehen, als ob sie Claude Monet höchstpersönlich an den ansonsten blauen Himmel getupft hat. Die Wirtin tritt mit einem Brotkorb an unseren Tisch. Kein „Hallo“, kein „Guten Morgen“, nein ein strenges und gleichzeitige bewunderndes „Na Sie haben ja ganz schön gewütet an der Mini-Bar gestern Abend!“ Wir antworten mit „Na irgendwie muss man den Durst ja stillen“ und lachen mit der Chefin des Hauses. Das Frühstück ist sensationell. Frische Brötchen, hausgemachte Marmelade, Honig vom lokalen Imker, guter Aufschnitt, leckerer Käse und die Chefin bringt immer neue Schalen mit frischem Zwiebelmett heran. Dazu haben wir eine Rührei-Flatrate. So viel steht fest: Radfahrer, kommst du nach Lauenburg, dann penn im „Von Herzen“, da ist alles gut! Völlig satt trenne wir uns schließlich vom Zwiebelmett und von dem tollen Elbblick und leiten vorbereitende Maßnahmen ein.

Das Gepäck wird geordnet und möglichst sinnvoll in den Satteltaschen verstaut, Schlübber mit Sitzpolstern angelegt, Radsportklamotten übergezogen und das Zimmer geräumt. Die Räder werden vor dem „Von Herzen“ aufgereiht und nacheinander mit den Satteltaschen bestückt. Wir geben die Schlüssel ab und zahlen am Ende mehr für die Mini-Bar als für die Übernachtung. Aber man muss die Feste feiern wie sie fallen. Der Chef des Hauses wünscht gute Fahrt und wenig später hoppeln wir über Kopfsteinpflaster durch die Lauenburger Altstadt Richtung Brücke. Der Plan ist heute auf Niedersächsischer Seite zu fahren, da das Radweg-Buch dort die angenehmeren topographischen Bedingungen verspricht. Wir überqueren den Elbe-Lübeck-Kanal, passieren eine Werft und halten wenig später auf der großen Elbbrücke zum Foto-Stopp:

Wir rollen von der Brücke und verpassen den Abzweig des Elberadwegs. Dies fällt uns allerdings erst auf, als wir bereits 5 Kilometer in die falsche Richtung geradelt sind. Also umkehren und zurückradeln, morgendlicher Stimmungs-Dämpfer. Wir finden den Radweg wieder, wenige Kilometer später irren wir aber schon wieder umher. Wir sind von der Elbe abgekommen und Radwegzeichen kamen auch schon länger nicht mehr. Es wird gewitzelt: „Was soll das hier heute werden? Die große Niedersachsen-Rundfahrt oder was?“ Mit Hilfe der Navigations-App erreichen wir nach etlichen Kilometern schon weit hinter Boitzenburg den Elbdeich. Vom Fluss ist dennoch in den ersten Tour-Stunden nicht viel zu sehen. Dies liegt daran, dass der Radweg nicht auf dem Deich entlang führt, sondern auf der flussabgewandten Seite vor dem Deich. Und wenn es mal kurzzeitig auf den Deich hoch geht, dann ist die Elbe sehr weit weg.  Die Elbdeiche liegen hier oft kilometerweit auseinander, dazwischen endlose Elbauen und mittendrinn irgendwo der Fluss. Offenbar Lehren aus unzähligen Hochwassern. Kaum vorstellbar, dass dieses riesige Becken mal komplett mit Wasser gefüllt ist. Aber das nächste Elbe-Hochwasser kommt bestimmt.

Wir radeln etliche Kilometer durch dünn besiedeltes Land. Hin und wieder passieren wir große Campingplätze, die – wie überall –  vorwiegend von Holländern frequentiert sind. An einem dieser Campingplätze gehen wir wie die Pawlowschen Hunde in die Eisen. Eine große Werbe-Plane mit befüllten Biergläsern und der Aufschrift: „Biergarten geöffnet“ lässt uns alle gleichzeitig abbremsen. Frust kommt auf, als klar wird, dass der Biergarten doch noch nicht auf hat. „So eine Scheiße! Wir müssen doch den Elf-Uhr-Zug bekommen!“ Und allen ist klar, dass es sich in diesem Falle nicht um den ÖPNV sondern um den ersten Zug am Bierglas handelt. Dann also schnell weiter. Wir rollen inzwischen durch eine Landschaft, die aussieht, als hätte Detlev Buck die Filmkulisse für den neusten Bibi und Tina Kinofilm entworfen. Endlose Pferdekoppeln, saftig-grüne Elbwiesen, riesige aus Klinkern erbaute Gehöfte dazwischen immer wieder kleine Reetdachkaten mit üppig bepflanzten Blumengärten, die in allen Farben des Regenbogens leuchten. Die Stockrosen, der Sommerflieder, der Phlox und die Hortensien blühen, dass es eine wahre Freude ist.  „Das sind Bibi und Tina, auf Amadeus und Sabrina, sie jagen im Wind, sie reiten geschwind…“ Diesen Ohrwurm werden wir bis Bleckede nicht mehr los.

Niemand von uns hatte bislang etwas vom Ort Bleckede gehört, geschweige denn diesen je betreten. Daher sind wir durchaus überrascht von diesem kleinen Städtchen im Landkreis Lüneburg. Unzählige kleine Fachwerkhäuser mit bunten Türen reihen sich in engen Gassen aneinander. Viele kleine Läden im hübschen historischen Zentrum. Wir steuern den örtlichen Edeka an. Da wir uns nicht so richtig durchringen können, in einer der Kneipen halt zu machen, bestücken wir kurzerhand unsere Satteltaschen mit gekühlten Sechserträgern und rollen aus der Stadt und steuern eine paar Bänke auf dem Elbdeich an. Da wir den 11-Uhr-Zug bereits verpasst haben, nehmen wir heute also ausnahmsweise den 11:30-Uhr-Zug. Kühles Lager-Bier auf dem Elbdeich und zum Glück hatte jemand an den 100er-Schnaps gedacht. Am Vormittag hatte nämlich der Tacho vermeldet, dass wir die ersten 100 Kilometer runter geradelt hatten und normalerweise muss zu jeder Hunderterüberquerung sofort ein Schnaps getrunken werden. Wir sind also in einigen Sachen ganz schön in Verzug an diesem Vormittag. Dafür fällt jetzt die Bier- und Jägermeisterpause umso ergiebiger aus. Erst rund 90 Minuten später sitzen wir wieder auf dem Rad.  Weiter geht’s durch die Bibi und Tina Filmkulissen.

Wenn entspannte Männer über eine längere Zeit beieinander sind, dann fallen nach und nach gewisse Hemmungen und Förmlichkeiten. So auch in der Radsportgruppe. Und so gehört es an diesem Nachmittag inzwischen zum guten Ton, dass wir voreinander laut rülpsen. Dies hat  den enormen Vorteil für denjenigen, der an der Spitze  fährt, dass er sich nicht ständig umdrehen muss, ob alle noch da sind. Es hat was von einer Schafherde auf dem Deich, die sich durch gelegentliches Blöken einander rückversichert. Und so radeln wir weitgehend wortlos durch die Flusslandschaft und übermittelten uns gegenseitig durch gelegentliches lautes Rülpsen, dass alles im grünen Bereich ist.

Aufgrund einer vorrausschauenden Tourenplanung haben wir uns darauf verständigt, dass wir in Neu Darchau die Elbe mittels einer Fähre überqueren, um uns giftige Steigungen auf Niedersächsischer Seite zu ersparen. Zum Glück haben wir noch Reserven in der Satteltasche, um uns auf der Fähre ein Flussquerungsbier zu genehmigen. Wir radeln also ab jetzt in Fahrtrichtung wieder links-elbisch den Fluss hinauf. Die Mecklenburger Uferseite ist  noch dünner besiedelt, als die Niedersächsische. Dafür stehen in regelmäßigen Abständen Wachtürme, von wo aus hier vor über 30 Jahren Republikflüchtlinge und sonstige unerwünschte Grenzbewegungen ausgespäht wurden.

Es rollt sich schön, wir machen noch mal ein wenig Sport, ohne es zu übertreiben. Und so taucht schon bald unser heutiges Etappenziel am anderen Elbufer auf. Jetzt trennt uns nur noch die erneute Elbüberfahrt vom Zielort Hitzacker. Und kurz darauf kommt sie auch schon angeknattert, die kleine weiße Elbfähre, die lediglich Personen und Fahrräder befördert. Es wird penibel darauf geachtet, dass wir beim Betreten und während des Aufenthalts an Bord Masken tragen. Die Überfahrt für Mensch und Fahrrad kostet uns insgesamt einen glatten Zwanni, es bleibt keine Zeit für ein Fährenbier, denn schon legen wir am anderen Ufer an.

