Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

5. Etappe: Heute ist Karneval in Kyritz an der Knatter

Nachdem uns der Wecker um 7:40 Uhr aus einem entspannten Tiefschlaf gerissen hat, entdecken wir in unserem kleinen Bad ein Schlachtfeld. Der Fußboden ist komplett mit Pringles-Chips bedeckt. Die leere Pringles-Dose liegt unter dem Waschbecken. Die Zimmernachbarn beschuldigen sich gegenseitig dieses Massakers und schließen für sich selbst kategorisch aus, dafür verantwortlich zu sein. Wir versichern uns gegenseitig glaubhaft, dass wir überhaupt keine Ahnung haben, wo die Pringles überhaupt her kommen. Jedenfalls hat niemand im Bewusstsein irgendwo Pringles besorgt. Aber irgendwie müssen sie in unser Bad gekommen sein. Es bleibt ein Mysterium.  Wir bemühen uns um notdürftige Beseitigung des Pringles-Chaos.

Wenig später finden wir uns im Frühstücksraum des „Germania“ wieder. Super Frühstück mit allem Drum und Dran. Über die Boxen läuft Smokie mit  „Lay Back in the Arms of Someone“. Zwischen Räucherlachs-Broten, Hausmacherblutwurst aus der Prignitz und frischem Fruchtsaft bequatschen wir mit  einer gehörigen Portion Respekt im Bauch die Streckenführung der heutigen Etappe. Immerhin ist heute Königsetappe, wir rechnen mit mindestens 90 Kilometern und unwegsamen Gelände. Jeder bekommt Knotenpunkte zugewiesen, die er sich merken soll. Das wird ein wilder Ritt bis Kyritz an der Knatter. Wir werden heute den Elbe-Radweg verlassen und sind auf sogenannte Radweg-Knotenpunkte angewiesen. Das ist zum einen darin begründet, dass wir ohnehin nach Osten kommen müssen, da die Elbe halt nicht durch Berlin fließt. Zum anderen wollen wir das beste Bundesland weltweit eben genau dort erleben, wo Brandenburg am aufregendsten ist. Und das ist nun mal nicht dort, wo mit umfangreicher Infrastruktur (wie etwa am Havelradweg) zu rechnen ist und auch nicht in der Nähe des Berliner Speckgürtels. Nein, wir wollen noch Abenteuer im schroffen,  ungezügelten, unverstellten, unangepassten  Brandenburg erleben. Wir wollen dahin, wo man sich zur Begrüßung erstmal einen Spruch an den Kopf knallt, wo keiner sagt „danke, bitte, sehr gerne, kann ich sonst noch was für sie tun“. Und für dieses Vorhaben verspricht der Weg nach Kyritz an der Knatter umfangreiche Erlebniswelten. Auf ins Hinterland!

Gut gestärkt durch das üppige Frühstück und nach den üblichen vorbereitenden Maßnahmen schieben wir die Räder aus dem Schuppen des wirklich zu empfehlenden „Hotel Germania“ in Wittenberge. Wir versorgen uns beim ortsansässigen Rossmann noch mit Sonnenschutz und umfangreichen Wasserreserven. Wer weiß, wann wir wieder die Gelegenheit dazu bekommen. Die Kassiererin meint schroff: „Die jungen Männer das nächste Mal dann aber bitte auch mit einem Einkaufswagen in den Laden!“ Wir nicken schuldbewusst hinter unseren Masken und geloben Besserung. Dies bricht das Eis zwischen uns und der Kassiererin und sie fragt interessiert, was wir vorhaben. Sie wäre vermutlich am liebsten mit uns mitgefahren und wünscht uns gute Fahrt. In der Innenstadt finden wir den ersten Knotenpunkt und folgen den Wegweisern zum nächsten. So rollen wir über Seitenstraßen aus der Stadt und sind kurze Zeit später auf dem Elbdeich. Dann wollen wir sie mal in Angriff nehmen, diese Königsetappe.

Die Streckenführung gönnt uns noch einige Kilometer Elberadweg. Zeit um sich von dem mächtigen Strom zu verabschieden. Danke Elbe, es war uns eine Freude! Du hast uns eine gigantische Kulisse für unsere Radtour geboten. Sei es entspannt bei kühlen Getränken vor ein paar Tagen in „Strand Pauli“, sei es bei Regen entlang Hamburger Industriegebiete, sei es auf der großen Terrasse im „Von Herzen“ oder kurz darauf auf der Eisenbahnbrücke von Lauenburg, sei es von der Fähre aus in Hitzacker oder in der unfassbar geilen Landschaft in der Prignitz gestern. Mach’s gut großer Fluss, wir hoffen auf ein Wiedersehen. Am Knotenpunkt 33   lassen wir die Elbe zurück und biegen links in Richtung Bad Wilsnack ab. Das scheint ja erstmal zu funktionieren, mit diesen Knotenpunkten. Hat was von Schnitzeljagd. Wenig später radeln wir durch das kleine Fachwerkstädtchen Bad Wilsnack und passieren die dortige Kristalltherme. Nachdem wir die Eisenbahnunterführung mit Schwung gemeistert haben, zeigt das Radweg-Zeichen kurz darauf scharf nach rechts. Über einen unbefestigten Sandweg geht es in den Wald hinein. Es geht kilometerweit durch brandenburger Wälder. Die Heidelbeersträucher sind üppig behangen und die Pfifferling-Bestände sind sogar vom Fahrrad aus zu sehen. Aber wir haben keine Zeit für Exkursionen in die Pilze, wir haben schließlich eine Königsetappe zu bewältigen. Irgendwann erreichen wir Plattenburg und passieren eine große Fischzucht samt Fischerei. Wir überqueren auf einer Brücke die Karthane. Von irgendwo her riecht es herrlich nach frischen Bratkartoffeln. Aber an Essenspause ist nicht zu denken, nicht auf so einer Königsetappe. Daher radeln wir weiter an endlosen Rinderweiden entlang, auf der Suche nach Knotenpunkt 50. Über Groß Leppin und Storbeckshof erreichen wir schließlich das kleine Nest Glöwen. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Doch trotz Königsetappe ist hier jetzt erstmal die erste Bier-Pause fällig. Das „Gasthaus zur Quelle“ hat gegen 11:00 Uhr schon geöffnet  und wer weiß, wann die nächste Kneipe kommt. Und damit die Tour de Sauf ihrem Namen auch alle Ehre macht, ordern wir noch eine 2. und eine 3. Runde nach. Trotz- oder gerade wegen Königsetappe. Gut gestärkt durch Flüssignahrung machen wir uns aber dann wieder  auf die Reise. So eine Radtour ist ein ständiges irgendwo Ankommen und ein ständiges nach irgendwohin Aufbrechen.

Es geht jetzt erstmals auf unserer Radtour ein längeres Stück über Landstraße. Zum Glück ist das Verkehrsaufkommen gering, aber jedes Mal wenn ein LKW an der Radsportgruppe vorbeizieht, halten wir kurz die Luft an. Links und rechts der Straße nutzen Landwirte die günstige Wetterlage, um die Getreideernte ins Trockene zu bringen. Von überall stauben Mähdrescher durch die Landschaft. Dazu begleiten uns immer wieder artistische Flugeinlagen von Schwalben.

Wir erreichen Barenthin und verlassen dies sofort wieder in Richtung Rehfeld. Am Ortsausgangsschild können wir unseren Augen nicht trauen, als wie auf einem Schild lesen: „Kyritz 10 km“. Und dass um kurz nach 12 Uhr auf der Königsetappe. Wir fahren weiterhin Landstraße und nutzen das gute Rollgefühl, um ein wenig Sport zu machen. Am Wegesrand suchen wieder Weißstörche nach Essbarem. Wir passieren unsichtbare Anstiege, die für das Auge nicht sichtbar sind, aber trotzdem da sein müssen. Die Oberschenkel brennen, wir geben alles und kommen trotzdem nicht richtig voran. Dann wieder Abfahrten, die ebenfalls nicht sichtbar sind, aber wir rollen plötzlich mit wenig Aufwand bei 40 km/h durch die sommerliche Landschaft. Wir haben seit Tagen versucht, den Text des  alten Gassenhauers aus dem Blauen Bock  „Heute ist Karneval in Kyritz an der Knatter“ zu lernen und wollten den eigentlich bei der Einfahrt im Etappenziel der Königsetappe laut singen. Völlig überraschend passieren wir aber um 12:40 Uhr das Ortsschild „Kyritz“. Wir schauen uns ungläubig an: Dies soll sie also gewesen sein, unsere gefürchtete Königsetappe? Wir haben noch keine 60 Kilometer auf der Uhr und sind so früh wie nie im Etappenziel. Ob wir überhaupt schon ins Hotel kommen? Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Merkwürdige Königsetappe.

Wir rollen durch das wenig beschauliche Städtchen Kyritz. Zahlreiche Bausünden aus der Zeit des real existierenden Sozialismus. Grau ist die bestimmende Farbe. Also erst mal was essen oder versuchen, im Hotel einzuchecken? Wir entscheiden uns für was essen. Leider ergibt die Suche über das Mobiltelefon, dass alle Restaurants in der Umgebung erst am Abend öffnen. Dies wird durch den Versuch bestätigt, diese Gaststätten persönlich aufzusuchen. Was ist denn hier los? Isst der gemeine Bewohner von Kyritz an der Knatter etwa nix zur Mittagszeit? Nun gut, dann eben doch erst ins Hotel. Nach kurzer Fahrt, auf der wir uns auf die Anweisungen der Navigations-App verlassen, stehen wir vor dem Landhotel Heine, heute unser Heim. Dachten wir zumindest.

Wir betreten die Rezeption mit Mundschutz und gebührendem Abstand. Wir sagen: „Guten Tag, wir sind die acht Radfahrer, die heute bei ihnen gebucht sind. Wir wollten fragen, ob wir schon auf die Zimmer könnten.“ Der Mann an der Rezeption antwortet gelangweilt: „Das kann ich mir nicht vorstellen, ich erwarte heute keine acht Radfahrer.“ Wir daraufhin: „Naja, wir haben doch aber bei ihnen gebucht. Eine Übernachtung mit Frühstück  für 4 Doppelzimmer.“ Der Mann an der Rezeption siegessicher: „Dazu habe ich nix im System.“ Wir wieder: „Na aber wir haben doch eine Bestätigung per E-Mail.“ Langsam wird der Mann an der Rezeption offenbar doch leicht nervös: „Na die Bestätigung will ich sehen.“ Wir zeigen ihm die Bestätigungsmail vom Landhotel Heine, in der die 4 Doppelzimmer für die Übernachtung von heute auf morgen aufgelistet sind und wo darunter steht: „Wir wünschen ihnen eine gute Anreise und freuen uns auf ihren Besuch, ihr Landhotel Heine“. Naja, die gute Anreise hatten wir, aber erfreut über unseren Besuch ist hier erstmal keiner. Jetzt fängt der Rezeptionsmann an hektisch auf seiner Tastatur rum zu klopfen: „Also äh….also sowas hatten wir ja noch nie. Ich habe hier auch ihre Buchungsbestätigung gefunden aber die ist nicht im System drin.“ Wir sagen ihm: „Ja macht ja jetzt nix, dann würden wir eben jetzt einfach gerne 4 Doppelzimmer für eine Übernachtung nehmen.“ Darauf die Antwort: „Das ist ausgeschlossen, ich bin ausgebucht.“ Na prima, das sind ja ganz herausragende Aussichten hier in Kyritz an der Knatter. Der Mann an der Rezeption versucht jetzt hektisch alle Hotels in Kyritz abzutelefonieren, um uns eine Alternative vorzuschlagen. Er lässt in unterschiedlichen Hotels einzelne Doppelzimmer reservieren. Das ist aber nicht das, was wir wollen. Wir haben wenig Lust am Abend in unterschiedlichen Hotels über diese merkwürdige Stadt verteilt pennen zu müssen. Der Rezeptionsmann kann aber ohnehin nur zwei Doppelzimmer in Kyritz auftreiben. Er sagt: „Also, ich kann mich da nur entschuldigen.“ Das hilft uns jetzt aber auch nicht weiter.

Wir stehen nach unserer Königsetappe also ohne Unterkunft da. Wir telefonieren nun in Eigeninitiative alle im Umkreis liegenden Unterkünfte ab und erhalten überall Absagen.  Alles Ausgebucht in Kyritz an der Knatter. Im 14. Versuch das erste Telefonat, welches nicht sofort mit einer Absage beantwortet wird. Das „See-Idylle“ sagt, dass man schaut, was man für uns machen kann. Kurzdarauf die Ansage: „Na gut, wir kriegen das hin“. Für uns eine Mischung aus Erleichterung und Frust, da wir uns noch mal auf die Räder schwingen müssen und knappe 10 Kilometer bis nach Wusterhausen an der Dosse weiter radeln müssen. Und das, nachdem wir uns bereits sicher waren, die Königsetappe mit Bravour und in Rekordzeit gemeistert zu haben.

Nun ist es sicherlich so, dass es in Kyritz an der Knatter auch ganz schöne Ecken geben wird. Und dort werden sicher auch Leute leben, die völlig in Ordnung sind. Nur haben wir auf unserer unfreiwilligen Kurz-Visite nichts davon gesehen. Daher verlassen wir dieses Kyritz mit dem Gefühl: „Was für eine Kackstadt! Nie wieder Landhotel Heine, nie wieder Kyritz an der Knatter! Von wegen Karneval…..am Arsch die Räuber“.

Bei beständigem Gegenwind radeln wir auf einem Radweg entlang einer viel befahrenen Bundesstraße, passieren einen kleinen Flugplatz und wechseln kein Wort. Den Frust aus Kyritz muss jeder erstmal verarbeiten. Nach 20 Minuten sagt die Navi-App scharf links abbiegen. Es geht vorbei an Bootsschuppen und kurz darauf stehen wir vor dem „See-Idylle“. Von außen sieht es gar nicht mal so schlecht aus, direkte See-Lage nur macht es den Anschein, als ob hier schon länger (also 5-10 Jahre) keine Gäste mehr genächtigt haben.

Wir stehen etwas unschlüssig vor dem See-Idyll als plötzlich ein bärtiger Mann mit Blaumann um die Ecke kommt. Er hat den Blaumann nur als Hose angezogen, der obere Teil des Blaumanns baumelt die Hüften hinunter. Mit freiem Oberkörper und ölverschmierten Händen kommt er auf uns zu. „Na, ihr seit die Männer die hier heute pennen wollen?“ Wir sagen „Genau“. Der Mann reinigt sich mit einem Lappen die ölverschmierten Hände und meint dann: „Dit is jut, ick bin der Klaus. Wollt ihr erstmal eure Räder los werden?“ Wir halten das für eine gute Idee. „Na dann kommt mal mit Männer.“ Klaus führt uns auf ein gegenüber liegendes Grundstück und öffnet ein großes Metall-Tor. „So Jungs, kommt rin, da hinten in der Garage könnt ihr eure Räder abstellen. Ich fahr heute Nacht mein Auto vor das Tor, da kommt keiner ran.“ Klaus scheint die Lage im Griff zu haben und wird sich  gut um uns kümmern, das spüren wir sofort. Er verkörpert mit allem was er sagt und tut  diese geile  unkonventionelle Unkompliziertheit, die es so nur in Brandenburg gibt. Hier wird man nicht an der Rezeption im Anzug mit den Worten empfangen „Herzlich Willkommen, wir hoffen Sie hatten eine gute Anreise“. Nee, Brandenburg empfängt dich im Blaumann mit öligen Pfoten  und mit den Worten: „Ihr wollt hier heute pennen.“

Wir schlurfen zurück zum See-Idylle und Klaus händigt uns die Schlüssel aus. „So Jungs, dann richtet euch mal ein und Frühstück mache ich euch dann morgen zu um acht fertig, wa?“ Wir antworten: „Dit hört sich jut an.“ Gleichzeitig sind wir mit leichten Gruselgefühlen sehr gespannt, wie das Frühstück aussehen wird, was uns Klaus in seinem Blaumann und den ölverschmierten Fingern morgen zubereiten wird. Aber wir sind in Brandenburg und da sollte man nie mit Vorurteilen unterwegs sein, denn dieses Brandenburg belehrt einen täglich eines Besseren.

Als wir die Zimmer beziehen schaudert es uns erneut. Die Einrichtung ist in Ordnung, schöner 1990er Style überall. Nur liegt über den Fluren und allen Zimmer ein irgendwie muffiger Geruch. Wir sind die einzigen Gäste in diesem riesigen Haus. Und das offenbar seit geraumer Zeit. Einer von uns spricht aus, was alle denken: „Was is den dit fürn Gruselhotel?“ Wir reißen zunächst die Fenster auf, jetzt geht es schon besser. Wir richten uns ein, packen das nötigste aus den Fahrradtaschen und vereinbaren, dass wir uns dann gleich treffen, um was zu essen zu finden. So versammeln wir uns also kurze Zeit später vor dem See-Idylle, Klaus kommt vorbei und sagt: „Jungs, wenn es an irgendwas fehlt, dann sagt Bescheid. Kann ich was für euch tun?“ Wir sagen: „Ja, du könntest uns sagen, wo wir was zu essen bekommen.“ Klaus zögert nicht lange: „Na Männer, hier direkt neben an ist der Segelverein, die haben ne Kneipe, da kriegt ihr was zu essen. Oder wenn das nix ist, dann ist hier 500 Meter den See entlang noch ein Italiener.“ Na das sind doch mal gute Neuigkeiten, die Klaus für uns hat.

Da wir die Terrasse direkt am See von diesem Segelverein erblicken und dort ein großer leerer Tisch steht, der auf acht durstige und hungrige Jungs wartet, entschließen wir uns die Gunst der kurzen Wege zu nutzen und betreten die „Gaststätte Bootshaus“. Wir werden zunächst freundlich empfangen und gehen durch den Gastraum zur großen Terrasse direkt am Wasser. Dort steht ein großer Tisch an dem 7 Stühle stehen und noch genügend Platz ist, einen achten dazu zu stellen. Wir denken an die brandenburger Unkompliziertheit und holen uns einfach einen Stuhl von einem benachbarten Tisch. Darauf erfolgt sofort die knalharte Ansage: „Junger Mann, wir sind hier noch in der Quarantäne, hier wird nicht einfach umgeräumt.“ Holla, hier wird die Brandenburger Schroffheit aber in sehr extremer Form gelebt. Wir warten die nächsten Wortwechsel ab, aber als die Stimmung nicht um schwingt sondern immer unfreundlicher wird, bemerken wir sehr schnell: Das hat hier nix mit Brandenburger Schroffheit zu tun, die Bedienung hat schlicht und einfach ganz gewaltig  einen an der Knatter. Als einer von uns aus dem Hintergrund irgendwann einwendet, dass man das ja auch alles vielleicht etwas freundlicher sagen könnte blafft die Bedienung: „So, wer hat sich hier jetzt noch gemeldet?“ Spätestens jetzt ist klar: Das wird hier heute nix mehr mit uns und der Bedienung. Wir machen kehrt und verlassen die „Gaststätte Bootshaus“ unverzüglich und grußlos. Da ist dem Bootshaus jetzt aber mal ganz geschmeidig eine Rechnung von Minimum 300€ durch die Lappen gegangen. Auf Brandenburger Schroffheit haben wir richtig Bock, aber wir haben keinen Bock einer durchgedrehten Bedienung unser Geld da zu lassen.

