1. Etappe Insel Usedom – Pasewalk 113 km

Eines der erstaunlichsten Phänomene an so einer mehrtägigen Radtour ist, dass egal wie viel man am Vorabend gesoffen hat, am nächsten Morgen nichts davon zu spüren ist. Man steht völlig frisch aus dem Bett auf. So geht es uns auch am Morgen in der Pension Café Nina. Alle haben bestens geschlafen und wie vereinbart, versammeln wir uns pünktlich um 7:30 Uhr auf der Terrasse am Achterwasser. Ilona ist schon wieder aus Swinemünde zurück und schwer damit beschäftigt, allerlei Frühstücksleckereien auf unseren Tisch zu befördern. Es gibt alles, was zu einem guten Frühstück dazu gehört. Frische Brötchen, Wurst, Käse, Ei, Obst, Gemüse usw.  und vor allem auch viel Fruchtsaft und Wasser. Ein wunderbarer Morgen. Die Sonne strahlt und noch sind die Temperaturen angenehm. Schwalben umschwirren die Terrasse, von irgendwo ruft ein Esel und auf der in der Bucht ankernden Yacht regt sich ebenfalls die erste Frühstücksvorbereitung. Café Nina, absolut empfehlenswert!

Aber wir haben ja heute noch ein paar Sachen vor. Daher steigen wir in die tagesvorbereitenden Maßnahmen ein. Gegen 8:30 Uhr haben wir die Zimmerschlüssel abgegeben, die Räder gesattelt und mit Taschen behangen und rollen vom Hof. Wir folgen der Radwegbeschilderung in Richtung „Stadt Usedom“. Die Insel führt uns zum Abschied noch mal ihr ganzes Repertoire an Hügellandschaft vor. Und so haben wir schon kräftig zu treten am Radweg, der zunächst weitgehend parallel zur B110 verläuft. In Usedom Stadt füllen wir die Wasserflaschen an einem Getränkemarkt auf und zögern, ob wir ein paar Radler in die Taschen packen sollen, entscheiden uns letztlich dagegen.

Nun rollen wir die letzten Kilometer auf der Ostseeinsel. Schön war es hier gewesen, könnte sein, dass wir wieder kommen. Irgendwann tauchen die blauen Stahlträger der Zecheriner Brücke auf. Und so verlassen wir etwa zur gleichen Tageszeit, an der wir gestern an der Nordspitze bei Wolgast auf die Insel gerollt sind, diese nun an der Südspitze. Immerhin können wir uns auf die Schulter klopfen, da wir die Insel einmal von Nord nach Süd runter geradelt sind. Was nun ansteht ist der 30-35 kilometerlange Umweg, den uns die Anklamer Fähre hätte ersparen könne, wenn sie denn gefahren wäre. Es gilt ein riesiges Moor zu umfahren, durch das es kein Durchkommen gibt. Zumindest nicht, wenn wir nicht in ein paar tausend Jahren als Moorleichen in einem Urzeit-Museum ausgestellt werden wollen. Die Sonne strahlt, hält die ganz große Hitze aber noch zurück. Immerhin rollt es ganz gut auf dem flachen und gut ausgebauten Radweg und wir machen erstmal weitgehend wortlos ordentlich Meter.

Radtourismus ist im Kommen. Seit einigen Jahren schon und vermutlich hat die Corona-Lage der ganzen Geschichte noch mal einen Schub verpasst. Grundsätzlich ist das auch sehr begrüßenswert, da es wohl kaum eine nachhaltigere Art und Weise gibt, seinen Urlaub zu verbringen. Aber natürlich führt das mitunter zu reichlich Verkehr auf den Radwegen. Und 98% der Radfahrer gehen dabei rücksichtsvoll und solidarisch miteinander um, grüßen freundlich, helfen wo es geht und zeigen Interesse. Gleichzeitig führt es aber auch dazu, dass es ein paar Idioten auf die Radwege zieht. Und eine solche Begegnung bleibt uns an diesem Morgen nicht erspart. Schon von Weitem sehen wir eine ziemlich große Gruppe Radfahrer auf uns zukommen. Auffällig ist schon mal, dass die meisten mit einer Action-Cam am Helm ausgestattet sind, vermutlich um auf Insta ne geile Figur abzugeben. Die ersten dieser Gruppe ziehen noch grußlos an uns vorbei. Bei einem wummert eine Bluetooth-Box aus der Satteltasche. Plötzlich schießen mehrere Radfahrer in FC Bayern und BVB Trikots auf uns zu. Sie fahren auf dem schmalen Radweg in Zweierreihen und schauen offenbar nicht nach vorne. Da wir bergauf fahren und die anderen bergab, schießen sie mit hohem Tempo auf uns zu. Sie machen immer noch keine Anstalten nach vorne zu schauen und quatschen lieber. Als wir schon alle mit einem Frontal-Crash rechnen, entscheiden wir uns zur Vollbremsung und für das Ausweichen in den Straßengraben. So können wir den Zusammenprall in letzter Sekunde abwenden und die uns entgegenkommenden Hohlköpfe in ihren scheiß Bayern- und BVB-Trikots merken erst in aller letzter Sekunde, welche gefährliche Situation sie da gerade heraufbeschworen haben. Immerhin haben sie jetzt vermutlich geilen Stoff für ne top Insta-Story. Da wir leicht unter Schock stehen, fällt uns nicht viel mehr ein, als ihnen ein beherztes „Ey ihr Vollidioten!“ hinterher zu brüllen. Es folgt nicht einmal eine Entschuldigung, sie fahren einfach weiter. Solche Typen braucht wirklich kein Mensch auf den Radwegen.

Wir benötigen nun ein paar Kilometer um uns zu sammeln und um diese Spacken zu vergessen. Irgendwo hinter einem Wald machen wir eine kurze Trinkpause und gönnen den Rauchern Zeit für eine Zigarette. Zeit, um das Mobiltelefon zu überprüfen. Für Verwunderung sorgt die Anrufliste. Da werden in der Zeit zwischen 23:35 Uhr und 23:55 Uhr letzte Nacht drei entgangene Anrufe mit einer Pasewalker Vorwahl aufgeführt. Noch mehr Verwunderung verursacht allerdings ein ausgehender Anruf um 23:55 Uhr an die gleiche Nummer der angeblich ein Gespräch von einer Dauer von 5:32 Minuten zur Folge hatte. Die etwas entgeisterte Frage in die Radsport-Gruppe: „Sagt mal Jungs, kann es sein, dass wir letzte Nacht noch mit Pasewalk telefoniert haben?“ Das Rattern in den Köpfen der Radsport-Gruppe ist sichtbar. „Äh…ja…stimmt…irgendwas war da…“ Langsam dämmert  es bei einigen. „Äh ja stimmt, du hast mit unserem Hotel telefoniert, weil die gefragt haben, wo wir bleiben.“ Allgemeines Unverständnis. „Wie wo wir bleiben? Wir sind doch erst heute in Pasewalk.“ Darauf wieder grübeln in der Radsportgruppe, bis einer sagt „Ja, die hatten uns aber für gestern im System und haben auf uns gewartet.“ Noch mehr Ratlosigkeit. „Äh…und weiß denn irgendjemand, wie wir mit denen verblieben sind? Geht das trotzdem klar, dass wir da heute Zimmer haben?“ Wieder weiß keiner so richtig Rat. Scheiß Sauferei! „Keine Ahnung was du mit denen besprochen hast, du hast eigentlich die ganze Zeit eh nur gelacht am Telefon.“ Nur gelacht also, au Backe, wirklich scheiß Sauferei! Wir stehen also irgendwo im nirgendwo in einer Moorlandschaft bei Anklam und wissen nicht, ob wir heute Abend eine Unterkunft haben, wir wissen nur, dass wir reichlich gelacht haben am Telefon. Das sind ja prima Aussichten. Da müssen wir wohl noch mal anrufen. Aber hier wo wir jetzt sind, gibt es kein Netz. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als erstmal weiter zu fahren. Gegen 11:00 Uhr erreichen wir schließlich Anklam. Hier wurde vor über 170 Jahren ein gewisser Otto geboren, der hier später Störche beim Fliegen beobachten sollte und daraus eine gute Idee ableitete, die sich in der Folge global durchsetzen sollte.

Zielsicher steuern wir den Marktplatz an, auf dem reichlich Trubel herrscht. Wir wundern uns, dass selbst das Lokal-Fernsehen vor Ort ist und der Bürgermeister eine Ansprache hält. Mit solch einem Empfang haben wir gar nicht gerechnet. Kurze Zeit später wird aber klar, dass dieser ganze Aufwand nicht für uns betrieben wird, sondern dass die alljährlichen „Marktschreiertage“ gerade eröffnet wurden. Und so starten Aale Hinnerk und Käse Maik auch gleich mit ihrer ausufernden Verkaufsshow. Wir suchen uns dann lieber eine Kneipe am Rande des Marktplatzes und bestellen eine Runde Radler, denn auch heute gilt es den 11-Uhr-Zug zu kriegen.

Nun haben wir aber immer noch unsere Unsicherheit bezüglich unserer Unterkunft am Abend im Nacken. Also versuchen wir anzurufen in Pasewalk.  Es ist aber kein Durchkommen. Nicht mal ein Frei-Signal, nicht einmal ein Besetztzeichen. Langsam wird die Sache unheimlich. „Wer weiß was du da gestern für einen Eindruck hinterlassen hast, vielleicht haben sie gleich deine Nummer gesperrt“ wird gewitzelt. Wir versuchen von allen verfügbaren Mobiltelefonen die Unterkunft in Pasewalk zu erreichen. Aber die Leitung bleibt tot. Das kann ja was werden. Aber außer weiter fahren, bleibt uns nicht viel übrig.

In manchen Städten ist es durchaus herausfordernd, wieder raus zu finden und vor allem auf den richtigen Radweg zu finden. Und so geht es uns auch hier. Wir irren umher, folgen dem falschen Rat eines Passanten und finden uns kurz darauf auf einer Zufahrt zu einer Bundesschnellstraße wieder. Es heißt also umkehren und zurück in die Stadt fahren, sich neu orientieren. Locker 7-8 Kilometer Umweg hat uns diese Irrfahrt beschert. Letztlich findet sich dann aber doch das grün-weiße Radweg Schild „Berlin-Usedom“ am Wegesrand. Und jetzt geht es wirklich direkt durch das riesige Moor. Rechts und links beginnt die grüne Morast-Landschaft, der Radweg ist von meterhohem Schilf gesäumt. Einige Kilometer hinter Anklam wird der Radweg auch noch schlecht. Lose aneinander gereihte Betonplatten aus DDR Zeiten sorgen dafür, dass wir mächtig durchgeschüttelt werden auf den Rädern und von oben ballert inzwischen die Sonne mit aller Macht. Hin und wieder gibt das Schilf den Blick auf den ausufernden Peenestrom frei. Als wir nach einiger Zeit die blauen Stahlträger der Zecheriner Brücke unmittelbar vor uns sehen, wird uns erst klar, welchen Umweg uns die Anklamer Fähre hätte ersparen können. Es ist jetzt fast 3 Stunden her, dass wir da drüben auf der Brücke die Insel Usedom verlassen haben. Der Radweg ist inzwischen schmal geworden. Durch die grüne Moorlandschaft radeln wir nun mit der latenten Angst, dass jeden Moment irgendwo aus dem Schilf ein Alligator hervorschießen könnte. Wir sind weitgehend alleine auf dem Radweg. Kilometerlang begegnen wir keinem Menschen und durchqueren keine Ortschaft, nichts als Moor.

Irgendwann erreichen wir das kleine Leopoldshagen, wenig später das Dorf Mönkebude. Riesige Stockrosen in allen Farben blühen in den Vorgärten. Das Moor haben wir hinter uns gelassen. Hinter dem Dorf geht es in den Wald. Der Radweg schlängelt sich wie eine Slalomstrecke durch die Bäume. Eine tolle Strecke um die Gravelbikes laufen zu lassen. Langsam stellt sich Bierdurst und Hungergefühl ein, aber das letzte Stück bis Ueckermünde zieht sich, immer noch 8 Kilometer. Auf einem abgemähten Feld motiviert uns ein Hinweisschild „Brauhaus Ueckermünde 5 km, direkt am Marktplatz.“ Okay, das werden wir jetzt ja wohl auch noch schaffen. Als wir das Ortschild passieren brennt die Sonne in der Nachmittagshitze. Wir irren völlig orientierungslos durch die Stadt, finden uns nicht zurecht, machen kilometerlange Umwege. Letztlich finden wir dann aber doch den Marktplatz und erobern einen schattigen Tisch am Brauhaus. Die Bedienung sieht uns unseren Durst nicht an, jedenfalls dauert es ewig, bis sie unsere Bestellung aufnimmt. Wir sind gespannt, wie das hauseigene Bier schmeckt und sind durchaus skeptisch. Es ist ja durchaus in Mode gekommen, dass wieder mehr gebraut wird, abseits des industriellen Bier-Mainstreams. Oftmals ist da aber leider mehr Folklore als anderes dabei und diese regionalen Bierspezialitäten sind eher von dürftigem Genuss geprägt. Aber dieses „Ueckermünder“ kann was, kann man wirklich trinken. Da wir bereits 80 Kilometer auf der Uhr haben und sich ein gewisser Hunger-Ast einstellt, entscheiden wir uns für energiereiche Kost. Neben Knoblauchspagetti werden süße Pfannkuchen mit Panna-Cotta-Füllung und Walnusseis bestellt. Danach geht es uns besser.

Wir unternehmen nochmals einen Versuch in unserer Unterkunft in Pasewalk anzurufen. Und tatsächlich, es klingelt! Aufgeregtes Schweigen in der Radsportgruppe. Und nach kurzer Zeit nimmt diesen Anruf tatsächlich jemand entgegen. „Ja schön guten Tag, wir sind die Radsport-Gruppe, die laut ihrem System schon gestern bei ihnen gewesen sein soll, wir würden aber erst heute kommen und wir wollten fragen, ob das klar geht.“ Darauf die Antwort: „Kleinen Moment, ich überprüfe das einmal.“ Bange Sekunden in der Radsportgruppe. Dann schließlich die Ansage: „Ach ja, ich sehe das ja hier gerade. Nee, das geht klar, dass haben sie ja letzte Nacht noch alles mit meinem Kollegen umgebucht, wir freuen uns auf Sie, bis später!“ Puuuhh, durchatmen, Erleichterung. Und ein gewisser Stolz schwingt auch mit: Da haben uns letzte Nacht die zehn vierziger Wodka von Pavel soweit ausgeknockt, dass wir uns nicht mehr an nächtliche Telefonate erinnern konnten, aber immerhin haben wir noch eine Hotel-Umbuchung in unserem Zustand hinbekommen. Muss man ja auch erstmal schaffen.

 Insgesamt hält sich unsere Motivation in Grenzen, wieder aufs Rad zu steigen, daher dehnen wir den Stopp in Ueckermünde nach hinten aus. Vermutlich aufgrund des Ortsnamens unterhalten wir uns über Flussmündungen. Es fallen so geistreiche Sätze wie „Die Uecker hat sich bei der Einmündung im Vergleich zu anderen Flüssen ja gegen eine Delta-Variante entschieden“.

 Irgendwann müssen wir dann halt doch weiter, bevor wir hier nur dusseliges Zeug vor uns hin quatschen. Und bis Pasewalk sind es immerhin noch 30 Kilometer. Also schwingen wir uns auf die Räder und finden diesmal erstaunlich gut auf den Radweg und aus der Stadt heraus. Das Haff lassen wir hinter uns, es geht nun in südlicher Richtung entlang der viel befahrenen L28 aber immerhin mit reichlich Rückenwind.  Wir durchfahren Ortschaften wie Eggesin und Torgelow. Zwischen diesen Städten passieren wir riesige Bundeswehrkasernen und militärisches Sperrgebiet. Schilder weisen darauf hin, dass es strengstens untersagt ist, die Kasernen zu fotografieren, sogar Schusswaffeneinsatz wird bei Zuwiderhandlung angedroht. Hinter hohem Stacheldraht riesige Anlagen, die aussehen wie eine Mischung aus Spielplatz für Erwachsene und Folterkammer. Hier werden wohl die Rekruten von ihren Ausbildern durchs Gelände gejagt. Teile der Radsportgruppe haben hier ihren Wehrdienst geleistet und wissen bescheid. In „Viereck“ schießt ein Transporter links aus der Seitenstraße und räumt uns fast von den Rädern, immerhin entschuldigt er sich. Der Rückenwind treibt uns dann letztlich tatsächlich nach Pasewalk und das Mobiltelefon navigiert uns zielsicher die letzten Meter in die Unterkunft. Villa Knobelsdorff, nicht unser Haus aber heute unser Heim. Nach 113 Kilometern auf den Rad reicht es auch für heute.

„Ach Sie sind die Radfahrer, die uns hier gestern schon beschäftigt haben!“ ist der erste Satz, den wir vom grinsenden Chef des Hauses zur Begrüßung entgegen geworfen bekommen. „Genau die sind wa!“ lautet unsere Antwort. Freundlicherweise hat das Personal sogar eine Upgrade vorgenommen, da unsere ursprünglich gebuchten „Standard-Doppelzimmer“ im Dachgeschoss liegen und es bei diesem Wetter dort unerträglich heiß sein soll. Also bekommen wir drei „Luxus-Komfort-Doppelzimmer“ im Erdgeschoss zugewiesen und die sind tatsächlich stattlich. Hier werden wir es heute Nacht aushalten. Wir machen uns also frisch auf den Zimmern und schalten kurz den Fernseher an. Die Bilder bestätigen uns, was den ganzen Tag schon über die Mobiltelefone getickert ist. Es muss zu einer schweren Unwetterkatastrophe in Teilen Westdeutschlands gekommen sein. Was wir im TV sehen, übersteigt unsere Vorstellungskraft.

Da wir einen Tisch im Biergarten der Unterkunft reserviert haben, machen wir uns auf den Weg. Über das Internet haben wir uns schon über die hier angebotene Spezialität informiert. Das „Pasenelle Pils“ wird nach Jahrhunderte alter Tradition gebraut und nur hier in diesem Hause angeboten. Und das Thema hatten wir ja weiter oben schon: Die Gefahr bei solchen „Bier-Spezialitäten“ ist immer, dass es mehr Folklore als alles andere ist. Aber auch hier kann schnell Entwarnung gegeben werden. Das „Pasenelle Pils“ ist ein wunderbar süffiges und recht mildes Bier, welches richtig gut schmeckt. Daher balanciert der Kellner immer neue Tabletts mit gold-gelb leuchtenden Glaskrügen an unseren Tisch. Es folgen Bierkutscherschnitzel, Lachsfilet mit Pfifferlingen, Salat-Variationen und Burger. Was für ein Fest!

Wir beobachten, wie sich über uns Wolken zusammenbrauen und kurz darauf geht ein gewaltiger Regenschauer über der Villa Knobelsdorff nieder. Für uns also die Gelegenheit, den Gewölbekeller des Hotels aufzusuchen, um dort fleißig weiter „Pasenelle Pils“ nachzubestellen. Die Stunden vergehen, wir unterhalten uns unter anderem über solch wichtigen Fragen wie, ob man Wodka im Soda-Streamer mit Kohlensäure anreichern kann und wie wohl Wodka mit Kohlensäure schmeckt.

„Das Schöne am Wodka ist ja, wenn man ihn unten hat. Wenn man dann ständig vom Wodka rülpsen muss, kommt der ja immer wieder hoch, das kann ja eigentlich auch nicht gut sein.“

Das lassen wir als Tagesfazit einfach mal so stehen. Wie immer sind wir die letzten Gäste an der Bar. Eine letzte Runde wird uns noch zugestanden, aber danach hilft alles Betteln und Bitten nichts. Da ist der Kellner konsequent. Vielleicht auch gut für uns. Wir versinken jedenfalls kurze Zeit später in den Betten unserer Luxus-Komfort-Doppelzimmer.

Endlich wieder auf dem Radweg

Dieses 2021 machte eine vorrausschauende Urlaubsplanung  ja alles andere als einfach. Und da selbst im Mai noch nicht abzusehen war, was man im Sommer so unternehmen konnte, einigte sich die Radsportgruppe, nichts im Voraus zu buchen. Gleichzeitig sollte die Tradition der alljährlichen mehrtägige gemeinsamen Radtour fortgeführt werden. Damit war aber klar, dass es in diesem Jahr wohl nicht in voller Besetzung los gehen würde, denn so spontan die komplette Radsportgruppe an den Start zu bringen, dürfte schwierig werden. Und so entstand die Idee der diesjährigen Radtour tatsächlich spontan und aus dem Stehgreif und irgendwie quasi unwetterbedingt. Denn  just als es zu einer wetterbedingten Unterbrechung des Fernsehbildes während des EM-Achtelfinales zwischen England und Deutschland kam, wurde die Idee der diesjährigen Radtour geboren. Zumindest wurde der Termin festgelegt und für den nächsten Tag ein Treffen vereinbart, auf  dem Nägel mit Köpfen gemacht werden sollten. Die Radsportgruppe wurde über die Whatsapp-Gruppe informiert und die Rückmeldungen blieben spärlich.

Zur Debatte stand eine kurze 4-Tagestour. Da wir auf mögliche Reisestrapazen verzichten wollten, wurde schnell klar, dass es entweder von zuhause irgendwohin gehen soll und dann mit der Bahn zurück oder eben umgekehrt, mit der Bahn irgendwohin und dann mit dem Fahrrad zurück. Wir entschieden uns für die zweite Version, da wir mit der Tour von Hamburg nach Berlin im vergangenen Jahr gute Erfahrungen gemacht haben. Aufgrund der auf 4 Tage begrenzten Zeit wurde schnell klar, dass es eigentlich nur drei Optionen gab. Entweder mit dem Zug nach Warnemünde und dann auf dem Radfernweg Kopenhagen-Berlin nachhause fahren oder die gleiche Nummer von Stralsund aus nach Berlin. Als dritte Option stand der Radweg Berlin-Usedom im Raum und diese Option stellte sich schnell als die favorisierte heraus. Der Plan konkretisierte sich und schnell war klar, dass wir am Mittwochmorgen mit der Bahn hoch an die Ostsee fahren würden, uns dort einen entspannten Tag am Strand machen würden  und dann von Donnerstag bis Samstag in 3 Etappen zurück in die Hauptstadt rollen würden.

Da die Erfahrung gezeigt hat, dass die Leute am Bahnschalter manchmal noch bessere Ideen für so ein Unterfangen haben, als das Internet anzubieten hat, taperte eine Delegation der Radsportgruppe am nächsten Tag an den Schalter der DB. Und tatsächlich: Uns wurde das im Internet nicht auffindbare „Stadt-Land-Meer-Ticket“ angeboten, welches uns samt Fahrrädern für einen schmalen Taler ins Ostseebad Ückeritz bringen würde. Inzwischen waren insgesamt fünf Zusagen eingetroffen und so buchten wir das ganze fünf Mal.

Am Abend wurden dann bei kühlem Fassbier die Tagesrouten entlang des Radweges Berlin-Usedom überschlagen und wir hielten es für eine schlaue Idee, dass wir am ersten Tag mit einer Abkürzung über die Anklamer Fähre  locker von der Ostseeinsel bis nach Pasewalk kommen würden. Als zweite Etappe wurde ein Ziel irgendwo in der Uckermark oder in der Schorfheide gesucht. Und von dort aus sollte man mit  einer lockeren Austrudel-Etappe am letzten Tag lässig die Hauptstadt erreichen. Kurze Zeit später waren die Unterkünfte gebucht, für jeden Tag ein Tisch zum Abendessen bestellt und wir blickten uns etwas ungläubig an, wie problemlos diese spontane Radtour organisiert war.  