Wir schaffen die Räder von Bord, orientieren uns kurz und rollen los durch die Altstadt von Hitzacker, die auf einer kleinen Elb-Insel liegt. Noch einige Meter und wir haben unsere Unterkunft für heute erreicht: Hotel zur Linde, hallo Wendland! Auch hier sind umfangreiche Hygienevorschriften umgesetzt, der Wirt erspart uns aber eine minutenlange Belehrung, wir wissen ja eh Bescheid. Die Zimmer sind geräumig und eine Kneipe mit Restaurantbetrieb hängt auch mit dran. Vom Fenster aus erspähen wir den Biergarten im Hinterhof und sichern uns dort wenig später einen großen runden Tisch, dessen Fläche  aus einem alten Wagenrad mit einer darauf befestigten Glasplatte besteht. Und diese Platte muss kurze Zeit später schwere Lasten tragen, denn wir reihen Literweise Pils, Radler und Weizenbier aneinader.

Beine lang machen, zurücklehnen und kühlen Gerstensaft die Kehle runter laufen lassen. Das Ankommen an einem Etappenziel ist immer wieder schön. Wir quatschen über die Tourenplanung der nächsten Tage. Wir freuen uns, dass wir noch einen Tag Elbe-Radweg vor uns haben. Denn danach wird es abenteuerlich. Dann müssen wir uns über sogenannte Knotenpunkte Richtung Osten durchschlagen. Schon seit dem Beginn der Radtour wird immer wieder mit großem Respekt von der Mittwochs-Etappe gesprochen, die uns von Wittenberge an der Elbe nach Kyritz an der Knatter bringen soll. Wir raunen uns immer wieder bedeutungsschwanger was von „Königsetappe“ oder „Das wird mindestens ne 90“ bezogen auf die Kilometerzahl zu. Zudem weiß keiner, wie hügelig das Gelände wird. Aber wir verdrängen die Gedanken, denn heute ist erst Montag und wir können genau jetzt ab 18:00 Uhr Abendessen in Hitzacker an der Elbe bestellen. Um die Königsetappe kümmern wir uns am Mittwoch. Wenig später wird aufgetischt. Vor uns stehen nun unterschiedliche Pizzen, Pasta-Gerichte, Matjes mit Bratkartoffeln und ausgezeichnete Spareribs. Mega-geil, das Essen toppt alle unsere Erwartungen. Zufrieden und gesättigt lassen wir uns in die Rückenlehnen gleiten und entschleunigen mal wieder. So sitzen wir noch 1-2 Stunden und betreiben  das „Sich-Dusselig-Quatschen“, was so viel bedeutet, wie belangloses, lustiges und  ironisches vor sich hin gequatsche, das Leben nicht so ernst nehmen, dafür den Moment genießen. Leider können die Getränke mit der Qualität des Essens im „Zur Linde“ nicht im Ansatz mithalten. Wir sind des angebotenen Königs-Pilseners und Schöfferhofers  allmählich überdrüssig. Auf der Karte steht Mojito, Grund genug eine Runde zu bestellen. Die Kellnerin reagiert auf die Bestellung: „Ah, 8 Mojito, in Ordnung. Wir haben nur ein kleines Limetten-Problem. Die sind alle. Ich könnte Ihnen also Mojito ohne Limetten machen.“ Wir sind uns nicht wirklich sicher, ob sie uns verarschen will, switchen aber sicherheitshalber auf 8 Gin-Tonic um, welche wenig später heran balanciert werden. Leider gibt es nun auch ein kleines Gin-Tonic-Problem. Denn der ist eine Katastrophe. Lauwarm, ohne Kohlensäure, mit einem einzigen verlorenen Eiswürfel, der innerhalb von 2 Minuten weggetaut ist. Trotzdem trauen sich zwei von uns, noch einen zu bestellen. Darauf die Kellnerin: „Okay, wir haben nur ein kleines Problem, wir haben keinen Tonic mehr. Aber ich gehe noch mal in den Keller, vielleicht finde ich da noch eine Flasche.“ Langsam wird uns die ganze Sache unheimlich. Offenbar hat die Kellnerin aber im Keller noch irgendwo in verstaubten Regalen eine Flasche Tonic gefunden. Jedenfalls kommen wenig später zwei Gin-Tonic, die den der ersten Runde qualitätsmäßig noch mal um Längen unterbieten. So kann es nicht weiter gehen. Jetzt ist guter Rat teuer. Im Zur Linde weiter saufen ist keine Alternative. Die Hälfte der Radsportgruppe zieht sich aufs Zimmer zurück, die andere Hälfte, die den Hals nicht voll kriegen kann grübelt über Alternativen. Und das alles um 21:30 Uhr in Hitzacker an der Elbe. Irgendjemand brummt vor sich hin: „Was tun sprach Zeus, die Götter sind besoffen, der Olymp ist voll gekotzt.“ Ein anderer findet über das Mobiltelefon heraus, dass in 500 Metern noch ein Rewe bis 22:00 Uhr offen hat. Das ist doch mal ne Perspektive. Wir wegen kurz ab und entschließen uns dann, diesem Rewe einen Besuch abzustatten.

Na nun aber los! Schnell bezahlt, auf die Kleiderordnung geschissen und los auf Socken in Badelatschen Richtung Rewe. Und der hat tatsächlich noch offen. Das Angebot an gekühlten Getränken ist leider überschaubar. Aber warmes Lager-Bier ist besser als kein Bier und allemal besser als die Gin-Tonics im Zur Linde. Zum Glück hat irgendjemand noch die schlaue Idee, zwei große Flaschen Berliner Luft, Pappbecher, drei  große Papptüten und ein paar Bifis einzukaufen. Und so schlendern wir in unseren Badelatschen zum Hotel Zur Linde zurück. Nicht ohne kurz vor dem Hotel alle Getränke sorgfältig in den völlig unverdächtigen Papiertüten von Rewe zu verstauen. Der Herr an der Rezeption im Zur Linde soll schließlich denken, dass wir alles Mögliche, aber auf keinen Fall alkoholische Getränke mit ins Hotel schmuggeln. Wie Schuljungs auf Klassenfahrt huschen wir kurz darauf kichernd an der Rezeption vorbei, die Bierflaschen in den Papiertüten klirren verräterisch und  der Mann an der Rezeption schüttelt wissend den Kopf. In manchen Sachen wird man offenbar nie erwachsen.  Wenig später breiten wir zahlreiche Sechserträger Lager-Bier und die beiden Pullen Berliner Luft auf dem Tisch in einem der sehr geräumigen Hotelzimmer aus. Es gibt sogar eine große Couch und ausreichend Stühle. Das Zur Linde ist gut vorbereitet, auf Chaoten wie uns. Nur am Gin-Tonic müssen sie dringend arbeiten! Wir quatschen uns erneut dusselig, taufen diese Radtour zwischenzeitlich auf „Tour de Sauf“ um und geben keine Ruhe, bis alle Biere restlos leer getrunken sind. Höchste Zeit also, sich der Berliner Luft zu widmen. Das mit dieser Berliner Luft ist so eine Sache: Richtig lecker findet die niemand, auch wir nicht. Manche finden sie geradezu ekelhaft. Aber sie hat sich halt in den letzten Jahren zu so einer Art Kult-Getränk entwickelt. Ähnlich, wie es Ende der 1990er auf einmal total hip war, das ehemalige Assi-Getränk Jägermeister zu saufen und sich alle um die orangenen Jägermeister-Shirts gekloppt haben, wenn die Promo-Crew aus Wolfenbüttel mit dem verkleideten Hirsch in den angesagtesten Clubs aufgekreuzt ist. Berliner Luft ist nicht lecker, aber Berliner Luft ist Zeitgeist. Und in diesem speziellen Falle sollte man dagegen nicht ansaufen sondern besser mit dem Strom schwimmen. Der Trend is your Friend. Was an der Börse gilt, wird ja wohl erst Recht an der Theke gelten! Außerdem erspart der erfrischende Pfefferminzgeschmack das abendliche Zähneputzen, dazu gibt es mit Sicherheit schon umfangreiche dentale Studien, die nur noch nicht veröffentlicht sind. Alles andere wäre zumindest völlig abwegig.  Also dann: Zum Wohle, wir brauchen Luft zum Atmen! Die erste Flasche Luft wird in zwei Runden geleert, da die Pappbecher randvoll gegossen wurden. Gegen den Durst. Die zweite Pulle ist zum Genießen. Wir wollen ja schließlich noch was haben, von unserem einmaligen Abend in Hitzacker an der Elbe im Wendland.

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Ein Lustspiel in 7 Etappen

2. Etappe: Hamburger Wetter, die Hölle des Nordens und Runterkommen in Lauenburg

Als uns der Wecker kurz nach halb acht aus dem Tiefschlaf reißt, prasselt es an die Fensterscheibe. Die Erstligafreie- und Hansestadt Hamburg wartet zum Abschied mit einer lokalen Spezialität auf: Schietwedder. Es kübelt wie aus Eimern über Altona. „Alter, wollt ihr wirklich bei diesem Wetter auf’s Rad heute?“ ist die erste entgeisterte Frage des Tages beim Blick aus dem Fenster. Es sind mittelgroße Wasserfälle, die vom Grünspan gezeichnten Dach der gegenüberliegenden St. Petri-Kirche herunter stürzen. Auch die Wetter-App macht keine Hoffnung: Regenwahrscheinlichkeit bis 14 Uhr 95%, zwischen 14-18 Uhr 80%. Na das kann ja was werden.