Klaus hatte ja noch was von einem Italiener am See erzählt und so machen wir uns auf die Suche. Wenig später werden wir fündig und das „Casa Nostra“ empfängt uns mit offenen Armen. Kurz drauf steht Pizza und Pasta in allen Ausprägungsformen vor uns auf dem Tisch. Dazu  reichlich Kaltgetränke. Die Sonne knallt ganz schön, der Wirt hat aber aus Angst vor dem böigen Wind die Sonnenschirme eingeholt. Wir lassen den Blick über den See schweifen und beobachten einen kleinen weißen Ausflugsdampfer beim Runden-Ziehen. Über uns kreisen haufenweise Cessnas im wackligen Landeanflug auf den Flugplatz, an dem wir vorhin schlecht gelaunt vorbei geradelt sind. Gegen 16:00 Uhr brechen wir auf und reservieren uns für 19:30 Uhr gleich wieder einen Tisch im gleichen Lokal. Das Bootshaus ist ja nun keine Alternative mehr und so viele Möglichkeiten haben wir hier nicht. Wir schlendern zurück zu unserem Grusel-Hotel und ziehen uns für 1-2 Stunden auf die Zimmer zurück. Gegen 19:00 Uhr treffen wir uns an der Terrasse zum See und genießen den Ausblick. Klaus hat es sich hier in einem alten Strandkorb gemütlich gemacht und einen Flat TV aufgebaut und verfolgt aufmerksam das Fernsehprogramm. Er fragt, ob alles zu unserer Zufriedenheit ist und wir antworten: „Alles bestens Klaus.“ Klaus nickt.

Wir machen uns auf den Weg und sitzen wenig später wieder im Casa Nostra und geben umfangreiche Bestellungen auf. Wir essen, wir trinken, wir quatschen uns dusselig. Gewohnte Routine inzwischen. Auch nach dem Hausschnaps wird wieder gefragt und siehe da, kurze Zeit später steht die gleiche 1,5 Liter Flasche Grappa auf dem Tisch, die wir vor ein paar Tagen kurz hinter Hamburg geleert hatten. Erfreut wird festgestellt:  „Da sind sie ja wieder, unsere Rambazamba-Tropfen!“ Und auch das ist wie immer: wir sind die letzten Gäste und der Kellner kann seine Erleichterung nicht verbergen, als wir endlich zahlen. Mit einem leicht mulmigen Gefühl gehen wir zurück zu unserem Grusel-Hotel und malen uns aus, was da gleich zur Geisterstunde alles passieren wird. Irgendjemand kommt noch auf die schlaue Idee Klaus aus dem Bett zu klingeln und zu fragen, ob er uns noch ein paar Bier verkaufen kann. Klaus sagt mit seiner ungestellten Herzlichkeit leicht verschlafen: „Na klar Männer, kein Problem und kommt kurz darauf mit einem Plastikeimer an, in dem 8 Flaschen Oettinger-Hefeweizen stecken. Schön lauwarm und wir stellen fest, dass das Bier seit fast einem Jahr abgelaufen ist. Wir quälen es uns trotzdem rein, irgendwie ein unwürdiger Abschluss dieses ereignisreichen Tages, der mit den Pringles auf dem Klo im „Germania“ begonnen hatte. Zumindest sind wir jetzt betrunken genug, um alle Grusel-Geschichten, so sie denn des Nachtens hier stattgefunden haben sollten, entspannt zu verpennen.  

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

4. Etappe: Mit dem Wind im Bunde nach Wittenberge und Kapitänsdinner im Hotel Germania

Im Hotel Zur Linde gibt es erstmals auf unserer Radtour Frühstücks-Buffet. Das ist ungewöhnlich geworden in Zeiten der Pandemie.  Es ist zwar kein Zwiebel-Mett-Frühstück wie gestern im Von Herzen in Lauenburg, aber wir haben dennoch ein grundsolides Frühstück, über das man nicht meckern kann. Was uns viel mehr beunruhigt ist der Blick aus dem Fenster. Die gegenüber stehenden Bäume biegen sich bedrohlich im Wind. Dort draußen tobt eine steife Brise. Hoffentlich ist das kein Gegenwind auf dem Elberadweg heute. Nach dem Frühstück leiten wir erneut und inzwischen mit lässiger Routine die vorbereitenden Maßnahmen für den Tag ein. Wir grübeln kurz, was wir mit dem sehr umfangreich angefallenen Leergut von letzter Nacht machen, entscheiden uns dann dafür, es ordentlich in einer Kiste verpackt im Hotelzimmer stehen zu lassen. Unser leicht schlechtes Gewissen versuchen wir damit zu beruhigen, dass wir ja immerhin stattliche Werte in Sachen Pfand hinterlassen, aber richtig wohl ist uns nicht bei der Geschichte. Nichtsdestotrotz finden wir uns wenig später gesattelt und präpariert auf den Rädern vor dem Zur Linde wieder und rollen gemächlich durch Hitzacker in Richtung des großen Stroms.

Wenige Meter vor dem Anleger der Elbfähre knirscht es und wir verzeichnen den ersten Ketten-Riss der Radtour. Wie kann den sowas gleich am frühen Morgen passieren? Kurz darauf kommt die Elbfähre angetuckert und ist bereit, uns aufzunehmen. Wir zögern, was zu tun ist: Übersetzen und am anderen Ufer die Reparatur-Maßnahmen durchführen, oder sicherheitshalber an diesem Ufer verweilen, da im Zweifelsfall ein Fahrradladen vermutlich in Hitzacker eher zu finden sein wird, als in der unbesiedelten Landschaft am anderen Ufer. Die technische Abteilung hat Vertrauen in ihre Fähigkeiten und so entscheiden wir uns zur Flussüberfahrt. Wir tragen wieder brav unsere Masken, hinterlassen den fälligen Zwanni beim Fährmann, der Wind peitscht über die Elbe  und dann  schieben wir gemächlich unsere Räder von Bord. Nun wird der Schaden an der Kette fachmännisch begutachtet. Die Rede ist immer wieder  von „Glied kürzen“ was kurzzeitig beim Halter des Fahrrads für Panik sorgt. Entspannung erst, als klar wird, dass mit „Glied-Kürzen“ nicht das Geschlechtsorgan, sondern ein Ketten-Glied der Fahrradkette gemeint ist. Die Glied-Kürzung entwickelt sich zu einer heiklen Geschichte. Lange ist nicht klar, ob diese Operation am offenen Herzen gelingen wird. Aber wohl dem, der mit technischen Profis auf Radtour ist! Wenig später ist das Glied erfolgreich gekürzt, die schmierigen Finger werden mit Sand und Elbewasser notdürftig gereinigt und dann kann die Tour starten. Ein holpriger Ritt rauf auf den Elbdeich und kurz darauf die erleichterte Feststellung, dass der Wind erstmal von hinten bläst. Gleichzeitig ist allen bewusst, dass sich das nach jeder Flussbiegung ändern kann und der Wind eine latente Bedrohungslage für den heutigen Tag ist. Wir rollen also mit einer gehörigen Portion Respekt in den heutigen Tag.

Dank des Rückenwindes sind wir zügig unterwegs. Da weit und breit keine Weggabelung auftaucht, besteht zunächst auch keine Gefahr, dass wir uns verfahren. Wir kommen gut in den Tag und lassen es laufen. In der ersten Stunde der täglichen Tour wird meist nicht viel gesprochen. Jeder horcht zunächst misstrauisch ins Material hinein, ob die Kette knirscht, die Bremse schleift oder sonstige unerwünschte Geräusche vom Fahrrad ausgehen. Da aber die Kette geräuschlos vor sich hin dreht und alles problemlos am Rollen ist, kann man entspannt durchatmen. Alle treten wortlos vor sich hin. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Man denkt an alles mögliche und gleichzeitig an nichts.

Der amerikanische Professor für Psychologie mit dem unaussprechlichen Namen Mihály Csíkszentmihályi hat in seiner Literatur umfangreich den Zustand des sogenannten Flow-Erlebnisses  beschrieben. Sehr vereinfacht könnte man demnach das Flow-Erlebnis als einen Zustand beschreiben, in dem der Mensch voll und ganz in seiner Tätigkeit aufgeht. Damit sich dieses Flow-Erlebnis einstellt, ist die sogenannte „Passung von Mensch und Aufgabe“ entscheidend. Dies bedeutet wiederum stark vereinfacht ausgedrückt, dass sich das Flow-Erlebnis genau dann einstellt, wenn der Mensch eine Tätigkeit  bewältigt, die ihm zwar einen gewissen Aufwand abverlangt, den er aber relativ locker bewältigen kann und die ihm eine unmittelbare positive Rückmeldung über den Erfolg des Aufwandes liefert. Wenn dieser Zustand erreicht ist, entsteht der Flow und der  Mensch geht in einem Zustand völliger Vertiefung restlos  in seiner Tätigkeit auf. Raum und Zeit werden vergessen und die dadurch entstehenden Glücksgefühle liefern endlosen Anreiz, sich der Tätigkeit weiterhin zu widmen. Und wenn es noch einem empirischen  Beweises für die Csíkszentmihályische Theorie des Flow-Erlebens bedurft hätte, wir liefern ihn an diesem Vormittag in einer ausgiebigen Feldforschung. Wir treten, wir rollen, wir treten weiter und freuen uns über das Vorankommen, wir sind im Tunnel und gleichzeitig eins mit der Landschaft, wir vergessen alles, weil all das für uns gerade Sinn macht, was wir tun. Der Wind ist unser Freund und so geht es wie im D-Zug durch die Flusslandschaft.

Nun aber genug der Theorie, denn wir sind hier ja schließlich nicht in einem Psychologie-Grundseminar, sondern immer noch auf der Tour de Sauf! Und da melden sich leider schon wieder die ersten Synapsen, die dringend nach einem kühlen Radler als erste Erfrischung des Tages verlangen. Leider kommt hier halt erstmal nix. Keine Siedlung, keine Kneipe und erst Recht kein Supermarkt. Irgendwann kommt der Radweg von der Elbe ab, wir radeln durch Wald und befinden uns plötzlich auf dem  Wanderweg „Das Grüne Band“. Also in jenem Naturschutzgebiet, welches über tausende Kilometer auf dem Grenzstreifen der ehemaligen innerdeutschen Grenze entstanden ist. Wir passieren einen als Denkmal erhaltenen Teil des ehemaligen Grenzzaunes, rollen durch die „Dorfrepublik Rüterberg“ und steuern mit dem Wind im Bunde Richtung Dömitz. An der Kreuzung der Bundesstraße 195/Bundesstraße 191 kommt kurz Verwirrung auf. Wir müssen uns orientieren, biegen erst rechts ab, bemerken aber, dass dieser Weg über eine Brücke auf die andere Elbseite führt. Also umkehren und in den richtigen Weg Richtung Dömitz-Zentrum  einbiegen. Dieses Dömitz macht einen recht verschlafenen Eindruck auf uns. Wir radeln an historischen Klinker-Häusern vorbei, passieren einen Marktplatz und eine Kirche und finden etwas verwinkelt ein Café an dem ein Schild steht: „Heute geöffnet“. Na dann soll dieses Café doch für das Heute-Geöffnet-Sein mal ein paar Euros an uns verdienen! So richtig geöffnet sieht es aber tatsächlich noch nicht aus. Wir tasten uns vorsichtig durch eine lange Einfahrt. Hinter einem Gittertor läuft ein älterer Mann etwas ziellos hin und her. Als er uns erblickt, ruft er: „Wartet Männer, ich mach euch auf!“ Daraufhin kommt er angewackelt. Wir fragen: „Haben Sie schon auf?“ Antwort: „Ja Männer, ich habe auf euch gewartet. Eigentlich wollte ich heute gar nicht aufmachen, aber jetzt seid ihr ja da.“ Das hört sich doch alles ganz wunderbar an. Der Mann, der übrigens so aussieht, wie vermutlich Rudi Völler mit 80 Jahren aussehen wird, fängt an, hektisch Plastikstühle für uns anzuschleppen und richtet uns ein schattiges Plätzchen für acht Leute ein. Er kündigt an, dass er uns wilde „Baller-Geschichten“ von der hinterm Haus verlaufenden ehemaligen innerdeutschen Grenze erzählen wird. Wir sind gespannt und bestellen eine Runde große Radler bzw. Alster. Der Rudi-Völler-Mann sagt: „Na gut, wenn ihr aus Hamburg kommt, kriegt ihr Alster, wenn ihr von woanders kommt, kriegt ihr Radler.“ Damit können wir leben. Rund um die Tische stehen alte Nähmaschinen, alte Möbel, alte Küchen- und Gartenwerkzeuge und anderer Krempel wie in einem Museum ausgestellt.   Plötzlich kommt noch eine andere Radsport-Gruppe. Der Rudi-Völler-Wirt meint leicht nervös: „Oh Männer, jetzt wird es spannend.“ Da sich der kleine Biergarten schlagartig immer weiter füllt, kommt unser Rudi-Völler-Opa mächtig ins Rotieren. Auf einem ausgehängten Zeitungsartikel erfahren wir, dass es sich bei dem Rudi-Völler-Opi in Wirklichkeit um den Architekten Christian Hoffmann handelt, der dieses Café mit seinen 82 Jahren als Hobby betreibt. Nebenbei ist er auch noch Schauspieler und „Scheunensänger“. Alle Achtung! Da verzeihen wir sogar großzügig, dass das Alster zu 80% aus Sprite besteht und nur ein kleiner Schuss Bier für die Farbe zugefügt wurde. Als wir nach der Rechnung fragen bringt uns dieser Christian Hoffmann die Speisekarte und sagt: „Männer, da stehen die Preise. Sucht euch mal raus, was ihr getrunken habt und rechnet mal selbst zusammen. Aber bitte bescheißt mich nicht.“ Wir belohnen das uns entgegengebrachte Vertrauen mit einem fast schon übertriebenen Trinkgeld, wünschen alles Gute und schwingen uns zurück auf die Räder.

Am Hafen zögern wir kurz, ob „Lenzen“ die richtige Richtung für uns ist, finden dann aber heraus: Da müssen wir lang. Wir verlassen Dömitz in östlicher Richtung und erreichen kurz hinter der Stadtgrenze das beste Bundesland weltweit: Endlich Brandenburg! Leider mäandert die Elbe hinter Dömitz zu unseren Ungunsten. Der Wind, der ja am Vormittag schon stark war, hat noch mal zugenommen und kommt jetzt schräg von vorne. Dadurch ist es laut auf dem Rad. Einzig das regelmäßige Fluchen aus der Radsportgruppe ist zu vernehmen. „Scheiß Wind!“ Wir müssen alles geben, sind am Limit um überhaupt vorwärts zu kommen. Halli-Galli-Drecksauparty, aber im Schneckentempo. Wir nehmen Gorleben am anderen Flussufer gar nicht wahr, jener Ort wo die zahlreichen Castoren lagern, um deren Transporte es Ende der 1990er Jahre so umfangreiche Auseinandersetzungen gegeben hat. Diese Castoren werden dort vermutlich noch vor sich hin strahlen, wenn wir schon lange endgültig vom Fahrrad gestiegen sein werden. Zum Glück hat der Spuk mit dem Gegenwind auf der Höhe von Lenzen ein Ende. Die Elbe mäandert erneut und dieses mal so, dass der Wind wieder schräg von hinten kommt, ein Glück! Jetzt können wir uns auch endlich wieder der unfassbar schönen Landschaft widmen. Wir radeln an malerischen Bauernhöfen, wunderschönen Häusern mit bunten Gärten und Viehweiden vorbei. Schwalben umkreisen uns mit akrobatischen Flugeinlagen. Vor den Höfen stehen gelegentlich Kühe, Pferde aber auch immer wieder Esel. Wir begegnen – ohne Übertreibung – hunderten Weißstörchen. Bullerbü in der Prignitz! Zu unserer Rechten der dunkelblaue Strom mit seinen zahlreichen Buhnen und dazwischen fast schon karibisch anmutende Sandstrände. Traumhaft!

An einer Auto-Fähre wo ein alter DDR-Wachturm steht, machen wir kurz Pause. Erst jetzt bemerken wir, wie heftig der Wind weht. Oben auf dem begehbaren DDR-Wachturm wird man fast runter geblasen. Als wir wieder auf den Rädern sitzen, fühlt es sich komplett windstill an, da der Wind nun direkt von hinten kommt. Inzwischen herrscht dichter Verkehr auf dem Elberadweg. Hunderte Radtouristen sind unterwegs. Wir bedauern die Radfahrer, die uns entgegen kommen und gegen den Wind kämpfen müssen. Wir sind uns nicht sicher, ob wir an deren Stelle nicht abgebrochen hätten. Aber wir nutzen die Gunst der Stunde um Tempo vor dem Wind zu machen. In der Radsportgruppe werden Anerkennungspunkte vergeben, wenn es gelingt E-Biker zu distanzieren. Und so machen wir uns einen Spaß daraus, E-Biker vor uns anzuvisieren und dann mit reiner Muskelkraft und dem Schub vom Wind in hohem Tempo vorbei zu gehen. Unsere Equipe  ballert mit Höchstgeschwindigkeit  den Elbdeich entlang. Am Abend weist der Tacho 51 km/h als Tagesrekordgeschwindigkeit aus.