Wenige Tage später findet sich die Radsportgruppe zu früher Stunde an einer Aral-Tankstelle ein und trudelt gegen 3:30 Uhr langsam mit den bepackten Rädern Richtung Bahnhof. Auf den Straßen ist noch nix los, die Nacht noch schwarz. Innerhalb der nächsten 40 Minuten wechselte dieses Schwarz aber nach und nach in ein Blau. Wir schaffen es sogar noch, an einem Nachtschalter einer weiteren Tankstelle in paar Flaschen Bier für die Zugfahrt zu erwerben und verstauen diese sorgfältig in den Radtaschen. Pünktlich erreichen wir den Bahnhof und um kurz nach 4:30 Uhr rollt die ziemlich menschenleere Regionalbahn Richtung Stralsund ein.

Wir finden problemlos das Fahrradabteil und haben kurze Zeit später die Fahrräder sicher befestigt und gleiten gekonnt in die Ausklappsitze des Fahrradabteils. Die erste Hürde haben wir also souverän genommen. Grund genug morgens um kurz vor 5 das erste Bier zu öffnen, irgendwie muss man ja schließlich in diesen Tag finden.  Viel gesprochen wird noch nicht. Wir rollen hinter Eberswalde langsam durch die sanften Hügel der Uckermark. Die Bahn hält in jedem Nest. Wir nuckeln zufrieden an der Bierflasche während draußen bereits die Sonne strahlt. Trotzdem zieht sich die Fahrt. Wir öffnen das nächste Bier, bevor es in den Fahrradtaschen warm wird. Irgendwann erreichen wir Pasewalk und fragen uns, ob wir hier wirklich morgen Abend schon wieder mit den Rädern sein wollen. Wir stellen fest, dass die Bordtoilette in einem katastrophalen Zustand ist sodass die Benutzung keine Option ist. Der nächste Dämpfer folgt, als die Bier-Reserven alle sind. Nach fast drei Stunden erreichen wir irgendwo im vorpommerschen Hinterland den kleine Ort Züssow. Hier müssen wir umsteigen und die Fahrt mit einer kleinen Bimmelbahn Richtung Usedom fortsetzen. Die nächste Bahn ist knalle voll, wir kriegen unsere Räder samt Taschen aber trotzdem alle verstaut. Die Luft ist stickig, Mitreisende unterhalten sich über Sitzbänke hinweg über Dinge, die uns nicht interessieren, Während wir hinter unseren FFP2-Masten schwitzen, fängt diese Fahrt mit der „Kaiser-Bäder-Bahn“ allmählich an zu nerven. Daher kommt spontan die Idee zustande, schon in Wolgast aus dem Zug zu steigen, irgendwo zu frühstücken und dann mit dem Fahrrad die restlichen Meter auf die Insel und bis nach Ückeritz zurück zu legen.

Immerhin hätten wir mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die stickige Bahn verlassen, was gefrühstückt und ein paar Kilometer Bewegung. Der Plan klingt für uns so schlüssig, dass wir an diesem sonnigen Morgen um kurz vor acht an der Haltestelle „Wolgast Hafen“ die Bahn verlassen.  Wir sortieren kurz unsere Räder, orientieren uns und rollen wenig später in Richtung des Marktplatzes von Wolgast. Dort gibt es eine Filiale einer Bäckereikette mit Café-Betrieb. Wir bestellen Hackepeterstullen, belegte Brötchen, Rührei, Kaffee und Radler und richten uns mit diesen Leckereien an einem Tisch auf dem sonnigen Marktplatz ein. Viel ist noch nicht los. Dafür ist das Frühstück gut.

Gestärkt für den Tag, schwingen wir uns also kurze Zeit später auf die Räder. Um einen Eindruck von der Stadt zu bekommen, wollen wir noch eine kurze Runde durch Wolgast drehen. Abseits des Marktplatzes ist Wolgast geprägt von extrem  niedrigen Reihenhäusern, heruntergekommenen Straßen, grauem Kratzputz und Leerstand. Wir durchfahren eine Fußgängerzone, in der ungelogen jeder Laden leer steht. Der einzige Laden in Mitten dieser Fußgängerzone in dem noch Betrieb ist, ist zu allem Überfluss auch noch das lokale Büro der AfD. Hier werden so ziemlich alle Klischees bedient, die es über das ostdeutsche Hinterland in den Medien so gibt. Wir entwickeln einen leichten Fluchttrieb und sind froh, als wir auf der großen Zugbrücke sind, die uns über den Peenestrom auf die Insel Usedom bringt. Wolgast, definitiv eher so eine Stadt zum weiter fahren.

Die ersten Meter auf der Insel rollen gut. Nachdem wir die letzten Häuser hinter uns gelassen haben radeln wir durch eine grüne Weidelandschaft, die bis zum Horizont reicht. Außer hin und wieder ein paar Rinderherden, begegnen wir niemandem. Die Ortschaften, auf die die Radwegeschilder hinweisen, heißen Krummin oder Bannemin. Nach ca. 10 km erreichen wir das Ostseebad Trassenheide und folgen der Beschilderung Richtung Strand. Es geht über einen lang gezogenen Weg durch einen Kiefernwald. Zahlreiche Familien mit Badetaschen und Bollerwagen sind unterwegs. Kurz vor dem Strand, vor  einem Deich geht der Radweg nach rechts ab. Die Ostsee muss ganz nahe sein, nur sehen können wir sie nicht. An einem Strandübergang gewährt sie uns dann aber schließlich doch den ersten kurzen Blick auf das  weite Blau. Es geht nun durch einen Wald auf einem unbefestigten Sandweg. Durchaus herausforderndes Gelände, da der Sand unterschiedlich fest ist und uns an manchen Stellen fast zum Absteigen zwingt. Plötzlich lichtet sich der Wald und wir passieren einen riesigen Zeltplatz. Der Radweg führt nun einige Meter oberhalb der Küste entlang, so dass wir einen wunderschönen Blick auf das Meer haben. Links die Ostsee, rechts neben uns stehen die Wohnwagen bis an den Radweg heran, sodass ca. einen Meter von uns entfernt die Camper an ihren Klapptischen frühstücken. Sie scheinen sich aber an uns nicht zu stören.

Hinter dem Zeltplatz geht es wieder in den Wald. Der Radweg ist inzwischen viel befahren, es sind vor allem Rentner auf E-Bikes unterwegs. Unser Radfahrinstinkt lässt die Alarmglocken schrillen und gebietet uns Vorsicht. Nach einigen Kilometern erreichen wir das Ostseebad Zinnowitz. Hier ist schon einiges los auf der Strandpromenade morgens gegen 10:15 Uhr. Nur Kneipen haben noch nicht offen, so dass wir unser erstes Inselgetränk noch verschieben müssen und daher lieber schnell weiterfahren. Weiter auf dem Sandweg und wieder in den Wald hinein. Und es geht erstaunlich hügelig zur Sache. Giftige Anstiege bis zu 16%, gefolgt von halsbrecherischen Abfahrten über Stock und Stein. Die größte Herausforderung stellen für uns aber die zahlreichen Rentner auf ihren E-Bikes dar, die mitunter zu völlig unerwarteten Verhaltensweisen und Aktionen auf ihren Rädern neigen. So bleiben sie in der Abfahrt bisweilen unvermittelt stehen, ziehen in einem Anstieg plötzlich nach links, wenn man sie versucht zu überholen oder fahren konsequent auf der Seite des Gegenverkehrs. An ein sportliches Fahren ist nicht zu denken, obwohl wir sie trotz ihres E-Motors an den Anstiegen locker distanzieren könnten. Aber man muss hier gerade immer mit allem rechnen. Wir trotteln also den Rentnern in den Anstiegen im Bummelschritt hinterher. Und obwohl wir Tempo raus nehmen und obwohl alle unsere Sinne geschärft sind, werden wir Zeugen eines Fahrradunfalls, weil eben eine solche E-Bike-Rentnerin plötzlich nach links abbiegt, ohne ein Signal zu geben und gleichzeitig  überholt wird. Es kracht gewaltig aber glücklicherweise bleibt es bei einer kleinen Schürfwunde.

Das Verhalten der Mit-Radweg-Benutzer hat unsere Stimmung reichlich gedämpft. Und so rollen wir die letzten Kilometer ziemlich schlecht gelaunt dem Ostseebad Ückeritz entgegen. Schließlich erreichen wir aber den großen Zeltplatz ohne weitere Zwischenfälle. Wir schieben unsere Räder ziemlich orientierungslos durch die unterschiedlichen Gastro-Angebote und können uns nicht entscheiden, wo wir einkehren. Hier ist es zu sonnig, dort gibt es nur Warsteiner-Bier, hier ist kein Platz mehr frei. Schließlich finden wir doch noch einen schattigen Biertisch, an dem wir alle Platz finden. Es gibt Lübzer-Radler und bayrisches Weizenbier. Ein Glück, den 11-Uhr-Zug haben wir geschafft. Also den Zug am Bierglas. Der Durst und die inzwischen ziemlich hohen Temperaturen sorgen dafür, dass das erste Getränk in wenigen Sekunden geleert ist. Also wird schnell nach bestellt. So, jetzt kann man tatsächlich erstmals runter kommen. Das frühe Aufstehen, das wenig beschauliche Wolgast, die nervigen E-Bike-Touristen einfach vergessen. Ankommen auf der Insel. Wunderbar!  Und so sitzen wir erst einmal, bestellen Runde um Runde und genießen die Zeit.

Inzwischen hat sich der Himmel zugezogen und von Südwesten drückt eine schwarze Wolkenwand in unsere Richtung. Da wir dem Sonnenschirm an unsrem Tisch nicht zutrauen, uns gegen Starkregen zu schützen, machen wir uns auf die Suche nach einer neuen Lokalität. Einige hundert Meter weiter finden wir die „Strandoase Ückeritz“. Dort gibt es noch ein paar regensichere Sitzplätze, daher zögern wir nicht lang. Und tatsächlich, kurz nach dem wir unsere Plätze bezogen  haben rauscht ein Platzregen über das Ostseebad. Der Regen führt nun dazu, dass vom Strand hunderte Menschen aufgescheucht werden und hektisch irgendwo nach Unterstand suchen. Gut dass wir unsere Plätze haben, Glück gehabt.

Das ist uns dann mal die erste Runde Gin-Tonic wert. Und bei einer bleibt es nicht, denn es regnet jetzt erstmal und was anderes als hier sitzen und saufen können wir jetzt eh nicht machen. Irgendwann hört es dann aber doch auf zu regnen. Wir überlegen, wie wir weiter vorgehen. Ein Teil will gerne an den Strand und baden, ein anderer Teil will lieber in der Bar bleiben. Perfekte Situation: So können die, die baden wollen an den Strand und wir müssen gleichzeitig unseren begehrten Tisch in der Strandoase nicht aufgeben und auch die Räder bleiben bewacht.

Inzwischen blinzelt ab und zu schon wieder die Sonne aus den dunklen Wolken. Es ist immer noch warm nach dem Regen, die Luft ist herrlich, überall dampft es. Der Strand ist angenehm leer, da der Regen für überstürzte Aufbrüche gesorgt hat. Die Ostsee liegt nun grau und aufgewühlt vor uns. Die Ostsee ist ja eher so ein umstrittenes Meer. Manche nehmen sie als Meer gar nicht so richtig ernst, da sie oft einfach glatt da liegt und noch nicht mal richtig salzig ist. Aber heute hat sie sogar eine grundsolide Brandung anzubieten. Wir zögern also nicht lange und stürzen  uns in die Fluten.  Das Wasser ist herrlich; nicht kalt aber trotzdem erfrischend, auf einen Schlag ist die Schwere der schon wieder sehr zahlreichen Biere und Gin Tonics aus dem Kopf gespült. Wir lassen uns von der Ostsee die Brandung um die Ohren hauen und genießen den Moment. Nachdem wir ausreichend erfrischt sind, schlendern wir zurück zur Strandoase. Dort sind die Gläser bereits wieder gut gefüllt und wir wollen in nichts nachstehen.

Die Frage ist nun, was machen wir  mit diesem angebrochenen Tag? Klar, wir könnten noch in die „Drei Kaiserbäder“ radeln. Die sind durchaus sehenswert. Aber zum einen wird es da ziemlich voll sein und zum anderen treiben da wieder an allen Ecken diese unberechenbaren Rentner mit ihren E-Bikes ihr Unwesen. Das erscheint uns als viel zu gefährlich. Also entscheiden wir uns noch ne Kleinigkeit zu essen in der Strandoase um dann ganz gemächlich und entspannt zu unserer Unterkunft im Hinterland zu radeln. Und so geht es nach Knobi-Brot, Gemüsepfanne und Bauernfrühstück zurück auf die Räder.

Wir haben leichte Schwierigkeiten den Radweg wieder zu finden, treten dann aber wenig später zielsicher unsere Fahrt an. Es geht zunächst entlang der B111 ins Landesinnere. Von norddeutscher Tiefebene ist auf Usedom nicht viel zu spüren. Es geht mächtig hoch und runter, vorbei am Schmollensee und durch das Dorf Pudagla. Anschließend folgt ein kilometerlanger Anstieg, der links und rechts von goldenen Kornfeldern gesäumt wird. Auf dem letzten Ritzel erreichen wir den Gipfel, es folgt eine eben so lange Abfahrt in der wir die Räder laufen lassen. Am Horizont ziehen schon wieder dunkelschwarze Wolken auf. Aber am Ende der Abfahrt haben wir unser Tagesziel erreicht: Neppermin am Achterwasser. Die Uhr zeigt 16:50 Uhr, der Tacho weist immerhin glatte 50 gefahrene Tageskilometer auf, damit hätten wir heute gar nicht gerechnet. Wir finden problemlos unsere Unterkunft: Pension Café Nina, nicht unser Haus aber für heute unser Heim.

In Corona-Zeiten ist so eine Ankunft zunächst immer mit einer leichten Unsicherheit verbunden: Darf man hier einfach so rein, muss man Maske tragen, Hände desinfizieren, Tests oder Impfnachweise vorzeigen usw. Daher gehen erstmal zwei von uns die Lager erforschen. Wir schwitzen hinter FFP2-Masken und wagen uns rein. Wir werden sogleich von Nina freundlich in Empfang genommen an der Rezeption. Sie händigt uns die Schlüssel aus, ohne dass wir irgendetwas vorzeigen müssen und sie schließt uns dann die Fahrradgarage auf. Kurz darauf beziehen wir mit unseren Fahrradtaschen die Zimmer. Der Blick aus dem Fenster zeigt: Viel später hätten wir hier nicht ankommen dürfen. Es schüttet wie aus Eimern. Wir machen uns etwas Sorgen, da wir für 18:00 Uhr in der ortsansässigen Fischkneipe einen Tisch im Biergarten bestellt haben. Aber egal, das wird sich schon regeln.

Ankommen nach einem Fahrrad-Tag ist immer wunderbar. Raus aus den Klamotten, unter die Dusche, frische Sachen anziehen, Beine lang machen, Unterkunft erkunden. Zum Glück hat die Pension ein Cafébetrieb mit dabei. Und so können  wir uns unter einem Sonnenschirm einfinden, der in diesem Fall als Regenschirm dient und Nina schleppt uns frisch gezapfte Lübzer Pilsener heran. Wir lassen den Blick schweifen über das verregnete Achterwasser und trinken zur Sicherheit lieber noch ein zweites Lübzer. Ob es an dem Lübzer liegt oder an was anderem ist schwer zu sagen, jedenfalls reist in diesem Moment wo das Bier kommt die Wolkendecke auf und die Sonne knallt auf das beschauliche Neppermin am Achterwasser. Wird also vielleicht doch noch was, mit unserem Tisch im Biergarten.

Und da der Uhrzeiger beständig Richtung 18:00 Uhr geht, schlendern wir los. Der Weg ist kurz und die knallende Sonne lässt die Spuren des Regens schon wieder verdampfen. Und so erreichen wir den Nepperminer Fischpalast. Der aufgeregte Kellner richtet uns den Tisch her, wischt alles trocken und legt Sitzpolster aus. Hätten wir es nicht mit eigene Augen gesehen, wir hätten es nicht geglaubt, dass hier vor einer Stunde noch Land unter war. Der Nepperminer Fischpalast ist ein Selbstbedienungsrestaurant, bei dem man sich einen Fisch und eine Beilage aussucht. Der Fisch wird dann auf den Grill gehauen und wenn der mitgegebene Piepser anschlägt, kann man sich das Essen abholen.  Wir schnappen uns also den Piepser und machen es uns mit frisch gezapften Lübzer Pilsenern und ein paar Kräuterschnäpsen an unserem Tisch gemütlich und lassen die Blicke schweifen. Der Biergarten liegt direkt an einer Badestelle am Achterwasser. Am Ufer planschen zahlreiche Kinder. Und wie inzwischen an jedem Gewässer wimmelt es auch hier vor Stand-Up-Paddlern. Erstaunlich schnell gibt es eine Aktivität am Piepser. Essen is fertig. Kurz darauf hat unser Tisch solche Leckereien wie gegrillter Rotbarsch, Seeteufel und Jakobsmuscheln zu tragen. Alles wunderbar zubereitet und sehr lecker.

Die Sonne ballert inzwischen schon wieder so intensiv, dass es kaum auszuhalten ist, hier an unserem Tisch ohne Schatten. Und obwohl es hier wirklich wunderschön ist so direkt am Wasser, entschließen wir uns, den Aufenthalt im Fischpalast nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Schließlich kriegen wir bei Nina auch kühle Getränke, auch einen Blick aufs Wasser und bestimmt dazu noch einen schattigen Platz.

Und so finden wir uns wenig später auf der Terrasse von Nina wieder. Inzwischen hat Ilona die Bar übernommen und umsorgt uns zuvorkommend. Leichte Sorge macht uns, dass auf einem Schild steht: Öffnungszeit 12:00-21:00 Uhr. Aber wir bestellen einfach mutig Getränke weiter und als Ilona um 21:30 Uhr noch keine Anstalten macht eine letzte Runde einzuläuten, entspannen wir uns einfach. Wir quatschen über die Tour-Planung für morgen. Dummerweise fährt die Anklamer Fähre nicht. Die hätte uns nämlich locker 30 km Wegstrecke erspart. Wir überlegen kurz, ob die Fähre von Kamminke aus über das Haff bis Ueckermünde eine alternative wäre. Allerdings würde uns das morgen früh in Stress versetzen, da die letzte Fähre schon um 9:45 Uhr fahren würde und nicht gesichert ist, dass wir da auch rauf kommen. Zudem würde die Überfahrt 36 € pro Person kosten und wir wären am Ende des Tages mehr Fähre als Fahrrad gefahren. Das wollen wir auch nicht. Also müssen wir die ganze Schleife über Anklam fahren, grob überschlagen rechnen wir mit 110 km bis Pasewalk. Da gilt es sich jetzt noch mal richtig Mut anzutrinken. Gegen 22:30 Uhr möchte Ilona Feierabend machen, sie muss noch bis Swinemünde, wie sie uns sagt.  Glücklicherweise ist Pavel, der Mann von Nina noch da und verspricht uns, dass wir bei ihm noch ein Bier bekommen. Wir kommen mit ihm ins Gespräch, er erzählt uns, dass er und seine Frau Nina die Pension erst 2020 eröffnet haben und dass das alles andere als ein einfacher Start war in dieser Corona-Zeit. Pavel bringt noch eine Runde Bier an, irgendeiner von uns fragt nach Schnaps. Pavel fragt „Was wollt ihr denn?“, einer von uns antwortet zielsicher „Wodka“. Pavel sagt: „Gut, ich mach euch zehn Vierziger fertig“ und kommt kurz darauf mit 10 doppelten Wodka an unseren Tisch. Wir schauen uns erstaunt an, da es eigentlich wirklich nicht unser Ding ist, Wodka pur zu trinken. Aber nun stehen sie ja nun mal auf dem Tisch und Pavel ermuntert uns „Dzięki Männer!“ Pavel selber will keinen mittrinken, also prügeln wir uns auch noch die Wodkas hinter. Nach einer letzten Runde Bier entschließen wir uns, Pavel jetzt seinen wohl verdienten Feierabend zu lassen. Als wir in unsere Zimmer wanken, entdecken wir dummerweise eine wunderbare Dachterrasse, auf der ein Tisch mit genau fünf Stühlen steht. Wir setzen uns kurz hin und kommen auf den Gedanken, dass es sich hier noch besser mit einem kühlen Getränk sitzen würde. Was also tun? Wir blicken von der Dachterrasse und erspähen tatsächlich Pavel, wie er gerade sein Auto belädt. Einer von uns versucht halblaut zu pfeifen, geflüstertes Rufen: „Ey! Ey Pavel! Sag mal Pavel, ihr macht das hier so gut, ihr seid so eine geile Unterkunft, echt! Wir empfehlen euch auf jeden Fall weiter! Aber sag mal, könntest du uns noch ein Bier machen? Wir sitzen hier gerade so schön auf eurer Dachterrasse.“ Darauf Pavel: „Na gut Männer, aber bitte macht keinen Krach, damit die anderen Gäste schlafen können.“ Kurze Zeit später kommt Pavel mit frisch gezapften Lübzer die Treppe rauf geschnauft. Er ermahnt uns nochmals: „Bitte keinen Lärm wegen den anderen Gästen!“ Wir beruhigen Pavel und danken ihm für das Bier. Unter dem inzwischen sternenklaren Himmel schmeckt das Lübzer noch mal besser. Wir quatschen noch ein bisschen um uns dann wirklich zu verabschieden und uns fürs Frühstück um 7:30 Uhr zu verabreden. Es ist 23:55 Uhr und in diesem Moment ruft unsere Unterkunft für den nächsten Tag aus Pasewalk an. Aber das ist dann noch mal eine andere Geschichte, die später erzählt werden wird….

Als im Mai 2020 nach dem ersten durch Corona bedingten Lockdown die Amateur- und  Nachwuchsfußballer/innen wieder auf die Sportplätze zurückkehren  durften, da stellte der DFB seinen knapp 25.000 Vereinen einen Leitfaden zur Verfügung, in dem Empfehlungen und Richtlinien für den Trainingsbetrieb unter Pandemie-Bedingungen zusammengefasst wurden. Diesem Leitfaden war ein Grußwort des DFB-Präsidenten Fritz Keller und des 1. DFB-Vizepräsidenten Dr. Rainer Koch vorangestellt.  Neben allerleih warmen Worten, für die im Amateur- und Nachwuchsbereich Tätigen, fanden Keller und Koch  letztlich noch den aufmunternden Satz:

“Lassen Sie uns als Fußball weiter gemeinsam vorangehen, verantwortungsvoll und vernünftig.“

Rund ein Jahr nach diesen prätentiösen Worten, darf man sich getrost an den Kopf fassen, wenn man in einer der vielen Amateur- und Nachwuchsmannschaften aktiv ist, die unter dem Dachverband des Deutschen Fußball-Bundes organisiert sind. Und es drängt sich automatisch die Frage auf: „Sagt mal geht’s eigentlich noch, DFB?“

Die DFB-Führung versinkt tagesaktuell in einer schwer zu durchschauenden Schlammschlacht, in der es offenbar vor allem um persönliche Eitelkeiten geht. Nun ist man als jemand, der den DFB seit ein paar Jahrzehnten verfolgt, ja durchaus einiges  gewohnt. Die Liste der Skandale, welche die Führung des Deutschen Fußball-Bund über die Jahre angehäuft hat, ist lang.  