Das Frühstück findet wieder auf der überdachten Terrasse statt, auf der wir uns gestern die ekelhaften Holsten-Biere rein geknetet haben. Das Prasseln des Regens auf das Wellblechdach verursacht einen Höllenlärm. Wir witzeln übers Wetter, kalauern vor uns hin, ob schon mal jemand nachgeschaut hat, ob auch eine S-Bahn nach Lauenburg fährt. Aber in Wirklichkeit ist es Galgenhumor oder zumindest das berühmte Pfeifen im Walde. In der Tourenplanung haben wir uns für den ersten Fahrrad-Tag bewusst für eine relativ kurze Etappe entschieden. Einrollen, früh am Zielort sein, entspannt ein paar Flusskilometer stromaufwärts machen, warm werden für diese Fahrradtour halt. In Lauenburg einkehren und den Abend genießen.

 Klar haben wir Regensachen im Gepäck. Aber ein kompletter Regentag auf dem Rad kann die Laune  ganz schön drücken. Auch das Frühstück im Hotel Stephan kann die Stimmung  nicht bessern. Traurig liegen zwischen Salami und Kochschinken ein paar  sich nach oben wölbende Butterkäsescheiben auf dem Teller. Kleine Plastikverpackungen mit Erdbeer- und Aprikosenmarmelade, die nicht nach Frucht, dafür umso mehr nach Zucker schmeckt. Der Kaffee ist so dünn, dass man alle auffindbaren Plastikschälchen mit Kaffeesahne hinein kippen muss, um wenigstens den Tassenboden nicht mehr zu sehen.  Die größte Herausforderung ist es aber, die Brötchen so aufzuschneiden, dass sie bei dieser Tätigkeit nicht zu Staub zerfallen. Wie soll das alles  heute nur weitergehen?

 Während des Frühstücks taucht eine Hotel-Angestellte auf der Terrasse auf und fragt schüchtern, wer denn bei uns der Chef sei. Wir antworten bestimmt: „Hier sind alle Chef.“ Die Hotel-Angestellte druckst etwas herum und sagt dann: „Wir haben ein kleines Problem mit der Abrechnung.“ Wir schauen uns etwas ratlos an und fragen „Um was geht es denn?“ Zögern bei der Hotel-Angestellten, ihr ist die Sache sichtlich unangenehm. Sie setzt an: „Naja…wie soll ich sagen….?“ Sie zögert weiter. Wir sind gespannt was jetzt kommt. Sie setzt erneut an: „Also…wir wollen wirklich nichts falsch machen…aber…naja…also nach unserer Abrechnung sind noch 38 kleine Bier offen.“ Wir rechnen kurz durch, überschlagen den gestrigen Abend und bestätigen der Hotel-Angestellten dann einstimmig die Zahl: „Ja, das kommt hin!“ Erleichterung bei der Hotel-Angestellten. Sie erklärt: „Also wissen Sie, wir wollten einfach nichts falsch machen und ihnen nicht zu viel Geld abnehmen, wissen Sie, sowas hatten wir hier bislang noch nie, dass jemand 38 Bier getrunken hat. Aber ist ja schön, wenn wir uns da einigen konnten.“ Daraufhin lässt sie uns mit einer Mischung aus Verwunderung und Stolz zurück. So viel wie wir hat hier also noch nie jemand gesoffen. Das ist ja auch schon mal ne Leistung.

Gegen neun Uhr macht der erste von uns die Entdeckung auf der Wetterwarn-App, dass tatsächlich ab 10 der Regen weniger werden soll und dass es ab 11 Uhr sogar Aussichten auf trockene Phasen gibt. Diese Prognose wird nach und nach auch von anderen Wetter-Apps bestätigt. Na also, das ist doch mal ein Silberstreif am Horizont! Wir kramen dennoch unsere Regensachen heraus,  verstauen unsere Habseligkeiten ordentlich in den Fahrradtaschen, räumen die Zimmer und treffen uns kurz darauf in Funktionswäsche und Regensachen auf der überdachten Terrasse wieder. Die Frage lautet: Noch warten oder los fahren? Es kommt eine knappe Mehrheit für Los-Fahren zustande. Na dann: Räder raus gewuchtet, Zimmer plus 38 Holsten bezahlt, Schlüssel abgegeben, Taschen gesattelt, rauf auf den Bock und los!

Der Regen hat  tatsächlich im Vergleich zu den Stunden davor nachgelassen, ist aber als solider Nieselregen noch deutlich spürbar. Hamburger Wetter halt. Aber es nutzte nix, jetzt sitzen wir auf dem Fahrrad und rollen die Königsstraße runter, lassen die Mörkenstraße links liegen und biegen kurz vor der Reeperbahn rechts in den Ring 2 Richtung Elbe  ein. Nachdem wir am St. Pauli Fischmarkt wieder die Hafenstraße erreichen fällt ein sehnsüchtiger  Blick rüber  Richtung Strand Pauli. Schön war es da gewesen. In der Bar und überhaupt in Hamburg.

Wir erreichen die Landungsbrücken, von rechts  grüßt die Rickmer Rickmers  zum Abschied durch den Nieselregen. Wir lassen das Portugiesen-Viertel links liegen, da müssen wir dann beim nächsten Besuch dringend mal wieder durch die Tapas-Bars streunen. Am Baumwall vorbei, rechts im Hintergrund die Elbphilharmonie, Möwengeschrei, die Speicherstadt taucht aus den dichten Regenwolken auf.

Unsere Abschiedsroute durch Hamburg fällt fasst ein bisschen zu klischeehaft aus. Trotz diesem Kitsch kommt Wehmut auf: Hamburg, es war uns eine Ehre! Es war schön, wie immer halt. Hier lässt es sich aushalten. Big Easy, wir kommen wieder, keine Frage. Aber nun warten stromaufwärts erstmal  noch unzählige Abenteuer auf uns, die alle erlebt werden wollen. Daher treten wir beherzt in die Pedalen.

Unterhalb der Deichtorhallen treffen wir auf einem Wegweiser erstmals auf das kleine blaue „e“, das auf den ersten Blick ein bisschen an das Icon  des Internet Explorers erinnert. Es ist das Erkennungssymbol des Elberadwegs und wird uns die nächsten drei Tage ein treuer Begleiter sein. Wir rollen am Hamburger Großmarkt vorbei, rechts Fleete und Kanäle. Wir kommen an Schleusen vorbei, überqueren Brücken, müssen uns anhand unübersichtlicher Wegeführung ab und zu neu orientieren. Insgesamt kommen wir aber besser als erwartet die ersten Kilometer voran. Die Straße ist nass, wohl dem der Schutzbleche montiert hat, der Nieselregen nach wie vor konstant. Die schönen Seiten Hamburgs haben wir hinter uns gelassen. Wir passieren riesige Industriegebiete und Speditionsgelände. Hinter dem Heizkraftwerk Tiefstack verhaspeln wir uns mit der Wegführung. Wir finden lange kein kleines blaues „e“ mehr und sind nicht sicher, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind. Wir irren durch Billbrook und spätestens in Moorfleet sind wir uns dann sicher: Wir sind ganz schön vom Weg abgekommen. Wir passieren die A1 Richtung Lübeck und versuchen uns irgendwie durchzuschlagen. Die Industriegebiete  und Speditionen sind inzwischen riesigen Gartencentern und Gemüsegärtnereien am Wegesrand gewichen.  Wir tasten uns weiter vorsichtig vor und überqueren die Dove-Elbe, für deren Rettung gestern die Boote vor Strand Pauli so viel Radau gemacht haben. Hinter der Brücke die angenehme Überraschung: Es leuchtet ein kleines blaues „e“ auf dem Wegweiser, wir sind also doch richtig. Nun sind auch die Gartencenter und Gärtnereien vom Wegesrand verschwunden, wir durchradeln riesige Viehweiden, Maisfelder, kleine Wälder und ab und zu eine Kleingartenanlage. Immer wieder neu gebaute Einfamilienhäuser-Siedlungen, in denen sich junge Familien unlängst den Traum vom Eigenheim im Grünen verwirklicht haben. Alles wunderschön mit Garten, bunten Stockrosen vor dem Haus und aufwendig gepflegten Rasenflächen, imposanten Trampolinen und Schaukeln für die Kinder. Man will gar nicht wissen, wo hier die Quadratmeter-Preise liegen.

Alles immer noch auf Hamburger Territorium aber urban ist es schon lange nicht mehr. St. Pauli und Altona sind gefühlt schon wieder meilenweit entfernt. Und gleich noch ne gute Nachricht: Der Regen hat komplett aufgehört. Wir halten also am Wegesrand und entledigen uns der Regenklamotten und verstauen diese in den Satteltaschen. So radelt es sich gleich noch mal besser.