Da wir gut in der Zeit liegen und mächtig metern, entschließen wir uns noch einen Einkehrschwung einzulegen und finden in Cumlosen den Landgasthof Schmidt. Als wir gerade dabei sind unsere Räder aufwendig vor dem Gasthof zu parken kommt von der Eingangstür die barsche Ansage: „Ihr braucht hier gar nicht zu halten, wir haben seit 14:00 Uhr zu!“ Wir schauen uns an und dann zur Tür. Jeder, der Brandenburg nicht kennt, würde jetzt vermutlich ängstlich abziehen und sich über die Unfreundlichkeit aufregen. Wir dagegen sind aber „Native-Speaker“ und glauben die Situation meistern zu können. Also sagt einer von uns: „Na dit is ja Mist, wir haben Hunger und Durst. Wie sieht es denn mit Getränken und vielleicht ner Bocki (brandenbugrisch für Bockwurst) aus?“ Darauf die Wirtin an der Tür sofort herzlich gestimmt: „Na dit kriegen wa hin, dann setzt euch mal hinten in den Garten Jungs.“ Na also, man muss sie nur zu nehmen wissen, die Brandenburger. Nicht von der ersten Ansage einschüchtern lassen und immer charmant aber bestimmt in die Gegenoffensive gehen. Dann hat man sie geknackt. Wenig später stellt sich heraus, dass nur noch fünf Bockis verfügbar sind, aber die, die keine abbekommen kriegen dafür überbackenen Ziegekäse mit Honig-Balsamico-Dressing und einem üppigen Salat angeboten, was im Grunde noch viel geiler als ne Bocki ist. Und auch das ist eben Brandenburg: Wollte man aufgrund des barschen Tons anfangs schon fast abbrechen, so sitzt man wenige Minuten später in einer wunderschönen Gartenkneipe, hat frisches Bier und ein leckeres Essen auf dem Tisch und die Wirtin zeigt ihr herzlichstes Gesicht. Bestes Bundesland weltweit, ohne Mist!

Und weil es hier so gut ist, dehnen wir den Einkehrschwung umfangreich aus. Ein wenig Respekt haben wir vor dem Hotel, welches uns heute in Wittenberge erwartet. Das „Hotel Germania“ löst in unserer Phantasie seit Tagen einige Spekulationen aus. Wir befürchten, dass wir vor Betreten des Hotels erstmal einen AfD-Parteimitgliedsantrag ausfüllen müssen. Wir sind gespannt, was uns erwartet. Irgendwann bedanken wir uns im Landgasthof Schmidt für die Gastfreundschaft und rollen zurück auf den Elbdeich, um die letzten Tageskilometer in Angriff zu nehmen. Der Rückenwind gibt noch einmal schönen Schub und kurz darauf erreichen wir Wittenberge. Wittenberge ist auf den ersten Blick nicht sonderlich schön. Um die Innenstadt aufzuhübschen, hat man sich in diesem Sommer offenbar dazu entschieden, bunte Regenschirme aufzuhängen. Diese baumeln jedenfalls überall munter im Wind.

Nach einer kurzen Runde durch die Innenstadt erreichen wir schließlich dieses sagenumwobene „Hotel Germania“. Von außen sieht es alles andere als bedrohlich aus. Wir trauen uns also herein und werden freundlich empfangen. Wir können ohne Parteimitgliedsantrag einchecken und freuen uns über die Zimmer, die absolut in Ordnung sind. Nach kurzem duschen und Wäschewechsel treffen wir uns kurze Zeit später im schattigen Biergarten hinter dem Haus. Die freundliche Bedienung, geschätzt irgendwas so Mitte 50, bedient uns herzlich aber auch immer leicht kichernd, wenn sie an unseren Platz kommt. Es fließt wieder reichlich Bier in jeglicher Form. Kurz darauf tischt die kichernde Kellnerin Zander mit gerösteter Blutwurst, in Honig marinierte Poulardenbrust, Entrecote mit Prinzessinnenbohnen, Rumpsteaks mit Pfannengemüse, Schweinemedaillons mit Kroketten und eine deftige Prignitzer Brotzeit auf. Was für ein Fest!

Nach dem Essen erkundigen wir uns mal wieder nach dem Hausschnaps und bekommen wenig später feinen Mackenstedter Aquavit serviert. Und wenn bei acht Leuten jeder mal eine Runde übernimmt, dann gehen schon ein paar Schnäpse über den Tisch. Wir bemerken nicht, wie die Stunden verrinnen, trinken, quatschen uns dusselig und genießen die Zeit. Und irgendjemand kommt dann immer auf die schlaue Idee, eine Runde Berliner Luft zu bestellen. Und nachdem die ersten drei Runden Luft bestellt sind, kommt wieder jemand auf eine noch schlauere Idee und fragt, ob wir auch eine ganze Flasche Berliner Luft mit acht Gläsern haben können. Die kichernde Kellnerin hat kein Problem uns auch diesen Wunsch zu erfüllen und legt kurz darauf einen filmreifen Auftritt hin. Auf ihren fünf auseinander gespreizten Fingern, balanciert sie ein Tablett knapp über Kopfhöhe. Auf diesem Tablett hat sie in der Mitte die gewünschte Flasche Berliner Luft platziert und außen rum acht Schnapsgläser wie zu einer Krone angeordnet. Es fehlt eigentlich nur noch eine brennende Wunderkerze und Musik vom James Last, dann würde man sich fühlen wie beim Kapitänsdinner auf der „MS Germania“. Und diesen Auftritt legt unsere Kellnerin im Verlauf des Abends noch ganze zwei Mal hin und erntet dafür jedes Mal reichlich Applaus. Wir sind auf jeden Fall mal wieder die letzten Gäste. Wie wir an diesem Abend bezahlt haben und wie wir auf die Zimmer gekommen sind, lässt sich an dieser Stelle nicht beschreiben, da Erinnerungslücken dies unmöglich machen.

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3. Etappe: Tour de Sauf, mit dem Elf-Uhr-Zug auf Amadeus und Sabrina  nach Hitzacker

Um Punkt 8:00 Uhr treffen wir uns im großen Frühstücksraum der Pension „Von Herzen“. Uns wird ein Tisch direkt an großen Fenstern zum Fluss hin zugewiesen. Was für ein Ausblick schon wieder. Die Elbe liegt heute Morgen glatt wie ein Spiegel vor uns. Keine Welle und keine sichtbare Strömungsbewegung. Das Wetter scheint es gut mit uns zu meinen. Kein Wind, nur vereinzelt ein paar Wolken, die aussehen, als ob sie Claude Monet höchstpersönlich an den ansonsten blauen Himmel getupft hat. Die Wirtin tritt mit einem Brotkorb an unseren Tisch. Kein „Hallo“, kein „Guten Morgen“, nein ein strenges und gleichzeitige bewunderndes „Na Sie haben ja ganz schön gewütet an der Mini-Bar gestern Abend!“ Wir antworten mit „Na irgendwie muss man den Durst ja stillen“ und lachen mit der Chefin des Hauses. Das Frühstück ist sensationell. Frische Brötchen, hausgemachte Marmelade, Honig vom lokalen Imker, guter Aufschnitt, leckerer Käse und die Chefin bringt immer neue Schalen mit frischem Zwiebelmett heran. Dazu haben wir eine Rührei-Flatrate. So viel steht fest: Radfahrer, kommst du nach Lauenburg, dann penn im „Von Herzen“, da ist alles gut! Völlig satt trenne wir uns schließlich vom Zwiebelmett und von dem tollen Elbblick und leiten vorbereitende Maßnahmen ein.

Das Gepäck wird geordnet und möglichst sinnvoll in den Satteltaschen verstaut, Schlübber mit Sitzpolstern angelegt, Radsportklamotten übergezogen und das Zimmer geräumt. Die Räder werden vor dem „Von Herzen“ aufgereiht und nacheinander mit den Satteltaschen bestückt. Wir geben die Schlüssel ab und zahlen am Ende mehr für die Mini-Bar als für die Übernachtung. Aber man muss die Feste feiern wie sie fallen. Der Chef des Hauses wünscht gute Fahrt und wenig später hoppeln wir über Kopfsteinpflaster durch die Lauenburger Altstadt Richtung Brücke. Der Plan ist heute auf Niedersächsischer Seite zu fahren, da das Radweg-Buch dort die angenehmeren topographischen Bedingungen verspricht. Wir überqueren den Elbe-Lübeck-Kanal, passieren eine Werft und halten wenig später auf der großen Elbbrücke zum Foto-Stopp:

Wir rollen von der Brücke und verpassen den Abzweig des Elberadwegs. Dies fällt uns allerdings erst auf, als wir bereits 5 Kilometer in die falsche Richtung geradelt sind. Also umkehren und zurückradeln, morgendlicher Stimmungs-Dämpfer. Wir finden den Radweg wieder, wenige Kilometer später irren wir aber schon wieder umher. Wir sind von der Elbe abgekommen und Radwegzeichen kamen auch schon länger nicht mehr. Es wird gewitzelt: „Was soll das hier heute werden? Die große Niedersachsen-Rundfahrt oder was?“ Mit Hilfe der Navigations-App erreichen wir nach etlichen Kilometern schon weit hinter Boitzenburg den Elbdeich. Vom Fluss ist dennoch in den ersten Tour-Stunden nicht viel zu sehen. Dies liegt daran, dass der Radweg nicht auf dem Deich entlang führt, sondern auf der flussabgewandten Seite vor dem Deich. Und wenn es mal kurzzeitig auf den Deich hoch geht, dann ist die Elbe sehr weit weg.  Die Elbdeiche liegen hier oft kilometerweit auseinander, dazwischen endlose Elbauen und mittendrinn irgendwo der Fluss. Offenbar Lehren aus unzähligen Hochwassern. Kaum vorstellbar, dass dieses riesige Becken mal komplett mit Wasser gefüllt ist. Aber das nächste Elbe-Hochwasser kommt bestimmt.

Wir radeln etliche Kilometer durch dünn besiedeltes Land. Hin und wieder passieren wir große Campingplätze, die – wie überall –  vorwiegend von Holländern frequentiert sind. An einem dieser Campingplätze gehen wir wie die Pawlowschen Hunde in die Eisen. Eine große Werbe-Plane mit befüllten Biergläsern und der Aufschrift: „Biergarten geöffnet“ lässt uns alle gleichzeitig abbremsen. Frust kommt auf, als klar wird, dass der Biergarten doch noch nicht auf hat. „So eine Scheiße! Wir müssen doch den Elf-Uhr-Zug bekommen!“ Und allen ist klar, dass es sich in diesem Falle nicht um den ÖPNV sondern um den ersten Zug am Bierglas handelt. Dann also schnell weiter. Wir rollen inzwischen durch eine Landschaft, die aussieht, als hätte Detlev Buck die Filmkulisse für den neusten Bibi und Tina Kinofilm entworfen. Endlose Pferdekoppeln, saftig-grüne Elbwiesen, riesige aus Klinkern erbaute Gehöfte dazwischen immer wieder kleine Reetdachkaten mit üppig bepflanzten Blumengärten, die in allen Farben des Regenbogens leuchten. Die Stockrosen, der Sommerflieder, der Phlox und die Hortensien blühen, dass es eine wahre Freude ist.  „Das sind Bibi und Tina, auf Amadeus und Sabrina, sie jagen im Wind, sie reiten geschwind…“ Diesen Ohrwurm werden wir bis Bleckede nicht mehr los.

Niemand von uns hatte bislang etwas vom Ort Bleckede gehört, geschweige denn diesen je betreten. Daher sind wir durchaus überrascht von diesem kleinen Städtchen im Landkreis Lüneburg. Unzählige kleine Fachwerkhäuser mit bunten Türen reihen sich in engen Gassen aneinander. Viele kleine Läden im hübschen historischen Zentrum. Wir steuern den örtlichen Edeka an. Da wir uns nicht so richtig durchringen können, in einer der Kneipen halt zu machen, bestücken wir kurzerhand unsere Satteltaschen mit gekühlten Sechserträgern und rollen aus der Stadt und steuern eine paar Bänke auf dem Elbdeich an. Da wir den 11-Uhr-Zug bereits verpasst haben, nehmen wir heute also ausnahmsweise den 11:30-Uhr-Zug. Kühles Lager-Bier auf dem Elbdeich und zum Glück hatte jemand an den 100er-Schnaps gedacht. Am Vormittag hatte nämlich der Tacho vermeldet, dass wir die ersten 100 Kilometer runter geradelt hatten und normalerweise muss zu jeder Hunderterüberquerung sofort ein Schnaps getrunken werden. Wir sind also in einigen Sachen ganz schön in Verzug an diesem Vormittag. Dafür fällt jetzt die Bier- und Jägermeisterpause umso ergiebiger aus. Erst rund 90 Minuten später sitzen wir wieder auf dem Rad.  Weiter geht’s durch die Bibi und Tina Filmkulissen.

Wenn entspannte Männer über eine längere Zeit beieinander sind, dann fallen nach und nach gewisse Hemmungen und Förmlichkeiten. So auch in der Radsportgruppe. Und so gehört es an diesem Nachmittag inzwischen zum guten Ton, dass wir voreinander laut rülpsen. Dies hat  den enormen Vorteil für denjenigen, der an der Spitze  fährt, dass er sich nicht ständig umdrehen muss, ob alle noch da sind. Es hat was von einer Schafherde auf dem Deich, die sich durch gelegentliches Blöken einander rückversichert. Und so radeln wir weitgehend wortlos durch die Flusslandschaft und übermittelten uns gegenseitig durch gelegentliches lautes Rülpsen, dass alles im grünen Bereich ist.

Aufgrund einer vorrausschauenden Tourenplanung haben wir uns darauf verständigt, dass wir in Neu Darchau die Elbe mittels einer Fähre überqueren, um uns giftige Steigungen auf Niedersächsischer Seite zu ersparen. Zum Glück haben wir noch Reserven in der Satteltasche, um uns auf der Fähre ein Flussquerungsbier zu genehmigen. Wir radeln also ab jetzt in Fahrtrichtung wieder links-elbisch den Fluss hinauf. Die Mecklenburger Uferseite ist  noch dünner besiedelt, als die Niedersächsische. Dafür stehen in regelmäßigen Abständen Wachtürme, von wo aus hier vor über 30 Jahren Republikflüchtlinge und sonstige unerwünschte Grenzbewegungen ausgespäht wurden.

Es rollt sich schön, wir machen noch mal ein wenig Sport, ohne es zu übertreiben. Und so taucht schon bald unser heutiges Etappenziel am anderen Elbufer auf. Jetzt trennt uns nur noch die erneute Elbüberfahrt vom Zielort Hitzacker. Und kurz darauf kommt sie auch schon angeknattert, die kleine weiße Elbfähre, die lediglich Personen und Fahrräder befördert. Es wird penibel darauf geachtet, dass wir beim Betreten und während des Aufenthalts an Bord Masken tragen. Die Überfahrt für Mensch und Fahrrad kostet uns insgesamt einen glatten Zwanni, es bleibt keine Zeit für ein Fährenbier, denn schon legen wir am anderen Ufer an.

Wir schaffen die Räder von Bord, orientieren uns kurz und rollen los durch die Altstadt von Hitzacker, die auf einer kleinen Elb-Insel liegt. Noch einige Meter und wir haben unsere Unterkunft für heute erreicht: Hotel zur Linde, hallo Wendland! Auch hier sind umfangreiche Hygienevorschriften umgesetzt, der Wirt erspart uns aber eine minutenlange Belehrung, wir wissen ja eh Bescheid. Die Zimmer sind geräumig und eine Kneipe mit Restaurantbetrieb hängt auch mit dran. Vom Fenster aus erspähen wir den Biergarten im Hinterhof und sichern uns dort wenig später einen großen runden Tisch, dessen Fläche  aus einem alten Wagenrad mit einer darauf befestigten Glasplatte besteht. Und diese Platte muss kurze Zeit später schwere Lasten tragen, denn wir reihen Literweise Pils, Radler und Weizenbier aneinader.

Beine lang machen, zurücklehnen und kühlen Gerstensaft die Kehle runter laufen lassen. Das Ankommen an einem Etappenziel ist immer wieder schön. Wir quatschen über die Tourenplanung der nächsten Tage. Wir freuen uns, dass wir noch einen Tag Elbe-Radweg vor uns haben. Denn danach wird es abenteuerlich. Dann müssen wir uns über sogenannte Knotenpunkte Richtung Osten durchschlagen. Schon seit dem Beginn der Radtour wird immer wieder mit großem Respekt von der Mittwochs-Etappe gesprochen, die uns von Wittenberge an der Elbe nach Kyritz an der Knatter bringen soll. Wir raunen uns immer wieder bedeutungsschwanger was von „Königsetappe“ oder „Das wird mindestens ne 90“ bezogen auf die Kilometerzahl zu. Zudem weiß keiner, wie hügelig das Gelände wird. Aber wir verdrängen die Gedanken, denn heute ist erst Montag und wir können genau jetzt ab 18:00 Uhr Abendessen in Hitzacker an der Elbe bestellen. Um die Königsetappe kümmern wir uns am Mittwoch. Wenig später wird aufgetischt. Vor uns stehen nun unterschiedliche Pizzen, Pasta-Gerichte, Matjes mit Bratkartoffeln und ausgezeichnete Spareribs. Mega-geil, das Essen toppt alle unsere Erwartungen. Zufrieden und gesättigt lassen wir uns in die Rückenlehnen gleiten und entschleunigen mal wieder. So sitzen wir noch 1-2 Stunden und betreiben  das „Sich-Dusselig-Quatschen“, was so viel bedeutet, wie belangloses, lustiges und  ironisches vor sich hin gequatsche, das Leben nicht so ernst nehmen, dafür den Moment genießen. Leider können die Getränke mit der Qualität des Essens im „Zur Linde“ nicht im Ansatz mithalten. Wir sind des angebotenen Königs-Pilseners und Schöfferhofers  allmählich überdrüssig. Auf der Karte steht Mojito, Grund genug eine Runde zu bestellen. Die Kellnerin reagiert auf die Bestellung: „Ah, 8 Mojito, in Ordnung. Wir haben nur ein kleines Limetten-Problem. Die sind alle. Ich könnte Ihnen also Mojito ohne Limetten machen.“ Wir sind uns nicht wirklich sicher, ob sie uns verarschen will, switchen aber sicherheitshalber auf 8 Gin-Tonic um, welche wenig später heran balanciert werden. Leider gibt es nun auch ein kleines Gin-Tonic-Problem. Denn der ist eine Katastrophe. Lauwarm, ohne Kohlensäure, mit einem einzigen verlorenen Eiswürfel, der innerhalb von 2 Minuten weggetaut ist. Trotzdem trauen sich zwei von uns, noch einen zu bestellen. Darauf die Kellnerin: „Okay, wir haben nur ein kleines Problem, wir haben keinen Tonic mehr. Aber ich gehe noch mal in den Keller, vielleicht finde ich da noch eine Flasche.“ Langsam wird uns die ganze Sache unheimlich. Offenbar hat die Kellnerin aber im Keller noch irgendwo in verstaubten Regalen eine Flasche Tonic gefunden. Jedenfalls kommen wenig später zwei Gin-Tonic, die den der ersten Runde qualitätsmäßig noch mal um Längen unterbieten. So kann es nicht weiter gehen. Jetzt ist guter Rat teuer. Im Zur Linde weiter saufen ist keine Alternative. Die Hälfte der Radsportgruppe zieht sich aufs Zimmer zurück, die andere Hälfte, die den Hals nicht voll kriegen kann grübelt über Alternativen. Und das alles um 21:30 Uhr in Hitzacker an der Elbe. Irgendjemand brummt vor sich hin: „Was tun sprach Zeus, die Götter sind besoffen, der Olymp ist voll gekotzt.“ Ein anderer findet über das Mobiltelefon heraus, dass in 500 Metern noch ein Rewe bis 22:00 Uhr offen hat. Das ist doch mal ne Perspektive. Wir wegen kurz ab und entschließen uns dann, diesem Rewe einen Besuch abzustatten.