Der letzte einigermaßen skandalfreie aus dem Amt geschiedene DFB-Präsident dürfte Egidius Braun gewesen sein. Der ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder taumelte von einer zweifelhaften Affäre in die nächste und fiel durch zweifelhafte geschichtliche und rassistische Äußerungen auf, die ihn in der heutigen Zeit der Social-Media-Kanäle vermutlich innerhalb kürzester Zeit aus dem Amt geschossen hätten, da der Shitstorm nicht lange vermittelbar gewesen wäre. Sein Nachfolger Theo Zwanziger hatte Glück: Die ihm zur Last gelegten Vergehen im Zuge der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland, verjährten just durch die Corona bedingte Verzögerung im Prozess in der Schweiz und er kam straffrei davon. Dessen Amtsnachfolger Niersbach kostete die WM-Affäre dagegen den Posten als DFB-Boss. Auf Niersbach folgte nun wiederum Reinhard Grindel, welcher nicht nur durch eine äußerst ungeschickte Kommunikation mit Medien, mit Fan-Verbänden und mit Ultras auffiel, sondern sich nebenbei die Tätigkeit  als Aufsichtsrat bei  einer DFB-Tochtergesellschaft fürstlich entlohnen lies und zudem eine Luxus-Uhr eines ukrainischen Oligarchen annahm. Dieses Gesamtpaket brachte schließlich auch ihn zu Fall. Und damit sind jetzt nur die spektakulärsten Skandale und Skandälchen der jüngeren Zeitgeschichte in der DFB-Zentrale angerissen.

Nun ist der (noch) amtierende DFB-Präsident Fritz Keller, seit er die Nachfolge von Grindel angetreten hat, sicherlich durch die ein oder andere ungeschickte Aussage aufgefallen. Er ist aber sicher auch durch die ein oder andere wirklich dumme Aussage aufgefallen. So relativierte er beispielsweise das Thema Rassismus in Deutschland  bei einem Auftritt im Sportstudio im Frühjahr 2020. Auch der kürzlich gefallene Vergleich von Rainer Koch mit einem Nazi-Richter war sicher kein kluger Schachzug. Dass in seine Amtszeit eine umfangreiche Steuer-Razzia gegen amtierende und ehemalige Funktionäre des DFB aus dem Oktober 2020 gefallen ist, kann man dem amtierenden DFB-Präsidenten nicht vorwerfen. Fritz Keller sorgte aber für den Stein des Anstoßes für die derzeitige Schlammschlacht, die an der Verbandsspitze tobt. Und ob Fritz Keller in dieser Geschichte auf der „bösen Seite“ oder der „guten Seite“ steht oder irgendwo dazwischen, lässt sich bisher noch nicht klar abschätzen.

Auslöser des derzeitigen Konfliktes war die Tatsache, dass Keller einen Vertag, der zwischen dem DFB und dem Kommunikationsberater Kurt Diekmann 2019 geschlossen wurde, und der mit mehreren hunderttausend Euro dotiert ist, untersuchen lassen wollte, da nicht klar aus ihm hervor ging, für welche Dienstleistungen diese stattlichen Summen denn nun genau flossen. Für den Laien scheint dies zunächst mal eine legitime Handlung eines DFB-Präsidenten zu sein.

Nur brachte diese vermeintlich legitime Handlung u.a. den DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius und den 1. DFB-Vizepräsidenten Dr. Rainer Koch gegen Fritz Keller auf. Woher aber nur diese Aufregung? Nun, wenn man sich in diesem Internet ein wenig umsieht, dann könnte man auf den Gedanken kommen, dass Keller da offenbar in ein Wespennest gestochen haben könnte. Recherchen der Süddeutschen Zeitung legen nahe, dass eine Verbindung zur Affäre um die WM-Vergabe 2006  bestehen könnte. Hier soll nun nicht spekuliert werden und erst Recht keine forensische Recherche betrieben werden, da dies andere Organe professioneller betreiben können. Festzuhalten bleibt aber, dass dieser sagenumwobene Beratervertrag zwischen DFB und Kurt Diekmann zur offenen Konfrontation in der DFB-Führung führte. Protagonisten in dieser seltsamen verbalen Dorf-Prügelei sind u.a. der DFB-Präsident Fritz Keller, DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius, der 1. DFB-Vizepräsidenten Dr. Rainer Koch sowie der DFB-Schatzmeister Osnabrügge. Und ähnlich wie in einem berühmten gallischen Dorf, nehmen offenbar zunächst Unbeteiligte gerne den kleinsten Anlass freudig an, um in die Auseinandersetzung einsteigen zu können. Offenbar haben Leute wie Reinhard Grindel nur auf den ersten Akkord des Barden Troubadix und Leute wie Christian Seifert nur auf die erste fliegende Auslegeware des Fischhändlers Verleihnix gewartet, um endlich mitmischen zu dürfen in dieser zünftigen Massen-Keilerei. Immerhin bezichtigte Ex-DFB-Boss Grindel den Vize Rainer Koch kürzlich öffentlich der Lüge und auch DFL-Boss Christian Seifert  ging Rainer Koch öffentlichkeitswirksam an.

Es könnte also sein, dass hinter diesem Beratervertrag zwischen Kurt Diekmann und dem DFB  ein neuer, weitreichender Skandal der jüngeren Geschichte des größten Sportverbandes der Welt schlummert. Und so könnte es natürlich auch sein, dass hinter diesem jetzt medial begleiteten Showdown zwischen Fritz Keller und Rainer Koch viel mehr steckt, als ein völlig überflüssiger Nazi-Richter-Vergleich. Nur ist es inzwischen leider auch so, dass ein weiterer Skandal in der Führungsebene des Deutschen Fußball-Bundes nun wahrlich kaum noch jemanden erschüttern oder hinter dem Ofen hervorlocken kann. Es ist zur Gewohnheit geworden, dass sich Spitzenfunktionäre in den großen Fußballverbänden unlauterer Mittel bedienen, meist mit Bedacht auf den eigenen Vorteil. Das eigentliche skandalöse an diesem derzeit bizarren Schauspiel ist aber ein viel größerer, nicht auf den ersten Blick sichtbare Skandal, der wie Mehltau über der Fußball-Landschaft dieses Landes liegt:

Der Amateur- und Nachwuchsfußball steckt parallel zu diesen Machtspielchen  aufgrund der Pandemie gerade in der größten Krise seit über 70 Jahren. Und auch wenn es aufgrund des medialen Fokus immer mal wieder in Vergessenheit gerät: Der DFB ist in aller erster Linie der Dachverband der 25.000 Vereine des Breitensports, mit ihren über sieben Millionen Mitgliedern.

In den meisten Amateur-Klassen wurde die aktuelle Saison annulliert. In vielen Nachwuchsligen wurde zum zweiten Mal in Folge die Saison ohne Wertung abgebrochen. Hunderte Nachwuchstrainer mussten der Enttäuschung von tausenden geplatzter Kinderträume entgegenwirken, die Aussetzung des Spiel- und Trainingsbetriebes über Monate erklären und schließlich wieder die Botschaft einer abgebrochenen Saison überbringen. Sie mussten ihre Nachwuchskicker über Monate unter Anstrengungen und Kreativität bei der Stange halten, obwohl sie nicht gemeinsam auf die Sportplätze durften. Der komplette Breitensport ächzt unter den Kontaktbeschränkungen die einen regulären Trainingsbetrieb erschweren, vielerorts komplett unmöglich machen. Vereine verzeichnen Mitgliederschwund, das gesellschaftlich sinnstiftende Vereinsleben ist seit über einem Jahr mehr oder weniger zum Erliegen gekommen. Zahlreiche Vereinskneipen sind pleite gegangen, zahlreiche klein- und mittelständige Sponsoren mussten sich aus dem Amateur-Fußball zurückziehen, da sie selber wegen der Pandemie unter Druck geraten sind.

Der Fußball kann seine gesellschaftliche Rolle seit über einem Jahr nicht mehr ausüben. Trotzdem wird an der Basis gekämpft, es werden Hygienekonzepte erstellt, erfindungsreiche Trainingsformen etabliert, kreative Maßnahmen für Sozialkontakte unter Wahrung der Abstands- und Hygieneregeln entwickelt und ideenreich das Vereinsleben aufrecht erhalten. Treiber dieser Lösungsstrategien sind die Ehrenamtlichen, denen der Fußball am Herzen liegt.

Und das Schlimme: Aus der Riege der Spitzenfunktionäre des DFB hört man dazu erstaunlich wenig. Außer Lippenbekenntnissen ist kaum etwas zu vernehmen. Anstatt, dass der DFB – immerhin der größte Sportverband der Welt – seiner eigentlichen Bestimmung nachkommt und sich als Lobbyist für seine 25.000 Vereine einsetzt, betreibt man lieber Machtkämpfe um Positionen und Einfluss. Anstatt, dass sich der DFB an der Speerspitze einer gesellschaftlichen Rettung des Breitensports positioniert, in Talkshows auf die Nöte im Amateur- und Nachwuchssport hinweist, Hilfspakete oder gar solidarischen Hilfsfonds unter  Beteiligung  des Profisports gründet, anstatt dass der DFB seine Macht, seinen Einfluss und seine Netzwerke dazu nutzt, Amateur-Vereine nicht im Regen stehen zu lassen und ihnen hilft irgendwie durch diese Pandemie zu kommen, stattdessen tobt an der DFB-Spitze eine Schlammschlacht um undurchsichtige und sicher nicht im Sinne des Breitensports geschlossener Verträge. Dass einer der Protagonisten dieses unwürdigen Schauspiels ausgerechnet der 1. Vizepräsident Dr. Rainer Koch ist, ausgerechnet der Rainer Koch, der von Amtswegen als höchster Vertreter der Amateure gilt und sich in dieser Rolle ansonsten auch gerne medienwirksam gefällt, steht dabei für sich.

In einer Zeit, in der es im Amateur- und Nachwuchsfußball um das nackte Überleben geht, verzettelt sich dieser Rainer Koch mit Fritz Keller und anderen Protagonisten in einem würdelosen Machtgehabe um Intrigen, Eitelkeiten und Posten.  Und darin liegt letztendlich der eigentliche Skandal dieser DFB-Führung. Sie lassen die vielen tausende ehrenamtlich tätigen Menschen, denen sie eigentlich vorstehen im Stich. Sie offenbaren damit nicht nur, dass sie sich sehr weit von der Basis entfernt haben, sie dokumentieren damit, dass sie ihren Ämtern nicht gewachsen sind und dringend abgelöst gehören.

Um das am Anfang des Textes aufgeführte Zitat von Koch und Keller noch mal aufzugreifen, in dem sie die Ehrenamtlichen im Breitensport zum angemessenen  Umgang mit der Pandemie aufriefen:

“Lassen Sie uns als Fußball weiter gemeinsam vorangehen, verantwortungsvoll und vernünftig.“

Dazu bleibt festzuhalten: Der Breitensport hat geliefert. Koch und Keller leider nicht.

Der Winterurlaub fiel ja bekanntermaßen in diesem Jahr der Pandemie zum Opfer. Und so dümpelte der Winter lange Zeit so vor sich hin. Die Wetterprognosen hatten  nun allerdings schon seit ein paar Tagen Hoffnungen geschürt. Die Wetter-Apps sagten einmütig zweistellige Minus-Temperaturen voraus. Zumindest nachts soll‘s knackig kalt werden und tagsüber nicht über die Null gehen. Und eine dünne Haut aus Eis lag eh schon längere Zeit überm See. Und so werden dieser  Tage schon fleißig Pläne geschmiedet, welchen Punsch man anrühren wird und welche heiße Suppe man mit aufs Eis nimmt. Gleichzeitig wird in den hinteren Winkeln des Schuppens, des Dachbodens oder des Kellers intensiv nach Eishockey-Kellen gestöbert und darüber nachgedacht, ob man noch irgendwo einen Puck rum liegen hat.

Und pünktlich zum Wochenende gehen die ersten WhatsApp-Nachrichten ein, dass das Eis offenbar trägt. Jedenfalls werden fleißig Bilder von zufriedenen Menschen auf dem See gepostet. Es kann also losgehen.  Das erste Mal seit  3 Jahren gibt es wieder ein Eis-Vergnügen. Also wird am frühen Samstagmorgen Erbsen-Suppe gekocht, Würste eingekauft und für den Punsch wird frischer Granatapfeltee mit Sternanis und Orangen aufgebrüht und anschließend mit einer Flasche spanischem 43er Likör angereichert. Und dann geht’s raus. Es gleicht einem halben Umzug. Schließlich müssen neben dem Eishockey-Equipment und den Dingen für das leibliche Wohl auch noch Klappstühle, Schlitten, Campingkocher und Bluetooth-Box mit aufs Eis.

Und auf dem See ist schon einiges los. Überall bekannte Gesichter. „Hallo!“ hier und „Hallo!“ dort. Aber irgendwie halt mit angezogener Handbremse. Man versucht die gebotene Distanz so gut es geht zu wahren und ist unsicher, wie man sich nun zwischen den Menschen verhält. An der vereinbarten Stelle sind schon umtriebige Leute damit beschäftigt, eine bespielbare Eishockey-Fläche mithilfe einer Schneefräse frei zu räumen. Wir richten uns häuslich ein, schnallen die Schlittschuhe unter die Füße und unternehmen die ersten vorsichtigen Gleitversuche. Man muss ja nach der langen Zeit erstmal wieder rein finden. Läuft aber schnell wieder ganz ordentlich. Über die Distanz werden sich fleißig Pucks zugepasst.  So kann man die Abstandsgebote prima einhalten und sich trotzdem sportlich ertüchtigen. In der Pause dann wieder die Unsicherheit: Wie nah darf man zusammenstehen und einen Punsch trinken und wie körperbetont darf man heute beim Eishockey dann zur Sache gehen. Im Vergleich zu früheren Eis-Wochenenden geht man mit halber Kraft vor.

Und trotzdem ist es ein überragendes Erlebnis. Alleine die Tatsache, dass man plötzlich einfach dort überall lang laufen kann, wo man sonst höchstens nur mit dem Boot oder schwimmend hin kommen würde, ist jedes Mal auf eine völlig abgefahrenen Weise total geil. Das Eis trägt wunderbar, aber es ist auch  ein ziemlich lausiges Eis, welches die Natur in diesem Winter anzubieten hat. Dies liegt vor allem daran, dass es mehrfach angefroren und wieder angetaut war, dass dabei reichlich Wind über den See fegte und dass zudem noch 13 cm Schnee auf dem Eis liegen. Ein Genuss ist das Schlittschuhlaufen nicht auf diesem Untergrund. Nur da wo freigeräumt ist, macht es Spaß. Zwischen Puck-Passstafetten, Punch-Trinken und Naturerlebnis-Genießen bemerken wir gar nicht, wie die Zeit vergeht.  

Irgendwann wird der Campingkocher angeheizt und es gibt warme Suppe, wahlweise mit oder ohne Wurst. Die Sonne senkt sich dem westlichen Seeufer immer weiter entgegen und die Knochen tun schon etwas weh. Irgendwann kommt dann doch noch ein richtiges Eishockey-Spiel zustande, mit zwei Toren die aus Jacken gebildet werden.  Körperkontakt wird vermieden, aber geschenkt wird sich nix. Erst als die Sonne weit hinter dem anderen Ufer am Horizont versinkt und sich Nebelschwaden über das Eis schieben, lassen wir es gut sein. Nach einer Feierabend-Molle, suchen wir unsere 7 Sachen zusammen und freuen uns, dass uns die Natur noch mindestens einen weiteren Tag auf dem Eis schenken wird und machen uns auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen ist deutlich zu spüren, dass beim Schlittschuhlaufen wohl Muskelpartien beansprucht werden, die sonst eher nicht in Benutzung sind. Jedenfalls ist ein solider Muskelkater an diesem Sonntag nicht zu leugnen. Aber man ist auf dem See verabredet und da gilt es  jetzt, sich nicht lange mit irgendwelchen Wehwehchen aufzuhalten. Und so ziehen wir mit Sack und Pack los. Heute geht es ans andere Ufer des Sees, mal sehen ob da das Eis besser ist. Es liegt stabiler Hochnebel über dem See. Die Nacht hat alle Pflanzen und Bäume rund um den See in schneeweißen Raureif gehüllt. Ein gigantisches Naturschauspiel.

Auf dem See ist heute noch mehr los als gestern. Und wir steuern unseren Treffpunkt an. Und tatsächlich, dort ist das Eis deutlich schöner, als an der Stelle, wo wir gestern waren.  Und so drehen wir die ersten ausgiebigen Runden über den glatten Untergrund, schließlich muss das Laktat ja irgendwie aus den Beinen. Nach der ersten Bier-Pause hat irgendjemand die Schlaue Idee die Thermoskanne mit starkem Grog auszupacken. Und nach dem zweiten Grog entsteht die noch schlauere Idee, dass man ja eigentlich auch mal einfach um den ganzen See herum fahren könnte auf Schlittschuhen, immer schön am Ufer entlang. Es wird überschlagen, dass das ungefähr eine Strecke von 12 Kilometern sein wird und wenn man entspannt läuft, dann müsste man das locker in einer Stunde schaffen. Wir trinken sicherheitshalber noch einen Grog und nehmen dann die große See-Rundfahrt in gebotenem Abstand zueinander in Angriff. Und es läuft am Anfang wunderbar, wir gleiten über herrlich glattes Eis, dass durch den Wind vom Schnee befreit wurde. Die Sonne kämpft sich durch  den Hochnebel und lässt die Bäume und das Schilf am Ufer in strahlendem Weiß glitzern. Was für ein Ausblick!

Das Wetter bleibt stabil, aber der Untergrund lässt qualitativ nach. Nach der nächsten Bucht wird das Eis geradezu katastrophal. Uneben, mit angefrorenem Schnee überzogen. An gleiten ist nicht zu denken. „Wer hatte denn eigentlich die Idee um den See zu laufen?“ wird gefragt und sarkastisch geflucht: „Na hier läuft es ja mal richtig gut!“

Wir kommen im Schritttempo voran und müssen permanent aufpassen, dass wir uns nicht auf die Fresse packen.  Zum Glück läuft es nach ein paar hundert Metern wenigstens so, dass man immerhin wieder etwas ins Gleiten kommt.

Es sind viele Menschen auf dem See und vielen ist die Sehnsucht nach Geselligkeit anzumerken. In der Vergangenheit war es so, dass sich ein  riesiges unorganisiertes  Volksfest entwickelte, wenn der See zufror. An jedem Steg riecht es dann nach Glühwein, überall werden Grills auf dem Eis angefeuert, von überall her wummert Musik über den See. Dieses Jahr  sind zwar viele Menschen unterwegs, aber es geht verhaltener zu. Klar, hier und da riecht es nach Glühwein, hier und da stehen Gruppen zusammen und ab und zu ist auch ein „Hey, wir wolln die Eisbären sehn!“ aus irgendeiner Bluetooth-Box zu hören. Aber die große Party bleibt aus. Und das, obwohl es das erste Mal seit drei Jahren ein tragfähiges Eis gibt. Und wer weiß, wann es das nächste Mal soweit ist. Aber wir hadern nicht, wir genießen, was die Natur anzubieten hat. Nach ungefähr der Hälfte der Seeumrundung lassen wir uns auf einem unbevölkerten Steg nieder und prosten uns mit Abstand auf einen warmen Punch zu. Kurz nach der Pause wird das Eis noch mal richtig lausig. Als es wieder läuft, knackt es dafür bedenklich unter uns. Nix wie weg hier! Nach über 2 Stunden haben wir dann schließlich die Seeumrundung geschafft und kommen am Ausgangspunkt an.

Wir chillen uns durch den sonnigen Nachmittag und genießen das Naturschauspiel. Zum Sonnenuntergang gibt es ein Feierabend-Bier auf dem Steg, wir beobachten die heraufziehenden Nebelschwaden und fangen an zu frieren. Entlang des gegenüberliegenden Ufers ist zu beobachten, dass hier und da Lagerfeuer entfacht werden. Die Temperaturen sind nach Sonnenuntergang sofort wieder im zweistelligen Minus-Bereich. Wir packen zusammen und frösteln uns nachhause. Durchgefroren, aber auch glücklich darüber, dass uns die Natur zwei Tage Winterurlaubsgefühl geschenkt hat, lassen wir das Wochenende ausklingen. Und es  konnte an diesem Abend ja noch keiner ahnen, dass wir uns nur 5 Tage später an selbigem Gewässer mit kühlem Bier bei 16 Grad plus und im T-Shirt wieder finden würden. Abgefahrene Zeiten, in vielerlei Hinsicht…

Wenn man in Frankfurt am Main eine „Frankfurter“ bestellt, bekommt man eine Frankfurter. Wenn man in Berlin eine Frankfurter bestellt, bekommt man einen verwirrten Blick der Fleischereiverkäuferin bzw. des Fleischereiverkäufers und dann sehr schnell die Aussage: „Ach sie meinen eine Wiener!“ Wenn man in Wien eine „Wiener“ bestellt, bekommt man eine Schnittwurst, die auf den ersten Blick an eine Salami erinnert, wohingegen man in Wien eine Frankfurter bekommt, wenn man eine  Frankfurter bestellt. Es ist also durchaus etwas  verwirrend, was die Wurstbezeichnungen im deutschsprachigen Raum angeht. Und dieser Verwirrung soll in den folgenden Zeilen auf den Grund gegangen werden. Dafür müssen wir uns aber zunächst in einer Zeitreise ca. 250 Jahre zurückbegeben.

Unsere Geschichte beginnt Mitten im 18. Jahrhundert. Und sie beginnt im Herzen  der wunderschönen „Fränkischen Schweiz“. Wobei die Region, die wir heute so bezeichnen  damals wohl noch gar nicht als „Fränkische Schweiz“ bezeichnet wurde. Laut Wikipedia ist die erste schriftliche Bezeichnung der Region als Fränkische Schweiz  auf das Jahr 1807 datiert und geht auf die Ausflugsberichte des  Erlanger Gelehrten mit den schönen Vornamen „Johann Christian“  und dem einprägsamen Nachnamen „Fick“ zurück. Bis zu dessen Aufzeichnungen wurde die Region als das Muggendorfer Gebürg bezeichnet. Und in eben diesem startet unsere Geschichte.

Wir schreiben das Jahr 1772 im Muggendorfer Gebürg.   Im Schatten des imposanten Hummerstein, nicht weit von der Stelle, wo Wiesent und  Leinleiterbach sich treffen, im beschaulichen Dorf Gasseldorf, wurde am 13. August Johann Georg Lahner geboren.  In dieser imposanten Hügellandschaft, mit ihren zahlreichen Felsformationen, Burgen und Höhlen wuchs er auf und verbrachte dort die ersten Jahre seines Lebens. Es müssen entbehrungsreiche Jahre gewesen sein. Touristisch war die Region weder bekannt noch erschlossen. Das Überleben war ein beschwerliches Unterfangen in den kleinbäuerlichen Verhältnissen der damaligen Zeit, in die Lahner hineingeboren wurde. Die Landwirtschaft in den zerklüfteten Tälern war von kargen Ernten geprägt. Der Bevölkerung steckten die Folgen des Siebenjährigen Krieges in den Knochen. Wirtschaftlich schwierige Zeiten. Die Region drohte zum Spielball in den territorialen Machtkämpfen zwischen  Preußen und Österreich zu werden.   Es waren also nicht nur ertragsarme  Jahre sondern auch unruhige und unübersichtliche Zeiten, die die ersten Lebensjahre unseres  Lahners prägten. Und so wurde er von seinen Eltern dazu gedrängt, sein Glück in der Fremde zu suchen. Selbst in den nahen Städten wie Erlangen oder Bamberg wartete kaum ein lohnendes Auskommen für junge Leute aus dem Muggendorfer Gebürg. Daher entschloss sich Lahner dazu, dem großen Fränkischen Strom flussabwärts zu folgen und sein Glück schließlich in Frankfurt am Main zu suchen. Die Freie Reichsstadt genoss zur damaligen Zeit zahlreiche Privilegien und war von vielen Wirrungen und Unruhen verschont geblieben. Dies schien für Lahner eine Perspektive zu sein, um sein Glück zu versuchen.