Während wir durch die wunderbar grüne Landschaft der Elbmarsch rollen, meldet sich langsam  der erste Bierdurst des Tages. Der Uhrzeiger geht auf halb zwölf zu und so einigen wir uns darauf, dass die nächste Kneipe unsere sein wird. Kurz hinter Ochsenwerder in einer kleinen Siedlung liegt die unscheinbare Gaststädte „Al Lago“ an der wir fast vorbei geradelt wären. Zum Glück brüllt einer aus dem hinteren Feld gerade noch rechtzeitig „Kneipe!“. Wir gehen in die Eisen, parken die Räder und entern die Terrasse, die überraschenderweise auch noch an einem schönen See liegt. Na wenn das mal nix ist! Wir sind offenbar die ersten Gäste des Tages. Der Wirt freut sich aber über unseren Besuch: „Na Männer, ihr seht durstig aus!“ Kennerblick. Er stellt uns ein paar Tische unter der gestreiften Markise zusammen, so dass die komplette Radsportgruppe Platz findet und schleppt dann sofort kleine Biere, große Biere, große Radler und Hefeweizen heran. Perfekter Ort für den ersten Einkehrschwung hier am Sandbrack in Fünfhausen, läuft bei uns! Der Wirt fragt einmal kurz unsicher, ob wir bis 13:30 Uhr weiter fahren werden, da er dann die Tische für eine Reservierung braucht. Wir versichern: „Klar, wir wollen nur kurz was trinken.“ Aber wie das dann immer ist: Das Bier perlt so erfrischend, dass immer noch ne neue Runde bestellt werden muss. Die Zeit vergeht wie im Fluge, zwischenzeitlich fallen noch 2-3 Regenschauer vom Himmel, vor denen uns die gestreifte Markise Schutz bietet,  Biere werden fleißig nachgeordert und ruckzuck ist es 13:30 Uhr. Wir fragen, was denn nun mit der Reservierung ist. Antwort des Wirts: „Keine Sorge Männer, ich habe das umdisponiert.“ Erleichterung. Irgendeiner von uns fragt: „Was ist denn hier der Hausschnaps?“  Darauf der Wirt: „Wartet mal Jungs, ich stell euch gleich was hin.“ Kurz darauf kehrt er mit einer vollen 1,5 Liter Flasche Grappa und acht Gläsern zurück. Er stellt diese auf dem Tisch ab und sagt: „So Männer, wegen euch hab ich die Miete für heute drin. Trinkt mal einen und schenkt euch so viel nach wie ihr wollt. Einzige Bedingung: Hier trinken und nicht die Flasche mitnehmen.“ Wir sehen uns ungläubig an und schenken ein: Zum Wohle heißt die Parole! Und gleich noch einer und noch einer. Dazu ein Bier nachbestellt, was ist denn hier los? Als die Grappaflasche nur noch vier Finger breit voll ist, macht sich der Wirt dann doch Sorgen und sagt grinsend: „So Männer, ich nehme dann die Buddel mal lieber mit. Das ist besser für euch und besser für mich.“ Gut, dass er auf uns aufpasst. Und so zahlen wir ausschließlich Getränke, der Wirt freut sich wie ein kleiner Junge über die Beträge, und wir schwingen uns ohne im Al Lago was gegessen zu haben etwas angetüdelt auf das Fahrrad. Wir brauchen einige Meter um uns einzurollen, aber dann geht es schon wieder.

Es gibt innerhalb der Radsportgruppe so ein paar unausgesprochene Gesetze. So sind wir uns grundlegend einig, dass unsere Radtouren Bummeltouren sein sollen, auf der jeder Spaß hat. Wir sind ja alles keine durchtrainierten Leistungssportler. Der Weg ist das Ziel. Genau so sind Einkehrschwünge unabdingbar. Aber es darf dann phasenweise doch mal an getestet werden und Sport gemacht werden. Diese Tourphasen werden eigentlich nie abgesprochen  eingeleitet. Sie passieren mehr oder weniger von selbst. Irgendwann sticht immer irgendjemanden der Hafer. Dann wird vorne aufs große Kettenblatt geschaltet und losgefahren. Und dann heißt es entweder dran bleiben oder abreißen lassen. Das kann mitunter zu gewaltigen Abständen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Radsportgruppe führen. Natürlich wartet man dann irgendwann wieder aufeinander und fährt gemeinsam weiter. Jeder hat die Wahl ob er mitmacht oder doch lieber im Gruppetto Kräfte schont. Aber Sport darf  zwischendrin eben durchaus sein. „Halli-Galli-Drecksauparty“ wird diese Etappen-Phase von einigen in der Radsportgruppe genannt. Aber es war bislang ebenso ein unausgesprochenes Gesetz, dass diese Halli-Galli-Drecksauparty nicht nach Einkehrschwüngen und schon gar nicht nach Schnaps eingeleitet wird. Meist findet  das ganze bei mehrtägigen wie eintägigen Touren irgendwann am Vormittag statt. Diese Gesetzmäßigkeit hatte aber heute wohl der Grappa außer Kraft gesetzt. Jedenfalls geht plötzlich die Post ab. Es wird hektisch geschaltet und alle versuchen dran zu bleiben. Jetzt heißt es eine gesunde Mischung aus Windschatten und vorrausschauendem Fahren zu entwickeln. Wir kacheln mit 33 km/h auf unseren Trekkingrädern mit den voll bepackten Taschen am Zollenspieker Fährhaus vorbei und rasen hoch auf den Elbdeich. Nur nicht das Hinterrad des Vordermanns verlieren. Natürlich ist das alles relativ anstrengend und mitunter brennen die Oberschenkel, aber erstaunlicherweise macht diese Raserei gleichzeitig den Kopf frei. Man muss sich nur auf einige wenige Dinge konzentrieren, man muss treten und lässt ansonsten die Landschaft an sich  vorbei rauschen. Man verfällt in so eine Art Geschwindigkeitsmeditation. Wir heizen an Altengamme vorbei, würdigen die riesigen Schafherden auf dem Deich keines Blickes, nehmen im Augenwinkel zahlreiche HSV-Flaggen vor den Häusern wahr und haben noch nicht mal Zeit uns über diese zu ärgern, versuchen auf den Wegweisern die kleinen blauen „e“ im Vorbei-Rasen wahrzunehmen, haben in diesem Moment kein Auge für die Schönheit der imposanten Flusslandschaft und jagen  immer den Elbdeich entlang. Anstrengend aber auch geil. Erst als der Weg rechts abknickt und wir kurz vor Geestacht endgültig das Hamburger Gebiet verlassen und Schleswig-Holstein erreichen, nehmen wir raus und warten auf die Versprengten. War ein schönes An-Testen. Das Material, welches vor der Radtour an bierseligen Abenden in unterschiedlichen Schrauber-Garagen aufwendig in Schuss gebracht wurde, scheint  zu laufen und auch die Grundkondition, mit der man unterwegs war, schien nicht die schlechteste zu sein. Die Radsportgruppe hatte offenbar die Corona-Zeit genutzt, um sich in Form zu bringen.  Als das acht Mann starke Feld wieder zusammen ist, rollen wir gemächlich in Geestacht ein. Dass dies keine besonders schöne Stadt ist, wird auf den ersten Blick deutlich. Trotzdem treibt uns der einsetzende Hunger auf die Suche nach einer Kneipe.

Am Elbhafen werden wir fündig. In der „Beache Lounge Geestacht“ gibt es das was wir jetzt brauchen: Frisch gegrillte Krakauer und Astra-Kiezmische.  Dazu entspannte Beats aus den Boxen und direkt vor unserem Auge strömt die Elbe gemächlich aber kraftvoll durch saftig grüne Marschlandschaften. Gelöste Stimmung, das Schlimmste scheine wir hinter uns zu haben. Wir überschlagen kurz, dass es  bis zum Zielort Lauenburg vielleicht noch gut 12 Kilometer sind und wir nehmen uns vor, diese gemächlich austrudeln zu lassen. Wir besorgen uns noch ne Kiez-Mische und ahnen nicht, dass kurze Zeit später die „Hölle des Nordens“ für uns los brechen wird.