Na nun aber los! Schnell bezahlt, auf die Kleiderordnung geschissen und los auf Socken in Badelatschen Richtung Rewe. Und der hat tatsächlich noch offen. Das Angebot an gekühlten Getränken ist leider überschaubar. Aber warmes Lager-Bier ist besser als kein Bier und allemal besser als die Gin-Tonics im Zur Linde. Zum Glück hat irgendjemand noch die schlaue Idee, zwei große Flaschen Berliner Luft, Pappbecher, drei  große Papptüten und ein paar Bifis einzukaufen. Und so schlendern wir in unseren Badelatschen zum Hotel Zur Linde zurück. Nicht ohne kurz vor dem Hotel alle Getränke sorgfältig in den völlig unverdächtigen Papiertüten von Rewe zu verstauen. Der Herr an der Rezeption im Zur Linde soll schließlich denken, dass wir alles Mögliche, aber auf keinen Fall alkoholische Getränke mit ins Hotel schmuggeln. Wie Schuljungs auf Klassenfahrt huschen wir kurz darauf kichernd an der Rezeption vorbei, die Bierflaschen in den Papiertüten klirren verräterisch und  der Mann an der Rezeption schüttelt wissend den Kopf. In manchen Sachen wird man offenbar nie erwachsen.  Wenig später breiten wir zahlreiche Sechserträger Lager-Bier und die beiden Pullen Berliner Luft auf dem Tisch in einem der sehr geräumigen Hotelzimmer aus. Es gibt sogar eine große Couch und ausreichend Stühle. Das Zur Linde ist gut vorbereitet, auf Chaoten wie uns. Nur am Gin-Tonic müssen sie dringend arbeiten! Wir quatschen uns erneut dusselig, taufen diese Radtour zwischenzeitlich auf „Tour de Sauf“ um und geben keine Ruhe, bis alle Biere restlos leer getrunken sind. Höchste Zeit also, sich der Berliner Luft zu widmen. Das mit dieser Berliner Luft ist so eine Sache: Richtig lecker findet die niemand, auch wir nicht. Manche finden sie geradezu ekelhaft. Aber sie hat sich halt in den letzten Jahren zu so einer Art Kult-Getränk entwickelt. Ähnlich, wie es Ende der 1990er auf einmal total hip war, das ehemalige Assi-Getränk Jägermeister zu saufen und sich alle um die orangenen Jägermeister-Shirts gekloppt haben, wenn die Promo-Crew aus Wolfenbüttel mit dem verkleideten Hirsch in den angesagtesten Clubs aufgekreuzt ist. Berliner Luft ist nicht lecker, aber Berliner Luft ist Zeitgeist. Und in diesem speziellen Falle sollte man dagegen nicht ansaufen sondern besser mit dem Strom schwimmen. Der Trend is your Friend. Was an der Börse gilt, wird ja wohl erst Recht an der Theke gelten! Außerdem erspart der erfrischende Pfefferminzgeschmack das abendliche Zähneputzen, dazu gibt es mit Sicherheit schon umfangreiche dentale Studien, die nur noch nicht veröffentlicht sind. Alles andere wäre zumindest völlig abwegig.  Also dann: Zum Wohle, wir brauchen Luft zum Atmen! Die erste Flasche Luft wird in zwei Runden geleert, da die Pappbecher randvoll gegossen wurden. Gegen den Durst. Die zweite Pulle ist zum Genießen. Wir wollen ja schließlich noch was haben, von unserem einmaligen Abend in Hitzacker an der Elbe im Wendland.

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2. Etappe: Hamburger Wetter, die Hölle des Nordens und Runterkommen in Lauenburg

Als uns der Wecker kurz nach halb acht aus dem Tiefschlaf reißt, prasselt es an die Fensterscheibe. Die Erstligafreie- und Hansestadt Hamburg wartet zum Abschied mit einer lokalen Spezialität auf: Schietwedder. Es kübelt wie aus Eimern über Altona. „Alter, wollt ihr wirklich bei diesem Wetter auf’s Rad heute?“ ist die erste entgeisterte Frage des Tages beim Blick aus dem Fenster. Es sind mittelgroße Wasserfälle, die vom Grünspan gezeichnten Dach der gegenüberliegenden St. Petri-Kirche herunter stürzen. Auch die Wetter-App macht keine Hoffnung: Regenwahrscheinlichkeit bis 14 Uhr 95%, zwischen 14-18 Uhr 80%. Na das kann ja was werden.

Das Frühstück findet wieder auf der überdachten Terrasse statt, auf der wir uns gestern die ekelhaften Holsten-Biere rein geknetet haben. Das Prasseln des Regens auf das Wellblechdach verursacht einen Höllenlärm. Wir witzeln übers Wetter, kalauern vor uns hin, ob schon mal jemand nachgeschaut hat, ob auch eine S-Bahn nach Lauenburg fährt. Aber in Wirklichkeit ist es Galgenhumor oder zumindest das berühmte Pfeifen im Walde. In der Tourenplanung haben wir uns für den ersten Fahrrad-Tag bewusst für eine relativ kurze Etappe entschieden. Einrollen, früh am Zielort sein, entspannt ein paar Flusskilometer stromaufwärts machen, warm werden für diese Fahrradtour halt. In Lauenburg einkehren und den Abend genießen.

 Klar haben wir Regensachen im Gepäck. Aber ein kompletter Regentag auf dem Rad kann die Laune  ganz schön drücken. Auch das Frühstück im Hotel Stephan kann die Stimmung  nicht bessern. Traurig liegen zwischen Salami und Kochschinken ein paar  sich nach oben wölbende Butterkäsescheiben auf dem Teller. Kleine Plastikverpackungen mit Erdbeer- und Aprikosenmarmelade, die nicht nach Frucht, dafür umso mehr nach Zucker schmeckt. Der Kaffee ist so dünn, dass man alle auffindbaren Plastikschälchen mit Kaffeesahne hinein kippen muss, um wenigstens den Tassenboden nicht mehr zu sehen.  Die größte Herausforderung ist es aber, die Brötchen so aufzuschneiden, dass sie bei dieser Tätigkeit nicht zu Staub zerfallen. Wie soll das alles  heute nur weitergehen?

 Während des Frühstücks taucht eine Hotel-Angestellte auf der Terrasse auf und fragt schüchtern, wer denn bei uns der Chef sei. Wir antworten bestimmt: „Hier sind alle Chef.“ Die Hotel-Angestellte druckst etwas herum und sagt dann: „Wir haben ein kleines Problem mit der Abrechnung.“ Wir schauen uns etwas ratlos an und fragen „Um was geht es denn?“ Zögern bei der Hotel-Angestellten, ihr ist die Sache sichtlich unangenehm. Sie setzt an: „Naja…wie soll ich sagen….?“ Sie zögert weiter. Wir sind gespannt was jetzt kommt. Sie setzt erneut an: „Also…wir wollen wirklich nichts falsch machen…aber…naja…also nach unserer Abrechnung sind noch 38 kleine Bier offen.“ Wir rechnen kurz durch, überschlagen den gestrigen Abend und bestätigen der Hotel-Angestellten dann einstimmig die Zahl: „Ja, das kommt hin!“ Erleichterung bei der Hotel-Angestellten. Sie erklärt: „Also wissen Sie, wir wollten einfach nichts falsch machen und ihnen nicht zu viel Geld abnehmen, wissen Sie, sowas hatten wir hier bislang noch nie, dass jemand 38 Bier getrunken hat. Aber ist ja schön, wenn wir uns da einigen konnten.“ Daraufhin lässt sie uns mit einer Mischung aus Verwunderung und Stolz zurück. So viel wie wir hat hier also noch nie jemand gesoffen. Das ist ja auch schon mal ne Leistung.

Gegen neun Uhr macht der erste von uns die Entdeckung auf der Wetterwarn-App, dass tatsächlich ab 10 der Regen weniger werden soll und dass es ab 11 Uhr sogar Aussichten auf trockene Phasen gibt. Diese Prognose wird nach und nach auch von anderen Wetter-Apps bestätigt. Na also, das ist doch mal ein Silberstreif am Horizont! Wir kramen dennoch unsere Regensachen heraus,  verstauen unsere Habseligkeiten ordentlich in den Fahrradtaschen, räumen die Zimmer und treffen uns kurz darauf in Funktionswäsche und Regensachen auf der überdachten Terrasse wieder. Die Frage lautet: Noch warten oder los fahren? Es kommt eine knappe Mehrheit für Los-Fahren zustande. Na dann: Räder raus gewuchtet, Zimmer plus 38 Holsten bezahlt, Schlüssel abgegeben, Taschen gesattelt, rauf auf den Bock und los!

Der Regen hat  tatsächlich im Vergleich zu den Stunden davor nachgelassen, ist aber als solider Nieselregen noch deutlich spürbar. Hamburger Wetter halt. Aber es nutzte nix, jetzt sitzen wir auf dem Fahrrad und rollen die Königsstraße runter, lassen die Mörkenstraße links liegen und biegen kurz vor der Reeperbahn rechts in den Ring 2 Richtung Elbe  ein. Nachdem wir am St. Pauli Fischmarkt wieder die Hafenstraße erreichen fällt ein sehnsüchtiger  Blick rüber  Richtung Strand Pauli. Schön war es da gewesen. In der Bar und überhaupt in Hamburg.

Wir erreichen die Landungsbrücken, von rechts  grüßt die Rickmer Rickmers  zum Abschied durch den Nieselregen. Wir lassen das Portugiesen-Viertel links liegen, da müssen wir dann beim nächsten Besuch dringend mal wieder durch die Tapas-Bars streunen. Am Baumwall vorbei, rechts im Hintergrund die Elbphilharmonie, Möwengeschrei, die Speicherstadt taucht aus den dichten Regenwolken auf.

Unsere Abschiedsroute durch Hamburg fällt fasst ein bisschen zu klischeehaft aus. Trotz – oder vermutlich gerade wegen diesem Kitsch – kommt Wehmut auf: Hamburg, es war uns eine Ehre! Es war schön, wie immer halt. Hier lässt es sich aushalten. Big Easy, wir kommen wieder, keine Frage. Aber nun warten stromaufwärts erstmal  noch unzählige Abenteuer auf uns, die alle erlebt werden wollen. Daher treten wir beherzt in die Pedalen.

Unterhalb der Deichtorhallen treffen wir auf einem Wegweiser erstmals auf das kleine blaue „e“, das auf den ersten Blick ein bisschen an das Icon  des Internet Explorers erinnert. Es ist das Erkennungssymbol des Elberadwegs und wird uns die nächsten drei Tage ein treuer Begleiter sein. Wir rollen am Hamburger Großmarkt vorbei, rechts Fleete und Kanäle. Wir kommen an Schleusen vorbei, überqueren Brücken, müssen uns anhand unübersichtlicher Wegeführung ab und zu neu orientieren. Insgesamt kommen wir aber besser als erwartet die ersten Kilometer voran. Die Straße ist nass, wohl dem der Schutzbleche montiert hat, der Nieselregen nach wie vor konstant. Die schönen Seiten Hamburgs haben wir hinter uns gelassen. Wir passieren riesige Industriegebiete und Speditionsgelände. Hinter dem Heizkraftwerk Tiefstack verhaspeln wir uns mit der Wegführung. Wir finden lange kein kleines blaues „e“ mehr und sind nicht sicher, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind. Wir irren durch Billbrook und spätestens in Moorfleet sind wir uns dann sicher: Wir sind ganz schön vom Weg abgekommen. Wir passieren die A1 Richtung Lübeck und versuchen uns irgendwie durchzuschlagen. Die Industriegebiete  und Speditionen sind inzwischen riesigen Gartencentern und Gemüsegärtnereien am Wegesrand gewichen.  Wir tasten uns weiter vorsichtig vor und überqueren die Dove-Elbe, für deren Rettung gestern die Boote vor Strand Pauli so viel Radau gemacht haben. Hinter der Brücke die angenehme Überraschung: Es leuchtet ein kleines blaues „e“ auf dem Wegweiser, wir sind also doch richtig. Nun sind auch die Gartencenter und Gärtnereien vom Wegesrand verschwunden, wir durchradeln riesige Viehweiden, Maisfelder, kleine Wälder und ab und zu eine Kleingartenanlage. Immer wieder neu gebaute Einfamilienhäuser-Siedlungen, in denen sich junge Familien unlängst den Traum vom Eigenheim im Grünen verwirklicht haben. Alles wunderschön mit Garten, bunten Stockrosen vor dem Haus und aufwendig gepflegten Rasenflächen, imposanten Trampolinen und Schaukeln für die Kinder. Man will gar nicht wissen, wo hier die Quadratmeter-Preise liegen.

Alles immer noch auf Hamburger Territorium aber urban ist es schon lange nicht mehr. St. Pauli und Altona sind gefühlt schon wieder meilenweit entfernt. Und gleich noch ne gute Nachricht: Der Regen hat komplett aufgehört. Wir halten also am Wegesrand und entledigen uns der Regenklamotten und verstauen diese in den Satteltaschen. So radelt es sich gleich noch mal besser.

Während wir durch die wunderbar grüne Landschaft der Elbmarsch rollen, meldet sich langsam  der erste Bierdurst des Tages. Der Uhrzeiger geht auf halb zwölf zu und so einigen wir uns darauf, dass die nächste Kneipe unsere sein wird. Kurz hinter Ochsenwerder in einer kleinen Siedlung liegt die unscheinbare Gaststädte „Al Lago“ an der wir fast vorbei geradelt wären. Zum Glück brüllt einer aus dem hinteren Feld gerade noch rechtzeitig „Kneipe!“. Wir gehen in die Eisen, parken die Räder und entern die Terrasse, die überraschenderweise auch noch an einem schönen See liegt. Na wenn das mal nix ist! Wir sind offenbar die ersten Gäste des Tages. Der Wirt freut sich aber über unseren Besuch: „Na Männer, ihr seht durstig aus!“ Kennerblick. Er stellt uns ein paar Tische unter der gestreiften Markise zusammen, so dass die komplette Radsportgruppe Platz findet und schleppt dann sofort kleine Biere, große Biere, große Radler und Hefeweizen heran. Perfekter Ort für den ersten Einkehrschwung hier am Sandbrack in Fünfhausen, läuft bei uns! Der Wirt fragt einmal kurz unsicher, ob wir bis 13:30 Uhr weiter fahren werden, da er dann die Tische für eine Reservierung braucht. Wir versichern: „Klar, wir wollen nur kurz was trinken.“ Aber wie das dann immer ist: Das Bier perlt so erfrischend, dass immer noch ne neue Runde bestellt werden muss. Die Zeit vergeht wie im Fluge, zwischenzeitlich fallen noch 2-3 Regenschauer vom Himmel, vor denen uns die gestreifte Markise Schutz bietet,  Biere werden fleißig nachgeordert und ruckzuck ist es 13:30 Uhr. Wir fragen, was denn nun mit der Reservierung ist. Antwort des Wirts: „Keine Sorge Männer, ich habe das umdisponiert.“ Erleichterung. Irgendeiner von uns fragt: „Was ist denn hier der Hausschnaps?“  Darauf der Wirt: „Wartet mal Jungs, ich stell euch gleich was hin.“ Kurz darauf kehrt er mit einer vollen 1,5 Liter Flasche Grappa und acht Gläsern zurück. Er stellt diese auf dem Tisch ab und sagt: „So Männer, wegen euch hab ich die Miete für heute drin. Trinkt mal einen und schenkt euch so viel nach wie ihr wollt. Einzige Bedingung: Hier trinken und nicht die Flasche mitnehmen.“ Wir sehen uns ungläubig an und schenken ein: Zum Wohle heißt die Parole! Und gleich noch einer und noch einer. Dazu ein Bier nachbestellt, was ist denn hier los? Als die Grappaflasche nur noch vier Finger breit voll ist, macht sich der Wirt dann doch Sorgen und sagt grinsend: „So Männer, ich nehme dann die Buddel mal lieber mit. Das ist besser für euch und besser für mich.“ Gut, dass er auf uns aufpasst. Und so zahlen wir ausschließlich Getränke, der Wirt freut sich wie ein kleiner Junge über die Beträge, und wir schwingen uns ohne im Al Lago was gegessen zu haben etwas angetüdelt auf das Fahrrad. Wir brauchen einige Meter um uns einzurollen, aber dann geht es schon wieder.