In Frankfurt angekommen, fand er schnell einen Job.  Da er körperlich harte Arbeit aus seiner Heimat im Muggendorfer Gebürg gewohnt war,  wurde er schnell ein geschätzter  Aufhack-Knecht im Frankfurter „Worschtquartier“. Da er sich offenbar auch geschickt in der Fleischverarbeitung und Wurstzubereitung anstellte, diente er sich schnell nach oben und erlernte dabei das Metzgerhandwerk von der Pieke auf. Er eignete sich dabei die Kunst der traditionellen Frankfurter Wurstherstellung an.

Das Frankfurter Worschtquartier muss zur damaligen Zeit ein außergewöhnlicher Ort gewesen sein. Es war über Jahrhunderte die Heimat der Frankfurter Metzgerszunft und lag im Bereich zwischen dem Römerberg und dem Frankfurter Dom sowie zwischen der Saalgasse und dem Markt.  Also ungefähr dort, wo seit einiger Zeit eine Rekonstruktion der traditionellen Frankfurter Altstadt erbaut wurde. Die Schlachterei und der Metzgerberuf durften nach den strengen Zunftvorschriften der damaligen Zeit ausschließlich im Worschtquartier  ausgeübt werden. Bis zu 150 Metzger gingen hier gleichzeitig ihrem Handwerk nach. Hier liegt also die Keimzelle der inzwischen weltweit bekannten Frankfurter Würstchen. Die hygienischen Verhältnisse zu Lahners Zeiten dürften im Worschtquartier  nach heutigen Standards zumindest abenteuerlich gewesen sein. Vermutlich waren es bizarre Bilder, die sich dem Betrachter dort boten. Hier wurde auf engem Raum Vieh herangetrieben, geschlachtet, Fleisch verarbeitet, Wurst hergestellt und gleichzeitig soll ein ausgelassenes  Markttreiben vor den Schirnen, den Verkaufsständen der Metzger, geherrscht haben. Was muss das für eine abenteuerliche Geräuschkulisse  aus Schreien der Tiere gewesen sein, die gerade ihre letzte Stunde gekommen sahen. Dazu sicher lautstarke Metzger-Rufe und kräftige  Beilhieben, die durch die Fleischzerteilung entstanden. Augenzeugen berichteten, dass auf den Gassen des Worschtquartiers tagsüber rote Bäche aus einem Gemisch an Wasser und frischem Blut entlang flossen. Es muss ein eindrücklicher Geruch von frischem Blut, Gewürzen, Räucherofen und Wurstkesselbrühe durch die Gassen gewabert sein.  Und an den Schirnen soll das gesellschaftliche Leben der Stadt Frankfurt pulsiert haben. Das Worschtquartier  soll ein Ort gewesen sein, wo sich über die Schicht- und Standesgrenzen hinweg ungezwungen begegnet wurde. Hier wurden die sonst üblichen gesellschaftlichen Etiketten über Bord geworfen. Hier war man ausgelassen und unbeschwert, die soziale Herkunft spielte eine untergeordnete Rolle.  Hier wurde die frische Frankfurter Worscht selbst von der feinen Gesellschaft rustikal direkt auf die Faust verzehrt. Und unser tapferer  Protagonist aus dem Muggendorfer Gebürg lernte hier mittendrin in diesem lebhaften Treiben nicht nur sein Metzgerhandwerk, sondern er lernte sich auch zu behaupten,  zwischen strengen Metzgermeistern, stämmigen Metgersfrauen, blutverschmierten Aufhackburschen, anmutigen Mägden und Mitglieder der gehobenen Gesellschaft, die sich an den Schirnen ausgelassen daneben benahmen.  Der kräftige, gut aussehende  Lahner soll durchaus Anklang gefunden haben, bei den Metzgersfrauen, den Mägden und  den Damen. Er muss so eine Art blutverschmierter  Cola-Light-Mann des Worschtquartiers gewesen sein. Und neben seinem guten Aussehen, hinterließ er  bei den Metzgermeistern der damaligen Zeit Eindruck, nicht nur durch sein handwerkliches Geschick, sondern auch durch sein großes Interesse an den traditionellen Wurstrezepten der Frankfurter Metzger.

 Die Frankfurter Würstchen blickten schon damals auf eine jahrhundertealte Tradition zurück, die mindestens bis ins Mittelalter reichte. Wenn es in Frankfurt zu Kaiserkrönungen kam, wurde stets  ein Ochse für den Kaiser und seine Gesellschaft gegrillt. Dieser Ochse war traditionell mit Fleisch von anderen Tieren und auch mit Würsten gefüllt. Wenn die Kaiserliche Gesellschaft gesättigt war, durfte sich das gemeine Frankfurter  Volk an den verbliebenen Leckereien erfreuen.  Die beim Volke beliebteste  Delikatesse sollen schon damals die Frankfurter Würstchen gewesen sein. Die Bezeichnung „Krönungswürste“ soll bis ins letzte Jahrhundert noch als Bezeichnung für die  Frankfurter Würstchen in vielen Frankfurter Metzgerfamilien gängig gewesen sein. Aus der Zeit der Kaiserkrönungswürste stammt  auch ein  Brauchtum, welches bis heute in weiten Teilen des deutschsprachigen Raumes verbreitete ist: am Heiligen Abend gibt es Frankfurter Würstchen mit Kartoffelsalat.

Diese Frankfurter Würste wurden zu Zeiten unseres fränkischen Protagonisten  Johann Georg Lahner  noch als „Frankfurter Bratwürste“ bezeichnet. Von Historikern wird daraus nicht automatisch abgeleitet, dass dies ein Hinweis auf die Zubereitung war. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass die Frankfurter Würstchen schon damals Brühwürste waren. Die Bezeichnung Bratwurst wird dahingehend interpretiert, dass mit Brat vermutlich das Brät bezeichnet wurde, also die Füllung des Saitlings. Und in diesem Brät steckt das Geheimnis des Geschmacks der Frankfurter Würstchen und somit letztlich das Geheimnis des weltweiten Erfolges dieser Delikatesse. Es ist davon auszugehen, dass das im Worschtquartier hergestellte Wurstbrät zu Lahners  Zeiten deutlich  grober war als das, was wir heute von einem Frankfurter Würstchen gewohnt sind. Dies ist daher wahrscheinlich, weil damals noch keine leistungsstarken Fleisch-Kutter zur Verfügung standen, die heute ein sehr feines Brät herstellen können. Und auch der Einsatz von Eis in der Wurstherstellung war aufgrund mangelnder Kühlmöglichkeiten noch nicht gängig. Der Einsatz von Eis ermöglicht heute eine besonders wirksame Emulsion der feinen Brätmasse. Konstantin Kalveram hat in seinem lesenswerten kleinen Buch „Frankfurter Würstchen“ eine der ersten schriftlich hinterlegten Zutatenliste eben dieser „Frankfurter“ aufgeführt, die aus dem Jahre 1748 stammt. Die Grundlage bildet demnach bestes Schweinefleisch, das  sehr klein zu hacken sei,  sowie Speck. Ihren einzigartigen und weithin geschätzten Geschmack erhält das  „Frankfurter Bratwürstchen“ demnach von Muskat, Muskatblüte, Salz, Pfeffer, Thymian, Majoran und nach Belieben auch Koriander.

Diese Wurst, die im Großen und Ganzen vermutlich seit Jahrhunderten in Frankfurt am Main nach etwa diesem  Grundrezept hergestellt wurde, konnte sich – wie gesagt –  schon damals großer Beliebtheit im Volke erfreuen. Von  einem sogenannten „Freischießen“, welches 1750 im Bereich des heutigen Frankfurter Stadtteils Niederrad veranstaltet wurde, ist dokumentiert, dass dort an einem Tag rund 1000 heiße Würste unter das Volk gebracht wurden. Und das, wo Frankfurt zur damaligen Zeit gerade einmal gut 30.000 Einwohner hatte. (Auch hierfür und für die eine oder andere Info mehr in diesem Text,  diente als Quelle das Buch von Konstantin Kalveram „Frankfurter Würstchen“.)

Und durch seine Lehrjahre im Frankfurter Worschtquartier erlangte  unser tüchtiger Johann Georg Lahner  aus dem Müggendorfer Gebürg letztlich das Wissen und die Fertigkeit, die für die Herstellung dieser vom Volk geliebten Spezialität nötig waren. Dies sollte sich für unseren fränkischen Metzgergesellen später als unschätzbares Kapital und die Grundlage für sein lebenslang gutes Auskommen herausstellen. Nach dem er sich die Lehre durch die Frankfurter Metzgerszunft erfolgreich bestätigen lies, trat er die damals üblichen Wanderjahre nach bestandener  Gesellenprüfung an und zog hinaus in die Welt. Er durchquerte seine Heimat Franken, erreicht schließlich Bayern und heuerte auf einem Donau-Kahn an, wo man den kräftigen Lahner gerne als Ruderknecht anstellte. Mit diesem Schiff gelangte er schließlich um das Jahr 1800 nach Wien.

In der Österreichischen Metropole soll es zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht zum Besten gestanden haben, um das Metzger-Handwerk. Und so begegnete man Johann Georg Lahner durchaus aufgeschlossen, als er mit seiner Rezeptur der Frankfurter Würstchen im Gepäck, um Anstellung in den örtlichen Metzgerbetrieben bat. Da Lahner in Frankfurt zu einem Top-Metzger ausgebildet wurde und da er bemerkte, welches Potential er mit der Rezeptur der Frankfurter Würstchen mitbrachte, zögerte er nicht lange, als sich in Wien die Gelegenheit zur Meisterprüfung ergab. Und  als er  1804 durch eine gönnerhafte Zuwendung einer reichen Baronin die Möglichkeit erhielt, sich selbstständig zu machen, fackelte er nicht lange. Er eröffnete seine eigene Metzgerei und konzentrierte sich auf die Wurstherstellung, wie er sie in seinen Frankfurter Lehrjahren erlernt  hatte. Im Mai 1805 wurden dann erstmals seine Brühwürste angeboten. Die Wiener Bevölkerung soll neugieriges Interesse an den zunächst exotisch anmutenden  Würsten gezeigt haben. Und das ganze entwickelte sich dann aber innerhalb kurzer Zeit zu einer riesigen Erfolgsgeschichte. Lahners Würste waren bald stadtbekannt. In Erinnerung an seine Lehrjahre und an die Herkunft der Rezeptur nannte er seine Würste „Frankfurter“. Und diese Frankfurter waren nicht nur beim gemeinen Volke beliebt.  Es dauerte nicht lange, bis Lahner den Kaiserlichen Hof in Wien mit seinen „Frankfurtern“ beliefern musste. Auch die damalige Wiener Prominenz um Franz Schubert, Johann Strauß oder Adalbert Stifter soll bald zu glühenden Fans der „Frankfurter“ geworden sein.  Lahners Würste wurden kurz darauf in ganz Österreich verkauft und sollen sogar bis Italien Verehrer gefunden haben. Der Erfolg der „Frankfurter“  stellte die Transportlogistik der damaligen Zeit anhand der fehlenden Kühlmöglichkeiten vor  große Herausforderung. Einige Städte und Gebiete konnten daher nur im Winter bei kühlen Temperaturen beliefert werden. Im Laufe der Jahre und durch den zunehmenden Export der Lahner-Würstel schlich sich dann eben auch nach und nach die Bezeichnung der „Wiener Würstchen“ ein. Denn diese „Frankfurter“ kamen nun mal aus Wien. Und genau das ist einer der Hauptgründe, warum wir diese  Namensverwirrungen um die Wurst haben, wenn heute von „Frankfurtern“ und „Wienern“ die Rede ist.

Und um diese Verwirrung um die Namen abzuschließen: Es ist mit großer Sicherheit davon auszugehen, dass sich Lahner bei der Herstellung der Würste tatsächlich an der Rezeptur orientierte, die er im Frankfurter Worschtquartier erlernte. Daher konnte er seine Würste mit Fug und Recht „Frankfurter“ nennen. Und zum Weltruhm der Frankfurter hat Lahner mit seiner  in Wien hergestellten Variante der  „Frankfurter“ sicherlich  einen entscheidenden Beitrag geleistet.  Der einzige Unterschied seiner in Wien hergestellten „Frankfurtern“  bestand im Vergleich zu den in Frankfurt hergestellten „Frankfurtern“ darin, dass Lahner für seine „Frankfurter“ in Wien teilweise auch Rindfleisch verwendete. Die Frankfurter Metzgerzunft achtete zur damaligen Zeit noch auf die strenge Trennung von Rind- und Schweinefleisch. In den in Frankfurt produzierten „Frankfurtern“ durfte ausschließlich Schweinefleisch verwendet werden. Diese Vorgabe besteht bis heute für die regional geschützte Marke der Frankfurter Würstchen. Eine Folge dieser strengen Regelung  in der Mainmetropole war, dass später dann die dort ebenfalls populäre Rindswurst erfunden wurde und bis heute eine beliebte, wenn auch regional begrenzte Spezialität ist.

So, und nun bezeichnet die ganze Welt die Frankfurter als Frankfurter. Nur wir hier in Deutschland sagen in den meisten Regionen Wiener. Und auch dafür gibt es einen Grund: Frankfurter Würstchen sind in Deutschland eine regional geschützten Marke. Frankfurter dürfen  in Deutschland  nur Frankfurter heißen, wenn sie im  Rhein-Main-Gebiet hergestellt wurden. Somit sind die Frankfurter in Deutschland nicht so ohne weiteres zu bekommen, wenn man nicht  im Rhein-Main-Gebiet lebt. Da wir nun aber wissen, dass jede Wiener auf eine Rezeptur aus dem Frankfurter Worschtquartier zurückgeht, kann man mit Fug und Recht festhalten, dass jede Wiener irgendwie  auch eine Frankfurter ist.  

Der Wiener Wursthersteller Stefan Windisch hat gemeinsam mit dem Koch Gerd Wolfgang Sievers in aufwendiger  Recherchearbeit und mit viel liebevoller handwerklicher Akribie das Rezept der Ur-Frankfurter von  Johann Georg Lahner in den letzten Jahren rekonstruiert. Man orientierte sich dabei an einer Rezeptur aus dem Familiennachlass der Familie Lahner und lies gleichzeitig die handwerklichen und technischen Voraussetzungen aus der Lebzeit Lahners in die Herstellung einfließen. So entstand eine Wurst, die nicht nur geschmacklich überzeugt, sondern auch  Geschichte lebendig werden lässt und ein jahrhundertealtes Kulturgut angemessen würdigt. Die Verkostung der wirklich leckeren Ur-Frankfurter der Firma Windisch soll hier in naher Zukunft noch einmal  mit einem gesonderten Beitrag gewürdigt werden.

Sowohl die Wiener wie auch die Frankfurter Metzgerszunft haben ihre Würste über die Jahrzehnte und Jahrhunderte weiterentwickelt und haben dabei herausragende Produkte hervorgebracht. Beide Metropolen zählen zu Zentren der Wurstkultur im deutschsprachigen Raum.  Durch Johann Georg Lahner ist die direkte Linie zwischen der Frankfurter und der Wiener dokumentiert.  Unser Protagonist, der gebürtig aus dem Muggendorfer Gebürg stammte, konnte sich mit seiner Wurstherstellung zu einer angesehenen Persönlichkeit der Wiener Stadtgesellschaft hocharbeiten und kam durch seine „Frankfurter“ zu Ruhm und Ehre in der Donaumetropole. Seine Wiener Metzgerei wurde bis in die 1960er Jahre in Familientradition in Wien weitergeführt. Seine „Frankfurter“ starteten eine Weltkarriere, die sich wenige Jahre später z.B. in der Erfindung der „Hot Dogs“ auf der anderen Seite des „Großen Teichs“ manifestierte. Aber das wäre noch mal eine andere Geschichte.

Die Ur-Frankfurter nach Lahners Rezept

Diese Frage bekommt man immer noch ziemlich oft gestellt. Also zumindest außerhalb von Brandenburg. Und die korrekte Antwort auf diese Frage löst in der Regel mindestens  Erstaunen aus.  Denn die Antwort  ist eine Gegenfrage und lautet: „Warum zur Hölle eigentlich nicht Brandenburg!?“ Nicht selten blickt man nach dieser Antwort in leicht verwirrte Gesichter. Dies ist zumeist darauf zurückzuführen, dass es sich Gott sei Dank noch nicht bis überall hin rum gesprochen hat, dass Brandenburg das beste Bundesland weltweit ist.

Aber der Reihe nach:

Es gibt erstaunlicherweise  kaum einen Menschen, der kein Bild über Brandenburg im Kopf hat.  Das Interessante daran ist, dass das Bild von Brandenburg bei den Menschen am klarsten ist, die noch nie da waren. Dieses Bild ist geprägt von kargen Landschaften, von verlassenen Dörfern, von Verfall, von prügelnden Nazi-Horden, von ruppigen Menschen, von Rückständigkeit,  Hartz IV, Perspektivlosigkeit und Tristesse.  Und wenn jetzt jemand  nach Brandenburg kommt, der bzw. die noch nie hier war, und intensiv nach genau diesen aufgezählten Dingen sucht, ist es sogar  durchaus wahrscheinlich, dass derjenige bzw. diejenige fündig wird. Klar gibt es diese Dinge. Aber sie machen halt nur einen Bruchteil dieses Bundeslandes aus.  Wie erklärt man einem Nicht-Brandenburger also dieses Brandenburg? Und sollte man das überhaupt erklären? So oder so, wird’s ne längere Geschichte.

Als in der eigenen Biographie irgendwann Ende der Nuller-Jahre die Entscheidung fiel und dann am WG-Küchentisch  im Hamburger Schanzenviertel verkündete wurde, dass man nach Brandenburg aufs Land ziehen würde, war da erstmal schlagartig entgeistertes Schweigen. Nach einigen Minuten konnte dann ein Kumpel zumindest die fassungslose Frage formulieren: „Digger was willst du denn im Osten? Bei den ganzen Nazis?“  Nun, man wusste zwar aus vorab getätigten Exkursionen und Kurzurlauben in der Region, dass das mit den marodierenden Nazi-Horden auf jedem Dorfplatz in erster Linie der Phantasie von Spiegel  und SZ-Magazin lesenden West-Deutschen im urbanen Umfeld entsprungen war. Aber man konnte ein etwas  mulmiges Gefühl nicht leugnen. Daher war die Frage nicht völlig unberechtigt. „Was willst du denn im Osten?“  Aber günstige  Umstände und berufliche Perspektiven ließen das Abenteuer dann doch angehen.

Und die ersten Schritte hinein in dieses Bundesland waren weiterhin von einer Grund-Skepsis und vor allem von Unsicherheit geprägt. Klar, die Schönheit der Landschaft stach vom ersten Tag ins Auge. Tausende kristallklare Seen, endlose Wälder, eine beeindruckende Fauna und vor allem so viel Raum und Weite. Die Natur hatte einen vom ersten Moment an gepackt. Schwieriger gestaltete es sich, mit den Menschen die hier leben in Kontakt zu kommen.  Denn auf den ersten Blick wirken viele  Brandenburger/innen tatsächlich wie eine Ansammlung von ungeschliffenen Wilden.  Der Autor Moritz von Uslar beschreibt einen seiner ersten Eindrücke von Brandenburg im lesenswerten Buch „Deutschboden“ wie folgt: „Tatsächlich, ich war in einem Fünfzigerjahre-Film gelandet: nachträglich kolorierte Bilder. Wilde Autos. Wilde Frisuren. Wilde junge Männer. Die wilde Kleinstadt. Yeah.“

 Jeder Besuch beim  Bäcker, jeder Einkauf im Supermarkt, jeder Ausflug auf den örtlichen Sportplatz wurde zunächst jedenfalls in erhöhter  Alarmbereitschaft getätigt. Man rechnete permanent damit, im nächsten Moment aus irgendwelchen Gründen aufs Maul zu bekommen. Erstaunlicherweise kassierte man aber bis zum heutigen Tag noch keine einzige Schelle in diesem Brandenburg. Dafür kassierte man überall wo man hinkam immer erstmal einen Spruch. Was für eine Umstellung, nachdem man jahrelang nur den Hamburger Schnack mit „Ja Moin“, „Kann ich helfen?“, „Sehr gerne“, „vielen Dank“ und „dafür nicht“ gewohnt war. Von nun an hieß es: „Keule, kiek wo anders lang!“ oder „Hab ick von Bockwurst jeredet oder warum jibst du dein Senf jetze dazu?“ oder auch „Willste Jott sei Dank schon jehn oder willste leiderjottes noch bleiben?“ Als gebürtiger Frankfurter (also aus diesem am Main!) ist man mit einer gewissen Ruppigkeit im verbalen Austausch durchaus vertraut. Aber das hier in Brandenburg erschien auf den ersten Blick noch mal einen Zacken schärfer zu sein.

Die ersten Einladungen auf Partys von Einheimischen waren stets von latenter Angst geprägt. Zum einen waren da immer viele Menschen, die einem durch ihr gefährliches Aussehen das Gefühl gaben, dass man gerade mitten im neuesten Rammstein-Musikvideo gelandet war. Und zum anderen war da eben diese Brandenburger Schnauze. Denn wem die Berliner Schnauze schon zu krass ist, der sollte Brandenburg meiden. Hier fliegen Sprüche, dass es einem schwindelig werden kann. Hier kriegst du verbal erstmal einen vor den Latz geknallt. Wenn man das nicht gewohnt ist, kann man zunächst den Eindruck gewinnen, dass die Leute einem feindlich gesinnt wären. Wer soll auch schon wissen, dass dies in Wirklichkeit das Interesse des Brandenburgers am Gegenüber bekundet? Denn Anhand der Reaktion des Gegenübers auf so einen Spruch erkennt  der Brandenburger relativ schnell und mit einem ziemlich sicheren Gespür, was für ein Typ der Gegenüber ist. Und wenn man diese Kommunikationsstrategie der Brandenburger Bevölkerung erstmal entziffert und sich darauf eingestellt hat, dann hat man den Schlüssel gefunden, der einem hier Türen öffnet. Und wer das geschafft hat, der wird die Liebe und Herzlichkeit der Menschen spüren und  will hier nicht mehr  weg. Ohne Mist.

Der gemeine Brandenburger an und für sich, der gefährlich aussieht und dir erstmal verbal einen einschenkt, ist überhaupt nicht gefährlich. Sondern eigentlich ziemlich herzlich, humorvoll und hilfsbereit. Aber  auch das gehört zur Geschichte: Der Weg ins Herz der ländlichen Brandenburger Gesellschaft  führt über jede Menge Bier bzw. über die  Molle, um in der Landessprache zu bleiben. Jemand, der Bier nicht mag oder eine gewisse Schwäche in Sachen Trinkfestigkeit mitbringt, dürfte einen etwas längeren Weg vor sich haben, um hier Fuß zu fassen. 

Brandenburg stellt dir kein Empfangskomitee hin, wenn du dort ankommst. Brandenburg ist wunderschön, aber zunächst auch skeptisch. Brandenburg knallt dir eine Spruch an den Kopf und stellt dir gleichzeitig ne kühle Molle hin und sagt zu dir: „Und jetzt mach was draus!“ Und wenn du dann diesem Brandenburg mit Humor, auf Augenhöhe, interessiert und aufgeschlossen begegnest, hast du verdammt gute Karten, dass der gemeine Brandenburger dich ins Herz schließt und dich so schnell auch nicht hängen lässt. Klar, die Brandenburger Landschaft ist toll. Teilweise überwältigend schön.  Aber  im Endeffekt sind es die Leute, die einen in ihren Bann ziehen. Und genau das wusste übrigens schon der olle Theo (Fontane), der im Vorwort seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ die Vorzüge der malerischen Landschaft preist, um dann anzufügen: „Das Beste aber, dem du begegnen wirst, das werden die Menschen sein, vorausgesetzt, dass du dich darauf verstehst, das rechte Wort für den gemeinen Mann zu finden “.