Wir schwingen uns aufs Rad und rollen in geringem Tempo am Freibad Geestacht vorbei und verlassen den Ort wenig später in östlicher Richtung. Einige Kilometer flussaufwärts passieren wir mit einem leichten Schaudern auf dem Rücken das stillgelegte Kernkraftwerk Krümmel und wundern uns ca. zwei Kilometer später, warum der Elberadweg plötzlich nach links abbiegt, also weg vom Fluss. Noch größere Verwunderung, als der Radweg dann plötzlich wieder halbrechts in eine Steigung abbiegt, wie man sie nur aus Mittelgebirgen kennt. Wir schnaufen also den Berg hoch und erster Frust kommt auf, als nach einigen hundert Metern die asphaltierte Strecke endet und in einen unbefestigten, morastigen Waldweg übergeht. Die Steigung ist dagegen nicht zu Ende sondern nimmt – im Gegenteil – noch um ein paar Prozent zu. Erstes Fluchen in der Radsportgruppe. Wir keuchen weiter den Berg hinauf. Irgendwann haben wir völlig entkräftet eine Höhe erklommen, mit der man in der Norddeutschen Tiefebene niemals gerechnet hätte. Und nun beginnt ein wilder Ritt. Es geht bergauf und bergab über unbefestigte Waldwege. Fiesen Steigungen folgen abenteuerliche Abfahrten. Der Regen der vergangenen Nacht hat zentimetertiefe Pfützen hinterlassen, die eine zusätzliche Herausforderung darstellen. Keuchen und fluchen in der Radsportgruppe: „Was is den dit hier für ne Scheiße!?“ Das Schild „Lauenburg 5,2 km“ macht Hoffnung.  Es geht im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein im aufgeweichten Wald auf der Geestkante. Sicher eine geile Strecke für sportlich orientierte Mountainbiker aber für uns ein echter Belastungstest für Mensch und Material. Plötzlich endet der Radweg im Nichts. Nervöses herumtippen auf den Navigations-Apps aber kein Ausweg in Sicht. Die Elbe muss nur wenige Meter entfernt sein, aber zu sehen ist sie nicht. Also umkehren und nach Hinweisschildern Ausschau halten. Die Laune wird noch schlechter, als wir nach wenigen Metern an das Schild „Lauenburg 8,5 km“ kommen. Es ist zum Kotzen, so eine Scheiße! Aber alles Fluchen hilft jetzt auch nicht weiter. Wir kämpfen uns weiter durch das unwegsame Gelände. Wir befinden uns immer noch weit über der Elbe und trösten uns mit dem Gedanken, dass es dann wenigstens eine lange, entspannte Abfahrt runter nach Lauenburg geben wird. Und irgendwann kommen wir tatsächlich an das Hinweisschild „Lauenburg-Zentrum 500 m“. Und der Pfeil zeigt 90° nach rechts. Wir trauen unseren Augen nicht: Alle Höhenmetern, die wir uns über mehrere Kilometer kontinuierlich erarbeitet haben, sollen wir jetzt auf einer Abfahrt von geschätzten 250 Metern wieder steil nach unten verlieren. Zunächst über einen unbefestigten Waldweg mit zahlreichen Baumwurzeln, weiter unten dann Kopfsteinpflaster.  Es nützt nix, wir begeben uns todesmutig in die Abfahrt. Belastungstest für die Bremsen. Und es kommt wie es kommen muss: Als wir das Kopfsteinpflaster erreichen kracht es weiter hinten: Sturz. Zum Glück geht alles glimpflich aus. Das Material nimmt keinen Schaden und am Mensch wird es maximal blaue Flecken geben. Glück gehabt. Leicht fassungslos rollen wir um kurz vor 18:00 Uhr in der Lauenburger Altstadt ein. Was war das denn bitte für ein Höllenritt so kurz vor Feierabend?

Immerhin sieht die Altstadt ganz nett aus und auf den Straßen versammeln sich zahlreiche  Straßenmusiker, die die mangelnden Auftrittsmöglichkeiten in der Pandemie offenbar für kleine Konzerte auf der Straße nutzen. Freundlicher Empfang. Ohne Umwege erreichen wir unsere Unterkunft. Unsere Räder sind aufgrund der letzten Kilometer komplett eingesaut aber wir sehen auf den ersten Blick, dass es in der  Pension „Von Herzen“ gut werden wird. Der Wirt nimmt uns mit der strengen Ermahnung in Empfang: „Bitte alle Masken tragen!“ Und bevor hier irgendwas läuft, werden wir erstmal einzeln zum Hände-Desinfizieren heranzitiert. Hier werden also die Hygiene-Vorgaben vorbildlich umgesetzt. Wir werden daraufhin vom Wirt über die geltenden Pandemie-Vorgaben in seiner Unterkunft belehrt und hinterlassen auf Formularen unsere Daten. Nach dem das Förmliche erledigt ist, gehen wir mit dem Wirt zum angenehmen Teil über. Zunächst bekommen wir die Zimmerschlüssel ausgehändigt und dann zeigt er uns die riesige  Terrasse zur Elbseite hin: „Hier können Sie heute Abend noch so lange sitzen, wie sie möchten.“ Wir sind beeindruckt. Die Begeisterung steigt, als der Wirt sagt: „So, dann zeige ich ihnen auch gleich noch mal unsere Mini-Bar.“ Er führt uns in eine kleinen Raum in dem ein riesiger Kühlschrank steht, der umfangreich mit allen Getränken  bestückt ist, die  man für einen geselligen Abend auf der Elbterrasse benötigt.  Der Wirt erklärt uns das Prozedere: „Hier haben wir Zettel und Sie führen darauf einfach Strichliste, was sie getrunken haben. Kasse des Vertrauens zu fairen Preisen. Das wird dann sicher für Sie auch etwas günstiger, als wenn Sie den ganzen Abend in der Gaststätte sitzen“. Wir fühlen uns wie im Paradies.

Wir beziehen die Zimmer, befreien uns von der Funktionswäsche, springen unter die Dusche und machen uns gegen 18:30 Uhr auf die Suche nach Abendessen. Wir finden kurz darauf im Restaurant „Rufers“ alles was wir uns wünschen. Einen großen Tisch direkt am Wasser mit Blick auf die Einmündung des Elbe-Lübeck-Kanals sowie  auf die Elbbrücke und eine vielversprechende Speisekarte.  Wir ordern hausgemachte Pasta in allen Variationen, Matjes mit Bratkartoffeln, Hähnchen mit Couscous, Kichererbsensalat und andere Leckereien. Die Nachtischvariation „Die vier Köstlichkeiten“ ist der Hammer, der Gin-Tonic in Ordnung. Kann man weiter empfehlen, das „Rufers“. Aber wir wollen uns nicht unnötig lange aufhalten, denn wir haben ja die große Elbterrasse im „Von Herzen“ samt Kühlschrank in der Hinterhand.

Also zahlen wir und finden uns wenig später genau an besagtem Ort wieder. Es ist ein unfassbarer Ausblick! Links die imposante Eisenbahnbrücke, rechts bis zum Horizont  der breite Strom und über all dem eine beeindruckende Wolkenformation. Die Elbe zieht gemächlich an uns vorüber. Sie entschleunigt uns, bringt uns runter. Gleichzeitig ist ihr ihre Kraft anzusehen. Sie ist für die Menschen hier seit Jahrhunderten Lebensader und der Grund, warum sie hier überhaupt siedeln. Gleichzeitig erahnt man, welche zerstörerische Wucht die Elbe entfalten kann, wenn sie einmal schlechte Laune bekommt. Wir starren minutenlang einfach auf den Fluss und lassen uns davon überwältigen. Die Mini-Bar aus der Pension „Von Herzen“ sorgt getränke-technisch für die angemessene Untermalung dieses Naturschauspiels. Ist das schon wieder alles unfassbar geil hier!

Nach zwei Stunden zwingt uns ein los brechendes Gewitter, die Terrasse zu räumen. Wir ziehen in den Innenbereich, lassen aber noch lange nicht von der Mini-Bar ab. Diese hat inzwischen beträchtliche Lücken bekommen. Der Wein ist komplett alle, das Hefeweizen geht zur Neige. Irgendwann haben selbst wir genug und fallen kurz darauf in einen erholsamen Tiefschlaf.  

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

1. Etappe: Easy-Going im deutschen Big Easy

Um 10:30 Uhr schwingen wir uns in der Schmarjestraße auf die Räder, biegen in die Max-Brauer-Allee, checken kurz das Angebot im Fahrradladen „Cyclefactory“, radeln am Altonaer Rathaus vorbei Richtung Süden  und gönnen uns unten  am Altonaer Balkon einen ausgiebigen Blick über den Hamburger Hafen. Wir sehen die HVV-Fähren, die von den Hamburgern „Bügeleisen“ genannt werden, fleißig auf der Elbe umher kreuzen. Ordentlich Verkehr drüben auf der Köhlbrandbrücke und irgendeines von diesen Aida-Kreuzfahrschiffen liegt festgemacht am Cruise-Terminal  Altona. Schlechte Zeiten für Kreuzfahrt-Freunde  in der Pandemie, wohl dem, der eine Radtour für diesen Sommer geplant hat!