Es gibt innerhalb der Radsportgruppe so ein paar unausgesprochene Gesetze. So sind wir uns grundlegend einig, dass unsere Radtouren Bummeltouren sein sollen, auf der jeder Spaß hat. Wir sind ja alles keine durchtrainierten Leistungssportler. Der Weg ist das Ziel. Genau so sind Einkehrschwünge unabdingbar. Aber es darf dann phasenweise doch mal an getestet werden und Sport gemacht werden. Diese Tourphasen werden eigentlich nie abgesprochen  eingeleitet. Sie passieren mehr oder weniger von selbst. Irgendwann sticht immer irgendjemanden der Hafer. Dann wird vorne aufs große Kettenblatt geschaltet und losgefahren. Und dann heißt es entweder dran bleiben oder abreißen lassen. Das kann mitunter zu gewaltigen Abständen zwischen den einzelnen Mitgliedern der Radsportgruppe führen. Natürlich wartet man dann irgendwann wieder aufeinander und fährt gemeinsam weiter. Jeder hat die Wahl ob er mitmacht oder doch lieber im Gruppetto Kräfte schont. Aber Sport darf  zwischendrin eben durchaus sein. „Halli-Galli-Drecksauparty“ wird diese Etappen-Phase von einigen in der Radsportgruppe genannt. Aber es war bislang ebenso ein unausgesprochenes Gesetz, dass diese Halli-Galli-Drecksauparty nicht nach Einkehrschwüngen und schon gar nicht nach Schnaps eingeleitet wird. Meist findet  das ganze bei mehrtägigen wie eintägigen Touren irgendwann am Vormittag statt. Diese Gesetzmäßigkeit hatte aber heute wohl der Grappa außer Kraft gesetzt. Jedenfalls geht plötzlich die Post ab. Es wird hektisch geschaltet und alle versuchen dran zu bleiben. Jetzt heißt es eine gesunde Mischung aus Windschatten und vorrausschauendem Fahren zu entwickeln. Wir kacheln mit 33 km/h auf unseren Trekkingrädern mit den voll bepackten Taschen am Zollenspieker Fährhaus vorbei und rasen hoch auf den Elbdeich. Nur nicht das Hinterrad des Vordermanns verlieren. Natürlich ist das alles relativ anstrengend und mitunter brennen die Oberschenkel, aber erstaunlicherweise macht diese Raserei gleichzeitig den Kopf frei. Man muss sich nur auf einige wenige Dinge konzentrieren, man muss treten und lässt ansonsten die Landschaft an sich  vorbei rauschen. Man verfällt in so eine Art Geschwindigkeitsmeditation. Wir heizen an Altengamme vorbei, würdigen die riesigen Schafherden auf dem Deich keines Blickes, nehmen im Augenwinkel zahlreiche HSV-Flaggen vor den Häusern wahr und haben noch nicht mal Zeit uns über diese zu ärgern, versuchen auf den Wegweisern die kleinen blauen „e“ im Vorbei-Rasen wahrzunehmen, haben in diesem Moment kein Auge für die Schönheit der imposanten Flusslandschaft und jagen  immer den Elbdeich entlang. Anstrengend aber auch geil. Erst als der Weg rechts abknickt und wir kurz vor Geestacht endgültig das Hamburger Gebiet verlassen und Schleswig-Holstein erreichen, nehmen wir raus und warten auf die Versprengten. War ein schönes An-Testen. Das Material, welches vor der Radtour an bierseligen Abenden in unterschiedlichen Schrauber-Garagen aufwendig in Schuss gebracht wurde, scheint  zu laufen und auch die Grundkondition, mit der man unterwegs war, schien nicht die schlechteste zu sein. Die Radsportgruppe hatte offenbar die Corona-Zeit genutzt, um sich in Form zu bringen.  Als das acht Mann starke Feld wieder zusammen ist, rollen wir gemächlich in Geestacht ein. Dass dies keine besonders schöne Stadt ist, wird auf den ersten Blick deutlich. Trotzdem treibt uns der einsetzende Hunger auf die Suche nach einer Kneipe.

Am Elbhafen werden wir fündig. In der „Beache Lounge Geestacht“ gibt es das was wir jetzt brauchen: Frisch gegrillte Krakauer und Astra-Kiezmische.  Dazu entspannte Beats aus den Boxen und direkt vor unserem Auge strömt die Elbe gemächlich aber kraftvoll durch saftig grüne Marschlandschaften. Gelöste Stimmung, das Schlimmste scheine wir hinter uns zu haben. Wir überschlagen kurz, dass es  bis zum Zielort Lauenburg vielleicht noch gut 12 Kilometer sind und wir nehmen uns vor, diese gemächlich austrudeln zu lassen. Wir besorgen uns noch ne Kiez-Mische und ahnen nicht, dass kurze Zeit später die „Hölle des Nordens“ für uns los brechen wird.

Wir schwingen uns aufs Rad und rollen in geringem Tempo am Freibad Geestacht vorbei und verlassen den Ort wenig später in östlicher Richtung. Einige Kilometer flussaufwärts passieren wir mit einem leichten Schaudern auf dem Rücken das stillgelegte Kernkraftwerk Krümmel und wundern uns ca. zwei Kilometer später, warum der Elberadweg plötzlich nach links abbiegt, also weg vom Fluss. Noch größere Verwunderung, als der Radweg dann plötzlich wieder halbrechts in eine Steigung abbiegt, wie man sie nur aus Mittelgebirgen kennt. Wir schnaufen also den Berg hoch und erster Frust kommt auf, als nach einigen hundert Metern die asphaltierte Strecke endet und in einen unbefestigten, morastigen Waldweg übergeht. Die Steigung ist dagegen nicht zu Ende sondern nimmt – im Gegenteil – noch um ein paar Prozent zu. Erstes Fluchen in der Radsportgruppe. Wir keuchen weiter den Berg hinauf. Irgendwann haben wir völlig entkräftet eine Höhe erklommen, mit der man in der Norddeutschen Tiefebene niemals gerechnet hätte. Und nun beginnt ein wilder Ritt. Es geht bergauf und bergab über unbefestigte Waldwege. Fiesen Steigungen folgen abenteuerliche Abfahrten. Der Regen der vergangenen Nacht hat zentimetertiefe Pfützen hinterlassen, die eine zusätzliche Herausforderung darstellen. Keuchen und fluchen in der Radsportgruppe: „Was is den dit hier für ne Scheiße!?“ Das Schild „Lauenburg 5,2 km“ macht Hoffnung.  Es geht im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein im aufgeweichten Wald auf der Geestkante. Sicher eine geile Strecke für sportlich orientierte Mountainbiker aber für uns ein echter Belastungstest für Mensch und Material. Plötzlich endet der Radweg im Nichts. Nervöses herumtippen auf den Navigations-Apps aber kein Ausweg in Sicht. Die Elbe muss nur wenige Meter entfernt sein, aber zu sehen ist sie nicht. Also umkehren und nach Hinweisschildern Ausschau halten. Die Laune wird noch schlechter, als wir nach wenigen Metern an das Schild „Lauenburg 8,5 km“ kommen. Es ist zum Kotzen, so eine Scheiße! Aber alles Fluchen hilft jetzt auch nicht weiter. Wir kämpfen uns weiter durch das unwegsame Gelände. Wir befinden uns immer noch weit über der Elbe und trösten uns mit dem Gedanken, dass es dann wenigstens eine lange, entspannte Abfahrt runter nach Lauenburg geben wird. Und irgendwann kommen wir tatsächlich an das Hinweisschild „Lauenburg-Zentrum 500 m“. Und der Pfeil zeigt 90° nach rechts. Wir trauen unseren Augen nicht: Alle Höhenmeter, die wir uns über mehrere Kilometer kontinuierlich erarbeitet haben, sollen wir jetzt auf einer Abfahrt von geschätzten 250 Metern wieder steil nach unten verlieren. Zunächst über einen unbefestigten Waldweg mit zahlreichen Baumwurzeln, weiter unten dann Kopfsteinpflaster.  Es nützt nix, wir begeben uns todesmutig in die Abfahrt. Belastungstest für die Bremsen. Und es kommt wie es kommen muss: Als wir das Kopfsteinpflaster erreichen kracht es weiter hinten: Sturz. Zum Glück geht alles glimpflich aus. Das Material nimmt keinen Schaden und am Mensch wird es maximal blaue Flecken geben. Glück gehabt. Leicht fassungslos rollen wir um kurz vor 18:00 Uhr in der Lauenburger Altstadt ein. Was war das denn bitte für ein Höllenritt so kurz vor Feierabend?

Immerhin sieht die Altstadt ganz nett aus und auf den Straßen versammeln sich zahlreiche  Straßenmusiker, die die mangelnden Auftrittsmöglichkeiten in der Pandemie offenbar für kleine Konzerte auf der Straße nutzen. Freundlicher Empfang. Ohne Umwege erreichen wir unsere Unterkunft. Unsere Räder sind aufgrund der letzten Kilometer komplett eingesaut aber wir sehen auf den ersten Blick, dass es in der  Pension „Von Herzen“ gut werden wird. Der Wirt nimmt uns mit der strengen Ermahnung in Empfang: „Bitte alle Masken tragen!“ Und bevor hier irgendwas läuft, werden wir erstmal einzeln zum Hände-Desinfizieren heranzitiert. Hier werden also die Hygiene-Vorgaben vorbildlich umgesetzt. Wir werden daraufhin vom Wirt über die geltenden Pandemie-Vorgaben in seiner Unterkunft belehrt und hinterlassen auf Formularen unsere Daten. Nach dem das Förmliche erledigt ist, gehen wir mit dem Wirt zum angenehmen Teil über. Zunächst bekommen wir die Zimmerschlüssel ausgehändigt und dann zeigt er uns die riesige  Terrasse zur Elbseite hin: „Hier können Sie heute Abend noch so lange sitzen, wie sie möchten.“ Wir sind beeindruckt. Die Begeisterung steigt, als der Wirt sagt: „So, dann zeige ich ihnen auch gleich noch mal unsere Mini-Bar.“ Er führt uns in eine kleinen Raum in dem ein riesiger Kühlschrank steht, der umfangreich mit allen Getränken  bestückt ist, die  man für einen geselligen Abend auf der Elbterrasse benötigt.  Der Wirt erklärt uns das Prozedere: „Hier haben wir Zettel und Sie führen darauf einfach Strichliste, was sie getrunken haben. Kasse des Vertrauens zu fairen Preisen. Das wird dann sicher für Sie auch etwas günstiger, als wenn Sie den ganzen Abend in der Gaststätte sitzen“. Wir fühlen uns wie im Paradies.

Wir beziehen die Zimmer, befreien uns von der Funktionswäsche, springen unter die Dusche und machen uns gegen 18:30 Uhr auf die Suche nach Abendessen. Wir finden kurz darauf im Restaurant „Rufers“ alles was wir uns wünschen. Einen großen Tisch direkt am Wasser mit Blick auf die Einmündung des Elbe-Lübeck-Kanals sowie  auf die Elbbrücke und eine vielversprechende Speisekarte.  Wir ordern hausgemachte Pasta in allen Variationen, Matjes mit Bratkartoffeln, Hähnchen mit Couscous, Kichererbsensalat und andere Leckereien. Die Nachtischvariation „Die vier Köstlichkeiten“ ist der Hammer, der Gin-Tonic in Ordnung. Kann man weiter empfehlen, das „Rufers“. Aber wir wollen uns nicht unnötig lange aufhalten, denn wir haben ja die große Elbterrasse im „Von Herzen“ samt Kühlschrank in der Hinterhand.

Also zahlen wir und finden uns wenig später genau an besagtem Ort wieder. Es ist ein unfassbarer Ausblick! Links die imposante Eisenbahnbrücke, rechts bis zum Horizont  der breite Strom und über all dem eine beeindruckende Wolkenformation. Die Elbe zieht gemächlich an uns vorüber. Sie entschleunigt uns, bringt uns runter. Gleichzeitig ist ihr ihre Kraft anzusehen. Sie ist für die Menschen hier seit Jahrhunderten Lebensader und der Grund, warum sie hier überhaupt siedeln. Gleichzeitig erahnt man, welche zerstörerische Wucht die Elbe entfalten kann, wenn sie einmal schlechte Laune bekommt. Wir starren minutenlang einfach auf den Fluss und lassen uns davon überwältigen. Die Mini-Bar aus der Pension „Von Herzen“ sorgt getränke-technisch für die angemessene Untermalung dieses Naturschauspiels. Ist das schon wieder alles unfassbar geil hier!

Nach zwei Stunden zwingt uns ein los brechendes Gewitter, die Terrasse zu räumen. Wir ziehen in den Innenbereich, lassen aber noch lange nicht von der Mini-Bar ab. Diese hat inzwischen beträchtliche Lücken bekommen. Der Wein ist komplett alle, das Hefeweizen geht zur Neige. Irgendwann haben selbst wir genug und fallen kurz darauf in einen erholsamen Tiefschlaf.  

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

1. Etappe: Easy-Going im deutschen Big Easy

Um 10:30 Uhr schwingen wir uns in der Schmarjestraße auf die Räder, biegen in die Max-Brauer-Allee, checken kurz das Angebot im Fahrradladen „Cyclefactory“, radeln am Altonaer Rathaus vorbei Richtung Süden  und gönnen uns unten  am Altonaer Balkon einen ausgiebigen Blick über den Hamburger Hafen. Wir sehen die HVV-Fähren, die von den Hamburgern „Bügeleisen“ genannt werden, fleißig auf der Elbe umher kreuzen. Ordentlich Verkehr drüben auf der Köhlbrandbrücke und irgendeines von diesen Aida-Kreuzfahrschiffen liegt festgemacht am Cruise-Terminal  Altona. Schlechte Zeiten für Kreuzfahrt-Freunde  in der Pandemie, wohl dem, der eine Radtour für diesen Sommer geplant hat!

Wir radeln nun etwas ziellos an der Elbe entlang in östlicher Richtung. Was wir suchen ist ein lauschiges Plätzchen am Wasser, wo man frühstücken kann und wo reichlich Kaltgetränke vorrätig sind. Für Hamburger Verhältnisse geht es zunächst auf dem Radweg und kurz darauf auf der Palmaille ganz schön bergab. Wir lassen die Räder laufen, treffen auf die Breite Straße, nehmen in der Kurve am Fischmarkt den Schwung mit und erreichen die Hafenstraße. Immer Traurig, wenn man hier vorbei kommt und sieht, dass der Golden Pudel Club nicht mehr steht, da er vor ein paar Jahren abgebrannt ist. Gleichzeitig schön, dass wieder was aufgebaut wurde und hier zu Nicht-Corona-Zeiten offenbar wieder Club-Kultur betrieben wird. Kurz darauf haben wir das gefunden, was wir suchen: „Strand Pauli“ hat seine Pforten geöffnet und heißt uns willkommen. Die Pandemie macht es notwendig, dass wir uns über einen Barcode auf dem Smartphone für diesen Besuch registrieren, wir werden eindringlich darum gebeten, abseits unseres Tisches auf allen Wegen, Gängen, Toiletten usw. auf jeden Fall eine Maske zu tragen. Wir willigen ein und kurze Zeit später ist ein geräumiger Tisch gefunden, an dessen Seiten handgezimmerte Sofas stehen, die acht Männern ausreichend Platz bieten. Die Elbe gefühlte 4 Meter entfernt, feiner Sand zwischen den Füßen, Wetter nicht zu kalt und nicht zu warm, freier Blick auf die Docks von Blohm+Voss. Es könnte in diesem Moment kaum besser sein.

Das einzige, was uns nun noch zum absoluten Glück fehlt, ist ein reichhaltiges Frühstück und ein kühles Getränk. Und auch hierfür  verspricht uns die freundliche Kellnerin in einer interessanten Schlangenleder-Optik-Hose Abhilfe. Die Speisekarte können wir uns aus Hygiene-Gründen per App auf dem eigenen Mobiltelefon durchlesen. „Einmal das Frühstück ‚Alles Käse‘ bitte!“ Nachfrage der Kellnerin: „Und dazu einen schönen Kaffee?“ Antwort: „Nö, lieber einen schönen Mojito“. Erleichtert nehmen wir zur Kenntnis, dass die  Kellnerin es offenbar völlig  in Ordnung findet, zumindest aber nicht ungewöhnlich, dass man sich hier um kurz vor elf einen schönen Cocktail zum Frühstück dazu bestellt. Wie schon gesagt: Es ist die Zeit der guten Nachrichten angebrochen.

Das „Alles-Käse-Frühstück“ ist reichhaltig, der Mojito phantastisch. Wir lassen  uns in unseren zusammengezimmerten Lounge-Möbeln in die Lehnen sinken und genießen. Die leeren Frühstücksteller werden irgendwann von der Kellnerin mit ihrer Schlangenhose abgeräumt, wir ordern  kühle Getränke nach und lassen den Blick über das bunte Treiben da unten auf dem Wasser schweifen. Sportboote tuckern elbauf- und elbabwärts, HVV-Fähren ziehen ihre Bahnen und Barkassen für die Große Hafenrundfahrt (mit Speicherstadt) schaukeln an uns vorbei. Nach dem frühen Aufstehen und der etwas turbulenten Anreise per Bahn stellt sich erstmals Tiefenentspannung ein. Wir sitzen einfach da, wechseln kaum ein Wort, bestellen ab und zu Getränke nach. Die Kellnerin stellt uns immer wieder neue Mojitos, Caipirinhas, frische Biere, Summer Breeze und StrandPauli MaiTais hin. Um uns herum kommen und gehen Leute. Sympathische Menschen, schöne Menschen, völlig überstylte Leute und glückliche Familien, deren Kinder zufrieden im Sand buddeln. Aus der Box wummern unaufdringlich entspannte Klänge. Die SoundHound-App ermittelt, dass gerade die Cafe del Mar Vol. 12  läuft. Wir genießen einfach die Momente  und fühlen uns wohl. So vergehen Stunden, ohne dass wir es bemerken.

Zwischenzeitlich wird es laut auf der Elbe, da sich ein Bootskorso gebildet hat, der ein ziemlich aufdringliches Hupkonzert auf dem Wasser veranstaltet.  So einen Sound hat Hamburg sonst nur zu bieten, wenn entweder die Türkei oder Portugal gerade ein wichtiges Länderspiel bei einem Turnier gewonnen hat. Wir fragen uns erstaunt, was es mit diesem Auflauf von mehreren hundert hupenden  Sportbooten auf sich hat, können aber zunächst die gelben Schilder auf den Booten aufgrund der Entfernung nicht lesen. Erst als ein großes Boot mit einer leistungsstarken Soundanlage vorbei tuckert, können wir den Schriftzug „Dove-Elbe retten!“ entziffern. Über die Soundanlage dröhnt Jimmi Hendrix mit „Hey Joe“ über das Wasser. Unterbrochen von eindringlichen Ansagen des Bootsführers, in denen er den Grund für den Lärm und den Auflauf auf dem Wasser erklärt. Es geht den krach-machenden Booten also darum, die Öffnung der Dove Elbe zur Tideelbe zu verhindern. Wir wünschen alles Gute für das Vorhaben! Dieses Spektakel geht etwa 45 Minuten, danach ziehen die Boote elbaufwärts Richtung Dove-Elbe ab und es kehrt Ruhe auf dem Fluss ein. Wir verfallen erneut in den Modus der Entspannung, des Getränke-Nachorderns, des Da-Sitzens, des Nicht-Viel-Sprechens und des Moment-Genießens. Hamburg ist einfach geil. Und jeder, der was anderes behauptet hat einen an der Murmel. So viel steht fest. Hamburg ist das deutsche Big Easy.