Dieses Brandenburg ist hammer! Die mega Landschaft, die ziemlich herzlichen Leute und die feucht-fröhliche Geselligkeit mögen nun den eingefleischten Brandenburg-Skeptiker nicht überzeugen. Aber das Ding ist: Hier soll auch niemand überzeugt werden. Denn in Wirklichkeit hat es sich in den letzten Jahren fast schon zu  sehr herumgesprochen, wie geil dieses Brandenburg ist. Vieler Orts explodieren die Miet- und Immobilien-Preise, unversehrte Natur wird zugebaut, um die alten Gutshäuser ist ein regelrechter Bieterwettstreit unter Großstadt-Hipstern entstanden, an vielen Seen kann man an Sommerwochenenden nicht mehr ungestört baden . Tesla wird sein übriges tun. In manchen Regionen droht Brandenburg geradezu eine Gentrifizierung auf dem Lande. Sarah Kuttner hat das recht anschaulich beschrieben, als sie in der taz mal auf die Uckermark angesprochen wurde: „Die Uckermark ist ja wahnsinnig schön. Unfassbar schön.“  und weiter meinte sie, dass dort mittlerweile so viele Berliner wohnen, „dass sich das anfühlt wie Prenzlauer Berg nur ohne Späti.“

Die Faszination, die von dieser Region ausgeht hat sich in umfänglicher  Literatur niedergeschlagen. Der Prominenteste Verehrer Brandenburgs  war sicherlich der  –  weiter oben bereits erwähnte – Theodor Fontane. Der alte Theo war möglicherweise ein seltsamer Vogel und aus heutiger Sicht nicht immer lupenrein unterwegs. Aber er war ein begnadeter Erzähler. Wer Brandenburg heute kennt und sich in Theos umfassendem Werk „Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ verliert, der wird auch nach rund 150 Jahren so vieles wieder erkennen.  Er stellte seinem epischen Werk diese Feststellung voraus: „Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte.“ Da bleibt nur anzumerken: Theo,  I feel you!  Des Weiteren empfiehlt der alte Theo: „Wer in der Mark reisen will, der muß zunächst Liebe zu Land und Leuten mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit.“  Und diese Aussagen haben auch 150 Jahre später nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Es ist aber nicht nur der alte Theo, der den Zauber Brandenburgs in Wort und Text eingefangen hat. Auch umfängliche Unterhaltungsliteratur der Gegenwart widmet sich diesem Brandenburg. Für eine große Zahl an Menschen war Brandenburg in den letzten Jahren offenbar schöpferische Inspiration. Sei es  leicht zugängliche Urlaubslektüre wie „Was wir nicht haben brauchen sie  auch nicht“ von Dieter (aka Max) Moor, der Brandenburg als „Arschlochfreie Zone“ beschreibt und damit ziemlich nah an der Wahrheit ist. Sarah Kuttner zeichnete in „Kurt“ ein sehr detailliertes, authentisches Bild Brandenburgs, und verpackte dabei inhaltlich schwere Kost in wunderbare Texte. Nicht weniger liebevoll, dafür mit Rock’n’Roll Attitude verarbeitet  Moritz von Uslar in seinen „Deutschboden I & II“ seine Eindrücke aus der Mark: „Ich bin als Fremder gekommen und als Einheimischer gegangen“. Weit weniger verklärt  aber nicht weniger glaubwürdig beschreiben z.B. die „Eingeborenen“ Manja Präkels oder Christian Bangel (in „Oder Florida“) ihre Heimat Brandenburg. Manja Präkels entwirft mit ihrem „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“  quasi  eine Gegenrede zu Uslars „Deutschboden“.

Und die Faszination, die von dieser Region ausgeht, liegt vermutlich auch gerade darin begründet, dass es hier widersprüchlich ist. Hier ist nicht alles lupenrein, hier lässt sich nicht alles in Wohlgefallen auflösen. Hier sind nicht alle Kanten glatt geschliffen. Natürlich ist Brandenburg wunderschön.  Aber es ist auch schroff, es ist stellenweise ziemlich unbequem. Brandenburg kann mitunter  bockig und dickköpfig sein.  Christian Bangel hat es im MOZ-Podcast „Dit is Brandenburg“ einmal wie folgt beschrieben:

 „Brandenburg ist schon malerisch. Wir haben hier ein Mit- und Nebeneinander von ganz vielen Dingen. Wir haben ne wahnsinnig hohe Präsenz der Vergangenheit, wir haben unglaublich starke Natur, aber auch so Sachen wie Verfall, Aufbruch, mal gewesener Aufbruch. Aber auch komische, tapsige Schritte in die Zukunft. All das lässt sich in Brandenburg super zeigen. Es ist schön und abgründig. Und es gibt hier eine Großschnauzigkeit und die mag ich einfach.

Dieses Brandenburg funktioniert nicht, wenn man sich nicht ernsthaft  auf Brandenburg einlässt. Brandenburg merkt ziemlich schnell, wenn man es nicht ehrlich meint.  Und darin liegt vielleicht auch eines der größten Missverständnisse zwischen Brandenburgern und Berlinern begründet.  Der gemeine Berliner (vor allem der zugezogene) belächelt in seinem Alltag den gemeinen Brandenburger. Dieses Brandenburg wird von Berlinern vorwiegend für die kleine Landflucht benutzt. Wenn dem gemeinen Berliner sein urbanes Lebensmodell ab und zu mal wieder auf den Keks geht, dann fährt dieser gemeine Berliner dann eben doch gerne mal raus ins Grüne, zu den sonst eher belächelten Menschen. Er möchte dort die Vorzüge der herrlichen Natur genießen. Wenn möglich möchte der gemeine Berliner auch noch regionales und biologisch einwandfreies Gemüse in irgendeinem Hofladen einkaufen, um das schlechte Gewissen der letzten Flugreise zu lindern. Gleichzeitig hat  der gemeine Berliner meist den Anspruch, dass der gemeine Brandenburger ihm bitte sehr den gleichen Standard in Sachen Dienstleistung und Service zu bieten hat, wie er es aus seinem gentrifizierten Szene-Quartier der Hauptstadt gewohnt ist.  Und genau da hat der gemeine Brandenburger dann ein feines Gespür. Brandenburg ist schließlich keine Dienstleistung, kein Erholungsresort für gestresste Großstadt-Hipster und erst recht kein Disney-Land mit Bioland-Gütesiegel. Brandenburg ist Brandenburg. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und wenn der gemeine Berliner dem gemeinen Brandenburger zwecks verkehrsgünstigem Badespaß zum 20. Mal mit seinem Car-Sharing-E-Mobil die Hofeinfahrt zugeparkt hat, gibt es sehr wahrscheinlich ne deutliche Ansage des gemeinen Brandenburgers. Und auch wenn sich der gemeine Berliner mal wieder aufgeregt hat, dass es  im Hof-Café keinen Hafermilch-Frappuccino mit Grünkohl-Flavour gibt oder dass man beim Bäcker nicht mit Apple-Pay bezahlen kann, während der nächste Geldautomat 15 km entfernt ist, dann kann es durchaus sein, dass der gemeine Brandenburger den gemeinen Berliner auch mal auflaufen lässt.  Dann kann es mitunter durchaus mal widerborstig werden. Denn Brandenburg ist zu stolz um nur als schnelle Landpartie für gestresste Hauptstädter herzuhalten.

Die beste Zeit wirst du in Brandenburg haben, wenn du dich aufrichtig auf Land und Leute einlässt. Dann wirst du genau das lernen, was weiter oben schon stand: Brandenburg ist das beste Bundesland weltweit. Klar, die Dinge werden auch hier verfahrener. Aber es ist immer noch viel möglich, was an anderen Orten nicht möglich ist. Es gibt Raum und Weite und vor allem Gestaltungsspielraum. Es gibt jede Menge ideologiefreie Offenheit und ehrliche Leute. Das ist toll und unbequem zugleich. Brandenburg macht dir nix vor. Brandenburg zwingt dich authentisch zu sein, es stutzt übersteigerte Egos auf ein gesundes Normalmaß runter. Brandenburg findet es schnell heraus, wenn du dich hinter einer Maske versteckst. Du hast hier keine andere Wahl als ehrlich zu sein, denn Brandenburg kommt dir eh auf die Schliche. Und gerade deswegen wächst man an Brandenburg und genau deshalb ist Brandenburg gut für die Seele. 

Und dann sind es immer wieder Momente, die dir Brandenburg einfach schenkt. Wenn du nach Feierabend im Sommer auf den See raus paddelst  und innerhalb von Minuten allen Alltagsstress  hinter dir gelassen hast. Wenn du am Ufer des türkisfarbenen Stechlins neben dem alten Fischer sitzt, der gerade den frisch aus dem Räucherofen geholten Fisch für dich aufschneidet, zufrieden in die Abendsonne blinzelt und dann zu dir sagt:  „Wat ham wa nur verbrochen, das et uns hier so jut jeht?“  Oder wenn dein Kumpel dir an einem grauen Januar-Wochenende die Schlüssel für die Sauna mit direktem Seezugang überlässt und sagt „Erholt euch mal schön.“ Dann ist es scheißegal ob du eine stressige Zeit hattest. Dann ist es scheißegal ob gerade Lockdown ist oder nicht. Dann weißt du, dass Sarah Kuttner Recht hatte. Denn dann „ist Brandenburg einfach nur da und schenkt Liebe“

Ja,  die Frage, um die es hier geht,  steht da oben in der Überschrift. Wobei diese Frage  unpräzise ist. Sie wurde ehrlich gesagt nur als plakativer Aufmacher gewählt, weil eine sehr leidenschaftlich geführte Online-Diskussion rund um die SGE vor einigen Jahren den Titel trug „Caio, wie kriegen wir das wieder hin?“

In Wirklichkeit lautet die Frage dieses Textes:“ Eintracht, kriegen wir das wieder hin?“ Natürlich ist es nur das Weglassen  eines einzigen Wortes, aber das verändert die Ausgangsfrage entscheidend: Es geht nicht um das „Wie“ sondern um das „Ob“.

Und liebe Eintracht, bevor wir hier los legen, muss noch folgendes geklärt werden: Das hier ist keine Anklage und es ist keine Abrechnung.  Dies ist ein sehr persönlicher Versuch einer Bestandsaufnahme. Oder vielleicht ist es viel eher ein Verarbeitungsversuch. Ich befürchte ehrlich gesagt, dass es sogar eine Art Selbsttherapie ist. Irgendeine schlaue Person hat mal gesagt, man muss Sachen aufschreiben, um sie klar zu kriegen. Und ob ich die Sache mit dir und mir, liebe Eintracht, hier abschließend klar kriege, will ich schon jetzt bezweifeln. Aus diesem Grund wird dies vermutlich ein Text, der nicht ohne Widersprüche und Unstimmigkeiten auskommt. Es könnte ein Text werden, der Zerrissenheit und Verletzungen nicht verhehlen kann und der Leserinnen und Lesern an manchen Stellen auf den Sack gehen wird. Es geht um eine jahrzehntelange Leidenschaft. Und es geht um Emotionen, die erloschen sind. Ziemlich banal, könnte man einwenden. Aber so banal  ist es vielleicht doch alles nicht.

Liebe Eintracht, um das alles zu verstehen, ist es vielleicht hilfreich, zu den Ursprüngen unserer gemeinsamen Geschichte zurückzukehren. Wie begann das damals eigentlich? Irgendwann Mitte der 1980er Jahre. Familiäre Vorprägung sorgte dafür, dass ich früh wusste, dass in der Sportschau die in den weißen oder wahlweiße schwarz-roten Trikots (sofern ein Farb-Fernseher verfügbar war)  die Guten waren. Richtig Fahrt nahm unsere gemeinsame Story vermutlich  am 28. Mai 1988 auf: Du liebe Eintracht tratst  an diesem Tag im Berliner Olympiastadion zum DFB-Pokalfinale gegen den VfL Bochum an. Eine gewisse Nervosität im familiären Umfeld vermittelte, dass an diesem Tag offenbar ein bedeutendes Fußballspiel an stand.  Und du liebe Eintracht gewannst an diesem Tag durch ein Freistoßtor durch  Detari den goldenen Pokal. Ich fieberte mit. Von diesem Tag war unser gemeinsamer Weg durch die nächsten Jahrzehnte geebnet.  Wir versuchten in den folgenden Sommermonaten den „Detari-Freistoß“ hunderte Male auf dem Bolzplatz nachzuspielen. Demjenigen, dem es gelang, den Ball auch nur annähernd so elegant über eine Mauer zu zirkeln und den Ball dann im Tor zu versenken, war Ruhm und Ehre für mindestens einen Tag gewiss.   

Es folgte das erste eigene Kicker-Sonderheft und so wurde der  Saison  88/89 entgegengefiebert. Das konnte doch eigentlich nur eine gute Saison werden, denn du liebe Eintracht und ich, waren ja schließlich Pokalsieger geworden.  Und wie soll man es sagen? Du weißt es ja selber, Eintracht: Unsere erste komplette gemeinsame  Saison wurde eine absolute Katastrophe. Im ersten Spiel flog Uli Stein vom Platz, im zweiten Spiel unterlag man zuhause gegen einen Aufsteiger. Und so ging es munter weiter: Eine Blamage folgte der nächsten. Du Eintracht hattest einen Trainerverschleiß von  alleine drei Trainern in der Hinrunde. Irgendwann waren dann sogar in der Tagesschau Bilder von  deiner Mitgliederversammlung zu sehen, wo ein Mann  von der Bühne geprügelt  wurde. „Geh runner!“  

Ohne Übertreibung liebe Eintracht:  Unsere erste gemeinsame Saison war ein Stahlbad. Permanenter Frust wegen der sportlichen Ergebnisse und ein komisches Gefühl, dass in deinem  Umfeld Leute tätig waren, die nicht alle Tassen im Schrank hatten. Vermutlich  dachte ich mir ab und zu: „Warum ist mein Verein eigentlich so ein Chaos-Verein?“ Dazu die permanente Häme von Klassenkameraden, die sich für Bayern München entschieden hatten und Sieg um Sieg ihrer Mannschaft bejubeln konnten. Aber liebe Eintracht: Irgendwie war klar, dass ich keine Wahl hatte. Einen Fußballverein sucht man sich nicht aus. Aus irgendeinem Grund war mein infantiles Bewusstsein so ausgeprägt, dass ich schon damals der felsenfesten Überzeugung war, dass es trotzdem richtig war, zu dir zu stehen. Und dass es grundlegend  falsch ist, sich z.B. zum FC Bayern zu bekennen. Denn wer den Bayern nachrennt, der liebt keinen Fußballverein sondern der liebt den Erfolg.  Ohne Quatsch liebe Eintracht: Ich habe mich wegen dir früher auf dem Pausenhof geprügelt. Immer dann, wenn einem  die „Bayern Fans“ mal wieder hämisch die Ergebnisse vom Wochenende unter die Nase gerieben haben. Denn mir war damals schon klar, dass du liebe Eintracht der bessere Verein bist, egal ob wir dauernd verlieren und die scheiß Bayern dauernd gewinnen.

Ich erinnere mich noch an die Ergriffenheit  während der ersten Stadionbesuche in der zugigen alten Schüssel namens Frankfurter Waldstadion, in die  sich selten mehr als 15.000 Zuschauer verirrten. Und am Ende der Saison ist es ja alles doch noch irgendwie  gut ausgegangen. Du liebe Eintracht konntest mit Hängen und Würgen irgendwie den Klassenerhalt sichern, erst durch ein Tor durch Charly Körbel am letzten Spieltag in Hannover und dann mit nervenaufreibenden Relegationsspielen gegen den 1. FC Saarbrücken mit seinem brandgefährlichen Stürmer aus Ghana. Jörg Bergers erste Rettungsmission war completed. Wer so eine Saison als SGE-Fan durchsteht, der bleibt ihr verbunden, sollte man meinen.

Und man wurde in den Folgejahren ja auch umfangreich entschädigt, denn es folgten die sagenumwobenen Jahre des Fußball 2000. Ohne in die Einzelheiten zu gehen: Es war ein Spektakel, was du liebe Eintracht auf dem Platz veranstaltet hast. Herzstück  war der geniale Uwe Bein, der durch seine Pässe sogar Rumpelfüßler wie Jörn Andersen zum Torschützenkönig der Bundesliga machen konnte. Komplettiert wurde das Ensemble durch Leute wie Binz, Falkenmayer, Gründel später Yeboah und noch später Jay-Jay. Und natürlich Uli Stein, die Identifikationsfigur unserer ersten gemeinsamen Jahre. Was waren das für Fußballfeste, die wir zusammen feierten? Und plötzlich war man auch sportlich auf Augenhöhe mit den Scheiß-Bayern und die Häme auf dem Pausenhof nahm immer weiter ab.  Aber du liebe Eintracht, hast natürlich auch damals nicht mit fiesen  Eiertritten gespart. Ich erinnere mich an eine 0:6 Heimniederlage gegen den HSV mit anschließender Berger-Entlassung. Rostock natürlich. Aber auch eine unrühmliche Heimniederlage gegen Leverkusen im DFB-Pokal-Halbfinale oder der Rauswurf von Uli Stein. Und dann folgte der Niedergang. „Ab heute gehen die Uhren anders in Frankfurt.“ Wie Recht er hatte, der Osram. Es war plötzlich nichts mehr wie es war. Du liebe Eintracht und ich wissen, was folgte. Die Geschichte ist zur Genüge erzählt.  Ich will daher  jetzt nicht alles im Detail aufzählen, ich könnte ein Buch über die Emotionen und Erlebnisse aus der Horror-Saison 1995/1996 schreiben.  Alleine das Auswärtsspiel am 01.05.1996 in Köln oder der letzte Spieltag, als der Abstieg schon fest stand und der HSV  im Waldstadion gemeinsam mit Offenbacher Hools unseren Abstieg feierte…

Grandioser Absturz und folgende Jahre in der Bedeutungslosigkeit. Aber auch diesen Weg sind wir unbeirrt zusammen gegangen, liebe Eintracht. Diesen Weg mit wenigen Höhen („Und sie kommen jetzt wieder mit Christoph Westerthaler in der zentralen Position…“) und zahlreichen Tiefen.  Es ging nicht mehr nach Dortmund, Hamburg und nach Bremen, nein nun ging es auch nach Meppen, Jena, Mainz und Oldenburg. Jahr für Jahr kaufte ich die  neue Dauerkarte ohne zu zögern. Inzwischen warst du liebe Eintracht weit mehr, als der Sport. Man kannte die Leute aus dem Block, der Stadiongang war zu einem 14-tägigen Ritual mit Freunden geworden.

Um ehrlich zu sein habe ich es erst Jahre später verstanden, was du liebe Eintracht damals für einen Pakt mit dem Teufel eingegangen bist, als wir uns Octagon an den Hals warfen. Wir kamen an schnelles Geld und mussten dafür noch Jahr später bluten. Um ein Haar hätte es dir liebe Eintracht in der Folge das Genick gebrochen. Erstmals wurde mir bewusst, dass der Fußball abseits des Rasens offenbar ein Schweinesystem ist, in dem Leute bereit sind, für Geld über die Interessen von Vereinen und Fans zu gehen. Es folgten sportlich wenig erfolgreiche Jahre, irgendwo im Niemandsland zwischen 1.  und 2. Bundesliga. Und dennoch bist du mir, liebe Eintracht gerade in dieser Zeit noch enger ans Herz gewachsen. Das lag daran, dass es mich selbst raus in die Welt zog, weg aus der Heimatstadt am Main. Und so warst du mir im Neuen ein Anker in die alte Heimat und eine Identitätsstütze auf unbekanntem Terrain. Ich verfolgte dich noch emotionaler, es waren tolle Erlebnisse, wenn ich es aus der Ferne mal wieder zu einem Heimspiel ins Waldstadion schaffte. So viele gemeinsame Erlebnisse stammen aus dieser Zeit. Alleine in der Saison 2004/2005, die mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga endete, habe ich es zu immerhin 20 Spielen zu dir ins Stadion geschafft, egal ob Auswärts oder im Waldstadion. Und das immerhin mit einem Wohnort, fast 500 km entfernt  vom Frankfurter Stadtwald. Und ich habe zahlreiche Leute kennen gelernt, die in der Ferne eine ähnlich verrückte Leidenschaft für dich pflegten. Mit diesen Leuten sind wir tausende Kilometer zu deinen Spielen gefahren, haben Wochenenden in versifften Zügen und auf runtergekommenen Bahnhöfen verbracht.  Einmal sind wir an einem Freitag nach Frühschicht  im 9sitzer 500 km die Autobahn  runter gebrettert, haben uns das langweiligste Fußballspiel aller Zeiten angesehen (0:0 gegen Hannover), sind direkt nach dem Abpfiff wieder auf die Autobahn und ich war kurz vor fünf am nächsten Tag zuhause und um 7 Uhr frisch geduscht auf Arbeit. Und wir haben so was immer wieder gemacht und haben es eigentlich nie bereut. Sowas schweißt zusammen. Es gäbe tausende erzählenswerte Anekdoten aus dieser Zeit zu berichten.  Ich habe so viele tolle Leute kennen gelernt, die ich ohne dich, liebe Eintracht, nie kennen gelernt hätte. Und sportlich ging es ja weiter zwischen Mittelmaß und Tristesse.

Es war eine Zeit, in der man  schon mit wenig zufrieden war. Ich habe aber vom ersten Tag an gespürt, dass das mit Skibbe schief gehen wird. Das war von Anfang an der falsche Mann am falschen Platz. Aber auch diesen Nackenschlag haben wir irgendwie verarbeitet bekommen, die Rückkehr in die Bundesliga und sportliche Höhen und Tiefen gingen weiter, die Leidenschaft zu dir liebe Eintracht, war ungebrochen.

Und es  folgten ja schließlich auch noch mal Jahre, in denen du die Anhänger beschenkt hast, liebe Eintracht. Klar es gab eine  weiteren Katastrophen-Saison 2015/2016. Eine Saison,  in der alle Verantwortlichen kurz davor waren, im Blindflug ein weiteres Mal alles vor die Wand zu fahren. Erst im aller letzten Moment konnte ein erneuter sportlicher Absturz mit einem enormen Kraftakt verhindert werden. Und dann hattest du plötzlich eine Mannschaft am Start, die die Identifikation mit dir Eintracht, noch mal auf ein neues Level hob. Du hast aus wenigen finanziellen Möglichkeiten was Großes gemacht. Spieler aus der ganzen Welt bildeten eine kämpfende Einheit auf dem Platz in der jeder für jeden rannte. Der Weg führte bis ins DFB-Pokalfinale gegen Dortmund. Ein Jahr später wurde mit Kevin Prince Boateng noch ein entscheidendes Puzzleteil hinzugefügt und wir hatten eine bunte Mannschaft auf dem Platz, die die Stadt Frankfurt wunderbar repräsentierte, die einen kampfbetonten Fußball spielte und auch neben dem Platz eine gute Figur abgab. Zudem ein Präsident, der öffentlich klar Stellung bezog und sich gegen Ausgrenzung, Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus positionierte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, möchte man meinen, nur leider versäumten so viele andere Personen des Profifußballs und des öffentlichen Lebens sich diesen Selbstverständlichkeiten anzuschließen.

Das war eine Zeit, in der ich eine tiefe Verbundenheit  zu dir verspürte, liebe Eintracht. Dass das dann noch in dem sensationellen Pokalsieg gipfelte, war die Krönung. Das war der beste Moment, den du und ich, liebe Eintracht, je zusammen hatten.  