Wir radeln nun etwas ziellos an der Elbe entlang in östlicher Richtung. Was wir suchen ist ein lauschiges Plätzchen am Wasser, wo man frühstücken kann und wo reichlich Kaltgetränke vorrätig sind. Für Hamburger Verhältnisse geht es zunächst auf dem Radweg und kurz darauf auf der Palmaille ganz schön bergab. Wir lassen die Räder laufen, treffen auf die Breite Straße, nehmen in der Kurve am Fischmarkt den Schwung mit und erreichen die Hafenstraße. Immer Traurig, wenn man hier vorbei kommt und sieht, dass der Golden Pudel Club nicht mehr steht, da er vor ein paar Jahren abgebrannt ist. Gleichzeitig schön, dass wieder was aufgebaut wurde und hier zu Nicht-Corona-Zeiten offenbar wieder Club-Kultur betrieben wird. Kurz darauf haben wir das gefunden, was wir suchen: „Strand Pauli“ hat seine Pforten geöffnet und heißt uns willkommen. Die Pandemie macht es notwendig, dass wir uns über einen Barcode auf dem Smartphone für diesen Besuch registrieren, wir werden eindringlich darum gebeten, abseits unseres Tisches auf allen Wegen, Gängen, Toiletten usw. auf jeden Fall eine Maske zu tragen. Wir willigen ein und kurze Zeit später ist ein geräumiger Tisch gefunden, an dessen Seiten handgezimmerte Sofas stehen, die acht Männern ausreichend Platz bieten. Die Elbe gefühlte 4 Meter entfernt, feiner Sand zwischen den Füßen, Wetter nicht zu kalt und nicht zu warm, freier Blick auf die Docks von Blohm+Voss. Es könnte in diesem Moment kaum besser sein.

Das einzige, was uns nun noch zum absoluten Glück fehlt, ist ein reichhaltiges Frühstück und ein kühles Getränk. Und auch hierfür  verspricht uns die freundliche Kellnerin in einer interessanten Schlangenleder-Optik-Hose Abhilfe. Die Speisekarte können wir uns aus Hygiene-Gründen per App auf dem eigenen Mobiltelefon durchlesen. „Einmal das Frühstück ‚Alles Käse‘ bitte!“ Nachfrage der Kellnerin: „Und dazu einen schönen Kaffee?“ Antwort: „Nö, lieber einen schönen Mojito“. Erleichtert nehmen wir zur Kenntnis, dass die  Kellnerin es offenbar völlig  in Ordnung findet, zumindest aber nicht ungewöhnlich, dass man sich hier um kurz vor elf einen schönen Cocktail zum Frühstück dazu bestellt. Wie schon gesagt: Es ist die Zeit der guten Nachrichten angebrochen.

Das „Alles-Käse-Frühstück“ ist reichhaltig, der Mojito phantastisch. Wir lassen  uns in unseren zusammengezimmerten Lounge-Möbeln in die Lehnen sinken und genießen. Die leeren Frühstücksteller werden irgendwann von der Kellnerin mit ihrer Schlangenhose abgeräumt, wir ordern  kühle Getränke nach und lassen den Blick über das bunte Treiben da unten auf dem Wasser schweifen. Sportboote tuckern elbauf- und elbabwärts, HVV-Fähren ziehen ihre Bahnen und Barkassen für die Große Hafenrundfahrt (mit Speicherstadt) schaukeln an uns vorbei. Nach dem frühen Aufstehen und der etwas turbulenten Anreise per Bahn stellt sich erstmals Tiefenentspannung ein. Wir sitzen einfach da, wechseln kaum ein Wort, bestellen ab und zu Getränke nach. Die Kellnerin stellt uns immer wieder neue Mojitos, Caipirinhas, frische Biere, Summer Breeze und StrandPauli MaiTais hin. Um uns herum kommen und gehen Leute. Sympathische Menschen, schöne Menschen, völlig überstylte Leute und glückliche Familien, deren Kinder zufrieden im Sand buddeln. Aus der Box wummern unaufdringlich entspannte Klänge. Die SoundHound-App ermittelt, dass gerade die Cafe del Mar Vol. 12  läuft. Wir genießen einfach die Momente  und fühlen uns wohl. So vergehen Stunden, ohne dass wir es bemerken.

Zwischenzeitlich wird es laut auf der Elbe, da sich ein Bootskorso gebildet hat, der ein ziemlich aufdringliches Hupkonzert auf dem Wasser veranstaltet.  So einen Sound hat Hamburg sonst nur zu bieten, wenn entweder die Türkei oder Portugal gerade ein wichtiges Länderspiel bei einem Turnier gewonnen hat. Wir fragen uns erstaunt, was es mit diesem Auflauf von mehreren hundert hupenden  Sportbooten auf sich hat, können aber zunächst die gelben Schilder auf den Booten aufgrund der Entfernung nicht lesen. Erst als ein großes Boot mit einer leistungsstarken Soundanlage vorbei tuckert, können wir den Schriftzug „Dove-Elbe retten!“ entziffern. Über die Soundanlage dröhnt Jimmi Hendrix mit „Hey Joe“ über das Wasser. Unterbrochen von eindringlichen Ansagen des Bootsführers, in denen er den Grund für den Lärm und den Auflauf auf dem Wasser erklärt. Es geht den krach-machenden Booten also darum, die Öffnung der Dove Elbe zur Tideelbe zu verhindern. Wir wünschen alles Gute für das Vorhaben! Dieses Spektakel geht etwa 45 Minuten, danach ziehen die Boote elbaufwärts Richtung Dove-Elbe ab und es kehrt Ruhe auf dem Fluss ein. Wir verfallen erneut in den Modus der Entspannung, des Getränke-Nachorderns, des Da-Sitzens, des Nicht-Viel-Sprechens und des Moment-Genießens. Hamburg ist einfach geil. Und jeder, der was anderes behauptet hat einen an der Murmel. So viel steht fest. Hamburg ist das deutsche Big Easy.

Gegen halb fünf melden die ersten Mitglieder der Radsportgruppe leichte Hungergefühle an. Die Frage kommt auf, ob man sich nun in Strand Pauli Essen bestellt oder ob man noch mal woanders hin zieht. Und so schön das zwar gerade alles in Strand Pauli ist, so schwer vermittelbar wäre es, wenn man auf die Frage „Was habt ihr denn so in Hamburg gemacht“ geantwortet hätte „Ach wir haben da nur in so einer Strand-Bar abgehangen“. Und so entschließen wir uns nach sorgfältiger Abwägung, dass wir zum Abendessen doch noch mal einen Ortswechsel vornehmen. Und wenn unser Hotel schon in Altona ist, dann wird sich doch in Ottensen irgendwas Schönes zum Abendessen auftreiben lassen.  Wir verlassen also schweren Herzens nach dem Begleichen einer stattlichen Rechnung dieses ganz wunderbare „Strand Pauli“ und radeln nun bergauf in Richtung Altona.

Nach kurzem Rum-Streunen auf dem Fahrrad durch Ottensen finden wir uns kurz darauf vor dem  „Ribatejo“ in der Bahrenfelder Straße wieder. Diese kleine portugiesische Tapas-Bar, die sich in einer ausgebauten Hofeinfahrt befindet, scheint für unsere Ansprüche das richtige zu sein.

Wir bekommen einen Tisch für unsere Acht-Mann-Truppe und kurze Zeit später balanciert der Kellner acht Port Tonics als Aperitivo an unseren Tisch. Da es sich beim „Ribatejo“ wie gesagt um eine ausgebaute Hofeinfahrt handelt, besteht der Fußboden hier aus rustikalem Kopfsteinpflaster. Kurz vorm Erreichen unseres Tisches verkantet sich der Kellner offenbar mit dem Fuß auf dem Kopfsteinpflaster.  Intensives Taumeln, alles Nachbalancieren hat keinen Sinn und das Ergebnis ist, dass ein Mitglied unserer Radsportgruppe die acht Port Tonic über den Oberkörper bekommt. Scherben überall und schade um die schönen Drinks. Dem Kellner ist dies verständlicherweise äußerst unangenehm, in seiner Haut möchte man jetzt nicht stecken. Aber das „Ribatejo-Team“ ist sichtlich um unbürokratische  Schadensbegrenzung bemüht. Wir bekommen kostenlose Ribatejo-Shirts als Wechselwäsche zur Verfügung gestellt, die Scherben werden schnell zusammengefegt, eine neue Runde Port Tonics wird im zweiten Versuch schadlos an unsere Plätze balanciert. Dazu wird uns vom Chef Schnaps in rauen Mengen auf Kosten des Hauses für nach dem Essen versprochen. Und das ist ja dann auch wieder was. Wie gesagt: Die Zeit der guten Neuigkeiten.

Der Port Tonic perlt dann jedenfalls wunderbar erfrischend unsere Kehlen hinab, der Kellner stellt uns umfangreich eiskaltes Sagres in Flaschen auf den Tisch und wir bestellen große gemischte Tapas-Teller. Wir schaufeln Oliven, Sardinen, Artischocken, Schinken, Chorizo, Meeresfrüchte, Auberginen, gegrillte Paprika, unterschiedliche Dips mit frischem Weißbrot, gegrillte Lammkoteletts und ähnliche Leckereien in uns hinein. Zum Nachtisch gibt es den versprochenen Medronho aufs Haus. Es lässt sich sehr gut aushalten im Ribatejo. Aber der Abend ist Jung… „und zur Euphorie ist‘s nur ein Katzensprung“, wie uns Jan Delay an dieser Stelle zu flüstern würde. Aber in Zeiten der Pandemie ist der Kiez für uns keine Alternative. So gerne wir auch da gewesen wären.