Gegen halb fünf melden die ersten Mitglieder der Radsportgruppe leichte Hungergefühle an. Die Frage kommt auf, ob man sich nun in Strand Pauli Essen bestellt oder ob man noch mal woanders hin zieht. Und so schön das zwar gerade alles in Strand Pauli ist, so schwer vermittelbar wäre es, wenn man auf die Frage „Was habt ihr denn so in Hamburg gemacht“ geantwortet hätte „Ach wir haben da nur in so einer Strand-Bar abgehangen“. Und so entschließen wir uns nach sorgfältiger Abwägung, dass wir zum Abendessen doch noch mal einen Ortswechsel vornehmen. Und wenn unser Hotel schon in Altona ist, dann wird sich doch in Ottensen irgendwas Schönes zum Abendessen auftreiben lassen.  Wir verlassen also schweren Herzens nach dem Begleichen einer stattlichen Rechnung dieses ganz wunderbare „Strand Pauli“ und radeln nun bergauf in Richtung Altona.

Nach kurzem Rum-Streunen auf dem Fahrrad durch Ottensen finden wir uns kurz darauf vor dem  „Ribatejo“ in der Bahrenfelder Straße wieder. Diese kleine portugiesische Tapas-Bar, die sich in einer ausgebauten Hofeinfahrt befindet, scheint für unsere Ansprüche das richtige zu sein.

Wir bekommen einen Tisch für unsere Acht-Mann-Truppe und kurze Zeit später balanciert der Kellner acht Port Tonics als Aperitivo an unseren Tisch. Da es sich beim „Ribatejo“ wie gesagt um eine ausgebaute Hofeinfahrt handelt, besteht der Fußboden hier aus rustikalem Kopfsteinpflaster. Kurz vorm Erreichen unseres Tisches verkantet sich der Kellner offenbar mit dem Fuß auf dem Kopfsteinpflaster.  Intensives Taumeln, alles Nachbalancieren hat keinen Sinn und das Ergebnis ist, dass ein Mitglied unserer Radsportgruppe die acht Port Tonic über den Oberkörper bekommt. Scherben überall und schade um die schönen Drinks. Dem Kellner ist dies verständlicherweise äußerst unangenehm, in seiner Haut möchte man jetzt nicht stecken. Aber das „Ribatejo-Team“ ist sichtlich um unbürokratische  Schadensbegrenzung bemüht. Wir bekommen kostenlose Ribatejo-Shirts als Wechselwäsche zur Verfügung gestellt, die Scherben werden schnell zusammengefegt, eine neue Runde Port Tonics wird im zweiten Versuch schadlos an unsere Plätze balanciert. Dazu wird uns vom Chef Schnaps in rauen Mengen auf Kosten des Hauses für nach dem Essen versprochen. Und das ist ja dann auch wieder was. Wie gesagt: Die Zeit der guten Neuigkeiten.

Der Port Tonic perlt dann jedenfalls wunderbar erfrischend unsere Kehlen hinab, der Kellner stellt uns umfangreich eiskaltes Sagres in Flaschen auf den Tisch und wir bestellen große gemischte Tapas-Teller. Wir schaufeln Oliven, Sardinen, Artischocken, Schinken, Chorizo, Meeresfrüchte, Auberginen, gegrillte Paprika, unterschiedliche Dips mit frischem Weißbrot, gegrillte Lammkoteletts und ähnliche Leckereien in uns hinein. Zum Nachtisch gibt es den versprochenen Medronho aufs Haus. Es lässt sich sehr gut aushalten im Ribatejo. Aber der Abend ist Jung… „und zur Euphorie ist‘s nur ein Katzensprung“, wie uns Jan Delay an dieser Stelle zu flüstern würde. Aber in Zeiten der Pandemie ist der Kiez für uns keine Alternative. So gerne wir auch da gewesen wären.

Daher entsteht die Idee, sich an einem Kiosk einzudecken und noch mal zum Altonaer Balkon zu radeln. Wir kaufen einem kleinen Kiosk die Bier-Reserven weg und finden uns wenig später auf einer Bank am Altonaer Balkon mit Blick über den Hafen wieder. Auf der Wiese um uns haben junge Leute Decken ausgebreitet und kommen dort offenbar zu ähnlichen  Zwecken wie wir zusammen. Wir trinken das ein oder andere Bier, quatschen vor uns hin, werden Zeugen einer sich hochschaukelnden Handgreiflichkeit: Dicke-Eier-Gehabe unter Heranwachsenden. Leider bricht ein kleiner Platzregen los, ehe es wirklich handfest wird. So kühlt der Regen nicht nur die Gemüter sondern verursacht auch   eine auf Freiwilligkeit basierende Räumung des Altonaer Balkons. Relativ durchnässt kommen wir kurz darauf in unserem Hotel an und schleichen uns erstmal auf die überdachte Terrasse. Der Regen prasselt auf das Wellblechdach und wir fragen an der Rezeption nach Bier. Die etwas überraschte Hotelangestellte sichert uns zu, mal nachzusehen ob noch Bier da ist und kommt kurz danach mit acht Flaschen Holsten-Pils auf die Terrasse. Holsten knallt ja bekanntlich am dollsten, aber es ist halt  nun wirklich kein gutes Bier. Dennoch ist es eiskalt und es ist  in diesem Moment besser als kein Bier. Natürlich ist die erste Pulle schnell alle und wir bestellten fleißig nach. Irgendwann kommt  die Hotelangestellte kleinlaut auf die Terrasse und übermittelte uns, dass es ab jetzt nur noch warmes Holsten gibt. Wir lassen uns nicht beirren und ordern völlig  leichtsinnig noch eine warme Runde. Dieses  lauwarmen Holsten führt dann allerdings  zur Sprengung unserer Radsportgruppe. Denn so viel ist sicher: Noch ein warmes Holsten kann es auf keinen Fall geben! Die eine Hälfte der  Radsportgruppe tritt den geordneten Rückzug aufs Zimmer und mittelfristig ins  Bett an. Die andere Hälfte will den Abend nicht mit einem lausigen Bier-Erlebnis beenden und macht noch mal ne Runde um den Block. Zum Glück hat es aufgehört zu regnen. Als um den Block weder eine Kneipe, noch ein Kiosk zu finden ist, fällt die sinnvolle Entscheidung, doch noch die paar Meter bis zur Ottensener Hauptstraße zu laufen. Kneipen und Bars sind ja in der Corona Zeit keine wirklichen Alternativen, aber an der Ecke Ottensener Hauptstraße-Spritzenplatz lockte uns ein überdimensionaler, ausgeleuchteter und  begehbarer Kiosk, der Biertische vor dem Laden aufgestellt hat, an denen sich Abstände entspannt einhalten  lassen. Wir finden uns vor einer meterlangen Kühlschrankwand wieder und fühlen uns wie kleine Jungs  im Bonbon-Laden: Hier gibt es alle Biere der Welt, dazu eine umfangreiche Schnapsauswahl. Kurz darauf sitzen wir an einem der Tische, kühles Lager-Bier und ein paar kleine Jägermeister-Flaschen vor uns, und beobachten das wuselige nächtliche Treiben am Spritzenplatz. Wir bemerken nicht, wie die Zeit voran schreitet und wären sicher  noch länger geblieben. Aber irgendwann setzt der Regen wieder ein und zwingt uns zum Aufbruch. Vielleicht gar nicht so schlecht für unsere Schädel. Wenn wir schon nicht selbst auf uns aufpassen, dann erledigt das in Hamburg eben der Regen für uns. Kurz darauf fallen wir im Hotel Stephan in die Betten und sind sofort im Tiefschlaf.

Beauty-Woche unter Männern

Ein Lustspiel in 7 Etappen

Der Prolog:

Die Uhr zeigt 3:30 Uhr als der auf extra laut gestellte Wecker Alarm schlägt. Der schlaftrunkene Blick auf das Handy offenbart die ersten Aktivitäten in der Radsport-WhatsApp-Gruppe: „Mojen Mädels, ab in die Beauty-Woche!“ wurde um 3:25 Uhr gesendet. Vorfreude. Die Müdigkeit wird mit kalter Dusche versucht aus den Knochen zu spülen und wenig später wird sich mit dem Fahrrad   auf den Weg zum Berliner Hauptbahnhof gemacht. Und  aufgrund von Schienenersatzverkehr und Störungen im S-Bahnnetz wird das eine ziemliche Herausforderung. Und so zeigt der Fahrrad-Tacho 1,5 Stunden später schon deutlich mehr gefahrene Kilometer an als geplant waren, als  um 6.05 Uhr acht  noch etwas verschlafene Männer im besten Alter vor dem Berliner Hauptbahnhof zusammentreffen. Jeder  von diesen acht Männern führt  ein muskelbetriebenes Zweirad mit randvoll gepackten Satteltaschen mit sich.

Der Plan lautet: Mit den Rädern heute per Bahn  nach Hamburg und dann in sechs Tagesetappen  mit dem Fahrrad wieder zurück in die Hauptstadt. Berlin wird also in einer Woche wieder unsere Ankunftsstation sein, aber nicht das Ziel. Denn in unserem Falle gilt tatsächlich die alte Floskel:

Der Weg ist das Ziel.

Ab Hamburg wollen wir jeden Tag mit reiner Muskelkraft und ohne E-Doping Dinge erleben, Menschen begegnen, Landschaften durchfahren und uns jedes Mal überraschen lassen, welche Geschichten der Weg für uns bereit hält. 

Das unschlagbare Angebot der Bahn, uns für 16 € für Mensch und Fahrrad nach Hamburg zu bringen, hat die frühe Startzeit am Berliner Hauptbahnhof als notwendiges Übel mit sich gebracht, da leider Zugbindung. Es ist schon einiges los am Hauptbahnhof um kurz nach sechs. Menschen wuseln durcheinander, nur die Läden haben noch nicht offen. Nicht mal ein Kaffee ist irgendwo zu ergattern. Wir entschließen uns, erstmal unser Gleis zu suchen und dort die Räder abzustellen. Dann passen immer im Wechsel ein paar Leute auf die Räder und Taschen auf, während sich die anderen auf die Jagd nach Kaffee, Frühstück und Reiseproviant machen.

Den zeitlichen Puffer, den wir uns für die Anreise zum Hauptbahnhof eingeräumt haben, benötigten wir nicht und somit heißt es jetzt warten. Glücklicherweise hatte einer von uns die Idee, ein paar Sechserträger kühles Bier bei dem gerade auf machenden  Rewe im Hauptbahnhof zu besorgen. Und so heißt es gegen 6:30 Uhr das erste Mal in unserer Beauty-Woche „Zum Wohle!“. Der Bahnsteig füllt sich zunehmend, die meisten halten sich an die herrschende Maskenpflicht und bei uns steigt die Nervosität. Es ist immer etwas aufregend und vor allem hektisch, acht Räder und 16 Satteltaschen in der Kürze des Zug-Halts im Fahrradabteil zu verstauen. Wir haben daher sorgfältige Vorkehrungen getroffen. Die Räder von den Satteltaschen befreit auf dem Wagenstandanzeiger minutiös die Position des Fahrradabteils ermittelt und den Plan entwickelt, das zwei Leute mit ihren Rädern zuerst einsteigen und die von den anderen angereichten Räder und Taschen dann oben an der Zugtür in Empfang nehmen.

Pünktlich um 7:05 Uhr rollt der IC 2070 von Prag nach Hamburg-Altona an Gleis 8 ein. Uns fährt der Schreck in die Glieder, denn ein Fahrradabteil ist weit und breit nicht zu sehen. Wir schnappen uns die Räder und Taschen und wollen uns gerade hektisch durch die Menschenmassen auf die Suche nach dem Radabteil machen als uns der Zugbegleiter in breitem Sächsisch zurück pfeift: „Hey, die mit den Rädern hier geblieben!“ Er erklärt, dass es kein Fahrradabteil gibt und wir die Räder nun in ganz normale Sitzabteile quetschen müssen. Wir sollen ihm die Räder hoch reichen und der Schaffner verstaut die Räder dann wenig zärtlich und mit Nachdruck in drei ganz normalen Sitzabteilen. Dies hat zur Folge, dass nicht nur unsere eigenen reservierten Sitzplätze mit Fahrrädern vollgestellt sind sondern offenbar auch reservierte Sitzplätze von anderen Reisenden. Es kommt zu Tumulten und Wortgefechten. Die Reisenden bezichtigen uns einer absoluten Unverschämtheit, dass wir die Räder auf ihre Sitzplätze stellen. Wir versuchen uns zu rechtfertigem, dass wir hier ja nur die Anweisungen des Zugbegleiters befolgen. Zur Beschwichtigung kann das allerdings nicht beitragen. Eine junge Frau brüllt durch den Zug: „Ihr habt hier doch alle komplett den Arsch offen!“ Als wir darauf mit Lachen antworten wird ihr Zorn noch größer und sie stürmt zum Zugbegleiter. In diesem Moment setzt sich der Zug in Bewegung. Wir versuchen uns hektisch einen Überblick zu verschaffen, ob auch wirklich alle Taschen und Räder mit in den Zug gekommen sind. Nach einigen Minuten können wir diesbezüglich Entwarnung geben, alles da. Nur stehen wir halt jetzt blöd auf dem Gang rum, da ja die Räder im Abteil stehen. Dazu immer noch hektische hin und her lauf Bewegungen anderer Reisender, die sich an uns vorbei drängeln. An pandemie-gebotene Abstandsregeln ist nicht zu denken. Der Schaffner versucht die aufgebrachte Meute derer zu beruhigen, die ihre Sitzplätze nun von unseren Rädern verstellt sehen. Es dauert weit bis hinter Spandau, bis sich die Wogen geglättet haben und alle Reisende alternative Sitzplätze eingenommen haben, die zu ihrer  Zufriedenheit sind. Nichts bringt den gemeinen Deutschen offenbar mehr in Rage, als wenn der reservierte Sitzplatz nicht dort ist, wo er gebucht wurde. Das 2. Bier haben wir uns nach der ganzen Aufregung nun aber redlich verdient. Nachdem Versuch, die Lage etwas einzuordnen steht fest, dass wir uns in einem Zug der tschechischen Eisenbahn befinden, der also kein Fahrrad-Abteil hat, obwohl wir diesen Zug bereits im Januar ausdrücklich mit Fahrrädern gebucht hatten. Zudem stinkt die Zugtoilette direkt neben unseren Abteilen latent  nach Scheiße. Wir stehen etwas ratlos auf dem Gang und trinken Bier.  Nach dem 3. Bier versuchen sich einige von uns, auf die Sitze neben den Rädern ins Abteil zu quetschen. Das funktioniert mehr schlecht als recht.

Wir erreichen Wittenberge. Hier wollen wir in drei Tagen wieder mit den Rädern sein. Das fühlt sich an diesem Morgen allerdings  noch ziemlich surreal an. Unsere Bierreserven gehen bedrohlich zur Neige. Dies beschwört neue Turbulenzen herauf. Ein sehr  junger Service-Mitarbeiter der Tschechischen Bahn schiebt einen Wagen mit Kaffee, Getränken und kleinen Snacks durch den Zug. Wir versuchen für jeden von unserer Radsportgruppe ein Bier zu erwerben. Der Service-Mitarbeiter verweigert uns diesen Wunsch und behauptet in gebrochenem Deutsch aber trotzdem sehr nachdrücklich, dass er kein Bier verkaufe. Wir zeigen auf die aufgereihten Budweiser-Flaschen auf seinem Wagen. Darauf antwortet er resolut: „Bier nur Speisewagen!“ Dies erzeugt eine Mischung aus Erheiterung und Ratlosigkeit bei uns. Nach einigen Minuten der Unschlüssigkeit ringen wir uns dann doch dazu durch, den Weg Richtung Speisewagen anzutreten. Wir schwanken durch den rasenden Zug. Nach einigen Wagons begegnen wir wieder dem Service-Mitarbeiter mit seinem Wagen. Als er uns erblick, brüllt er fast schon: „Ihr wollt Bier? Okay, 3,40 €!“ Da wir inzwischen aber den Gedanken ganz okay finden, uns im Speisewagen auf ein paar Bier nieder zu lassen, antworten wir durch unseren Mund-Nase-Schutz: „Nein, wir trinken ein Bier im Speisewagen.“ Dies führt erstaunlicherweise dazu, dass der junge tschechische Service-Mitarbeiter endgültig die Nerven verliert, irgendwas auf Tschechisch vor sich hin flucht, sich seinen Wagen schnappt und diesen klirrend und scheppernd in hohem Tempo durch den Zug zieht. Es liegt hier offenbar ein kommunikatives Missverständnis  vor, welches wir uns aber nicht erklären können. Entweder haben wir irgendeine tschechische  Höflichkeitsgepflogenheit missachtet oder der junge Tscheche kann irgendwas an uns nicht leiden. Wir folgen ihm jedenfalls im gleichen hohen Tempo, welches er vorgibt immer Richtung Speisewagen. Er flucht weiterhin auf Tschechisch vor sich hin, die Bierflaschen auf seinem Wagen klirren, der Zug schwankt und wir immer hinterher. Filmreife Szenen. Fahrgäste, die nach einem Kaffee fragen, werden ignoriert, der  junge Mann hat offenbar den Kanal voll. Nach endlosen Wagons erreichen wir fast zeitglich mit dem fluchenden Service-Mitarbeiter den Speisewagen und können beobachten, wie er seinen Wagen mit Getränken und Snacks in die Bordküche donnert. Es folgt eine lautstarke Wutrede an die  anderen Mitarbeitern im Speisewagen. Wir verstehen zwar kein Wort, aber dem Tonfall entnehmen wir in etwa: „Diese scheiß Deutschen mit ihrem scheiß  Bier gehen mit sowas von auf die Kette!“ Wir lassen uns nicht beirren und bestellen eine Runde Bier bei einem seiner Kollegen, der nach einigen Minuten vorsichtig über die Theke lugt. Wir rätseln, was wir falsch gemacht haben und warum er so die Fassung verlor. Da er sich offenbar immer noch nicht beruhigt hat und weiterhin lautstarkes Fluchen aus der Bordküche zu vernehmen ist, entschließen wir uns, hier nicht weiter mit unserer Anwesenheit zu provozieren. Schade eigentlich, das hätte ein bierseliger Ritt nach Hamburg werden können, bei dem die Tschechische Bahn hier im Speisewagen einige Kronen an unserem Durst verdient hätte. Aber manchmal kann man es nicht erzwingen. Wir treten also den langen Weg zurück zu unseren Rädern an. Kurz aufkommende Überlegungen, ob die Aufenthaltszeit des Zuges in Ludwigslust oder  Büchen ausreicht, damit einer von uns schnell aussteigt, Bier für alle besorgt und zurück in den Zug eilt, werden schließlich als zu riskant über den Haufen geworfen. Und so stehen wir einige Zeit später etwas verstimmt  wieder auf dem Gang neben unseren Rädern und atmen Zugtoilettenluft durch unseren Mund-Naseschutz. Das geht  ja gut los mit unserer Tour.