Der Pokalsieg war nicht nur ein unglaubliches Glücksgefühl sondern er hat auch viele Wunden geheilt. Ich habe mit so vielen Nackenschlägen meinen Frieden machen können, die du liebe Eintracht mir in über 30 Jahren regelmäßig verpasst hast. 

Und dann war Kovac zwar weg, aber es folgte eine spektakuläre Saison. Es wurde noch geilerer Fußball gespielt, Europapokal, Büffelherde, Angriffsfußball. Aber selbst in dieser Euphorie kamen die ersten Zweifel. Klar, wir sangen voller Inbrunst „Eintracht Frankfurt International!!!“ auf den Rängen. Aber plötzlich war da eine Stimme im Hinterkopf  und die fragte immer öfter: Soll man wirklich einen Wettbewerb feiern, der von einem komplett  korrupten Verband wie der UEFA ausgerichtet wird? Ein undankbarer, verkalkter Verband, der Fans in den Arsch tritt, weil sie seinen Wettbewerb  zelebrieren? Was waren denn das für absurde Geschichten rund um die Auswärtsspiele in Europa? Die Eintracht-Fans wollten einfach Fußball-Feste in Europa. Die Realität war: Unverschuldetes Geisterspiel in Marseille samt „Aufenthaltsverbot“ in der Stadt Marseille, Provokationen durch  Faschisten auf Zypern, die von der UEFA ungestraft blieben. In Rom dann begrenzte Ticketkapazitäten für Gästefans trotz fast leerem Stadion, dazu wieder faschistische Provokationen durch römische „Fans“ die wieder kein Nachspiel seitens der UEFA nach sich zogen. Und ja, auch  auf unserer Seite vereinzelte Spinner, denen es wichtiger war, auch in Europa mal dicke Eier zeigen zu können, als das Interesse  der Mehrzahl der Eintracht Fans im Blick zu behalten. Dies gipfelte schließlich in den Ereignissen von San Siro. Und natürlich: Auch ich habe mich von den Heimspielen im Europapokal elektrisieren lassen. Das waren gigantische Fußballfeste. Und dennoch meldete sich immer öfter diese Stimme im Hinterkopf, die Zweifel an diesem ganzen Fußball-Spektakel anmeldete.

Du liebe Eintracht hattest ja in dieser beschriebenen Saison sogar lange Zeit eine realistische Chance, dich für die Champions League zu qualifizieren. Das wäre ein toller sportlicher Erfolg und ein noch tollerer finanzieller Erfolg gewesen. Ich hätte es vermutlich damals sogar noch gefeiert. Aber auch da waren schon die Gedanken im Kopf, dass es womöglich gar nicht so erstrebenswert ist, sich in einem Wettbewerb eines verbrecherischen Verbandes mit anderen Fußball-Konstrukten zu messen, die entweder von menschenverachtenden Staaten finanziert oder von Strategen zweifelhafter Konzerne  geführt werden. Von solchen, denen es nur um Geld und Einfluss geht. Letztlich muss man fast dankbar sein, dass du liebe Eintracht mit dem spektakulären Elfmeter-Drama in London genau zum richtigen Zeitpunkt ausgeschieden bist und dir und deinen Fans dadurch das vielleicht unwürdigste und fan-unfreundlichste Finale eines Europapokalwettbewerbes aller Zeiten erspart hast.  Mit der Vergabe dieses Endspiels nach Baku in Aserbaidschan hinterlegte die UEFA jedenfalls ein weiteres Mal in aller Deutlichkeit, dass sie auf Faninteressen und sogar auf die Sicherheit von Spielern scheißt, solange die Kohle stimmt.

Ja, es war eine tolle Saison und es war eine sehr zwiespältige Saison. Und am Ende waren dann alle drei Büffel weg. Folgerichtig, wenn man nach der Logik des Geschäftes geht. Ich selbst habe mich damals noch damit zu beruhigen versucht: Ist halt so, dass sind die Mechanismen des Business. Immerhin wurden wir, liebe Eintracht, ja fürstlich entlohnt, so hab‘ ich es mir schön geredet. Zunächst war auch ich  fast etwas stolz, dass ein Eintracht Spieler den Sprung zu Real Madrid geschafft hat und du liebe Eintracht dafür auch noch eine Rekordsumme von zig Millionen Euro einstreichen konntest.  Bei dem nächsten, der dann zu West Ham absprang, war kaum noch Stolz dabei. Bei dem Haller-Transfer war einfach viel zu offensichtlich, dass es nur ums Geld ging und um nichts anderes. Da blieb nicht der kleinste Raum für einen verklärt naiven Fußball-Romantiker-Gedanken. Es war finanziell der nächste Schritt für ihn. So wie du Eintracht für ihn der vorangegangene finanzielle Schritt warst. Nicht mehr und nicht weniger. Und beim dritten  Büffel tat es dann fast ein bisschen weh, als er den Absprung nahm. Klar war Ante nicht mehr tragbar, klar war es vermutlich unvermeidbar ihn abzugeben. Aber uns verließ der Pokalheld von 2018. Einer, der emotional in einer Reihe mit Stein, Bein, Fjörtoft und Yeboah steht.  

Wie gesagt liebe Eintracht: Ich habe mir eingeredet, dass es eben der moderne Fußball ist und dass man es so hinnehmen muss.  Ich habe es mir nicht eingestanden, aber es ist dann trotzdem ein kleines Stück mehr  kaputt gegangen. Und die Zweifel wurden nicht weniger.  Die neue Saison begann, wir spielten wieder europäisch. Tallin war ein geiles Auswärtsspiel, was für eine schöne Stadt, was für nette Menschen.  Und schön, dass Flora im Rückspiel eine Würdigung durch unsere Kurve erhalten hat. Da war der eigentliche Sinn dieses Spiels noch einmal spürbar. Aber die korrupte UEFA spielte erneut  ihre Spielchen mit uns. Fan-Ausschluss bei den Auswärtsspielen in Lüttich und gegen Arsenal. Die Gedanken gingen zunehmend in folgende  Richtung:“ Ach fickt euch doch UEFA und spielt eure Scheiß Europa League alleine mit den Plastiks!“ Eintracht Frankfurt und Europapokal der Neuzeit passt nicht zusammen.  In Salzburg zog ein Sturm auf. Aber hier waren es nur die Wetterbedingungen, die eine Spielabsage verursachte. Wenig später war es dann kein meteorologisches Phänomen  mehr,  welches für eine Vollbremsung sorgte. Die Pandemie hat den Stecker knallhart gezogen. Zack, Ende, aus.

Das Spiel gegen Basel war das erste Spiel seit Jahrzehnten, welches ich mir bewusst nicht mehr angesehen habe, obwohl ich es hätte können. Ich habe immer mal wieder ein Spiel von dir versäumt  liebe Eintracht. Aber wenn, dann waren es private oder berufliche Verpflichtungen. Wenn immer es möglich war, habe ich keine Sekunde verpasst. Aber an diesem 12.03.2020 hatte ich schlicht und einfach keine Lust, mir dein Spiel anzusehen. Schon absurd genug, dass dieses Spiel  24 Stunden zuvor sogar noch vor ausverkauftem Haus ausgetragen werden sollte. Aber an diesem Tag hatte ich das Gefühl, dass eine Sache auf uns zurollt, die weit bedeutungsvoller ist als ein Europa League Spiel. Ich fand es falsch, dass dieses Spiel überhaupt angepfiffen wurde. Irgendwann am späten Abend habe ich dann auf einer Internetseite erfahren, dass das Ergebnis  zu meiner Gefühlslage passte und es wahrscheinlich besser war, dass ich mir dieses Grauen nicht angetan habe.

Und dann war es erstmal vorbei mit dem ganzen Zirkus rund um den Profifußball. Und ja, auch rund um dich liebe Eintracht. Der Spielbetrieb war ausgesetzt und die Funktionäre der Geldmaschinerie rangen um Fassung. Sie sahen den Kollaps des  kaputten Systems plötzlich unmittelbar auf sich zurollen. Es war ein unwürdiges  Schauspiel, wie Leuten wie  Watzke und Rummenigge öffentlich der Arsch auf Grundeis ging  und sie dabei Dinge sagten, die sie besser nicht gesagt hätten. Die bunte Fassade brach wie ein Kartenhaus in sich zusammen, die zuvor an vielen Stellen noch das kranke, korrupte und menschenverachtende System hinter dem Profifußball ein Stück weit vertuschen konnte. Die ganzen Abgründe traten nun ungeschönt zutage. Und es wurde umso deutlicher, dass auch du liebe Eintracht ein Akteur in diesem System bist. Es war zunächst ruhig in Frankfurt. Man vermied so erbärmliche TV-Auftritte, wie sie Watzke in dieser Zeit haufenweise hinlegte. Man organisierte stattdessen lieber Einkaufsdienste für Senioren und Spenden für Bedürftige. Das war aller Ehren wert. Aber du, liebe Eintracht, konntest nicht länger den Mantel des Schweigens darüber decken, dass auch du ein Akteur in diesem  Schweine-System bist. Du konntest nicht mehr verbergen, dass du in Wirklichkeit im Team-Watzke-Rummenigge spielst. Und wenn wir ehrlich zueinander sind, liebe Eintracht,  bist  du geradezu gezwungen in diesem Team zu spielen, wenn du  weiterhin auch nur im Ansatz mit den großen Hunden pinkeln  möchtest. Das weißt du und das weiß ich.

Liebe Eintracht, du darfst nun völlig zu Recht einwenden: All die Abgründe, all die Auswüchse dieses kranken  Systems waren lange vor Corona bekannt und offensichtlich. Wer sehen wollte, konnte sehen.  Und das schon seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten! Ja, man hätte es wissen können. Man hat es wissen müssen. Und natürlich wusste ich es. Spätestens nach der Octagon-Geschichte müsste jedem Eintracht-Anhänger die Fußballromantik abhandengekommen sein.  All die Abgründe des Geschäfts lagen lange vor Corona auf dem Tisch. Korrupten Deals zwischen Leo Kirch und dem FC Bayern München auf Kosten der Chancengleichheit, die Tatsache, dass wohl in den letzten Jahrzehnten kein großes Fußballturnier mehr ohne Korruption und Bestechung irgendwohin vergeben wurden, die Enthüllungen auf Football-Leaks, die Tatsache, dass es wohl in den letzten 20 Jahren kaum einen gehobenen  Funktionär im Profifußball gab, der nichts mit Korruption oder sonstigen kriminellen Machenschaften zu tun hatte, enge Beziehungen zu menschenverachtenden Regimen, Kooperationen mit zweifelhaften Wirtschaftsunternehmen, Verbände, die für Geld ihre eigenen Regeln außer Kraft setzen (Financial Fairplay, 50+1 …),  insgesamt ein System voller Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit,  völlig entkoppelt von der Lebenswirklichkeit der „durchschnittlichen“ Bevölkerung.

Spätestens als uns die Polizei nach dem Aufstiegsspiel 2005 gegen Burghausen durch Sachsenhausen jagte um ohne Anlass für den Ernstfall, der WM ein Jahr  später zu proben, hätte man wissen müssen, dass traditionelle Fußballfans ein Auslaufmodell in diesem Zirkus sind. Apropos WM 2006: Rückblickend der endgültige Anfang vom Ende, das „Einläuten“ und die Manifestation einer neuen Fußball-Zeit. Einer Zeit, in der Fanbelange keine Rolle mehr spielen und alles der totalen Kommerzialisierung untergeordnet wird. Um jeden Preis. Aber das wäre noch mal eine andere  Geschichte.

Um den Strang wieder aufzunehmen: Ja, wir alle wussten es, dass es ein korruptes Scheiß-System ist. Trotzdem ließ ich mich bereitwillig blenden, versteckte mich bis zuletzt hinter so Sachen wie geilen Kurven-Choreos,  geilen Auswärtsfahrten, tollen Fan-Initiativen und Freundschaften innerhalb der Fan-Szene. Der Selbstbetrug funktionierte nach folgendem Schema: Auf der einen Seite: Die korrupten Verbände und Funktionäre, die Feinde des Sports, die verkommene Fußball-Mafia, die Bayern, der DFB, der BVB, RasenBall, Hopp die DFL usw. Auf der anderen Seite: Wir, die Eintracht, die heilige Gemeinschaft, die sich um die Werte des Sports und darüber hinaus bemüht. Bei uns war das Gras doch deutlich grüner, als an anderen Standorten. Wir in Frankfurt machen das doch alles viel, viel besser. Rein objektiv darfst du liebe Eintracht mir an dieser Stelle also mindestens einen naiven Selbstbetrug vorwerfen. Und dieser Selbstbetrug hat ja auch lange funktioniert. Du gabst mir die Emotionen für die ich bereit war, sehenden Auges blind zu sein. Aber natürlich warst du schon in all den Jahren auch ein Teil der dunklen Seite des Spiels.

Die Pandemie – in der man ja eigentlich  auf Masken angewiesen ist –  ließ gleichzeitig viele Masken fallen. Masken hinter denen ich mich versteckt hatte, aber auch hinter denen du Eintracht dich versteckt hast  und hinter denen sich der gesamte Profifußball versteckt hat.

Klar, zu  Beginn der Pandemie konnte man sogar noch ganz kurz hoffen, dass sich etwas ändert, dass sich etwas bessert. Man war ja noch ein Stück weit im Naivitätsmodus der letzten Jahre gefangen. Und immerhin räumte Christian Seifert mit aufgesetztem Hundeblick ein:

„Vielleicht kommen wir nun an einen Punkt, an dem wir uns eingestehen müssen, dass wir ein Produkt herstellen.“

Hört, hört! Einige Wochen später, als den Rummenigges, den Watzkes und vermutlich auch den Bobics dieser Welt das Wasser bis Unterkannte-Oberlippe stand, legte Seifert in der FAZ  mit professionell inszenierter Demut nach. Ja, der Herr Seifert stellte sogar  Obergrenzen bei Spielergehältern, Beraterhonoraren und Ablösesummen in Aussicht. Er untermauerte es mit schönen Worten, in denen er beteuerte, wenn man jetzt den Mut und die Ausdauer habe, Veränderungen im Profifußball zu denken und vorzunehmen, „dann kann aus dieser Krise auch etwas Positives entstehen“. Bedeutungsschwanger  wurde die Einrichtung einer „Taskforce Zukunft Profifußball“ angekündigt. Und die Verantwortlichen in den „Vereinen“ sprangen  ihrem Interessenvertreter öffentlich zur Seite. Hinter fadenscheinigen Argumenten, wurde der eigentliche Grund für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu verschleiern versucht. Man war sich nicht zu schade immer wieder zu erklären, es gehe ja bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebes auch um den Erhalt ganz normaler Arbeitsplätze in den „Vereinen“. Ausgerechnet von solchen Vereinen, die vermutlich nur zwei ihrer kickenden Top-Verdiener von der Gehaltsliste hätten streichen müssen, um ihrer kompletten Belegschaft auf den Geschäftsstellen gut dotierten Rentenverträgen anbieten zu können. Es war der blanke Hohn gegenüber anderen Branchen z.B.  im Veranstaltungsbereich, die keine vergleichbare Lobby  und keinen mächtigen, wenngleich menschenverachtenden Springer-Konzern als Verbündeten im Rücken hatten.

Nun gab es schon Ende April, als all diese Demuts-Aussagen von Seifert, Watzke und Co getätigt wurden, jeden Grund zur Skepsis. Rund 8 Monate später bleibt festzuhalten, dass sie nichts weiter waren, als die zu erwartenden  Lippenbekenntnisse um den Ligabetreib in der Pandemie irgendwie zu rechtfertigen. Und Seifert-Aussagen wie „Wir wollen nicht einfach nur irgendwie durch die Krise kommen und dann weitermachen wie bisher“ dürfen im Rückblick auf die letzten Monate mit Fug und Recht als Lüge bzw. als Verarschung der Fußballanhängerschaft  beschrieben werden.

Okay Eintracht, um offen zu sein:  zunächst war bei mir noch Wut und  Verachtung gegenüber deiner Interessensvertretung namens DFL und letztlich gegenüber dir Eintracht, als Akteur in diesem Zirkus. Ich hielt die Fortsetzung im Mai für falsch. Ich weiß, du wirst das anders beurteilen. Und ich halte es auch jetzt für falsch, dass ein Spielbetrieb in Bundesliga und Europapokal um jeden Preis durchgedrückt  wird, während neben dem Amateursport  weite Teile des gesellschaftlichen Lebens runter gefahren sind und wir in einigen Krankenhäusern in diesem Land kurz vor der Triage stehen.  Es ist nicht die Zeit, um für Sportveranstaltungen von Risikogebiet zu Risikogebiet zu reisen, wenn gleichzeitig Altenheime und Kitas ab- bzw. verriegelt sind. Ich weiß, du nimmst für dich in Anspruch, wie so viele andere gesellschaftliche Bereiche, dass du nicht zum Infektionsgeschehen beiträgst. Dafür gibt es keine Belege aber eben auch keine Gegenbelege.  Und mein ganzer Ärger ist inzwischen auch zunehmend einem Zustand völliger Gleichgültigkeit gewichen.

Ich habe seit März 2020 kein Bundesligaspiel mehr gesehen. Ja, am Anfang weil ich sauer war, weil ich es falsch fand, dass Bundesliga gespielt wird, während andere Bereiche komplett runter gefahren sind und somit zerstört werden. Es war mit meinem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden nicht zu vereinbaren. Da gab  es meinerseits noch Zorn und Trotz. Spätestens im Sommer, vor Beginn der aktuellen Saison war der Ärger verraucht und er ist Gleichgültigkeit gewichen. Ich schaue  keine Bundesligaspiele und auch weiterhin kein einziges Eintracht-Spiel. Nicht aus Wut, nicht aus Trotz, nein, einfach weil es mich nicht mehr interessiert. Weil ich keine Lust habe.

Das ist vielleicht der  blödeste, zumindest aber der  seltsamste Zustand, der mir in meinem Fan-Sein zu der launischen Diva bislang widerfahren ist. Mir sind die Emotionen ausgegangen. Eintracht, du bist mir egal geworden. Ich spüre dich nicht mehr. Und ich verfolge dich nicht mehr. Ich nehme keinen Anteil mehr. Ich lese keine Berichte, keine Artikel über dich.  Es ist mir nun schon mehrfach passiert, dass ich gar nicht wusste, dass du spielst. Ich habe das Ergebnis dann zufällig 1-2 Tage später gelesen und gedacht: „Ach, die Eintracht hat gespielt?“ Und das alles nehme ich mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis.  Eintracht, wir haben uns weit entfernt.  Ich habe in letzter Zeit Besseres zu tun, als deinen Spielen zu folgen. Das ist sehr ungewohnt und neu.  Ich bin an dir mehrmals emotional zusammengebrochen.  Rostock 1992 natürlich, in Köln Müngersdorf am 01.05. 1996, in Wolfsburg 2001, als wir Rolf-Christel Guié-Mien das Trikot vor die Füße warfen, welches er nach dem feststehenden Abstieg in den Block geworfen hat. Ich war gebrochen 2011 nach der Rückrunde der Schande, verzweifelt in der Saison  2015/2016, als die Verantwortlichen nicht einsahen, dass die Rückkehr von Veh ein Fehler war. Da war immer Zorn, Empörung, Trotz,  Niedergeschlagenheit  und jede Menge Frust. Eintracht, ich habe dich so oft verflucht! Aber ich habe immer etwas gefühlt. Und es war immer klar, dass es weiter geht. Und jetzt ist es nichts. Es ist im Wortsinne Emotionslosigkeit.

Aber auch das gehört zur ganzen Wahrheit: Ich bin mir noch nicht endgültig  sicher, ob es am Ende so eine Nummer,  wie bei  Udo Lindenberg in dem Song „Ich lieb‘ dich überhaupt nicht mehr“ wird. Bist du mir vielleicht nur eingeredet egal? „Sowas von egal und mein Puls geht ganz normal“? Oder wird es dauerhafte, echte Gleichgültigkeit?

Für letzteres spricht, dass ich keinen realistischen Ansatzpunkt sehe. Wo und wie sollen wir um alles in der Welt  wieder zusammenkommen? Für ersteres spricht, dass es dann doch noch mal eine Gefühlszuckung gab. Als es Axel Hellmann Anfang November für eine schlaue Idee hielt, die Kicker-Redaktion zu besuchen. Da war wenigstens noch mal Wut da,  da war Puls. Es war die Zeit, als die 2. Corona-Welle in Deutschland gerade ihre ganze Wucht entfaltete. Jeder, der den Prognosen der Experten auch nur halbwegs folgen konnte, wusste zu diesem Zeitpunkt, wo die Reise in Deutschland  in den letzten Wochen des Jahres hingehen würde, wie sich die Fallzahlen und somit auch die Belegung der Intensivbetten und letztlich die  Todesfälle entwickeln würden. Und in dieser Situation setzt sich allen Ernstes ein Vorstand der Eintracht Frankfurt Fußball AG in die Kicker-Redaktion und baut öffentlich eine juristische Drohkulisse gegen Zuschauerausschlüsse bei Bundesliga-Spielen  auf. Ein fatales Zeichen. Letztlich betrieb er selbst in diesem Moment genau die „Symbolpolitik“, die er den politischen Entscheidungsträgern vorwarf. Und mehr als das wissenschaftlich nicht haltbare Argument, dass man angeblich erwiesenermaßen wisse, „wo tatsächlich die Treiber der Pandemie sind“ hatte er dann zur Unterfütterung dieser steilen  Aussagen nichts vorzubringen. 

Es waren Aussagen, die ich als verantwortungslos empfand. Wo war in diesem Moment die sonst oft  betonte gesellschaftliche Verantwortung, für die die Eintracht mit ihren Werten so gerne eintritt? Es war beschämend.  Für den Profi-Fußball, aber insbesondere für die Eintracht.   Wie mir zugetragen wurde, hat Hellmann inzwischen in einem offiziellen Eintracht-Podcast seine pauschale Politik-Schelte öffentlich erneuert. Das macht es nicht besser und ist in meinen Augen falsch.

Was bleibt uns nach diesen letzten Gefühlsregungen zu sagen? Wohin geht es mit uns, liebe Eintracht? Hat das eine Zukunft?

Um ehrlich zu sein fehlt mir die Perspektive, wie wir wieder zueinander finden. Ich sehe wie gesagt keinen Ansatzpunkt, wie Emotionen dauerhaft zurückkehren sollten. Und da war es auch wieder Axel Hellmann, der in den letzten Tagen das schöne Bild einer „Weggabelung“ verwendet hat. Er sagte, dass es an dieser Weggabelung für die Eintracht entweder in die eine Richtung zu einem Investor geht oder in die andere Richtung dahin, wo sich der 1. FC Kaiserslautern befindet. Und er meinte, wenn ich ihn richtig verstanden habe, dass die Eintracht in diesem Spannungsfeld ihren eigenen Weg finden müsse. Wie gesagt: Ein schönes Bild. Wir befinden uns in einer Zeit der Weggabelung. Und wenn dem so ist, liebe Eintracht, dann werden sich unsere  Wege hier trennen. Ich weiß, in welche Richtung du weiter gehen wirst. Du wirst wohl nicht den steilen Trampelpfad eines Lars Windhorst  einschlagen. Aber du wirst auch ganz sicher nicht auf den Betzenberg-Fernwanderweg einbiegen. Und ich weiß für mich dann auch, dass der gemeinsame Weg an dieser Weggabelung endet. Und ich werde dann genau hier zurück bleiben. Liebe Eintracht, ich versuche die Beweggründe für dieses Zurückbleiben noch mal zusammenzufassen:

Mir ist sportlicher Erfolg um jeden Preis nicht mehr wichtig. Wie gesagt: Ich sehe es in keiner Weise als ein erstrebenswertes Ziel an, dass du liebe Eintracht einmal die Champions League erreichst. Ich brauche es nicht, dass du dich in einem Wettbewerb eines zweifelhaften Verbandes mit zweifelhaften Konstrukten wie Manchester City, RB Salzburg oder PSG  misst. Und damit steht selbstverständlich die Grundlage  eines Fan-Daseins komplett  in Frage. Es wäre ja geradezu schizophren, Anhänger eines Vereins zu sein, dem man im Zweifel nicht den maximalen sportlichen Erfolg wünscht.