Daher entsteht die Idee, sich an einem Kiosk einzudecken und noch mal zum Altonaer Balkon zu radeln. Wir kaufen einem kleinen Kiosk die Bier-Reserven weg und finden uns wenig später auf einer Bank am Altonaer Balkon mit Blick über den Hafen wieder. Auf der Wiese um uns haben junge Leute Decken ausgebreitet und kommen dort offenbar zu ähnlichen  Zwecken wie wir zusammen. Wir trinken das ein oder andere Bier, quatschen vor uns hin, werden Zeugen einer sich hochschaukelnden Handgreiflichkeit: Dicke-Eier-Gehabe unter Heranwachsenden. Leider bricht ein kleiner Platzregen los, ehe es wirklich handfest wird. So kühlt der Regen nicht nur die Gemüter sondern verursacht auch   eine auf Freiwilligkeit basierende Räumung des Altonaer Balkons. Relativ durchnässt kommen wir kurz darauf in unserem Hotel an und schleichen uns erstmal auf die überdachte Terrasse. Der Regen prasselt auf das Wellblechdach und wir fragen an der Rezeption nach Bier. Die etwas überraschte Hotelangestellte sichert uns zu, mal nachzusehen ob noch Bier da ist und kommt kurz danach mit acht Flaschen Holsten-Pils auf die Terrasse. Holsten knallt ja bekanntlich am dollsten, aber es ist halt  nun wirklich kein gutes Bier. Dennoch ist es eiskalt und es ist  in diesem Moment besser als kein Bier. Natürlich ist die erste Pulle schnell alle und wir bestellten fleißig nach. Irgendwann kommt  die Hotelangestellte kleinlaut auf die Terrasse und übermittelte uns, dass es ab jetzt nur noch warmes Holsten gibt. Wir lassen uns nicht beirren und ordern völlig  leichtsinnig noch eine warme Runde. Dieses  lauwarmen Holsten führt dann allerdings  zur Sprengung unserer Radsportgruppe. Denn so viel ist sicher: Noch ein warmes Holsten kann es auf keinen Fall geben! Die eine Hälfte der  Radsportgruppe tritt den geordneten Rückzug aufs Zimmer und mittelfristig ins  Bett an. Die andere Hälfte will den Abend nicht mit einem lausigen Bier-Erlebnis beenden und macht noch mal ne Runde um den Block. Zum Glück hat es aufgehört zu regnen. Als um den Block weder eine Kneipe, noch ein Kiosk zu finden ist, fällt die sinnvolle Entscheidung, doch noch die paar Meter bis zur Ottensener Hauptstraße zu laufen. Kneipen und Bars sind ja in der Corona Zeit keine wirklichen Alternativen, aber an der Ecke Ottensener Hauptstraße-Spritzenplatz lockte uns ein überdimensionaler, ausgeleuchteter und  begehbarer Kiosk, der Biertische vor dem Laden aufgestellt hat, an denen sich Abstände entspannt einhalten  lassen. Wir finden uns vor einer meterlangen Kühlschrankwand wieder und fühlen uns wie kleine Jungs  im Bonbon-Laden: Hier gibt es alle Biere der Welt, dazu eine umfangreiche Schnapsauswahl. Kurz darauf sitzen wir an einem der Tische, kühles Lager-Bier und ein paar kleine Jägermeister-Flaschen vor uns, und beobachten das wuselige nächtliche Treiben am Spritzenplatz. Wir bemerken nicht, wie die Zeit voran schreitet und wären sicher  noch länger geblieben. Aber irgendwann setzt der Regen wieder ein und zwingt uns zum Aufbruch. Vielleicht gar nicht so schlecht für unsere Schädel. Wenn wir schon nicht selbst auf uns aufpassen, dann erledigt das in Hamburg eben der Regen für uns. Kurz darauf fallen wir im Hotel Stephan in die Betten und sind sofort im Tiefschlaf.

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

Der Prolog:

Die Uhr zeigt 3:30 Uhr als der auf extra laut gestellte Wecker Alarm schlägt. Der schlaftrunkene Blick auf das Handy offenbart die ersten Aktivitäten in der Radsport-WhatsApp-Gruppe: „Mojen Mädels, ab in die Beauty-Woche!“ wurde um 3:25 Uhr gesendet. Vorfreude. Die Müdigkeit wird mit kalter Dusche versucht aus den Knochen zu spülen und wenig später wird sich mit dem Fahrrad   auf den Weg zum Berliner Hauptbahnhof gemacht. Und  aufgrund von Schienenersatzverkehr und Störungen im S-Bahnnetz wird das eine ziemliche Herausforderung. Und so zeigt der Fahrrad-Tacho 1,5 Stunden später schon deutlich mehr gefahrene Kilometer an als geplant waren, als  um 6.05 Uhr acht  noch etwas verschlafene Männer im besten Alter vor dem Berliner Hauptbahnhof zusammentreffen. Jeder  von diesen acht Männern führt  ein muskelbetriebenes Zweirad mit randvoll gepackten Satteltaschen mit sich.

Der Plan lautet: Mit den Rädern heute per Bahn  nach Hamburg und dann in sechs Tagesetappen  mit dem Fahrrad wieder zurück in die Hauptstadt. Berlin wird also in einer Woche wieder unsere Ankunftsstation sein, aber nicht das Ziel. Denn in unserem Falle gilt tatsächlich die alte Floskel:

Der Weg ist das Ziel.

Ab Hamburg wollen wir jeden Tag mit reiner Muskelkraft und ohne E-Doping Dinge erleben, Menschen begegnen, Landschaften durchfahren und uns jedes Mal überraschen lassen, welche Geschichten der Weg für uns bereit hält. 

Das unschlagbare Angebot der Bahn, uns für 16 € für Mensch und Fahrrad nach Hamburg zu bringen, hat die frühe Startzeit am Berliner Hauptbahnhof als notwendiges Übel mit sich gebracht, da leider Zugbindung. Es ist schon einiges los am Hauptbahnhof um kurz nach sechs. Menschen wuseln durcheinander, nur die Läden haben noch nicht offen. Nicht mal ein Kaffee ist irgendwo zu ergattern. Wir entschließen uns, erstmal unser Gleis zu suchen und dort die Räder abzustellen. Dann passen immer im Wechsel ein paar Leute auf die Räder und Taschen auf, während sich die anderen auf die Jagd nach Kaffee, Frühstück und Reiseproviant machen.

Den zeitlichen Puffer, den wir uns für die Anreise zum Hauptbahnhof eingeräumt haben, benötigten wir nicht und somit heißt es jetzt warten. Glücklicherweise hatte einer von uns die Idee, ein paar Sechserträger kühles Bier bei dem gerade auf machenden  Rewe im Hauptbahnhof zu besorgen. Und so heißt es gegen 6:30 Uhr das erste Mal in unserer Beauty-Woche „Zum Wohle!“. Der Bahnsteig füllt sich zunehmend, die meisten halten sich an die herrschende Maskenpflicht und bei uns steigt die Nervosität. Es ist immer etwas aufregend und vor allem hektisch, acht Räder und 16 Satteltaschen in der Kürze des Zug-Halts im Fahrradabteil zu verstauen. Wir haben daher sorgfältige Vorkehrungen getroffen. Die Räder von den Satteltaschen befreit auf dem Wagenstandanzeiger minutiös die Position des Fahrradabteils ermittelt und den Plan entwickelt, das zwei Leute mit ihren Rädern zuerst einsteigen und die von den anderen angereichten Räder und Taschen dann oben an der Zugtür in Empfang nehmen.