Um weitere Hektik zu vermeiden, entscheiden wir uns bis zur Endstation in Altona im Zug zu bleiben, um  nicht überhastet  am Hauptbahnhof die Räder und Taschen aus dem Zug reißen zu müssen. Unsere Unterkunft ist  ohnehin in Altona. Die Zimmer können wir zwar erst ab 15 Uhr beziehen, aber vielleicht können wir unsere Fahrradtaschen irgendwo im Hotel zwischenlagern. Langsam rollt  der IC im Hamburger Hauptbahnhof ein und bei dem Trubel, der dort auf dem Gleis herrscht, sind wir sehr zufrieden mit unserer Entscheidung bis Altona zu fahren. Hektisch aussteigende Reisende quetschen sich an uns vorbei, leider können wir aufgrund der zugestellten Abteile nicht wirklich ausweichen. Wenn dass das Robert Koch Institut sehen würde.  Nachdem sich auch dieser Trubel gelegt hat, gleitet der Zug langsam weiter Richtung Altona. Der Ausblick, als wir zwischen Binnen- und Außenalster die Brücke passieren lässt Freude aufkommen. Endlich wieder Hamburg, wie schön! Willkommen in der Erstligafreien- und Hansestadt Hamburg! Wir rollen ohne Halt durch den Bahnhof Dammtor, passieren die Sternschanze und Holstenstraße und reiten kurz darauf in Hamburgs schönstem Stadtteil ein. Hallo Altona, gut wieder hier zu sein!

In aller Ruhe Entladen wir auf Gleis 5 die Räder und Fahrradtaschen und gönnen uns eine Pause am Raucherpunkt um einen Plan zu machen.

„Thank you for travelling with Tschechische Bahn!“

Wir entschließen uns, unser Hotel in der Schmarjestraße aufzusuchen, welches nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt liegt. Wir schieben unsere Fahrräder durch die vom Autozug rollenden PKWs vom Bahnhofsgelände, schwingen uns auf die Räder und rollen die Max-Brauer-Allee hinunter. Wir lassen den Stuhlmannbrunnen rechts liegen und biegen kurz darauf links in unsere Zielstraße ein. Hotel Stephan, nicht unser Haus aber für heute unser Heim. Man  erwartet uns mit der frohen Kunde, dass unsere Zimmer bereits jetzt um kurz vor 10 bezugsfertig sind und wir unser Gepäck auf die Zimmer bringen können und uns kurz frisch machen können. Die ersten Herausforderungen waren also bewältigt, ab jetzt hat  die Zeit der guten Neuigkeiten begonnen.

Eine Geschichte aus der Präcorona-Zeit

Der Januar ist ja nun nicht gerade als Wonnemonat bekannt. Erst recht nicht, wenn er nasskalt, trüb und im unteren Plusbereich der Temperaturen, so vor sich hin wintert. Und da kann man sich zu dieser Jahreszeit wahrlich einen schöneren Start in einen Tag am Wochenende vorstellen, als dass um 5:45 Uhr der Wecker klingelt. Dunkel, grau, feucht, dass ist der erste Eindruck dieses Tages, beim Blick aus dem Fenster.  Und trotz dieser widrigen Bedingungen ist die Vorfreude groß. Denn Winterzeit ist Wurstmachzeit! Und wohl dem, der einen Kumpel hat, der Wurst machen kann und  zum Wurstmachen eingeladen hat. Also nach der nötigsten Körperpflege  schnell heißes Wasser durch das frisch gemahlene Pulver in der blubbernden Bialetti gejagt, in Sachen Kleidung umfangreich das Zwiebelprinzip angewendet, die wasserfestesten Schuhe unter die Füße geschnallt, die aufzutreiben waren und dann geht’s auch schon rauf auf den Drahtesel. Ziel ist ein Hof mit kleiner Schlachtkammer in einer Scheune, irgendwo jenseits der Berliner Stadtgrenze. Der erste Eindruck bestätigt sich. 3° C, grau, kalt, Handschuhwetter. Immerhin regnet es nicht, aber trotzdem ist alles feucht, da eine stabile Nebelwand über diesem Morgen hängt. Von hereinbrechender Dämmerung noch nix zu merken. Feinste Tröpfchen vor dem Fahrradlicht. Die ca. 15minütige Fahrt sorgt wenigstens dafür, dass der Kreislauf etwas in Schwung kommt und hilft dabei, die 2 Bier zu viel, die es am Vorabend im Fußballer-Vereinsheim dann doch wieder geworden sind, aus dem Körper zu strampeln.

Am Zielort angekommen, herrscht dort bereits eine rege Betriebsamkeit. Es ist 6:30 Uhr aber hier klappern Zinkwannen, es werden Schneidebretter zusammengetragen, ein großer eingemauerter Kessel wird angefeuert, Kaffee gebrüht, säckeweise Zwiebeln herangeschafft, Wasser in Eimer gefüllt, große Fleischbrocken gestapelt, Küchenwerkzeuge sortiert  und – erstaunlich – schon herzhaft gelacht zu dieser frühen Stunde. Alles ist hell erleuchtet und die Bluetooth-Box ist auch schon in Betrieb.  Schlachtfest aufm Dorf, na das kann was werden.  Der Gastgeber begrüßt  mit der gewohnt charmanten Berlin-Brandenburger Nonchalance: „Alter, siehst du kacke aus!“ gefolgt von einem herzlichen Lachen und einem Abklatsch-Ritual.

Nachdem man sich einen ersten Überblick über die Lage gemacht hat und alle anwesenden Wurst-Freunde mit selbigem  Abklatsch-Ritual begrüßt und von wirklich  jedem mindestens  einen augenzwinkernden dummen Spruch kassiert hat, steht auch schon die erste Herausforderung an:  „Planungsmolle“ wird ausgerufen! Man kann sich zwar noch nicht wirklich vorstellen, wie man jetzt um 6:45 Uhr schon ein Bier runter bekommen soll, wo doch das  letzte  von gestern Abend  noch beharrlich an die Schädeldecke hämmert, aber Schlachtfest ist kein Ponyhof, soviel steht fest. Vorsichtiger Protest wird energisch abgewiesen: Auf die Frage „Wie, ihr wollt jetzt schon mit saufen anfangen?“ kommt ein energisches: „Alter, wat is denn mit dir nich in Ordnung? Hast du een  anner Murmel oder wat?“  Und die Begründung wird postwendend nachgeliefert:  „Wenn die Sau am Haken hängt, wird erst mal einer eingeschenkt. Ist die Sau aber noch am Leben, kann man trotzdem einen heben.“ Na dann also, Planungsmolle…is ja gut. Prost! Der Tagesplan wird grob skizziert. Auf dem Programm stehen heute: Salami, Leberwurst, Rotwurst und Blutwurst (letztere auch liebevoll „Tote Oma“ genannt).

Zur Erklärung: Geschlachtet wurde schon zwei Wochen zuvor, heute geht es darum, eingefrorenes Fleisch  zu verarbeiten. Wurstmachen halt. Der Gastgeber überprüft noch mal kritisch die Outfits der Anwesenden. Man bekommt zum Glück eine stabile Gummi-Schürze ausgehändigt ohne die der Tag deutlich unangenehmer verlaufen wäre. Und die Planungsmolle läuft dann sogar  irgendwie rein in den Kopf. Der erste Schluck noch von Überwindung geprägt, aber dann geht es auch schon wieder. Na also, willkommen im Wurstmach-Tag! Zugegeben, die Musik ist noch ausbaufähig, aus der Bluetooth-Box singt Kerstin Ott „Komm lass die Welt bemalen, in Regenbogenfarben“. Aber ansonsten gibt es bislang nix zu beanstanden.

Der Ablaufplan wird festgelegt. Als erstes müssen die dicken Brocken für die Rotwurst, Blutwurst und Leberwurst in den Kessel: Bauch, Schweineherz und Schwarte, jede Menge Schwarte! Nach kurzer Zeit breitet sich ein angenehmer Duft von Fleischbrühe in der kleinen aber feinen Schlachtkammer aus. Währenddessen ist man zum Zwiebelschälen eingeteilt  worden. Ist ja klar: Wer zum ersten Mal beim Schlachtfest ist, kann nicht gleich die große Kelle am Kessel schwingen, der muss sich über  Zwiebeln-Schneiden erst mal in der Hierarchie nach oben dienen.  Und 20 kg Zwiebeln pellen und vierteln, morgens um 7:00 Uhr,  das ist schon mal ne Hausnummer, eine tränenreiche obendrein. Immerhin setzt draußen langsam die Morgendämmerung ein.   Jedes Mal wenn der Deckel vom großen Wurstkessel angehoben wird, steigt eine Dampfwolke herauf, die die kleine Schlachtkammer komplett vernebelt. Nasennebenhöhlenprobleme wird hier heute keiner bekommen, bei so viel permanenter Inhalation, so viel ist sicher.

Jedenfalls hat man sich nach den 20 kg Zwiebeln das nächste Bier redlich verdient, das wird auch von den anderen Wurst-Freunden so gesehen. Und das zweite perlt schon wieder ganz gut runter. Und während man also bei der zweiten Molle blöde Sprüche mit den Wurst-Freunden klopft und der Geruch der Wurstbrühe langsam auch über den ganzen Hof wabert, kommt die Ansage: „So, nun aber los! Salami machen!“ Gesagt, getan. Salamimachen. Wir brauchen Schweinebauch, Schweinefilet, Speck, sehr fettigen Speck etwas Rindfleisch (wegen der Festigkeit der Wurst, wie erklärt wird), Knoblauch   und allerhand Gewürze, wie Pökelsalz, Kochsalz, weißer Pfeffer, schwarzer Pfeffer, Senfsaat, Kardamom und ganz wichtig: Weinbrand! Ein übereifriger Wurst-Freund, der bereits mit dem Vermengen der Zutaten beginnen will, wird vom Gastgeber zurückgepfiffen: „Wie wat? Bist du bescheuert? Erstmal Hackepeter fürs Frühstück durchdrehen!“ Also werden kurzerhand ein paar sehr solide Stücken Schweinebauch durch den Fleischwolf gedreht, gesalzen, gepfeffert und in einer Plastikschale beiseite gestellt. Und dann also die Salami. Fleisch und Knoblauch einmal durch den Wolf, bitte. Und was soll man sagen:  Es riecht mega geil! Und so eine randvoll gefüllte Zinkwanne mit frischem Gehackten macht was her, die könnte man sich glatt schon mal ins Wohnzimmer stellen. Das ganze wird mit den Gewürzen in den Fleischmischer gegeben und darf da jetzt etliche Runden mitfahren. Feierlich gießt der Gastgeber die halbe Flasche Weinbrand hinzu und verkündet dann: „Allet was nich in die Wurst geht, muss in Kopp!“ Na gut, also der erste Schnaps des Tages um kurz vor neun. Nützt ja nix, da müssen wir jetzt durch.

Und danach ist erstmal Frühstückspause. Während der Fleischmischer mit der Salami-Masse Karussell fährt und die Fleischbrühe im Kessel duftend vor sich hin siedet, gibt’s jetzt also rustikales Frühstück. Was für ein Fest! Warme Brötchen mit dem frisch durch den Wolf gedrehten und wunderbar  gewürztem Hackepeter (andernorts auch einfach Mett genannt), sehr viele Zwiebeln oben drauf, wahlweise mit ner knackigen Spreewaldgurke und dazu kühles Berliner Pilsener und heißer Kaffee mit H-Milch. Und es gibt den 2. Schnaps des Tages. Klingt nach einer abgefahrenen Zusammenstellung, passt an diesem Tag aber genau  hier hin.  Dazu fliegen derbe Sprüche und viel Berliner-Schnauzen-Humor. „Aus Hackepeter wird Kacke später, wa? Höhöhö!“ Schwer zu sagen, ob es das kühle Bier, der frische Hackepeter, der warme Kaffee, der 2. Schnaps oder der allgegenwärtige derbe Berlin-Brandenburger  Humor ist, was bereits in diesen frühen Morgenstunden schon eine so dermaßen angenehme Wohlfühlstimmung erzeugt. Vermutlich ist es genau die Mischung aus alle dem. Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem man jetzt lieber wäre. Das muss dieses „Sensmaking“ sein, von dem man auf Manager-Schulungen und Lebensglück-Seminaren hören kann. Also liebe Manager-Verbesserer und Lebensglück-Sucher: Geht raus und  macht Wurst. Und trinkt Schnäpse dazu! Es ist sinnstiftend und macht glücklich!  Ohne Scheiß!

Und dann ist nach dem Frühstück echte Handarbeit gefragt. Der Gastgeber macht vor, was mit der Salamimasse nun passieren muss. Um es kurz zu machen: Die Masse muss in großen Klumpen, mit beiden Händen und mit viel Schwung  in eine Zinkwanne geknallt werden und dann mit aller Kraft mit den flachen Händen verprügelt werden. Und diesen ganzen Vorgang muss man endlos wiederholen. Es geht darum, die Luft aus der Masse zu kriegen, wie von erfahrenen Wurst-Freunden erklärt wird. Denn merkt euch das: „Luft in der Wurst is kacke.“  Kräftezehrende Angelegenheit. So ein morgendliches Workout im Fiti ist ein Scheiß dagegen. Parallel dazu werden Därme gewaschen und mit Wurstgarn  abgebunden. Fummelige Arbeit für Geduldige. Dann doch lieber die Fleischmasse verkloppen. Kurze Zeit später zucken alle Anwesenden zusammen und gehen von einem Wutanfall des Gastgebers aus. Dieser erklärt aber lächelnd, dass man die Wurstmasse mit so viel Krach in den Wurstfüller prügeln muss, damit eben diese blöde Luft nicht in die Wurst kommt. „So, dann wolln wa den Kondom hier mal übern Puller schieben!“ Und so wird meterlanger Darm auf den Wurstfüller gestülpt. Und als die Kurbel in Bewegung gesetzt wird, gleitet die leckere Masse in den Darm und bildet lustige Ringe. Anzügliche Sprüche werden durch den Raum geworfen. Und ganz ehrlich: Wer bei dem Anblick der anschwellenden  Würste keine „Untenrum-Gedanken“ im Kopf hat, mit dem stimmt auch irgendwas nicht. Es sieht spielend einfach aus, wie die erfahrenen Wurstmacher eine Wurst nach der anderen befüllen, geschickt abdrehen, abtrennen und schnell verknoten. Dass diese ganze Sache, die so spielerisch aussieht aber keineswegs so einfach von der Hand geht, merkt man als man selber mal an den Wurstfüller gelassen wird. Die so produzierten Würste sind eine Katastrophe, sie sehen aus wie Unglücke und sorgen für reichlich Erheiterung bei den Mit-Wurstmachern.  „Ick frag mir, wie du deine Gören jezeugt hast, wenn du mit deinem eigenen Puller auch so talentfrei bist!“ Solche und ähnliche Sprüche darf man sich anhören. Und um ehrlich zu sein: Nicht zu unrecht. Und so übernehmen schnell die Wurst-Profis wieder das Kommando.  Und sofort gleiten wieder wunderbar geformte Salamis aus dem  Wurstfüller. Die  Erkenntnis daraus: Wurstmachen ist nicht nur Handwerk, es ist ein verdammtes Kunsthandwerk!

Am Ende landen insgesamt 78 dieser Kunstwerke in zwei großen Zinkwannen. Grund genug für das nächste Bier  und für Raucherpause.

 In Sachen Schnaps ist inzwischen vom Kräuterschnaps und Weinbrand auf Berliner Luft umgestiegen worden. Die schmeckt zwar noch schlimmer, aber dafür hat sie weniger Umdrehungen.  Das ist bei dem Blick auf die Uhr und der kurzen Hochrechnung, wie lange man hier heute noch zu Gange sein wird auch nicht die schlechteste Alternative. Sozusagen flatten the promille-curve, ohne dass man den Begriff „flatten the curve“ bereits kennen würde. Dazu aus der Bluetooth-Box: Cordula Grüüüüüühhn, ich hab dich, ich hab dich, ich hab dich tanzen gesehen!

 Und wie das auf dem Dorf offenbar so üblich ist: Wenn irgendwo Schlachtfest ist, dann spricht sich das rum. Und so ist es ein stetes Kommen und Gehen auf dem Hof. Jeder kommt mal kurz vorbei, trinkt ein Bier oder einen Schnaps mit, gibt hilfreiche und weniger hilfreiche Tipps und es wird jede Menge Schlachter-Latein ausgetauscht.  Es erinnert fast an mediterrane Geselligkeit. Und das mitten im Januar im Brandenburgischen. Das hätte man auch nicht für möglich gehalten.   Vor allem die älteren Dorfbewohner fühlen sich vom Event angezogen. Und bei den Ü-80 Herren, die vorbeischauen, werden die über den Hof geworfenen Lebensweisheiten nach jedem Schnaps etwas anzüglicher.  „Ihr jungen Leute habt das ja auch nich so leicht“ denn:

„Früher war es so jeregelt, dass jeder seine Olle vögelt,

heute ist es sehr verzwickt, weil alles durcheinander fickt!“

Die Opis haben ihren Spaß! Der Uhrzeiger geht nun unbeirrt Richtung 11:30 Uhr. Also höchste Zeit um weiter zu machen.  Die 78 Salamis werden nun fein säuberlich auf Stangen gefädelt. So viele wie möglich auf eine Stange, aber die Würste dürfen sich auf keinen Fall berühren. Darauf wird penibel geachtet. Das weitere Schicksal der Salamis sieht nun wie folgt aus: Ein paar Tage zum Trocknen auf der Stange rum hängen, dann kommen sie kurz in den Rauch und dann sind sie zum Verzehr frei gegeben.