Liebe Eintracht, du wirst nun vielleicht dagegenhalten und sagen: „Warte es mal ab, bis das Stadion wieder voll ist. Warte, bis es auf dem Weg vom Bahnhof Sportfeld zum Stadion wieder nach Bratwurst duftet, bis am Gleisdreieck wieder frisches Bier und kühler Ebbelwoi fließt, bis Im Herzen von Europa in einem ausverkauften Stadion erklingt und bewerte dann die Lage noch mal neu.“ Ja, das ist ein guter Einwand und zur Wahrheit gehört: Ich weiß es nicht, wie sich das anfühlen würde. Einerseits kann ich mir durchaus vorstellen, dass ich dadurch getriggert würde, wenn ich solchen Reizen ausgesetzt wäre. Auf der anderen Seite kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich mir gegenüber im neuen Deutsche Bank Park noch mal diese Selbstverarschung aufrechterhalten kann, dass es ja eigentlich noch immer das Waldstadion ist. Ich weiß nicht, ob ich vor einem Heimspiel z.B. gegen die TSG Hoffenheim, wenn „Im Herzen von Europa“ läuft, noch einmal ausblenden kann, dass du dich in der Pandemie lieber einer schäbigen Initiative von Rummenigge an den Hals geworfen hast, als auf eine solidarische Lösung  aller Profi-Vereine zu setzen. Und Eintracht, ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich dich im vollen Stadion mit Bratwurst und Bier  wieder unbeschwert abfeiern kann, wenn du einerseits happy bist, weil der Hauptsponsor Indeed so hervorragend zur Wertematrix der Eintracht passt und gleichzeitig  Eintracht-Verantwortliche ganz offen davon sprechen, dass die Partnerschaft zwischen der Deutschen Bank und der Eintracht Frankfurt Fußball AG die „Zukunft dieses Clubs“ sichert. Auch über den Ansatzpunkt in der Eintracht-Wertematrix für den Ärmeldruck von DPD oder für Partnerschaften mit Unternehmen wie Uber-Deutschland muss ich wohl erstmal einiges an Fantasie entwickeln, bevor ich im Stadion wieder unvoreingenommen bei einem Wettbewerb mit „Vereinen“ wie  Bayern München, RB Leipzig und Wolfsburg mitfiebern könnte.

Aber das klingt jetzt möglicherweise alles schon wieder viel anklagender, als es eigentlich gemeint ist. Du bist nicht „Schuld“, liebe Eintracht. Wenn überhaupt, bin ich selber mindestens genau so „Schuld“, da ich den ganzen Zirkus lange mitgemacht habe und mich trotz klarer Faktenlage auf diese ganze Nummer  eingelassen habe.  Es ist daher alles  in Ordnung zwischen uns.

Wir sind an einer Weggabelung und du gehst deinen Weg, liebe Eintracht. Du gehst den Weg, in dem es aus deiner Sicht sinnvoll  ist, dich  über deine „Reichweite“ und dein  „Markenbild“ zu definieren. Ich kann nachvollziehen, dass es aus deiner Sicht notwendig  ist, „nicht zu kommerziell zu  werden“ aber dass du „gleichzeitig kommerziell mithalten“ musst. Ich  bin ehrlich gesagt froh, dass ich diesen Widerspruch nicht moderieren und auflösen muss.

Ich bleibe hier zurück. Ich werde meine frei gewordene Zeit in den Amateur-Fußball investieren. Denn der Fußball bleibt ein geiler Sport, dem man sich zuwenden sollte. Und liebe Eintracht, glaube nicht, dass der Amateur-Fußball die Insel der Glückseeligen sei. Das kann ich aus Erfahrung ausschließen.  Auch dort gibt es viele der Auswüchse des Profifußballs, nur eben ein paar Nummern kleiner. Der Unterschied ist aber, dass man durch Engagement und Initiative tatsächlich hier und da noch Dinge zum Positiven wenden kann. Man ist den Mechanismen weniger hilflos ausgeliefert. Man kann Sachen verändern und gestalten.  

Liebe Eintracht, so gehst du deinen Weg, ich gehe meinen Weg. Ich werde dich aus der Ferne vermutlich nie ganz aus meinem Leben löschen können. Wenn die Bundesligaergebnisse irgendwo eingeblendet werden, dann werde ich immer zuerst nach deinem Ergebnis suchen. Da bin ich Pawlowscher Hund. Liebe Eintracht, gehe wertschätzend mit deiner Anhängerschaft um, denn darunter befinden sich wirklich großartige Leute! Aber das weißt du vermutlich selber.  Ich verabschiede mich an dieser Stelle von dir ohne Groll und mit den besten Wünschen.

Und diese Zeilen können vermutlich nicht verheimlichen, dass ich meine Gedanken und Emotionen immer noch nicht klar habe. Ich bin kein Freund davon, Hintertüren offen zu halten. Aber es ist ja auch selten  sinnvoll, dass man im Leben Türen endgültig zuschlägt. Und daher…. wie soll ich sagen?  Also, wenn es irgendwann mal wieder gegen Rot-Weiß Essen geht…..oder Dynamo Dresden, den KSC oder auf den Betzenberg….

Oder wenn du glaubwürdige Zeichen senden würdest, dass du in die gleiche Richtung gehen willst, wie es in dem Forderungskatalog des NWK-Rats vom Mai 2020 zusammengefasst ist, dann könnte ich mir vorstellen, dass wir uns wieder näher kommen.  Wie realistisch das ist, das kannst du liebe Eintracht vermutlich besser beurteilen als ich.

Aber um noch mal abschließend zur Ausgangsfrage zurück zu kommen: Eintracht, kriegen wir das wieder hin?

Mein Zwischenfazit ist ein eindeutiges nein.

Realistisch ist es derzeit nicht, dass wir da irgendwie wieder zusammen kommen. Ausgeschlossen ist, dass alles so wird, wie es vorher war. Wie soll das funktionieren? Das ist eine Erkenntnis, die mir zu schaffen macht und mich nicht kalt lässt. Klar, es war alles nur Fußball. Aber die Emotionen waren echt. Und die bleiben für immer ein Teil meines Lebens. Und es wird mir einiges auch fehlen. Danke für die Zeit und die Emotionen, liebe Eintracht!

Mach‘s gut, Eintracht! Wir werden sehen…

Und allen Eintracht-Anhänger*innen überall auf der Welt ein gesundes neues Jahr!

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

7. Etappe: „Aux Champs-Elysées!“

Bis kurz vor fünf hält die Betäubung durch die Berliner Luft an. Danach werden wir immer wieder von am Fenster vorbei donnernden LKWs aus dem Schlaf gerissen. Neben dem Lärm ist es verdammt heiß in unserem Zimmer. Wir schwitzen vor uns hin und versuchen trotz des Lärms noch einmal in den Schlaf zu finden. Die zwischenzeitliche Idee, die Fenster zu schließen wird nach kurzer Testphase verworfen. Der Muff des Zimmers und die hohen Temperaturen lassen uns das Fenster dann doch wieder auf Kipp stellen. Wir dösen und schwitzen vor uns hin, aber eine richtige Tiefschlafphase will sich nicht mehr einstellen. So sind wir fast schon erleichtert, als um 7:30 Uhr der Wecker klingelt und uns aus dieser unruhigen Nacht erlöst. Nach einer umfänglichen Dusche freuen wir uns auf das Frühstück. Wir träumen von Antipasti-Tellern, frischen Ciabatta-Brötchen und professionell  aufgebrühtem Cappuccino.  So wie es sich halt für ein italienisches Restaurant gehört. Leider ist das Frühstück, welches uns dann im „Hotel am Wutzsee“  angeboten wird eher das genaue Gegenteil von unseren Träumen. Lausig:  Brötchen, die beim Aufschneiden zu Staub zerfallen, lieblos auf einen Teller geschmissener Kochschinken und vertrockneter Scheibenkäse, katastrophaler Kaffee und auf Sirup-Basis hergestellter O-Saft.  Irgendwas quälen wir uns trotzdem rein und verlassen dann schnellstmöglich den  Frühstücksraum. Abfahrt wird für 9:30 Uhr vereinbart. Einige ziehen sich noch einmal aufs Zimmer zurück, andere schlendern zum nahegelegenen Wutzsee.

Heute wird von den Temperaturen der heißeste Tag der Radtour, das ist jetzt schon zu spüren. Die Sonne gibt alles am wolkenlosen Himmel. Wir blinzeln ins grelle Licht beim Blick über den See. Tolles Panorama schon wieder. Mit einem guten Kaffee wären diese Momente am Morgen in Lindow sogar noch besser auszuhalten. Aber die einzige Location, die aussieht, als hätte sie guten Kaffee im Angebot, hat noch geschlossen: „Die Süße Ecke“.  Wir genießen trotzdem die morgendliche Ruhe in der „Stadt zwischen den drei Seen“. Eine steinerne Nonne im seichten Wasser in Ufernähe erinnert an das  Klosterleben, welches hier in dieser wunderbaren Umgebung seit dem 13. Jahrhundert zur Ansiedlung von Menschen geführt hat. Wir belesen uns auf Infotafeln über die Geschichte der Stadt und die Highlights im Naturpark Stechlin-Ruppiner Land, bleiben an einem vor sich hin drehenden Wasserrad stehen, beobachten Schwärme von kleinen Fischen im klaren Wasser des Uferbereichs, verweilen auf einer Bank mit Blick über den See und lassen diesen wunderbaren Morgen auf uns wirken.

Ein erstes Gefühl von Wehmut stellt sich ein. Schließlich wird unsere Radtour heute zu Ende gehen. Gleich werden wir das letzte Mal unsere Satteltaschen packen, das letzte Mal die Zimmer kontrollieren, ob wir auch nix vergessen haben, das letzte Mal die Rechnung für die Zimmer begleichen und uns das letzte Mal auf das Rad schwingen und eine Tagesetappe in Angriff nehmen. Heute Abend wird die Radsportgruppe nicht an irgendeinem fremden Ort mit betrunkenen Schädeln ins Bett fallen und sich morgen aufs Neue auf den Weg machen, heute Abend wird jeder – vermutlich auch mit betrunkenem Schädel  –  ins eigene Bett sacken.

Ein letztes Mal gilt es also die zur Gewohnheit gewordenen tagesvorbereitenden Maßnahmen einzuleiten. Somit schlendern wir allmählich zur Unterkunft zurück, erledigen, was zu erledigen ist und schieben wenig später unsere Fahrräder mit den gepackten Satteltaschen vom Hinterhof.  Den Rauchern unter uns gönnen wir noch eine Aufbruch-Zigarette und planen dabei sorgfältig die nächsten Knotenpunkte. Kurz drauf rollen wir los und verlassen über die Ernst-Thälmann-Straße dieses ganz wunderbare Lindow (Mark).

Einige Mitglieder der Radsportgruppe treten von Anfang an mächtig in die Pedale und so zieht es uns weit auseinander, so dass wir uns zeitweise aus den Augen verlieren. Die Tempomacher verpassen dann allerdings den Abzweig des Radweges nach links und heizen durch hügeliges Gelände bis ins kleine Dorf Vieliz durch. Dort angekommen, bemerken wir, dass wir umkehren müssen. Wie sagt man so schön? „Die Ersten werden die letzten sein“. Jetzt könnten wir uns natürlich darüber ärgern, aber zum einen erhöhen Umwege ja bekanntlich die Ortskenntnis und zum anderen wäre uns dieser imposante  Blick über das Südufer des Vielitzsees verwehrt geblieben, wenn wir den Abzweig auf Anhieb genommen hätten. Und so stehen wir da und sind schon wieder einfach nur beeindruckt von der Naturkulisse:  Sanfte Hügel, in deren Mitte der azurblaue Vielitzsee strahlt, umrahmt von einem stattlichen Schilfgürtel, vereinzelt saftig-grünen  Trauerweiden, die das Ufer säumen und das Ganze wird wiederum von goldenen Kornfeldern umrandet. In einer Bucht des Sees ankern beeindruckende Motoryachten, die im Sonnenlicht strahlendweiß leuchten, im Hintergrund vereinzelte Bauernhäuser mit roten Dächern und um uns herum jagen Mauersegler  im Tiefflug.  Wir radeln daher kein Stück schlecht gelaunt die Kilometer zurück bis zum richtigen Abzweig und biegen dann ein in den Radweg Richtung Großmutz.

Es geht erstaunlich hügelig zur Sache, aber wir sind ganz gut in Form und genießen das Wetter, die Landschaft und den Radweg. Wir lassen das Gästehaus der deutschen Bundesregierung, das Schloss Meseberg, links liegen und machen entlang endloser Korn- und Maisfelder  ordentlich Meter. Wir erreichen früher als erwartet Löwenberg.  Da es gerade gut läuft und es noch früh am Tage ist, entscheiden wir uns, auf den hier geplanten  Einkehrschwung zu verzichten und weiter zu metern. Somit haben wir weder ein  Auge für das Löwenberger „Waldstadion“ zu unserer Rechten, noch für den Bahnhof und rollen weiterhin zügig den Radweg an der viel befahrenen B 167 entlang. Kurz vor dem Ortsausgang Löwenberg zweigt der Radweg zum Glück nach links ab und es geht weg von der lauten Bundesstraße und von jetzt ab an Feldern und Viehweiden durch eine hügelige aber ruhige Landschaft. Wir erreichen schließlich einen Wald und nun geht es plötzlich in einem wilden Ritt über einen wunderbar frisch asphaltierten Radweg am Ufer des Großen Lanksees entlang. Es geht bergauf und bergab, enge Kurven folgen auf steile Abfahrten, extreme Anstiege lassen uns hektisch schalten, Haarnadelkurven in Abfahrten lassen die Bremsen quietschen. Aber es macht Spaß durch dieses Gelände zu rasen. Wir bemerken vor allem auch einen Trainingseffekt aus den letzten Tagen. Die Steigungen haben ihren Schrecken verloren, wir bewältigen dieses durchaus anspruchsvolle Gelände ohne dass es wirklich weh tut. So geht es auch noch vorbei am Weißen See, wir lehnen uns in die Kurven  und der wilde Ritt nimmt erst unmittelbar vor dem Schloss Liebenberg ein Ende. Hier müssen wir halten, um uns im Knotenpunkt-Netz neu zu orientieren. Wir bewundern das Schloss, welches sich wie in einem Grimm’schen  Märchen in die Landschaft bettet.

 Hier findet an den Adventswochenenden übrigens  ein ganz wunderbarer Weihnachtsmarkt statt. Leider ist dieser längst kein Geheimtipp mehr, und so schieben sich an diesen Wochenenden vor Weihnachten  tausende Öko-Prenzlauer-Berg-Familien und sonstige Hauptstadt-Hippster über das Gelände des Liebenberger Schlosses und fressen den eingeborenen Brandenburgern an den Feuerschalen das Lángos und die heißen Maronen weg und fahren dann in ihren Carsharing-Fahrzeugen, glühwein-beseelt zurück in ihr urbanes Lebensmodell. Da kann  einem die Lust am Weihnachtsmarktbesuch durchaus auch mal vergehen. Aber wer will bitteschön an diesem Bilderbuch-Sommertag schon einen Gedanken an die Vorweihnachtszeit und an irgendwelche Hauptstadt-Hippster auf Abwegen verschwenden?

Dann lieber schnell weiter. Wir folgen nun für einige hundert Meter der dicht befahrenen B 167 und biegen am Knotenpunkt 3 in Richtung Süden in den Wald ab. Nun geht es über sehr holprige Wege. Als der Wald endet, radeln wir durch endlose Rinderweiden. Plötzlich taucht vor uns ein Traktor mit einem langen Anhänger auf, der einen tonnenschweren Bagger transportiert. Wir haben die spontane Idee, dass wir direkt in den Windschatten des Hängers  fahren. Das funktioniert einerseits ziemlich gut, es ist fast ein Sog, in dem man gar nicht treten muss, um vorwärts zu kommen. Gleichzeitig dämmert es uns, dass es keine besonders gute Idee ist, mit null Voraussicht bei hohem Tempo mit einem Abstand von 50 cm einem tonnenschweren Gerät hinterher zu jagen. Vor allem, wenn man die zentimetertiefen Schlaglöcher, die hier regelmäßig auf dem mittelmäßig asphaltierten Feldweg auftauchen, in die Bewertung der Lage mit einbezieht. Daher brechen wir das Experiment schnell ab und lassen dem Traktor mit seiner Last einen Vorsprung. Und auch ohne Windschatten kommen wir ganz gut voran. Wir durchqueren Neuholland und treffen auf die Alte Havel, die wie ein kleiner Bach vor sich hin fließt. Dieser Bach stellt zwar den ursprünglichen Verlauf der Havel da, das Wasser der Havel wird aber inzwischen über die „Schnelle Havel“ bzw. den sogenannten Havel-Kanal geleitet. Kurz vor Liebenwalde werden endlose Kartoffelfelder umfänglich durch imposante Fontänen gewässert. Wir treffen wieder auf die B 167 und überqueren auf dem parallel verlaufenden Radweg wenig später die „Schnelle Havel“. In Liebenwalde sind wir kurzzeitig orientierungslos, steuern dann aber zielsicher die Marina an. Ein wütender Autofahrer brüllt uns aus dem runter gelassenen Seitenfenster an: „Fahrt auf dem Radweg, ihr Wichser!“ Der Radweg seit Hamburg, die Elbe und die Brandenburger Landschaft  haben uns aber in den letzten Tagen in einen solchen Entspannungsmodus versetzt,  dass wir solche Erbärmlichkeiten  nur  noch lächelnd zur Kenntnis nehmen.

Wenig  später finden wir uns gut gelaunt auf der Terrasse der Marina Liebenwalde wieder. Hier trifft die Havel auf den alten Finowkanal. Nach dem wir in der Schlange am Imbiss in gebührendem Abstand lange anstehen müssen, sitzen wir kurz darauf mit großen, kühlen Bieren am Tisch unter dem großen Schöfferhofer-Sonnenschirm. Mit Erstaunen nehmen wir nebenbei zur Kenntnis, dass wir bereits über 50 Tageskilometer runter geradelt sind. So spät am Tag gab es auf der ganzen Radtour noch keine erste Bierpause. Aber gut, am letzten Tag reißen vermutlich immer irgendwelche unliebsamen Sitten ein.

Es ist inzwischen ziemlich heiß geworden, das Thermometer geht entschlossen auf die 30 Grad zu. Wir sorgen für Getränke-Nachschub, quatschen uns dusselig und ziehen den Einkehrschwung in die Länge. Vermutlich auch aus dem Grund, weil wir im Hinterkopf haben, dass es einer der letzten Einkehrschwünge der Radtour sein wird. Wasserwanderer in roten Kajaks ziehen auf dem Kanal vorbei, größere Sportboote warten darauf, dass die Zugbrücke, wie angekündigt, um 13:30 Uhr hoch gezogen wird und sie freie Fahrt die Havel runter  haben.

Das Wasser, welches hier in Liebenwalde die Havel entlang fließt, wird in einigen Tagen vermutlich auch an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen und an Strand Pauli vorbei fließen. Da wo unsere Tour vor 6 Tagen ihren Anfang nahm und wo wir ebenfalls bei gutem Wetter und kühlen Getränken eine super  Zeit hatten. Und das Wasser der Havel wird sich vermutlich ähnlich lange Zeit lassen, wie wir auf unserem Weg. Gut so. Es fühlt sich fast so an, als würde sich hier ein Kreis schließen.

Irgendwann brechen wir dann aber doch auf und nehmen nun die letzten Kilometer unserer Radtour in Angriff. Es geht ab jetzt auf dem Radweg Kopenhagen-Berlin in Richtung Hauptstadt. Es ist noch mal heißer geworden und während wir durch wunderbar sommerliche Landschaften rollen, schwitzen wir vor uns hin. Wir nähern uns der Berliner Stadtgrenze. Die Stimmung ist gelöst. Wir wissen nun, dass uns nicht mehr viel passieren kann. Wir werden unser Ziel planmäßig erreichen. Und wir haben unsere Tour von Hamburg nach Berlin ohne größere Unwägbarkeiten und Pannen überstanden. Keiner ist unterwegs krank geworden, keiner hat sich ernsthaft wehgetan und Kyritz an der Knatter ist längst vergessen. Wir hatten keinen Stress und gerade deswegen fällt Anspannung von uns ab. Wir  blödeln rum auf dem Rad und machen Faxen.  Als das Ortsschild „Berlin“ passiert wird, stimmt die Radportgruppe wirklich unabgesprochen  „Aux Champs-Elysées“ an. Und so rollen wir an unserem Zielort ein. Wir hatten vorher schon geplant, dass wir zum Ende der Tour bei einem Mitglied der Radsportgruppe in der Gartenlaube an der Stadtgrenze die Tour bei einem entspannten Grillen ausklingen lassen. Und das war ein ganz ausgezeichneter Plan. Wir sitzen gut gelaunt zusammen, lassen die Radtour bei kühlem Bier und frisch gegrilltem Fleisch revuepassieren und genießen die letzten gemeinsamen Minuten.

Was für eine geile Truppe, diese Radsportgruppe! Wir haben eine Woche jede Minute miteinander verbracht, es gab nie Streit oder auch nur das entfernteste Zeichen von Un-Entspanntheit. Wir haben uns prächtig verstanden und einfach nur Spaß und eine tolle Zeit zusammen gehabt.

Schließlich trennen sich hier an der Gartenlaube dann die Wege der Radsportgruppe. Irgendwann  radelt ein jedes Mitglied, gut gesättigt und mit einigen Umdrehungen  im Kopf, seiner  eigenen Wege.

Die einzelnen Abschnitte und Erlebnisse der hinter uns liegenden Reise  verschwimmen in unserer Erinnerung zu einer einzigen, wunderbaren Sommer-Geschichte. Wir haben zusammen gelacht, wir haben gelegentlich zusammen geflucht, wir haben zusammen Sport gemacht, sind ständig zusammen angekommen und ständig zusammen aufgebrochen, haben zusammen eindrucksvolle Landschaften durchradelt.  Wir haben gut gegessen und sicherlich zu viel gesoffen. Aber wir haben gemeinsame Geschichten erlebt und werden uns noch in Jahren gut gelaunt die Anekdoten dieser Radreise erzählen.  Obwohl wir mit 8 Leuten auf engem Raum und rund um die Uhr zusammen waren, gab es nie Streit, nie auch nur den Ansatz von Stress. Wir hatten einfach eine unbeschwerte, erholsame Zeit. Jeder einzelne dieser 8 Leute hat diese Tour auf seine Art bereichert und geprägt und dazu beigetragen, dass es so eine geile Radtour wurde. Wenn nur einer dieser 8 gefehlt hätte, wäre es nicht so schön geworden.

Wir sind in diesen Tagen nicht nur durch wunderbare Landschaften geradelt, sondern haben auch ein Land durchquert, das in allen Bereichen dieser durchaus ungewöhnlichen Zeit trotzt. Wir sind Menschen begegnet, die aus den erschwerten Bedingungen der Pandemie das Beste zu machen versuchen. Die nicht jammern, sondern mutig und entschlossen anpacken. Seien es die Betreiber von „Strand Pauli“, die Wirte des „Von Herzen“, der Hansa-Rostock-Barkeeper in der Beach-Lounge in Lindow und all  die anderen unzähligen Gaststätten-Betreiber entlang des Weges, die unseren Durst gestillt haben.  Wir haben in den Begegnungen mit den Menschen nichts von  dem Hass gespürt, der in  diesen Pandemie-Zeiten offenbar in den sogenannten „Sozialen Medien“ tobt. Nein, das sogenannte „Real-Life“  hat sich verdammt gut angefühlt da draußen. Auch in diesen ungewöhnlichen und für viele Leute schwierigen Zeiten.