Pünktlich um 7:05 Uhr rollt der IC 2070 von Prag nach Hamburg-Altona an Gleis 8 ein. Uns fährt der Schreck in die Glieder, denn ein Fahrradabteil ist weit und breit nicht zu sehen. Wir schnappen uns die Räder und Taschen und wollen uns gerade hektisch durch die Menschenmassen auf die Suche nach dem Radabteil machen als uns der Zugbegleiter in breitem Sächsisch zurück pfeift: „Hey, die mit den Rädern hier geblieben!“ Er erklärt, dass es kein Fahrradabteil gibt und wir die Räder nun in ganz normale Sitzabteile quetschen müssen. Wir sollen ihm die Räder hoch reichen und der Schaffner verstaut die Räder dann wenig zärtlich und mit Nachdruck in drei ganz normalen Sitzabteilen. Dies hat zur Folge, dass nicht nur unsere eigenen reservierten Sitzplätze mit Fahrrädern vollgestellt sind sondern offenbar auch reservierte Sitzplätze von anderen Reisenden. Es kommt zu Tumulten und Wortgefechten. Die Reisenden bezichtigen uns einer absoluten Unverschämtheit, dass wir die Räder auf ihre Sitzplätze stellen. Wir versuchen uns zu rechtfertigem, dass wir hier ja nur die Anweisungen des Zugbegleiters befolgen. Zur Beschwichtigung kann das allerdings nicht beitragen. Eine junge Frau brüllt durch den Zug: „Ihr habt hier doch alle komplett den Arsch offen!“ Als wir darauf mit Lachen antworten wird ihr Zorn noch größer und sie stürmt zum Zugbegleiter. In diesem Moment setzt sich der Zug in Bewegung. Wir versuchen uns hektisch einen Überblick zu verschaffen, ob auch wirklich alle Taschen und Räder mit in den Zug gekommen sind. Nach einigen Minuten können wir diesbezüglich Entwarnung geben, alles da. Nur stehen wir halt jetzt blöd auf dem Gang rum, da ja die Räder im Abteil stehen. Dazu immer noch hektische hin und her lauf Bewegungen anderer Reisender, die sich an uns vorbei drängeln. An pandemie-gebotene Abstandsregeln ist nicht zu denken. Der Schaffner versucht die aufgebrachte Meute derer zu beruhigen, die ihre Sitzplätze nun von unseren Rädern verstellt sehen. Es dauert weit bis hinter Spandau, bis sich die Wogen geglättet haben und alle Reisende alternative Sitzplätze eingenommen haben, die zu ihrer  Zufriedenheit sind. Nichts bringt den gemeinen Deutschen offenbar mehr in Rage, als wenn der reservierte Sitzplatz nicht dort ist, wo er gebucht wurde. Das 2. Bier haben wir uns nach der ganzen Aufregung nun aber redlich verdient. Nachdem Versuch, die Lage etwas einzuordnen steht fest, dass wir uns in einem Zug der tschechischen Eisenbahn befinden, der also kein Fahrrad-Abteil hat, obwohl wir diesen Zug bereits im Januar ausdrücklich mit Fahrrädern gebucht hatten. Zudem stinkt die Zugtoilette direkt neben unseren Abteilen latent  nach Scheiße. Wir stehen etwas ratlos auf dem Gang und trinken Bier.  Nach dem 3. Bier versuchen sich einige von uns, auf die Sitze neben den Rädern ins Abteil zu quetschen. Das funktioniert mehr schlecht als recht.

Wir erreichen Wittenberge. Hier wollen wir in drei Tagen wieder mit den Rädern sein. Das fühlt sich an diesem Morgen allerdings  noch ziemlich surreal an. Unsere Bierreserven gehen bedrohlich zur Neige. Dies beschwört neue Turbulenzen herauf. Ein sehr  junger Service-Mitarbeiter der Tschechischen Bahn schiebt einen Wagen mit Kaffee, Getränken und kleinen Snacks durch den Zug. Wir versuchen für jeden von unserer Radsportgruppe ein Bier zu erwerben. Der Service-Mitarbeiter verweigert uns diesen Wunsch und behauptet in gebrochenem Deutsch aber trotzdem sehr nachdrücklich, dass er kein Bier verkaufe. Wir zeigen auf die aufgereihten Budweiser-Flaschen auf seinem Wagen. Darauf antwortet er resolut: „Bier nur Speisewagen!“ Dies erzeugt eine Mischung aus Erheiterung und Ratlosigkeit bei uns. Nach einigen Minuten der Unschlüssigkeit ringen wir uns dann doch dazu durch, den Weg Richtung Speisewagen anzutreten. Wir schwanken durch den rasenden Zug. Nach einigen Wagons begegnen wir wieder dem Service-Mitarbeiter mit seinem Wagen. Als er uns erblick, brüllt er fast schon: „Ihr wollt Bier? Okay, 3,40 €!“ Da wir inzwischen aber den Gedanken ganz okay finden, uns im Speisewagen auf ein paar Bier nieder zu lassen, antworten wir durch unseren Mund-Nase-Schutz: „Nein, wir trinken ein Bier im Speisewagen.“ Dies führt erstaunlicherweise dazu, dass der junge tschechische Service-Mitarbeiter endgültig die Nerven verliert, irgendwas auf Tschechisch vor sich hin flucht, sich seinen Wagen schnappt und diesen klirrend und scheppernd in hohem Tempo durch den Zug zieht. Es liegt hier offenbar ein kommunikatives Missverständnis  vor, welches wir uns aber nicht erklären können. Entweder haben wir irgendeine tschechische  Höflichkeitsgepflogenheit missachtet oder der junge Tscheche kann irgendwas an uns nicht leiden. Wir folgen ihm jedenfalls im gleichen hohen Tempo, welches er vorgibt immer Richtung Speisewagen. Er flucht weiterhin auf Tschechisch vor sich hin, die Bierflaschen auf seinem Wagen klirren, der Zug schwankt und wir immer hinterher. Filmreife Szenen. Fahrgäste, die nach einem Kaffee fragen, werden ignoriert, der  junge Mann hat offenbar den Kanal voll. Nach endlosen Wagons erreichen wir fast zeitglich mit dem fluchenden Service-Mitarbeiter den Speisewagen und können beobachten, wie er seinen Wagen mit Getränken und Snacks in die Bordküche donnert. Es folgt eine lautstarke Wutrede an die  anderen Mitarbeitern im Speisewagen. Wir verstehen zwar kein Wort, aber dem Tonfall entnehmen wir in etwa: „Diese scheiß Deutschen mit ihrem scheiß  Bier gehen mit sowas von auf die Kette!“ Wir lassen uns nicht beirren und bestellen eine Runde Bier bei einem seiner Kollegen, der nach einigen Minuten vorsichtig über die Theke lugt. Wir rätseln, was wir falsch gemacht haben und warum er so die Fassung verlor. Da er sich offenbar immer noch nicht beruhigt hat und weiterhin lautstarkes Fluchen aus der Bordküche zu vernehmen ist, entschließen wir uns, hier nicht weiter mit unserer Anwesenheit zu provozieren. Schade eigentlich, das hätte ein bierseliger Ritt nach Hamburg werden können, bei dem die Tschechische Bahn hier im Speisewagen einige Kronen an unserem Durst verdient hätte. Aber manchmal kann man es nicht erzwingen. Wir treten also den langen Weg zurück zu unseren Rädern an. Kurz aufkommende Überlegungen, ob die Aufenthaltszeit des Zuges in Ludwigslust oder  Büchen ausreicht, damit einer von uns schnell aussteigt, Bier für alle besorgt und zurück in den Zug eilt, werden schließlich als zu riskant über den Haufen geworfen. Und so stehen wir einige Zeit später etwas verstimmt  wieder auf dem Gang neben unseren Rädern und atmen Zugtoilettenluft durch unseren Mund-Naseschutz. Das geht  ja gut los mit unserer Tour.

Um weitere Hektik zu vermeiden, entscheiden wir uns bis zur Endstation in Altona im Zug zu bleiben, um  nicht überhastet  am Hauptbahnhof die Räder und Taschen aus dem Zug reißen zu müssen. Unsere Unterkunft ist  ohnehin in Altona. Die Zimmer können wir zwar erst ab 15 Uhr beziehen, aber vielleicht können wir unsere Fahrradtaschen irgendwo im Hotel zwischenlagern. Langsam rollt  der IC im Hamburger Hauptbahnhof ein und bei dem Trubel, der dort auf dem Gleis herrscht, sind wir sehr zufrieden mit unserer Entscheidung bis Altona zu fahren. Hektisch aussteigende Reisende quetschen sich an uns vorbei, leider können wir aufgrund der zugestellten Abteile nicht wirklich ausweichen. Wenn dass das Robert Koch Institut sehen würde.  Nachdem sich auch dieser Trubel gelegt hat, gleitet der Zug langsam weiter Richtung Altona. Der Ausblick, als wir zwischen Binnen- und Außenalster die Brücke passieren lässt Freude aufkommen. Endlich wieder Hamburg, wie schön! Willkommen in der Erstligafreien- und Hansestadt Hamburg! Wir rollen ohne Halt durch den Bahnhof Dammtor, passieren die Sternschanze und Holstenstraße und reiten kurz darauf in Hamburgs schönstem Stadtteil ein. Hallo Altona, gut wieder hier zu sein!

In aller Ruhe Entladen wir auf Gleis 5 die Räder und Fahrradtaschen und gönnen uns eine Pause am Raucherpunkt um einen Plan zu machen.

„Thank you for travelling with Tschechische Bahn!“

Wir entschließen uns, unser Hotel in der Schmarjestraße aufzusuchen, welches nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt liegt. Wir schieben unsere Fahrräder durch die vom Autozug rollenden PKWs vom Bahnhofsgelände, schwingen uns auf die Räder und rollen die Max-Brauer-Allee hinunter. Wir lassen den Stuhlmannbrunnen rechts liegen und biegen kurz darauf links in unsere Zielstraße ein. Hotel Stephan, nicht unser Haus aber für heute unser Heim. Man  erwartet uns mit der frohen Kunde, dass unsere Zimmer bereits jetzt um kurz vor 10 bezugsfertig sind und wir unser Gepäck auf die Zimmer bringen können und uns kurz frisch machen können. Die ersten Herausforderungen waren also bewältigt, ab jetzt hat  die Zeit der guten Neuigkeiten begonnen.