Nächster Tagesordnungspunkt:  Leberwurst!

Jetzt geht es erstmal darum den Schweinebauch, die Schweineherzen und die Schwarte in ihrem Netz aus dem dampfenden Kessel zu fischen.  Bauch und Schwarte werden in kleinere Brocken geschnitten und kommen dann mit Leber, Zwiebeln und einigen Äpfeln in den großen Fleischwolf. Was für ein geiler Geruch schon wieder! Die Masse, die da aus dem Wolf quillt ist deutlich feuchter und klebriger, als die der Salami zuvor. Dann darf man sogar mit in die Würzkammer wo die Familienrezepte für die Wurst gehütet werden. Es werden Kochsalz, Pfeffer, Majoran und eine geheime Würzmischung abgewogen und vermischt. Kurze Diskussion kommt auf ob mit oder ohne Muskat. Man einigt sich auf wenig Muskat. Und dann wird die Gewürzmischung per reiner Handarbeit mit der klebrigen Fleischmasse vermengt. Was für eine geile Sauerei!

Und dann schlägt wieder die Stunde der Kunsthandwerker am  Wurstfüller. Es werden jede Menge Leberwürste in Darm gefüllt, abgebunden und in Zinkwannen gelegt. Über die  Hälfte der Masse gleitet  dann noch in Einweck-Gläser, die sofort in Plastikkisten gestapelt werden.  Inzwischen wurde einem die verantwortungsvolle Aufgabe zugewiesen, Schweineherzen für die Rotwurst in Würfel zu schneiden. Dabei ist man tatsächlich über sich selbst erschrocken, weil das Zerkleinern von Schweineherzen als geradezu meditative Tätigkeit wahrgenommen wird. Ein Haufen Schweineherzen auf dem Schneidebrett, hohe Luftfeuchtigkeit im Raum, der Duft von Wurstsuppe in der Nase und dazu bereits ein paar Schnäpse und 4 große Berliner Pilsener im Kopf. In dieser Gemengelage stört es auch nicht weiter, dass Cora via Bluetooth-Box gerad klagt „Liebe hat total versagt, in Amsterdam!“ Wohlfühl-Wurstmach-Atmosphäre.

Dazu wird immer wieder durchgewischt, abgewaschen, ausgespült und abgewischt, dass es eine wahre Freude ist. Würde das örtliche Gesundheitsamt hier rein schneien, es gäbe nix zu beanstanden!

Zwischenergebnis: 47 Leberwürste im Darm plus 86 Gläser mit Leberwurst. Zeit für ein Bier, Schnaps, na klar, noch ein Hackepeterbrötchen und Small-Talk mit den Dorf-Ältesten. Uhrzeit, irgendwas gegen 13:30 Uhr. Inzwischen hat sich jemand aus dem Dorf eingefunden, um das neuste erstandene Gerät zu zerlegen und in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammen zu schrauben, welches der Gastgeber kürzlich bei E-Bay-Kleinanzeigen geschossen hat. Ein Wurstkutter muss durch technisches Geschick wiederbelebt werden. Demnächst ist hier dann nicht nur grobe Wurst, sondern auch Bockwurst und Fleischkäse möglich. Hoffentlich darf man dann wieder mitmachen.

Und jetzt ran an die Rotwurst, die hier auch „Fleischwurst“ genannt wird, aber nix mit einer hessischen Fleischwurst gemein hat. Es wird wieder ordentlich Masse durch den Fleischwolf gedreht. Anschließend wandern die groben Stücke vom Schweineherz und von der Schwarte mit in die Zinkwanne. Und dann wird einem als Wurstmach-Neuling eine besondere Ehre zuteil. Man darf den großen Sack mit frischem Schweineblut anstechen. Früher musste man dann auch ein Glas mit Blut trinken um dazuzugehören, wie die Anwesenden glaubhaft versichern. Heute reicht ein Schnaps. Zum Glück!

Wieder durch kräftige, aber auch liebevolle Handarbeit wird nun alles in der großen Zinkwanne vermengt. Eine blutige Angelegenheit. Wenig später sind auch die Rotwürste im Darm und jetzt geht es ans Brühen. Eine sensible Sache. Die Temperatur darf nicht unter 70 Grad sinken, damit wirklich alle Keime abgetötet werden, sie darf aber auch nicht wirklich über 70 Grad steigen, da sonst die Würste platzen. Ein Ritt auf der Rasierklinge. Wenn das kein Grund für den nächsten Schnaps ist!

Und während die Würste im Kessel vor sich hin brühen, wird das letzte Wurstprojekt des Tages in Angriff genommen. Und um ehrlich zu sein, fängt der Geruch vom Wurstkessel, den man am Morgen und Mittag noch so geil fand, langsam an zu nerven. Nach Stunden am Kessel schlägt, der Geruch allmählich auf den Magen. Aber egal: Grützwurst steht auf dem Plan, die hier liebevoll nur Tote Oma genannt wird.  Leider sorgen die zahlreichen Schnäpse inzwischen dafür, dass man nicht mehr jeden der Arbeitsschritte, die hier immer noch erstaunlich souverän ausgeführt werden,  in Gänze  mitbekommt. Irgendeine Fleischmasse wurde jedenfalls in einem sehr großen Topf mit reichlich  Schweineblut vermischt. Es wird  umfangreich probiert, abgeschmeckt und gefachsimpelt, ob jetzt doch noch ein Hauch Majoran oder besser nicht. Die verwendeten Gewürze riechen ein bisschen nach Weihnachten.  Irgendwann  sind die Leber- und Rotwürste aus dem Kessel abgebrüht und werden mit großen Schaumlöffeln aus dem warmen Wasser  gefischt und in große Zinkwannen, mit kaltem Wasser befördert. Sie dürfen sich nun in der kühlen Badewanne entspannen. Dazu läuft inzwischen die Bundesliga-Sendung von Radioeins über die Bluetooth-Box. Ob man das Drama wirklich hören will, wenn die Eintracht heute von der scheiß Dosen-Truppe auf den Sack bekommt?

Egal, hier gibt es erstmal wichtigeres, Wurstmachproblem: Die zum Aufkochen der Toten Oma vorgesehene Gaskochplatte funktioniert nicht. Aber kein Problem, welches die handwerklich geschickten Wurstmacher hier nicht lösen könnten. Von irgendwoher wird ein alter Campingkocher im XXL-Format angeschleppt, kurz ein Gas-Schlauch zurechtgeschnitten, mit ein paar passenden Schlauchverschraubungen und Dichtungsringen versehen und ruckzuck eine Gasflasche angeschlossen. Und schon lodert die blaue Flamme und die Tote Oma kann eingekocht werden. Es muss permanent gerührt werden. Das erfordert eine Art Rührstaffel. Der überdimensionale Löffel wird nach einigen Minuten wie ein Staffelholz an den nächsten übergeben, da es eine durchaus kräftezehrende Angelegenheit ist. Die, die gerade nicht rühren, trinken Bier. Draußen hat die Abenddämmerung längst wieder eingesetzt. Die 16-Uhr-Nachrichten von Radioeins vermelden noch keine Tore aus dem Frankfurter Waldstadion, stattdessen, dass die chinesische Stadt Wuhan inzwischen vollständig abgeriegelt ist, wegen diesem komischen neune Virus. Gruselig, aber zum Glück ja weit, weit weg. Gut, dass es bei uns sowas nicht gibt!


Währenddessen kochen die Leberwurstgläser in alten, umfunktionierten Waschmaschinen  aus der Produktion des real existierenden Sozialismus vor sie hin und werden dadurch haltbar gemacht. Und irgendwann kommt dann das Kommando: „Wurstschalen vorbereiten!“ Man muss nun zügig stabile Plastikschalen mit heißem Wasser ausspülen, die dann wenig später mit der Toten Oma befüllt werden.

Nachdem das abgeschlossen ist, wird sich wieder den entspannt in der kühlen Badewanne vor sich hin dümpelnden  Leber- und Rotwürsten gewidmet. Die dürfen jetzt raus und jede einzelne der Würste wird  durch sorgfältige Handarbeit liebevoll abgewischt, damit keine Rückstände an der Wurst haften bleiben, die sie später verderben lassen könnten. „Je mehr Liebe du rinn steckst in die Wurst, umso mehr Jeschmack gibt sie dir irgendwann zurück, dit ist ne janz einfache Rechnung!“ so die schlüssige Erläuterung des Gastgebers. Unterdessen meldet Radioeins: Halbzeit in der Bundesliga. Auch die Gläser aus den Waschmaschinen sind fertig und werden aus den Kisten gepackt. Nachdem das erledigt ist, gibt’s noch mal kurz Zeit zum durchschnaufen. Ist auch nötig, Erschöpfung macht sich breit. Noch ein Bier und noch ein Schnaps, ist doch klar. Man ist ohnehin inzwischen besoffen, da macht  die nächste Runde die Wurst auch nicht mehr fett. Und dann wird’s laut in der Schlachtkammer: Union führt in der Alten Försterei gegen Augsburg! Jubel bei den Union-Wurstfreunden. Und zack, eine Minute später ein einsamer Jubelschrei: Toure hat die Eintracht tatsächlich mit 1:0 in Führung geschossen, was ist denn da los!?

Und die größte Herausforderung des Wurstmach-Tages steht jetzt erst an: Die Schlachtkammer muss   wieder in ihren Ursprungszustand von heute Morgen versetzt werden. Und wie das funktionieren soll, ist bei dem Blick auf die ganzen eingesauten Wannen, Eimer, Bretter, Werkzeuge und sonstigem blutverschmierten  Zeug, das da durcheinander liegt, tatsächlich ein Rätsel. Aber mit dem Slogan „Viele Hände, schnelles Ende“ geht es an die Arbeit. Es werden Sachen mit dem Schlauch abgespritzt, es wird geschrubbt, gespült,  gekratzt, gewischt, poliert und aufgeräumt. Feucht fröhlich, die Finger sind von dem ganzen Wasser schon schrumpelig, wie früher als Kind in der Badewanne. Und dann schon wieder Jubel bei den Union-Kumpels, 2:0 gegen Augsburg.

Und zwischendrin kommen vor allem ältere Dorfbewohner vorbei und lassen sich in alten Milchkannen und sonstigen stabilen Gefäßen Wurstbrühe abfüllen und wandern mit ihrer Beute zufrieden wieder von dannen. Auch die Hertha-Freunde haben zwischenzeitlich Grund zum Jubel, Führung in Wolfsburg. Fußballmäßig läufts für alle in der Schlachtkammer bislang nach Plan! Man kann den Wurstbrühen-Geruch aus dem Kessel inzwischen fast  nicht mehr  ertragen. Die Mischung aus Wurstkesselgeruch und den unzähligen Bieren und Schnäpsen hat es in sich. Leichte Übelkeit und Erschöpfung greift um sich. Doch der Stimmungsaufheller  kommt aus dem Radio: 2:0 durch Kostic, bäm! Die Eintracht gewinnt tatsächlich gegen den Tabellenführer. Was ist denn das bitte für ein geiler Tag! Und dann, nach ungelogenen 2,5 Stunden aufräumen und putzen glänzt die Schlachtkammer tatsächlich fast wie neu.

Puh, was ist man betrunken und kräftemäßig im Arsch. Aber der Blick auf das Tagwerk macht zufrieden. Ein letztes Feierabendbier auf dem alten Ledersofa, welches in der Scheune nebenan steht. Es gibt zwar nur noch Radeberger, aber das ist jetzt auch egal. Müde Verabschiedung, nicht ohne sich für die kommende Woche zum Wurst-Abholen zu verabreden. Und dann geht es rauf auf das Fahrrad und schwankend durch  die ungemütliche Winternacht nachhause. Ein wunder, dass man das unfallfrei hinbekommen hat. Eigentlich war das Aktuelle Sportstudio am Abend noch eingeplant, damit man wenigstens die Tore des glorreichen Eintracht-Sieges mal gesehen hat. Dieses Vorhaben wird von  den vielen im Blut befindlichen Schnäpsen und der in den Knochen steckende Wurstmach-Erschöpfung durchkreuzt. Bevor das Sportstudio beginnt, ist man längst in Träumen vom Bratwurst-Machen  entschlummert, für das man sich trotz besoffenem Kopp noch für Ende März verabredet hat. Konnte ja keiner Ahnen, dass die Welt Ende März eine komplett andere sein würde, in der vorerst kein Platz mehr für Wurstmachen in geselliger Runde sein wird.

Wurstanschnitt, einige Tage später

Frankfurts unbekannte Schöne

Braungebrannt, kraftvoll, prall und glänzend. So kommt sie daher, wenn sie gut  zubereitet ist. Die Frankfurter Rindswurst.  Sie ist  die Kräftige, die Würzige.  Und sie ist die  charaktervolle Schwester der global  bekannten Frankfurter Würstchen.  Im Gegensatz zu ihren prominenten Schwestern, die weltweit zu Everybody’s Darling geworden sind,   ist die Rindswurst ein Liebhaberstück geblieben. Sie ist  überregional  tatsächlich weitgehend unbekannt.  Aber  wie das nicht nur in Sachen Wurst so ist: die vermeintlichen Underdogs haben oft die treueren und leidenschaftlicheren Anhänger/innen.

Wenn man in eine warme Rindswurst beißt, ist dies mit einem leichten „Knack“ verbunden. Die Pelle, die im Idealfall aus Rinderdarm oder Lammsaitling besteht, ist durchaus als rustikal zu bezeichnen. Im Mund entwickelt sich dann der kräftige, charaktervolle Geschmack. Das Rindfleisch bringt ja von Haus aus einen intensiven Geschmack mit, aber auch die Gewürze, um die ein jeder Metzger so ein großes Geheimnis macht, entfalten ihre volle Wirkung. Salz, Pfeffer, vermutlich etwas Senfsaat. Auch Koriandersamen,  Ingwer, Kümmel sollen Verwendung in der Rindswurst finden. Nicht auszuschließen, dass auch Paprikapulver und Zitronenabrieb eine Rolle spielen. Ganz sicher aber Knoblauch, denn diese Note ist als sanfter Hauch im Abgang unverkennbar heraus zu schmecken.

In der Regel wird die Rindswurst in Wasser erhitzt und dann zum Verzehr gereicht. Traditionell mit bestem Senf und einem Brötchen, ähnlich wie z.B.  eine Bockwurst. Die Rindswurst  macht aber auch auf dem Grill eine gute Figur. Seit einiger Zeit wird sie zudem  als sogenannte „Rinds-Curry“ angeboten.  Über  letzteres rümpfen Rindswursttraditionalisten mitunter die Nase.  Es geht dabei um eine currywurst-ähnliche Zubereitung der Rindswurst. Der geschätzte Kollege Beve hat dazu einst umfangreiche Feldforschung betrieben.

Als Ur-Eltern  der Rindswurst gelten die Eheleute Karl Gref und Wilhelmine Völsing. Sie gründeten 1894 ihre Metzgerei  in Frankfurt am Main. Der Legende nach wollten sie eine Wurst für die wachsende jüdische Bevölkerung in der Stadt anbieten, für die die klassischen Frankfurter Würstchen, aufgrund des enthaltenen  Schweinefleischs, keine Alternative waren. Nicht nur deswegen könnte man eine Verbundenheit der  Rindswurst zum ortsansässigen Fußballverein, der Frankfurter Eintracht herstellen. Denn auch die Eintracht darf mit Stolz auf eine  jüdisch geprägte Tradition zurückblicken, wie man zum Beispiel in dem Buch »Wir waren die Juddebube« von Matthias Thoma sehr lesenswerten erfahren kann.  Weitere Parallelen zwischen der Rindswurst und der Eintracht wären: ihr ausgeprägter Charakter und ihre leidenschaftliche Anhängerschaft.

Die Traditionsmetzgerei Gref-Völsing, die seit 1913 in der Hanauer Landstraße 132 beheimatet ist, wird inzwischen in  5. Generation als Familienbetrieb geführt und die dort hergestellte Rindswurst gilt unter Kennern in Sachen Qualität und Geschmack als nach wie vor unerreicht. Hier schlägt also das Herz der Rindswurst-Kultur.

Darüber hinaus  haben sich im Rhein-Main-Gebiet viele andere Metzgermeister/innen  auf die Herstellung der Rindswurst spezialisiert und können dabei aufgrund jahrzehntelanger Erfahrung in der Rindswurstherstellung großartige  Produkte vorweisen. Die Rindswurst blieb aber ein auf einen  ca. 60 km großen Radius um das Frankfurter Rindwurst-Epizentrum  beschränktes, regionales Kulturgut.

Und so lernt man die Rindswurst erst richtig zu schätzen, wenn es einen hinaus in die Welt treibt und man sie schlicht nicht mehr kriegt. Die Metzgerei Gref-Völsing  lehnte bislang alle Angebote ab, die Wurst auch überregional in großem Stile zu vermarkten. Mit der Begründung, dass dies zu Lasten der Qualität gehen würde. Man kann vor  dieser Unternehmensstrategie nur den Hut ziehen und  gratulieren. Zum einen sind sie in Sachen Qualität tatsächlich unerreicht und zum anderen halten sie dadurch das „Braune Gold“ als genau das knappe Gut, welches die Verehrung der Rindswurst in der Diaspora erst am Laufen hält. 

Zugegeben: Seit einiger Zeit ist bei einem der führenden Discounter des Landes eine Frankfurter Rindswurst bundesweit erhältlich. Diese ist geschmacklich im einigermaßen  akzeptablen Rahmen. Wer aber den Rindswurstverzehr als Zeremonie zu schätzen lernte, für den ist eine aus der Plastikpackung gerissene Discounter-Rindswurst maximal eine Ersatzdroge.   Das Gefühl einer   warmen, frisch zubereiteten Rindswurst mit bestem Senf und einem Brötchen, die bei einem der zahlreichen Metzger in Frankfurt am Main  direkt vor Ort verzehrt wurde, kann eine  Discounter-Wurst nicht ansatzweise ersetzen.  Insofern gehören  die Frankfurter Metzgereien bei jedem Heimatbesuch zu den ersten Anlaufstellen, um dort eine von diesen heißen, braungebrannten Schönheiten zu erstehen. 

Die Frankfurter Rindswurst ist eine zur Stadt gehörende Selbstverständlichkeit. Ihren wahren Wert entwickelt sie aber tatsächlich  erst, wenn sie aufgrund der vordringlich regionalen Verfügbarkeit, für Frankfurter im Exil zu dem Heißen Scheiß schlechthin wird.