Und aufgrund dieser tollen gemeinsamen Zeit, schwingt natürlich ein bisschen Wehmut mit, am Ende unserer Tour. Gleichzeitig ist da aber auch einfach Freude über die Erlebnisse der letzten  Tage und die Gewissheit, dass die nächsten Radtouren längst geplant sind.

Und zuhause warten auf uns Menschen in ungeduldiger Vorfreude, auf die man sich selbst schon seit Tagen  freut. Und ein größeres Glück kann es ja eigentlich  gar nicht geben.  

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

6. Etappe: Hakuna Matata im Ruppiner Land

Gegen 7:45 Uhr erwachen wir aus einem entspannenden Tiefschlaf. Bis auf die abgelaufenen Oettinger-Hefeweizen sind offenbar alle befürchteten nächtlichen Gruselgeschichten ausgeblieben oder wir haben sie zumindest verpennt. Wir strecken uns zufrieden in unseren Betten und genießen die ersten Sonnenstrahlen, die durchs Zimmerfenster schießen. Selbst unser Schädel scheint die letzten Oettinger ohne beleidigten Schmerz hingenommen zu haben. Auch ein Pringles-Chips-Massaker im Bad ist offenbar ausgeblieben in der letzten Nacht. Mal sehen, was uns Klaus gleich für ein Frühstück auftischen wird. Routiniert  erledigen wir die notwendigen morgendlichen Hygiene-Maßnahmen im Bad und schlurfen wenig später in Richtung des großen Aufenthaltsraums im Erdgeschoss, in dem Klaus und seine Frau zu Nicht-Corona-Zeiten auch Gastronomie betreiben.  In diesem Corona-Jahr hätte es sich laut Klaus aber nicht rentiert, die Kneipe aufzumachen, daher beschränken sie sich auf das Angebot von Gästezimmern. Klaus ist schon top-fit und empfängt uns mit einem grinsenden: „Na Männer, war auch wirklich keins der letzten Biere schlecht gewesen?“ Wir erwidern ebenfalls grinsend: „Nee Klaus, die letzten Biere waren ganz hervorragend, sehr erfrischend.“ Darauf Klaus: „Dann setzt euch mal hin Jungs. Kaffee, wa? Oder trinkt bei euch etwa jemand Tee?“ Wir: „Nee Klaus, Kaffee is top!“ Klaus‘ Frau, die freundlich aus dem Hintergrund nickt und deren Namen wir bis zur Abreise nicht herausfinden, tischt kurz darauf am wunderbar  eingedeckten Tisch für acht Leute auf. Und was sie anschleppt toppt alle unsere Erwartungen. Frische Brötchen, die absolut okay sind, selbstgemachtes Pflaumenmus, üppiger Käseteller und eine riesige Platte mit hausgemachter Wurst. Klaus bringt die Kaffee-Kanne vorbei und erklärt: „So Jungs, die Wurst ist aus eigener Schlachtung und eigener Herstellung, alles Bio, die Marmelade hat meine Frau gemacht und der Honig ist von meinem Kumpel. Alles Produkte aus der Region. Nur Kaffee-Züchten können wir noch nicht.“  Am geilsten sind die daumendick aufgeschnittenen Salamischeiben aus der eigenen Wurstproduktion von Klaus. Siehst du Tönnies, so wird das gemacht! Auf jeden Fall ein richtig geiles Frühstück, was Klaus und seine Frau da für uns auffahren. Dazu haben sie die komplette Fensterfront zur großen See-Terrasse geöffnet und es strömt herrlich frische Seeluft zu uns herein. Wir stärken uns umfänglich für den Tag mit den von Klaus angerichteten Leckereine. Super Frühstück! Der Kaffee ist zwar dünn, aber da wir uns entschließen, die zweite und dritte Runde Kaffee draußen auf der großen Terrasse direkt am See zu uns zu nehmen, ist auch das in Ordnung.

 Die Morgensonne sorgt für extremes Glitzern auf dem See, die Wassseroberfläche glatt wie ein Spiegel, strahlend blauer Himmel, blühende Seerosen, riesige Fische streifen die Wasseroberfläche und verschwinden in der Tiefe, Schwalben jagen knapp über der Wasseroberfläche, ein Kormoran geht erfolgreich auf die Jagd und verschlingt seinen dicken Fisch sofort. Ein mutiger Schwimmer zieht schon zu dieser frühen Stunde seine Bahn über den See. Was  ist denn das für  ein unfassbar schöner Ausblick hier direkt am Ufer der Kyritzer Seenkette zu morgendlicher Stunde? Was für eine Natur, was für ein Schauspiel! Wir blinzeln zufrieden in die Sonne, lassen die Naturkulisse auf uns wirken, nippen am dünnen Kaffee und sind mit uns und der Welt im Reinen.

Jetzt ist es auf einer Radtour zwar nicht wie beim alten Dichterfürst: Man wird nicht in Fesseln geschlagen und man geht erst Recht  nicht zugrunde, wenn man zu einem Augenblicke sagt: „Verweile doch, du bist so schön!“ Allerdings ist man irgendwie auch immer ein Getriebener. Die 70 Kilometer bis nach Lindow (Mark) müssen heute halt  absolviert werden. Und da kann man sich nicht ewig auf dieser geilen Terrasse von Klaus mit dem noch geileren Ausblick auf die Kyritzer Seen aufhalten, so schön das hier auch alles sein mag. Nein, man muss irgendwann die Tagesvorbereitung einleiten. Und so machen wir uns an die übliche morgendliche Tagesroutine. Das vor der Radtour so sorgfältig ausgeklügelte Ordnungssystem in den Fahrradtaschen wird von Tag zu Tag mehr über den Haufen geworfen. Wir stopfen inzwischen quasi nur noch irgendwie alle Sachen in die Taschen, Hauptsache es kommt alles mit.

Kurz darauf finden wir uns vor der „See-Idylle“ wieder, herzliche Verabschiedung von Klaus (Ehrenmann!)  und seiner Frau (Ehrenfrau!). Wir rollen am See-Ufer entlang, der Kellner vom „Casa Nostra“ winkt uns von seiner Terrasse aufmunternd zu und brüllt „Gute Fahrt Männer!“ und wir suchen nach den ersten Knotenpunkten. Wir verlassen Wusterhausen/Dosse und radeln zunächst über eine kleine, unbefahrene Landstraße. Weite abgemähte Stoppelfelder säumen den Weg, auf denen weit verstreut runde Strohballen liegen. Wir rollen uns gut ein.  Am Horizont tauchen immer wieder kleine Kirchtürme auf, die ein zu durchfahrendes Dorf ankündigen. In den Dörfern scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Alte Frauen mit Kopftüchern wenden auf kleinen Wiesen das gemähte Heu mit der Hand bzw. mit großen Rechen. Direkt daneben zahlreiche Weißstörche, auf der Suche nach Beute. In Vorgärten schnattern weiße Gänse, Hühner scharren über Wiesen und ein Esel ruft von irgendwoher. Stockrosen stehen in den Gärten  in voller Blüte, weiße Bettwäsche weht auf den Leinen sanft im Wind. Wir überholen ein Pferd, welches einen alten Leiterwagen mit Brennholz samt dem Kutscher zieht.  Sonstiges Verkehrsaufkommen gleich Null. Wir radeln wortlos durch diese endlose Weite. Wir durchqueren eine Landschaft, die sich vermutlich nicht grundlegend verändert hat, im Vergleich  zu der Zeit, als hier der gute alte Theo (Fontane) vor 150 Jahren seine Streifzüge durch die Mark Brandenburg dokumentiert hat. Wenn die zahlreichen Windräder zur Stromerzeugung nicht wären, würden wir uns wie Akteure in Theos alten Büchern fühlen.

Kurz hinter dem kleinen Dorf Werder überqueren wir auf einer Brücke die dicht befahrene A24. Der Verkehr unten tost lautstark vor sich hin. Hier kann man das, wofür wir uns  6  Tage Zeit nehmen, locker in 2,5 Stunden bewältigen: Der Weg von Hamburg nach Berlin.

Kurz hinter der Autobahnbrücke wieder Getreideernte. Drei Mähdrescher fahren in einer Formation neben einander her und erzeugen weithin sichtbare Staubwolken. Die Allergiker in der Radsportgruppe fluchen.

Die riesigen Windräder prägen das Landschaftsbild. Kurze Trinkpause in Kränzlin und dann reiten wir auch schon ein in der Fontane-Stadt Neuruppin. Wir müssen uns kurz orientieren, die Wegeführung ist unübersichtlich, dann entdecken wir den Wegweiser „Zentrum“ und finden uns kurz darauf in einer wuseligen Fußgängerzone wieder. Wir sind beeindruckt vom Betrieb, der hier herrscht. Nach tagelang nur Elbdeich und Abgeschiedenheit in der Prignitz kommt uns Neuruppin fast wie eine pulsierende Metropole vor. Es ist Markttag und es herrscht rege Aktivität vor dem Rathaus. Wasserfontänen sprudeln vor sich hin, unzählige Menschen drängeln in gebührendem Sicherheitsabstand über den Marktplatz.  Irgendwo spielt ein Mann mit einer Gitarre und einem Verstärker „Paint It Black“ von den Stones. Über App und einen aufgestellten Stadtplan orientieren wir uns und rollen dann langsam über enge Kopfsteinpflaster-Straßen Richtung See, dass die Satteltaschen nur so klappern. Wir passieren eine Kneipe, in der offenbar Henninger-Bier ausgeschenkt wird. Das „Alte Kasino“ direkt an der Seepromenade überzeugt uns mit einer Theorie, wonach Schnitzel-Fressen „Facelifting“ sei und wir erobern die große Terrasse zur Seeseite.

 Was für ein Ausblick schon wieder! Zahlreiche Sportboote und imposante Segelyachten ziehen gemächlich  über den in der Sonne funkelnden Ruppiner See. An einem Steg direkt vor uns sind die kleinen Hausboote von „Tom Sawyer Tours“ festgemacht und warten auf die  nächsten Charter-Touris.  

Die Turmuhr der Klosterkirche Sankt Trinitatis schlägt 12 und im „Alten Kasino“ gibt es nun endlich das erste Radler des Tages.  Als Energie-Lieferant gegen nachmittägliche Hunger-Äste wird ein Semmelknödel an Rahmpfifferlingsragout geordert. Der Chef kellnert persönlich im Alten Kasino und ist dem ersten Anschein nach ein sehr entspannter Mensch. Er bringt uns zuverlässig immer wieder neue Getränkerunden. Irgendwann sagt er: „So Jungs, ihr bekommt jetzt das aller letzte jemals im Alten Kasino ausgeschenkte Kristall-Weizen. Meine Bestände sind leer und aufgrund der geringen Nachfrage fliegt das Kristall bei mir aus dem Sortiment.“ Wir sind beeindruckt und trinken feierlich dieses fast schon historische Bier.  Der Semmelknödel mit den Pfifferlingen kurz darauf ist ausgezeichnet. Es ist schon wieder alles unfassbar geil hier.  Was für schöne Momente in Neuruppin!

Aber es wurde ja bereits mehrfacht thematisiert: Eine Radtour ist ein ständiges Ankommen und Aufbrechen. Und so schön das hier im Alten Kasino auch ist, die nächsten schönen Momente warten woanders schon ungeduldig auf uns und wollen dringend erlebt werden. Und so schwingen wir uns dann wieder auf die Räder, rollen gemächlich die Seepromenade entlang und lassen den imposanten Ausblick  auf uns wirken. Wir passieren die „Fontane-Therme“ in der man hier insbesondere in der grauen Jahreszeit ganz hervorragend Wellness betreiben kann. So geht es noch einige Zeit am Ruppiner See entlang und nach einer Kanal-Brücke, an der umfangreiche Bauarbeiten durchgeführt werden sind wir orientierungslos. Eine Passantin fragt: „Na Jungs, kann ich helfen?“ Wir: „Ja, wir wollen nach Alt-Ruppin.“ Sie darauf: „Na Männer, dann folgt hier mal nicht dem Radweg sondern fahrt dort rechts Richtung Nietwerder und in Nietwerder wieder links. Dann kommt ihr auch an und ihr erspart euch Landstraße und eine lange Steigung.“ Nette Menschen hier, wir beherzigen den Tipp und kommen tatsächlich ohne Landstraße und ohne Steigung in Alt-Ruppin an. Und in Alt-Ruppin reißt unsere Glückssträhne nicht ab. Wir  finden einen Getränkemarkt. Gute Gelegenheit, um die Wasser-Reserven aufzufüllen. Und gleichzeitig hat irgendjemand die sehr gute Idee zwei Flaschen Berliner Luft zu kaufen. Die Kassiererin kommentiert den Einkauf einer Flasche Gerolsteiner Naturell und zwei Flaschen Berliner Luft mit „Geile Kombi“. Profi-Wissen. Die Flaschen werden in den Satteltaschen verstaut und dann geht es wieder aufs Rad.

Kurz darauf irren wir durch Alt-Ruppin und wissen nicht so richtig wohin. Eine Radweg-Beschilderung ist nicht zu finden. Zum Glück werden achtsame Einheimische auf uns aufmerksam und fragen zuvorkommend: „Könn wa helfen?“ Und klar können sie helfen. Nach kurzer Erklärung der Einheimischen wissen wir, wie wir Richtung „Zippelförde“ weiterkommen.  Es geht nun zunächst durch den Wald, immer konstant bergauf. Als der Wald endet lässt die Steigung nicht nach, dafür nimmt der Gegenwind zu. Wir radeln an endlosen, blühenden Sonnenblumenfeldern entlang. Ein traumhafter Ausblick, Tour-de-France-Feeling, aber leider auch in den Beinen. Es ist einfach nur  anstrengend, sich die konstanten Steigungen bei massivem Gegenwind hoch zu quälen. Kurz hinter dem Ortseingang Krangen biegt der Radweg zum Glück scharf rechts ab. Jetzt geht es zwar immer noch leicht bergauf, dafür bläst der Wind nicht mehr von vorne und es geht nach wie vor an endlosen Sonnenblumenfeldern vorbei. Tolle Landschaft!

Nun geht es wieder in den Wald und ab jetzt auch stabil bergab. Leider können wir die Abfahrt nicht wirklich genießen, da zahlreiche Bauwurzeln den Asphalt von beiden Seiten nach oben drücken. Es ist ein Ritt auf der Buckelpiste. Jede Wurzel ist ein kleiner Arschtritt für uns. Dazu immer wieder so heftige Wellen im Asphalt, die einen bei Unaufmerksamkeit jederzeit vom Rad werfen könnten. Es hat was von Rodeo-Ride in Richtung Lindow (Mark). Ein wilder Ritt der uns volle Konzentration abverlangt. Aber wir meistern auch diese Herausforderung und biegen wenig später auf den Radweg neben der viel befahrenen B 122 ein. Wir passieren den „Rhin“, an einer Stelle, wo  zahlreiche Hausboote und sonstige Wasserwanderer Rast machen und überqueren die B 122 in Höhe der Fischzucht Zippelförde an einer heiklen,  da schlecht einsehbaren  S-Kurve. Jetzt geht es wieder durch den Wald, diesmal aber auf angenehmem Untergrund. 

Am Knotenpunkt 73 haben wir die Wahl, ob wir links- oder rechtsrum an unser Etappenziel Lindow gelangen. Von den Kilometern kein großer Unterschied aber hilfsbereite Einheimische raten uns dringend für linksrum. „Viel besserer Radweg und auch keine Steigung.“ Das beherzigen wir natürlich und rollen wenige Minuten später nach einer entspannten Abfahrt in Lindwo (Mark) ein. Im Ortszentrum müssen wir uns kurz orientieren und finden dann aber zielsicher unser Nachtquartier, das „Hotel am Wutzsee“.

Spärlich eingerichtete Zimmer, muffiger Charme, Straßenseite , umfangreiche  Spinnenweben an der Lampe  und eine 1,40 Meter-Matratze für zwei Leute .  Wird kuschelig, aber für eine Nacht wird es schon irgendwie gehen. Vom „Hotel am Wutzsee“ wird gleichzeitig eine „Italienische Gaststätte“ betrieben. Bei diesen „Italienern“ handelt es sich aber, wie in Brandenburg üblich, um Betreiber, die nicht aus Italien sondern  aus Nordmazedonien stammen. Diese Nord-Mazedonier beherrschen aber einige italienische Vokabeln so sicher, dass sie sich vor den Restaurant-Gästen immer wieder kurze Dialoge auf Italienisch zurufen können, um so den Schein der mediterraneren Atmosphäre waren zu können. Wir sichern uns nach kurzem Einrichten in den Zimmern und dem Verstauen und Anschließen der Räder im Hinterhof einen großen Tisch auf der Terrasse des Hotels und ordern erstmal ein Einlauf-Hefeweizen. Wir haben einen  guten Blick auf das rege Treiben am Marktplatz von Lindow. Ziemlich viel los.  Touristen mit bayrischen Kennzeichnen parken vor uns ungeschickt ein und wieder aus, verursachen um Haaresbreite umfangreiche Blechschäden, das Café „Die Süße Ecke“ nebenan ist viel frequentiert und sieht einladend aus, im Hintergrund das Ufer des Wutzsees und rechts von uns schiebt sich eine nicht abreißende Blechlawine über die Straße des Friedens. Umleitungsstrecke, da die B 167  irgendwo zwischen Eberswalde und Neuruppin voll  gesperrt ist. Uns schwant nichts Gutes, wenn wir an die Nacht und unser Zimmer zur Straßenseite denken. Einige von uns bestellen Essen, andere wollen noch warten. Wenig später stehen volle Teller mit Gerichten, die sich an der italienischen Küche orientieren aber mit authentischer italienischer Küche eher nix gemein haben auf dem Tisch.  Aber wir wollen uns nicht beschweren, es könnte alles viel schlimmer sein. Natürlich gibt es einen Grappa aufs Haus und wenig später schlurfen wir durch dieses beschauliche Städtchen in Richtung „Gudelacksee“. Dort wurde uns eine Hafen-Bar empfohlen, die ziemlich gute Getränke anbieten soll. Und das hat selbstverständlich unser Interesse geweckt. Die Tour de Sauf muss ihrem Ruf schließlich gerecht werden.

Der Himmel hat sich inzwischen zugezogen, es ist aber immer noch sehr warm. Geradezu schwül, Durst-Wetter. Wir kommen durch enge Straßen, vor den Häusern sprießen bunte Stockrosen aus jeder noch so kleinen Pflasterfuge, beeindruckend. Die Schönheit der Natur findet immer einen Weg. Erst recht in Brandenburg.

Wir überqueren einen unbeschrankten Bahnübergang und dann liegt er vor uns, der Gudelacksee. Als wir vom Bahndamm runter kommen, erspähen wir strahlend weiß gestrichene Lounge-Möbel aus Palettenholz und passend zur Pandemie blaue Corona-Bier-Sonnenschirme, dazu meterhohe Palmen in Kübeln.  Wir haben unser Ziel erreicht: Die Jet-Bay-Sea-Lounge.  Es gibt Orte, bei denen weiß man auf den ersten Blick, dass man hier nichts falsch machen kann. Entspanntes Ambiente, eine vielversprechende Getränkekarte und das alles schon wieder eingebunden in einer gigantischen Naturkulisse.

Wir sinken in die Loungemöbel und studieren die umfangreiche Getränkekarte. Als Einlauf-Getränk in diesem Hafen entscheiden wir uns klassisch für einen Gin-Tonic. Wir haben die Wahl zwischen sieben verschiedenen Gins und doppelt so vielen Tonic-Waters. Die bevorzugte Kombi ist zunächst Monkey 47 mit Fever Tree Mediterranean.  Und so viel kann an dieser Stelle vorweg genommen werden ohne zu spoilern:  es sollte  der mit Abstand beste Gin Tonic werden, den wir auf dieser Radtour bekommen haben. Das man dazu immer erst ins Brandenburger Hinterland reisen muss.

Nun sitzen wir also in Lindow (Mark) an der Marina am Gudelacksee in  wunderbaren Lounge-Möbeln, vor uns wiegen die zahlreichen Segel- und Motoryachten sanft im Abendlicht, aus den Boxen entspannte Electro-Beats und nippen an diesem ausgezeichneten Gin Tonic. Wir können unser Glück auf dieser Radtour mal wieder kaum fassen.

Danach trinken wir uns mutig durch die Getränkekarte. Es folgt eine Runde Moscow Mule, und dann lassen wir uns vom Barkeeper beraten. Der ist ein Bär von einem Mann, vermutlich zwei Meter groß, kurze Haare, voller Bart und von der Statur so gebaut, als könnte er in jedem Berliner Club die Tür machen. Sein sprachlicher Dialekt lässt auf Mecklenburg schließen, da er – wie es dort üblich ist – jede „er“ Endung“ zu einem lang gezogenen „ääää“ umwandelt: „Wartet Männää, ich komm zu euch rübää.“ Die zahlreichen Hansa-Rostock-Tattoos auf seinen imposanten Waden bestätigen den Verdacht. Er kümmert sich ausgezeichnet um uns, berät uns professionell bei der Getränkewahl und schleppt immer wieder voll bepackte Tabletts mit allerhand gut befüllten Gläsern  heran. So sitzen wir stundenlang in dieser Wohlfühloase, uns überkommt eine ungetrübte Zufriedenheit.  Wer braucht schon Ibiza, wenn man die Jet-Bay-Sea-Lounge an der Marina in Lindow (Mark) haben kann? Und zur Krönung der ganzen Geschichte reißt die Wolkendecke am späten Abend noch einmal auf und bietet uns einen gigantischen Sonnenuntergang  über dem Gudelacksee. An dieser Stelle sei Sarah Kuttner zitiert: „Brandenburg tut nicht so, als wäre es etwas, was es nicht ist. Brandenburg ist einfach nur da und schenkt Liebe.“ Wie Recht sie hat, die Sarah.

Aber auch der entspannteste Urlaubsabend geht irgendwann zu Ende. Vom See zieht nach dem Sonnenuntergang kühle Luft über die Hafen-Bar. Und so entschließen wir uns allmählich zum Aufbruch. Der Hansa-Rostock-Barkeeper hat an uns nicht schlecht verdient und verabschiedet uns überschwänglich. „Macht‘s gut Männäää und kommt bald mal wiedäää“. Wir versprechen es ihm und schlendern leicht angetrunken durch die schmalen Gassen zurück zu unserem „Hotel am Wutzsee“.

Da auf der Terrasse noch Betrieb ist, haben wir die schlaue Idee noch eine Runde Weizenbiere zu bestellen. Und aus der einen Runde wird noch eine zweite und natürlich auch noch eine dritte. Wir quatschen uns dusselig, sind traditionell die letzten Gäste und werden nun vom Kellner wenig charmant drauf hingewiesen, dass das jetzt wirklich die aller letzte Bestellung zu sein hat. Wir trinken in Ruhe aus, denn wir haben ja noch zwei Flaschen Berliner Luft im Gepäck in der Hinterhand. So versammeln wir uns wenig später in einem der Zimmer zur Straße hin und stoßen zufrieden auf diesen gelungenen Tag an. Und die zwei Flaschen Luft sind auch nötig, denn wir müssen uns so gut es geht betäuben, um bei dem Verkehrslärm der Straße, der direkt vor unserem Fenster vor sich hin donnert, irgendwie in den Schlaf zu finden.